Vermeintliches Wissen in der Coronakrise: Im Land der Missverständnisse

Warum wir aneinander vorbeireden, wenn es um Gesundheitswissen geht. Und was uns davon abhält, Fakten korrekt zu erinnern oder wiederzugeben.

Schnecke klettert Grashalm hoch.

Die unterschiedlichen Einschätzungen der WissenschaftlerInnen zu Corona verunsichert Viele Foto: Paulus Rusyanto,EyeEm/getty images

Das persönliche Gespräch in der Familie, zwischen Bekannten oder in der Nachbarschaft kann derzeit unangenehm werden, wenn es um Corona geht. Und das tut es ja ständig. Hie und da kommt es beim Plausch am Gartenzaun zum Eklat, weil man sich nicht mehr auf die grundlegende Faktenlage einigen kann. Ist der Nachbar also ein Verschwörungstheoretiker?

Vielleicht. Aber nicht unbedingt. Alltagsgespräche sind urplötzlich hochkomplex und fachlich geworden. Wir, die Menschen ohne Habilitation in Virologie, versuchen uns einen Reim drauf zu machen. Und scheitern. Garantiert. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Opfer des Dunning-Kruger-Effekts. Der besagt, dass man immer dann glaubt, alles kapiert zu haben, wenn man keine Ahnung hat.

Heißt also: Dieser Tagen verstehen wir permanent irgendetwas falsch, erinnern Fakten nicht korrekt oder reden aneinander vorbei. Und trotzdem müssen wir klarkommen mit der Sachlage. Wahrscheinlich hilft es, sich dabei einiger unserer menschlichen Angewohnheiten in Sachen Gesundheitswissen bewusst zu werden.

Das „Schad’ ja nix“-Wissen

Dolores Albarracin beforscht seit Jahren den öffentlichen Diskurs über Gesundheitsthemen. Die Psychologieprofessorin an der University of Illinois hat Debatten über HIV verfolgt, das Wissen der Bevölkerung über Zika ausgewertet und zuletzt Umfragen über Sars-CoV-2 durchgeführt. Albarracin befürch­tet, dass viele gerade schlechter informiert sind als gewöhnlich, obwohl die meisten sich viel mehr informieren. „Wir befinden uns in einer globalen Krise“, sagt Albarracin, „was bedeutet, dass jede Falschinformation wesentlich größere Auswirkungen haben kann als normalerweise“.

Albarracin nennt ein simples Beispiel: unser Wissen über die Wirkung von Vitamin C. Hilft zusätzlich eingenommenes Vitamin C bei gewöhnlichen Erkältungen oder kann es sie sogar verhindern? Na klar, oder? Tatsächlich ist eine solche Wirkung nicht nachgewiesen. Die letzte klinische Metastudie dazu kam von der Gesundheitsorganisation Cochrane Collaboration im Jahr 2013 und ergab: Der Effekt von Vitamin-C-Ergänzungsmitteln ist insignifikant, also vernachlässigbar. Außer für Menschen, die unter Extrembedingungen leben und arbeiten, sei es überflüssig, Vitamin C zu nehmen. Das weiß nur so gut wie niemand.

Dolores Albarracin

„Die größte Gefahr für eine konstruktive Debatte über Gesundheitsfragen ist es, wenn Fakten und Wertvorstellungen verschmelzen“

Wieso? Dolores Albarracin glaubt, dass wir unser Wissen nicht auf den neusten Stand bringen, wenn es nicht dringend notwendig ist. „Wenn Menschen bei einer gewöhnlichen Erkältung Vitamin C nehmen, ist das harmlos. Es schadet ja nicht.“ Deshalb hätten sich auch die Behörden nie besonders um Aufklärung über dieses Thema gekümmert. Jetzt, wo es das Coronavirus gibt, ist dieses falsche Wissen aber plötzlich gefährlich. „Wenn Menschen jetzt ihre Vitamin-C-Pillen schlucken und dann arglos nach draußen gehen, ist das ein Problem.“

