Polyworking: Ich habe mehrere Jobs, weil ich muss
Zwei oder mehr Jobs zu haben, ist unter dem Namen „Polyworking“ zum Trend geworden. Unsere Autorin findet, dass es daran nichts zu glorifizieren gibt.
D u hast nur einen Job? Langweilig! Wenn du deine Karriere flexibel halten, dich selbst verwirklichen und gleichzeitig finanziell unabhängig sein möchtest, dann suche dir lieber mehrere „Side Hustles“ (also, Nebenjobs). Polyworking heißt das Modell, zwei oder mehrere Jobs gleichzeitig zu haben. Wozu Menschen mit geringem Einkommen gezwungen werden, um sich finanziell über Wasser zu halten, ist nun auch in der Mittelklasse angekommen. Auf Social Media berichten unter den Hashtags #polyworking oder #multiplejobs junge Menschen, wie dieses Arbeitsmodell ihr Leben verändert hat.
Auch ich zähle zu dieser Gruppe junger Menschen. Und auch mein Leben hat sich verändert – allerdings nicht so positiv, wie es Influencer*innen auf Tiktok und Instagram versprechen. Man könne sich die Zeit je nach Tätigkeit so einteilen, wie man möchte, heißt es da beispielsweise. Außerdem stünden einem, wenn man sich in mehreren Jobs verschiedene Skills aneignet, viele Karriereoptionen offen. Ach ja, und das kleine Extra-Taschengeld, klar, das darf man dabei auch nicht vergessen. Das alles begründet also, warum einer Umfrage der Plattform Academized von 2025 zufolge, ungefähr jede zweite Person im Alter zwischen 26 und 41 Jahren mindestens einer Nebentätigkeit nachgeht?
Vollzeitstelle? Aussichtslos
Schön wär's! Seit genau einem Jahr arbeite ich angestellt in zwei Teilzeitjobs im redaktionellen Bereich, manchmal kommen noch Freelanceprojekte oben drauf – wie etwa diese Kolumne. Ich habe mich für das Modell entschieden, weil mein Geld mit einem Teilzeitjob gerade so für die Miete gereicht hat. Eine Vollzeitstelle war aussichtslos. Seit 2020 sind die Stellen, die in Teilzeit ausgeschrieben werden, um nahezu 69 Prozent gestiegen. Wer in einer Großstadt lebt, braucht entweder reiche Eltern, einen gut verdienenden Partner, der bereit ist, sein Gehalt zu teilen, oder eben einen weiteren Job, um damit über die Runden zu kommen. Der zweite Job wird dann natürlich mit Steuerklasse 6 abgerechnet. So viel zum Thema „Lifestyle-Teilzeit“.
Auch, dass ich mir mehrere Optionen für meine berufliche Karriere offenhalte, ist für mich in erster Linie kein „Nice-to-have“, sondern eher ein „Must-have“. Schließlich sind meine beiden Stellen – typisch für die Wissenschafts- und Medienbranche – befristet. Oben drauf werden aktuell, aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit, KI oder gestrichener Fördergelder, Stellen abgebaut. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Akademiker:innen hat Anfang 2026 ein Rekordhoch erreicht.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Gleichzeitig sind die Mieten in deutschen Großstädten innerhalb von zehn Jahren durchschnittlich um fast 50 Prozent gestiegen. In Berlin, wo ich lebe, sind es sogar 69 Prozent. Gehälter passen sich seit 2020 zwar langsam an die Inflation an, viele Vollzeitjobs sind allerdings trotzdem so schlecht bezahlt, dass sie maximal zum Überleben reichen. Und unsere Rente ist sowieso kaum nennenswert. Wenn das Gehalt aus dem Job nicht reicht zur privaten Rentenvorsorge, dann muss man eben polyworken.
Dies sind die wahren Gründe, warum ich manchmal 50 bis 60 Stunden in der Woche arbeite, unter Schlafmangel leide und mein Sozialleben über Sprachnachrichten oder die sogenannte Catch-up-Culture irgendwie versuche, am Leben zu halten. Ich will mich nicht beklagen, denn ich arbeite gerne in meinen beiden Jobs – ich habe sie mir selber ausgesucht und bin glücklich in meiner Karriere. Aber bitte, lasst uns nicht ein Arbeitsmodell glorifizieren, das für viele notwendig ist, um in einer kapitalistisch geprägten, leistungsorientierten und unsicheren Arbeitswelt zu überleben.
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