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Merz-Vorstoß für die UkraineÜberflüssig und gefährlich

Eric Bonse

Kommentar von

Eric Bonse

Der Kanzler will einen besonderen Status für die Ukraine in der EU. Der Plan würde nichts besser, aber vieles schwieriger machen.

Deutsch-ukrainische Regierungskonsultationen am 14. April in Berlin: der ukrainische Präsident Selenskyj mit Bundeskanzler Merz Foto: Presidential Office of Ukraine/Sven Simon/imago

K anzler Friedrich Merz schießt gern aus der Hüfte. In Berlin hat man sich an seine unüberlegten Alleingänge längst gewöhnt. Aber in Brüssel? Dort kommen die Vorstöße aus dem Off gar nicht gut an. In der EU muss man sich mit den Partnern absprechen, sonst fällt man auf die Nase.

Diese Erfahrung musste Merz bereits 2025 machen, als er ohne eingehende Konsultationen forderte, auf das in Belgien eingefrorene russische Vermögen zuzugreifen. Belgiens Premier Bart De Wever stellte sich quer; es war Merz’ erste große Niederlage auf EU-Ebene. Nun prescht der Kanzler schon wieder vor: In einem Brief an die EU-Spitzen schlägt er vor, der Ukraine einen Sonderstatus zu verleihen und ihr eine „assoziierte Mitgliedschaft“ in der EU anzubieten. Auch das ist eine Überraschung – nicht einmal Insider waren informiert.

Das Letzte, was man in Brüssel von Merz zum Thema Ukraine gehört hatte, war ein lautes Nein: Einen Blitz-Beitritt, wie ihn sich Präsident Wolodymyr Selenskyj zum 1. Januar 2027 wünscht, werde es nicht geben. Denn der EU-Vertrag und die Beitrittsregeln lassen das auch gar nicht zu.

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Nun will Merz den Vertrag ignorieren und die Regeln aushebeln. Er gibt sich kreativ und schlägt vor, dass Selenskyj künftig an allen EU-Gipfeln und seine MinisterInnen an den Ministerräten teilnehmen sollen. So könne man die Ukraine besser an die EU heranführen, meint Merz.

Nichts besser, vieles schwieriger

Dabei ist das nicht neu. Selenskyj ist bei den Gipfeltreffen schon jetzt meist der erste Redner. Seine MinisterInnen nehmen an allen wichtigen EU-Treffen teil. Die Ukraine verfügt längst über einen Sonderstatus, wie auch der 90 Milliarden Euro schwere Hilfskredit zeigt. Diesen Sonderstatus mit einem neuen Label zu versehen – „assoziiertes Mitglied“ –, macht nichts besser, aber vieles noch schwieriger. Zum Beispiel das Verhältnis zu den anderen EU-Kandidatenländern auf dem Westbalkan. Sie warten seit 20 Jahren – und fühlen sich durch die privilegierte Behandlung der Ukraine übergangen.

Problematisch würde auch die militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine werden. Bisher ist die EU nicht zur Hilfe verpflichtet. Merz will Selenskyj nun aber europäische Sicherheitsgarantien geben und das Beistandsversprechen aus dem EU-Vertrag aktivieren. Das würde alles ändern.

Die EU-Länder wären plötzlich gehalten, Kyjiw beizustehen, wenn der Krieg mit Russland eskaliert. Was das konkret bedeutet, weiß niemand – das Nachdenken darüber hat gerade erst begonnen. Merz hat wieder einmal aus der Hüfte geschossen – die Folgen sind noch gar nicht abzusehen.

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Eric Bonse
EU-Korrespondent
Europäer aus dem Rheinland, EU-Experte wider Willen (es ist kompliziert...). Hat in Hamburg Politikwissenschaft studiert, ging danach als freier Journalist nach Paris und Brüssel. Eric Bonse betreibt den Blog „Lost in EUrope“ (lostineu.eu). Die besten Beiträge erscheinen auch auf seinem taz-Blog
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11 Kommentare

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  • Merz tut als Kanzler genau das, was er sein ganzes Leben als Politiker getan hat. Er haut gerne mal einen raus, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Und wer hätte auch erwartet, dass sich jemand mit 70 noch ändert.

  • Was denkt sich der Typ? "Ich bin Friedrich der Große und wenn ich einen Vorschlag mache, sagen alle: 'Geile Idee, machen wir!'"?

