Individualismus in der Coronakrise: Ich tu, was ich will

Der Geist der Solidarität scheint verflogen zu sein. Stattdessen macht sich nun ein Individualismus breit, der Menschenleben kosten könnte.

„Shoppen muss einfach sein“? – Individualismus vs. Solidarität in der C-Krise Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

In den Geschichtsbüchern, die Kinder in einigen Jahrzehnten gähnend aus ihren E-Ranzen ziehen, könnte stehen: „Mit der Pandemie der frühen 20er begannen Gesellschaften ihre Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unmittelbarer aufs menschliche Leben auszurichten.“ Ein Satz, den die Schulkinder oft mit ihren intelligenten Textmarkern unterstreichen werden.

Oder aber die Geschichte lautet anders, nämlich so: „Nachdem sich die Gesellschaften einige Wochen zu Kontaktsperren verpflichtet hatten, begannen sie zu klagen wegen fehlender Möglichkeiten, zu dritt bummeln zu gehen. Seither gilt: Dass Alte und Vorerkrankte in der Ersten Welt hunderttausendfach an behandelbaren Infektionen sterben, ist der Preis, den wir gerne zahlen für quirlige Fußgängerzonen.“

Natürlich geht es nicht bloß ums Shopping. Der Lockdown hat Welleneffekte, es sind Existenzen gefährdet, angesparte Ruhestände oder das Auskommen im allernächsten Monat, das ist mir klar.

Es ist auch nicht der Frust, das Klagen und das Gesuche nach Auswegen per se, das mich diese Woche so enttäuscht hat. Sondern, dass die solidarische Stimmung offenbar verfliegt, das Impro-Unternehmertum, der radikale Umdenkgeist der ersten Pandemiewochen.

Die Verantwortung, Leben zu retten

Dass das Quäntchen moderner, menschlicher Sozialismus, das da bisweilen zu spüren war, einem ultraindividualistischen Liberalismussound zu weichen scheint, den prominente Stimmen aller politischer Milieus anschlagen und der in mancher Unterhaltung am Küchen- oder Browserfenster widerhallt. Einem aggressiven Liberalismus, der nicht fragt, was man selbst – in privilegierter Position – tun kann, um Not zu lindern. Sondern der darauf besteht, dass man tun dürfen muss, was immer man tun dürfen will. Der das Verbot um seinetwillen bekämpft – mit einem inhaltsleeren Freiheitsbegriff: Ich will tun, was immer man mir verwehrt.

Wahrhaftig nicht alles lief rosig bisher, aber da war kreatives Anpackertum, da war radikaler solidarischer Geist, der als unveräußerlich setzte, dass wir selbstverständlich auch die Schwächsten zu retten versuchen. Da war eine Stimmung, aus der heraus ein sinnvoller Exit zu planen gewesen wäre: der Exit aus einem System, das Leben von Jobs abhängig macht.

Wenn die nun einer Stimmung weicht, in der die Möglichkeiten unserer Medizin nicht zugleich auch unsere Verantwortung sind, Leben zu erhalten, dann... Nun, dann werden die Schulkinder das in ihren Geschichtsbüchern so nicht lesen. Denn die schreiben ja die Überlebenden.

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