Wir neigen also dazu, unser Wissen nur bei dringendem Bedarf kritisch zu prüfen. Das heißt nicht, dass wir alles glauben, was uns nützt, aber zumindest geben wir nicht besonders acht, solange wir als Folge der Ignoranz keinen unmittelbaren Schaden befürchten. Und so hoffen viele von uns weiter, dass Vitamin C sie unbeschadet durch die Krise bringen wird, obwohl es wahrscheinlich noch nicht mal den letzten Schnupfen kuriert hat.

Fliegende Schnecken

Aber was heißt schon „Wirkung nicht nachgewiesen“? Nur weil es der Wissenschaft bisher nicht gelungen ist, sie nachzuweisen, heißt das ja nicht, dass es sie nicht gibt, oder?

Eigentlich korrekt. Aber da sind wir gleich beim nächsten Problem: dass wir die Sprache der Forschung missverstehen. Naturwissenschaften sind evidenzbasiert, das heißt, sie können nur beweisen, was da ist, und niemals das, was nicht da ist. Es gibt zwar keine fliegenden Schnecken, aber die evidenzbasierte Wissenschaft kann streng genommen nicht beweisen, dass es keine fliegenden Schnecken gibt. Sie kann nur mit großer Sicherheit sagen, dass die bisherigen Untersuchungen keine fliegende Schneckenart nachweisen konnten.

Dass Wissenschaft so vorsichtig formuliert, ist oft Argument genug für diejenigen, die Studienergebnisse zugunsten überzeugungsbasierten Wissens beiseiteschieben: Vitamin C hilft bestimmt, nehmen wir in der Familie seit Generationen und waren nie schlimm krank. Hier kommt ein weiteres Problem unseres Denkens hinzu: der „Confirmation Bias“: Wir neigen dazu, selektiv Belege und Bestätigungen für unsere Überzeugungen zu suchen. Die evidenzbasierte Wissenschaft arbeitet – idealerweise – genau andersherum. Sie falsifiziert, bis ein Fakt übrig bleibt.

Eindeutigkeitssucht

Verständlich, dass man sich gerade in Gesundheitsfragen sicher sein will. Und so könnte man derzeit täglich aus der Haut fahren, wenn man den Fernseher oder das Handy auf der Suche nach eindeutigen Ansagen einschaltet und sich dann dieses vorsichtige Geschwurbel der Drostens dieser Welt anhören muss. Obendrein widersprechen sich diese Herren und Damen dann auch noch permanent. Heinsberg-Studie ja, Heinsberg-Studie nein. Was denn nun? Kein Wunder also, wenn unsere Bekannten am Gartenzaun behaupten, die seien alle inkompetent. Womit wir beim nächsten Problem sind: Wir verstehen den wissenschaftlichen Prozess nicht richtig.

Die Wissenschaft ist eine intersubjektive Diskursgemeinschaft. Heißt kurz und knapp: Was eine*r sagt und sieht, gilt gar nichts, solange es nicht auch andere unter denselben Bedingungen gesagt und gesehen haben. Heißt also: Ein Forschungsergebnis ist keines, solange es nicht von einem unbeteiligten Institut nachgeprüft ist. Die Heinsberg-Studie, die Erhebung der Zahl von Coronavirus-Infektionen und deren Verläufen im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sorgte Mitte April genau damit für Verwirrung. Die Bonner Uniklinik hatte die Studie veröffentlicht, ehe sie dieses Prüfverfahren, genannt Peer Review, durchlaufen hatte – was andere prompt bemängelten.

