Erntehelfer-Flüge aus Rumänien: Für eine Handvoll Spargel

Um Luxusgemüse verkaufen zu können, werden tausende Erntehelfer gefährdet. Das ist menschenverachtend.

Bei einem Mann wird am Ohr die Körpertemperatur gemessen

Der Spargel ist sicher: Erntehelfer am Flughafen Hahn Foto: Thomas Frey/dpa

Die Spargelstecher-Luftbrücke der deutschen Landwirtschaft ist menschenverachtend. Trotz aller Bedenken wegen des Coronavirus lässt die Agrarbranche zehntausende Ernte­helfer aus Rumänien einfliegen. Das gefährdet die Gesundheit zahlreicher Menschen: der ArbeiterInnen selbst, aber auch zum Beispiel der Beschäftigten an den Flughäfen und der Flugzeugbesatzungen.

Das Bundesinnenministerium hatte aus gutem Grund zunächst verboten, dass wie in normalen Jahren ungefähr 300.000 Saisonarbeitskräfte einreisen. Schließlich ist bei dieser hohen Zahl die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sie das Virus weiter verbreiten – sowohl in Deutschland als auch nach der Rückkehr in ihre Heimat.

Doch die Landwirtschaft und vor allem ihre großen Betriebe haben eine starke Lobby. Sie erreichte, dass die Bundesregierung plötzlich doch insgesamt 80.000 Erntehelfern im April und Mai die Einreise erlaubte. Das hatte nichts mit dem Schutz der Gesundheit, aber viel mit den wirtschaftlichen Interessen einiger Spargelbarone zu tun, denen ohne Billigarbeiter aus Rumänien viel Geld verloren gehen würde.

Um die Virologen zu beruhigen, versprach das Agrarministerium besondere Sicherheitsauflagen. Von denen ist aber nicht viel zu halten, wie die ersten Flüge für Saisonarbeitskräfte nach dem ursprünglichen Einreiseverbot gezeigt haben: Im kleinen Flughafengebäude im rumänischen Cluj-Napoca drängten sich an die 2.000 Erntehelfer dicht an dicht. Auch in den Flugzeugen und Transferbussen war nicht daran zu denken, anderthalb Meter Sicherheitsabstand einzuhalten. Die Körpertemperaturmessung bringt nicht viel, weil ja auch Infizierte ohne ­Symptome das Virus übertragen können. Und viele Ernte­helfer werden wieder in Mehrbettzimmern untergebracht.

Dieses hohe Infektionsrisiko lässt sich nicht rechtfertigen – schon gar nicht mit dem Ziel, dass die Deutschen auch dieses Jahr möglichst wenig für Spargel bezahlen müssen. Denn: Spargel ist ein Luxusgemüse, das niemand zur Ernährung braucht.

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Jahrgang 1974. Er schreibt vor allem zu Ernährungsfragen – etwa über Agrarpolitik, Gentechnik, Pestizide, Verbraucherschutz und die Lebensmittelindustrie. 2018, 2017 und 2014 Journalistenpreis "Grüne Reportage". 2015 "Bester Zweiter" beim Deutschen Journalistenpreis. 2013 nominiert für den "Langen Atem". Bevor er zur taz kam, war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters und Volontär bei der Süddeutschen Zeitung.

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