Giftgas-Anschlag in Großbritannien: Moskau macht auf Unschuldslamm
Russlands Außenminister Sergej Lawrow verwahrt sich gegen Anschuldigungen und ein Ultimatum Londons im Fall des früheren Spions Sergej Skripal.
taz | Sergej Lawrow reagierte erbost. Die Verdächtigungen im Fall des Giftgasanschlags auf den früheren Spion Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien seien „Quatsch“. „Wir haben damit nichts zu tun“, meinte der russische Außenminister. Russland sei nicht schuldig.
Als Retourkusche für das britische Ultimatum vom Montag Abend, sich innerhalb von 24 Stunden gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu erklären, bestellte Russland den britischen Botschafter in Moskau ein.
Zuvor hatte die Sprecherin des Außenministeriums von einer „Zirkusvorstellung“ im britischen Parlament gesprochen. „Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand“, sagte Maria Sacharowa, dass es sich um eine „ gewöhnliche politische Kampagne mit dem Ziel der Provokation“ handele. Sie gilt als verbale Faustwaffe des Außenamtes.
Auf der Website des Außenministeriums war überdies nachzulesen, dass westliche Medien im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2018 schon mehrfach angekündigt hätten, Russland als Veranstalter zu diskreditieren.
Unbeschränkter Zugang
Darin täten sich besonders die Engländer hervor, „die es nicht verwinden können, dass unserem Land in einem ehrlichen Kampf das Recht zur Austragung der Fussball-WM 2018 zugesprochen wurde“.
Sergej Lawrow forderte einen unbeschränkten Zugang zu Ermittlungen und Gasproben, um eigene Untersuchungen vornehmen zu können. Moskau sei bereit, auch mit London und der OPCW zusammenzuarbeiten, so der Minister.
Nebenbei klagte der Außenminister über britische „Manieren“, die zu wünschen übrig ließen, und Großbritanniens fehlende Einsicht, dass die „Epoche des Kolonialismus“ längst vorbei sei. Vorwürfe, die ebenso auf Russland zuträfen. Inzwischen ist dies ein wieder erkennbares Muster, mit dem Moskau jeden Vorwurf abbügelt.
Moskau genießt die Aufmerksamkeit, die ihm in diesem Konflikt zuteil wird. Eigentlich hatte sich der Kreml vorgenommen, vor der Präsidentenwahl am kommenden Sonntag möglichst wenig kontroverse Themen öffentlich aufzugreifen.
Voreingenommener Westen
Der Giftgasanschlag kommt unterdessen wie gerufen. Der Kreml kann jede Schuld zurückweisen und auf die eigenen guten Absichten verweisen. Ob in Syrien oder der Ukraine – ständig taucht das gleiche Muster auf. Verdachtsmomente werden als Voreingenommenheit des Westens mit dem Brustton der Empörung zurückgewiesen.
Gleichzeitig ergeht an die andere Seite ein Aufruf zur Zusammenarbeit und gemeinsamer Aufklärung. Dies wird aufgrund der Verdachtsmomente vom Westen jedoch abgelehnt.
Vor den eigenen Bürgern präsentiert sich der Kreml dann nicht nur als moralisch überlegen. Er kann auch auf vermeintliche Unaufrichtigkeit des Gegners hinweisen, der Fakten für sich behalte und damit ein durchsichtiges Spiel treibe.
Bis Sonntag geht es aber um den heimischen Wähler. Von denen möchte Präsident Wladimir Putin möchte möglichst viele seiner Landsleute dazu motivieren, ihre Stimme abzugeben. Die angeblich „ungerechte Behandlung“ Russlands und das ständig neu belebte Gefühl einer „belagerten Festung“ könnten sich auszahlen. Unabhängig von den bescheidenen Wirtschaftsleistungen werden sich die Wähler um Wladimir Putin, den nationalen „Lider“, versammeln.
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