Uns, der Öffentlichkeit, stellt sich das wie folgt dar: Anerkannte Forscher*innen liefern endlich Ergebnisse, und kleinliche Gartenzwerge kritteln dran rum. Und für so was haben wir doch keine Zeit, oder? Wir brauchen Zahlen! Nun ja, aber wenn sie nicht intersubjektiv geprüft sind, sind es eben keine. Kleinlich? Nein, ziemlich sinnvoll, weil das System anerkennt, dass selbst die klügsten Akademiker*innen angesichts der schieren Fülle möglicher empirischer Daten den Überblick verlieren. Dass sie kaum alle möglichen Störfaktoren mitdenken können. Außerdem sind Menschen fehlbar und lassen sich von Interessen leiten – nicht mal unbedingt von Geld und Ruhm, sondern einfach von dem Ehrgeiz, etwas Tolles herauszufinden. Was wir für unangemessenes Gerangel halten, ist der stinknormale wissenschaftliche Prozess. Nur wird der sonst nicht vor aller Augen ausgetragen.

Die „Er sagt, sie sagt“-Falle

Nur weil es diesen Prozess gibt, wissen wir, dass Spinat gar keinen außergewöhnlich hohen Eisengehalt hat und dass Impfungen nicht mit Autismus korrelieren. Hatten beides mal studierte Leute in Studien „herausgefunden“. Die Überprüfungen ergaben aber: Blödsinn. In der Studie über Spinat fand man einen Messfehler und die Ergebnisse der Studie über Impffolgen konnten nicht reproduziert werden. Damit gilt das als nicht nachgewiesen. Reicht Ihnen nicht? Fliegende Schnecken.

Dass dieses Gerangel um Ergebnisse ein produktives ist, gerät in den Hintergrund, weil wir – nächstes Problem – Wissen gern binär betrachten: Er sagt, sie sagt. Wenn der eine falsch liegt, muss die andere recht haben und umgekehrt. Das Journalist*innen obendrein gern alles auf einen Konflikt zwischen genau zwei Parteien hin zuspitzen, hilft auch nicht.

Denn es gibt weitere Möglichkeiten: Beide haben unrecht. Oder: Beide haben recht, aber jeweils auf ihre Weise. Oder: Beide haben völlig unterschiedliche Fragen gestellt. Siehe die Debatte über die Masken. Da wurde über die Frage „Wirken Masken?“ diskutiert, aber es wurde stets das „Wofür“ unterschlagen. Als was wirken sie? Als Ersatz für Abstandsregeln, Kontakteinschränkungen und Händewaschen? Nein. Als zusätzliche Sicherheit, sofern man das Ding richtig trägt und es wäscht? Gewiss.

Fatal wird es, sagt Dolores Albarracin, wenn der produktive wissenschaftliche Prozess zum politischen Konflikt wird. „Die größte Gefahr für eine konstruktive Debatte über Gesundheitsfragen ist, wenn Fakten und Wertvorstellungen verschmelzen.“ Albarracin hat in Umfragen in den USA Folgendes erhoben: Ob Menschen eher andere „Fakten“ für wahr halten oder nicht, hängt stark davon ab, welche Medien sie konsumieren, sprich: welchem politischen Lager sie anhängen.

Wir sind also Wesen mit verzerrtem Zugang zum Wissen: Wir denken allzu gern binär, wir beharren auf anek­dotischer Evidenz, und wir fühlen uns obendrein auf solchen Gebieten besonders gut bewandert, wo wir keine Ahnung haben. In einer idealen wissenschaftlichen Welt würden wir also alle so lange die Klappe halten, bis wir unsere Aussagen gefactcheckt und gepeer-reviewt haben. Aber so sind wir nicht.

Was also tun? Nach-denken. Nachsicht haben. Nicht jede*r, der am Altglascontainer Fake News herumtrötet, marschiert gleich auf die nächste Verschwörerdemo. Selber fragen: Weiß ich das? Woher? Besser schau ich noch mal nach. Und: Öfter mal was nicht wissen. In dieser gegenwärtigen Situation sind wir damit in verdammt guter Gesellschaft.

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