Klimaschutz als Religion

Klima unser im Himmel

Der Klimabewegung wird vorgeworfen, zu moralisierend, quasireligiös und irrational zu sein. Dieser Ruf ist das Beste, was ihr passieren kann.

Ein Delphin springt aus dem Wasser

Klimaschutz als paradiesische Utopie Foto: Simon White/ap

Aus Klimaschutz muss dringend eine Religion werden. Rational sollte sie sein, global und ohne Gott. Der hat genug Mist gebaut. Gibt’s so ähnlich doch schon, werden jetzt einige sagen, nennt sich Humanismus. Und da sind wir schon beim eigentlichen Punkt: Der Vorwurf, die neue Klimabewegung sei moralisierend, quasireligiös und im Kern irrational, ist das Beste, was ihr passieren kann.

Die Vorwürfe gegen radikalen Klimaschutz wie Kohleausstieg sofort oder CO2-Neutralität bis 2035 sind: Das sei weder technisch noch ökonomisch noch mit Zustimmung der demokratischen Mehrheit möglich. Der Klimabewegung sei weniger CO2 in der Atmosphäre wichtiger als der Zusammenhalt der Gesellschaft, die Pendler auf dem Land, die Beschäftigten in der Autoindustrie.

All das ist richtig. Die neue Klimabewegung ist nicht nur rational, auch wenn sie sich in bestem Sinne der Aufklärung auf Empirie und Naturwissenschaft beruft. Aber ihre Kritiker sind eben noch viel weniger rational.

Mit Kritiker sind nicht die Fanatiker gemeint, die meinen, irgendeine Weltverschwörung hätte sämtliche Klimadaten gefälscht, um den Sozialismus einzuführen. Sondern all diejenigen, für die das Klimapaket der Bundesregierung gemacht worden ist. Das sagt im Prinzip: Wir machen jetzt mal richtig Klimaschutzbetrieb hier, seid endlich zufrieden. Und dann nörgeln die Klimafanatiker und sagen: Ja, aber das reicht doch nicht, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

Am hysterischsten brüllen die, die der Meinung sind, alles werde immer hysterischer

Hand aufs Herz: Wer hat da nicht innerlich schon mal die Augen verdreht? Das 1,5-Grad-Ziel mag rational alle Berechtigung haben, aber es nutzt sich als ewiges Mantra ab. Ebenso wie Greta Thunbergs Wut bei ihrem Auftritt vor den Vereinten Nationen ihren Zenit erreicht hat. Thunberg hat das grellste Mittel gewählt, Tränen, Wut, Verzweiflung, das funktioniert nur einmal.

Von jenen Kritikern ist also die Rede, die im Prinzip für Klimaschutz sind, aber praktisch nicht überfordert und ständig angebrüllt werden wollen. Die das Gefühl haben, die Klimadebatte werde zunehmend hysterischer, von allen Seiten. Und am hysterischsten brüllen die, die der Meinung sind, alles werde immer hysterischer. Man kann freilich auf den Konsum von Nachrichten oder Timelines verzichten. Aber wir reden hier nicht von der individuellen Entscheidung, sich aus einer öffentlichen Debatte auszuklinken, sondern davon, an ihr teilzuhaben.

Die Debatte ließe sich entschärfen, würden diese Kritiker der Klimabewegung anerkennen, dass die Freiheiten, die der Klimaschutz vermeintlich einschränken könnte, reine Mythen sind. Es ist ein Irrglaube, eine möglichst breite Produktpalette an Urlaubszielen, Turnschuhen, Parfums oder Würsten sei Ausdruck einer freien Gesellschaft. Sie ist Ausdruck dessen, dass wir alle zum Konsum erzogen worden sind. Angst vor Arbeitsplatzverlusten? Unternehmen verschwinden nicht nur wegen des Kohleausstiegs, sondern aus viel banaleren Gründen: Profitstreben etwa.

Auch jene, die meinen, wir lebten in einem freien System freier Märkte, denken tief irrational: Das System führt dazu, dass die Erde ökologisch kollabiert. Wer immer noch an die Funk­tio­nalität dieser Märkte glaubt, ist ein wesentlich stärker verblendeter Eiferer als eine Person, die der Idee nachhängt, man könne binnen zehn Jahren ein Industrieland klimaneutral machen.

Die Klimabewegung fordert einen so radikalen Wandel, dass sie eine metaphysische Erzählung braucht

Die neue Klimabewegung wiederum kann sich zwar auf die Wissenschaft berufen: Mehr als zwei Grad, da kann es zu einem Dominoeffekt kommen, dann ist die Biosphäre kaputt, fertig. Aber allein darauf zu verweisen ist kontraproduktiv. Denn zeitgleich fordert die Klimabewegung einen so radikalen Wandel und Verzicht, dass sie eine überzeitliche, metaphysische Erzählung braucht.

Sie bedient sich ja schon fröhlich religiöser Motive, bedient sich am kollektiven Gedächtnis von Gesellschaften, an mythischen Erzählungen von Apokalypsen und Erlösungen, von guten und bösen Mächten. Sie legitimiert damit ihre permanenten Appelle ans eigene Verhalten und das anderer – iss weniger Fleisch, fliege nicht zum Vergnügen, fahre Fahrrad. Sie moralisiert ohne Unterlass und sie stellt die Begrenzung der Erd­erwärmung über alles.

Das Quasireligiöse stärken

Was fehlt, ist eine stringente, positive Utopie. Derzeit geht es lediglich darum, die Apokalypse zu vermeiden. Nach der erfolgt zumindest in den monotheistischen Erzählungen eine paradiesische Utopie und in der einzigen säkularen Religion, die wir haben, dem Humanismus, eine bessere Gesellschaft. All diese Erzählungen haben es geschafft, Menschen über Generationen hinweg bei der Stange zu halten. Offenbar, weil sie ein dringendes, metaphysisches Bedürfnis erfüllen.

Will sich die neue Klimaschutzbewegung nicht in permanenter Untergangstimmung verlieren, sollte sie getrost den irrationalen, mythischen, quasireligiösen Teil, der in ihr steckt, einräumen und stärken. Sie muss eine emotionale Heimat werden, der sich auch die nächste und übernächste Generation anschließen kann. Sie braucht Mythen jenseits der Zerstörung.

Wie das aussehen soll? Sicherlich nicht mit Greta Thunberg als Klimapäpstin. Aber mit einer klaren Erzählung eines eigentlich paradiesischen Planeten, die jedes Kind versteht. Mit einem Glauben, der alle Götter zulässt, wer sie denn braucht, vor dem alle Menschen gleich sind und der klarmacht, dass es dieses nie erreichbare Paradies nur gibt, wenn die Schönheit der Natur für uns erhalten bleibt.

Diesen Glauben muss man nicht neu erfinden, er steckt bereits in den Menschenrechten und im Grundbedürfnis der Menschen nach klarem Himmel, klarer Luft, einer intakten Natur. Wem das zu kitschig klingt: Dann glauben Sie eben an was anderes. An ewiges Wachstum oder so einen Quatsch.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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