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Epidemiologe über Gesundheitsprävention„Das System setzt erst ein, wenn wir krank werden“

Der Epidemiologie Hajo Zeeb führt die im OECD-Vergleich niedrige Lebenserwartung in Deutschland auf zu viel Toleranz bei Tabak und Alkohol zurück.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Zeeb, fehlt in dem reißerischen Veranstaltungstitel „Warum sterben die Deutschen früher?“ nicht ein Satzteil, der mit dem Wort „als“ beginnen sollte?

Hajo Zeeb: Ja, das stimmt! Es geht um den Vergleich mit Industrieländern auf dem OECD-Niveau. Da stehen wir in Deutschland im unteren Drittel der Lebenserwartung. Und das ist überraschend angesichts des vielen Geldes, das wir in unser Gesundheitssystem stecken.

taz: Was sind die Faktoren, durch die wir da so ungünstig dastehen?

Zeeb: Wenn man krank ist und eine Therapie braucht, dann ist bei uns viel da und man wird auch relativ prompt behandelt. Und das ist durch unser Sozialversicherungssystem auch gut kostengesichert. Aber das System setzt erst ein, wenn wir krank werden. Und bei allem, was davor nötig ist, um unsere Gesundheit zu erhalten, geschieht zu wenig. Darum sehen wir, dass wir zu viele Herz- und Kreislauferkrankungen behandeln müssen, die durch Vorsorge eventuell hätten vermieden werden können.

Im Interview: Hajo Zeeb

geboren 1963, ist Professor für Epidemiologie an der Uni Bremen sowie Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Seit Jahrzehnten ist er in der Präventionsforschung aktiv.

taz: Ist das der entscheidende Faktor in den entsprechenden Statistiken?

Zeeb: Ja! Die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist der Treiber dieser etwas geringeren Lebenserwartung. Da geht es ja im Vergleich nur um halbe oder einzelne Jahre. Aber auf die Gesamtbevölkerung bezogen ist das natürlich viel verlorene Lebenszeit.

taz: Welche Gründe gibt es dafür?

Zeeb: Das wird durch die Lebensumstände bedingt, also die Ernährung, das Rauchen und Alkohol. Da steht es in Deutschland europaweit besonders schlecht.

taz: Was machen wir da nicht so gut wie andere?

Zeeb: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol ist in Deutschland sehr hoch. Wir haben zum Beispiel sehr niedrige Steuern. Und es ist kein Naturrecht, dass man in jeder Tankstelle hochprozentigen Sprit kaufen kann. Das wird hier sehr liberal gehandhabt und dies macht sich in den Gesundheitsstatistiken bemerkbar.

Podiumsdiskussion

„Warum sterben die Deutschen früher?“, 3. 9., 19 Uhr, Hannover, Schloss Herrenhausen, Herrenhäuser Straße 5. Der Eintritt ist frei. Am Veranstaltungstag kann die Veranstaltung auf www.volkswagenstiftung.de im Livestream verfolgt werden

taz: Gibt es denn Beispiele, bei denen politische Eingriffe für eine niedrigere Sterblichkeitsrate gesorgt haben?

Zeeb: Vor einigen Jahren hat die Politik in Litauen erkannt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol dort mit um die 15 Liter viel zu hoch war. Dann haben sie höhere Steuern, Verkaufsverbote und den auf bestimmte Läden zentrierten Verkauf eingeführt. Dadurch ist in wenigen Jahren der Alkoholverbrauch deutlich heruntergegangen. Und das schlägt sich in den Erkrankungsraten etwa für Herzinfakte nieder.

taz: Gibt es auch positive Beispiele für den Tabakkonsum?

Zeeb: Ja, in den Niederlanden haben sie jetzt sehr stark beim Tabakkonsum eingegriffen, und die sind jetzt ein wenig betrübt darüber, dass wir das nicht so machen. Denn viele Niederländer kommen jetzt über die Grenze nach Deutschland, um dort billiger Tabak einzukaufen.

taz: Ach, das war doch früher genau andersherum. Da haben die Deutschen in den Niederlanden legal ihr Cannabis gekauft.

Zeeb: Genau! Auch in Großbritannien oder Irland kostet eine Schachtel Zigaretten inzwischen um die 20 Euro. Das macht es dann natürlich nicht mehr so attraktiv zu rauchen.

Es fehlt bei uns an guten Netzwerken zwischen ärztlicher Versorgung und lokalen präventiven Strukturen

taz: Gibt es strukturelle Gründe für die ungünstigen Vergleichsdaten?

Zeeb: Ja! Es fehlt bei uns an guten Netzwerken zwischen ärztlicher Versorgung und lokalen präventiven und gesundheitsförderlichen Strukturen. Manche Kommunen sind da schon gut aufgestellt, aber in der Summe ist es noch zu wenig.

taz: Ist unsere Gesundheitspolitik also zu unflexibel?

Zeeb: Ja! Da mangelt es auch oft an politischem Mut. Wir diskutieren zum Beispiel gerade über eine Zuckersteuer. Die gibt es weltweit schon in über 100 Ländern, und Deutschland macht sich erst jetzt auf den Weg, sie einzuführen. Vorneweg sind wir bei solchen Sachen so gut wie nie. Und so kommt es zu diesem harten Endergebnis bei der Lebenserwartung.

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