Corona und das Ende der Solidarität: Leben und sterben lassen

In der Coronakrise bricht sich eine Desolidarisierung Bahn, die schon lange angelegt war: Inklusion hat sich als Illusion erwiesen.

Alter Mann mit Krückstock, dahinter Menschen in einem Park.

Die Krise hat den Abgrund gezeigt, der sich zwischen Kranken und Gesunden auftut Foto: Karsten Thielker

Sterben müssen immer nur die anderen, auch in Gedanken. Die meisten Gespräche über Covid-19 verlaufen so, als wären die Sprechenden selbst immun oder nur ganz am Rande betroffen. Man schiebt auf dem Rechenschieber Fallzahlen hin und her, referiert die Reproduktionsziffer, vergleicht die Todesfallraten: alles für ein bisschen Kontrolle.

Die vulgärmedizinische Unterscheidung zwischen tot und genesen gibt dann noch zusätzliche Sicherheit; wie es den Menschen mit schweren Verläufen geht, die jetzt mit teils herben Einschränkungen wer weiß wie lange leben werden, darüber liest man wenig.

Gipfel der Menschlichkeit ist der Verweis auf die Gefährdeten im eigenen Umfeld. Wer sich selbst für gefährdet hält, im Falle einer Infektion mit dem eigenen Tod rechnet, gilt schnell als unzurechnungsfähig, als hysterisch, neurotisch. Bedenken, klar, die darf man schon haben: aber Angst nicht. Es muss schön abstrakt bleiben und nicht zu persönlich werden.

Es scheint, als sei die Selbstlüge, man werde schon nicht schwer getroffen, zentral für die mentale Gesundheit. Aber es ist keine echte Wahl, sich zwischen der Psyche und den Lungen zu entscheiden. Insofern ist der gern verwendete Hinweis auf besonders belastete Mitmenschen, denen der Shutdown nicht zuzumuten sei (Alleinerziehende, Menschen mit Depressionen, etc.) oft genug wohlfeil: Denn er führt nicht zu einer Diskussion darüber, welche Unterstützung sie gerade bräuchten, um sicher durch die Krise zu kommen.

Selbst Schuld?

Stattdessen sollen jetzt belastete Alleinerziehende ihre Kinder in die Notbetreuung geben und sich einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen. Und wer das nicht annimmt, ist was – selbst Schuld? Es ist eine alte ableistische Strategie, Diskriminierungen gegeneinander auszuspielen.

Gesunde haben Schwierigkeiten, sich vorzustellen, sie seien krank; deswegen applaudieren sie auch den Ärzt’innen und Pflegenden von ihren Balkonen, weil die ihnen die Kranken vom Leib halten. Dieser Applaus ist vor allem ein Othering.

Und es gibt genug Ärzte, die das von ihrer Seite aus unterstützen. Der Hamburger Pathologe Prof. Dr. Klaus Püschel zum Beispiel, der Covid-19-Opfer obduzierte und dann bei Markus Lanz verkündete: „Es sind alte und kranke Menschen, von denen einige sowieso sterben würden.“ Schöner hat bisher keiner gesagt, dass Nichtrisikogruppen unsterblich sind.

Wenig hat diese Krise deutlicher gezeigt als den Abgrund, der sich zwischen Kranken und Gesunden auftut: Zahllos sind die Stimmen, die dafür plädieren, „Risikogruppen“ zu isolieren zum Wohl der Gemeinschaft, der Wirtschaft, des öffentlichen Lebens. Die letzten Jahrzehnte Integrations- und Inklusionsmaßnahmen waren Makulatur. Wir sind nicht eine Gesellschaft. Wir debattieren ernsthaft die Verschärfung einer Segregation, die so schon immer existiert; wieder einmal unter Ausschluss derjenigen, die es betreffen wird.

Vulnerable Gruppen

Oliver Köhr kritisiert in der „Tagesschau“ lang und breit, dass Angela Merkel die Öffnungsdiskussionen zu Orgien deklariere; ganz ohne sich die Frage zu stellen, wer eigentlich gehört wird in solchen Diskussionen.

Denn natürlich ist es so, dass auch davor schon die vulnerablen Gruppen im Mittel schneller starben, früher und ernsthafter erkrankten und mehr Schwierigkeiten hatten, Hilfe zu bekommen. Die Desolidarisierung, die sich jetzt Bahn bricht, ist schon lange angelegt. Die Gegensätze werden nur sichtbarer in Zeiten der Krise; bis hin zu den Handouts für Triagen, die eine klare Hierarchisierung vornehmen, wer rettenswerter ist als andere.

Die Lage wäre sehr viel weniger schlimm, wenn sich jede’r betroffen fühlen würde, statt damit beschäftigt zu sein, sich aus Risikogruppen herauszurechnen. Es wird zu einer stärkeren Spaltung führen, und sie wird gerade nicht dazu führen, dass eine größere Achtsamkeit entsteht. Die Gewissheit der vielen, dass immer die anderen sterben, ist auch eine selbsterfüllende Prophezeiung.

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