  • So eine Idee kann nur aus Deutschland kommen — statt eine Entscheidung zu treffen wird eine Ausnahme, ein Sonderfall daraus gemacht.



    Wo das hinführt sieht man am Steuersystem durch das keiner mehr richtig durchblickt, dass teuer in der Verwaltung ist und ausgenutzt werden kann, wenn man es „zu bedienen“ weiß.



    Blödsinnige Idee, das jetzt in die EU-Mitgliedschaft einuubringen.

  • Vielleicht ist der Kanzler auch schlecht beraten und gebrieft.



    Die Substrukur im inneren Zirkel ist für die spätere Außenwirkung mitentscheidend.



    Bei diplo.news:



    "Jemand muss Führungsrolle übernehmen



    Wir müssen innerhalb der EU zusammenarbeiten. Und wenn das mit Ungarn oder anderen nicht gemeinsam geht, brauchen wir einen Nukleus an Führungsleuten, die sagen, wir übernehmen jetzt inhaltlich und faktisch die Führung. Who takes the Lead in der Europäischen Union heute? Einen Nukleus als treibende Kraft brauchen wir unbedingt. Ideal wären Deutschland, Frankreich und Polen, was aber auch immer schwieriger wird.



    Unser Bundeskanzler müsste jetzt überlegen, mit wem er am erfolgreichsten zusammenarbeitet. Wenn es da nicht funktioniert, muss er auch außerhalb der EU-Institutionen eine Art Parallelorganisation haben. Das muss man taktisch klug und in der passenden Zeit machen. Aber man braucht so eine Driving Force..."



    Titel



    "Horst Teltschik: Jemand muss endlich die Führungsrolle übernehmen



    Der ehemalige Berater von Helmut Kohl hält Gespräche mit Putin für unverzichtbar und stellt sein Buch „Die 329 Tage zur deutschen Einigung“ vor"



    Putins angedeutete Verhandlungsbereitschaft ist ein Signal.

  • Mir ist abslolut unklar, was Merz da bezwecken will. Mit Aktionen wie diesem Brief verprellt er immer noch mehr Wähler in Deutschland, die Wahlen in Sachsen-Anhalt und MV scheinen ihm total egal zu sein. Und sein eigenes Ansehen in D wird wohl noch weiter sinken wenn das denn mögilch wäre. Eine militärische Zusammenarbeit mit der UA würde uns an den Rand eines Kriegseintritts bringen, das ist komplett unverantwortlich. Und eine Mitgliedschaft der UA in der EU halte ich ebenfalls für unverantwortlich. Alleine das ungelöste Korruptionsproblem in der UA spricht dagegen. Wir überweisen Kohle in die UA und danach scheint es keinen mehr zu interessieren wo das Geld hingeht. Will wahrscheinlich niemand in Brüssel wissen, da macht man lieber die Augen zu. Währenddessen kaufen ukrainische Oligarchen Häuser für 400M in Monaco, und auch die Frau des Verteidigungsmministers erwirbt eine Villa am Comer See. Da sollte Merz doch mal einhaken. Aber, der scheint sich auf einem anderen Planeten zu befinden, genau wie damals Merkel. Er ist tatsächlich ein Wiedergänger.

  • Was genau so ein Beistandsversprechen bedeutet, weiß niemand, aber dass es *alles* ändern würde, soviel ist klar?



    Und was genau haben die Westbalkan-Länder davon, wenn man die Ukraine jetzt auch am langen Arm verhungern lässt? Gerechtigkeit? Und kann man dann die Jahre anrechnen, die der Ukraine eine NATO-Annäherung in Aussicht gestellt wurde?

  • Steilvorlage für alle, die keine weitere Kriegsbeteiligung in der Ukraine wollen:



    Linkspartei, BSW, AfD



    und (wird leider immer wieder vergessen): Die Mehrheit aller Deutschen, besonders in Ostdeutschland.

  • Hab ich auch sofort gedacht, unnötig und gefährlich; reine Effekthascherei.

  • Wieder einmal bauchgesteuerte Symbolpolitik a la Merz.

  • "Die EU-Länder wären plötzlich gehalten, Kyjiw beizustehen, wenn der Krieg mit Russland eskaliert"

    Der Kommentar spiegelt sehr schön die Mentalität wieder, die in einigen EU Ländern vorherrscht.

    Lasst die Ukrainer bluten, wir helfen materiell. Das die Ukraine seit Jahren dafür sorgt Russlands Kapazitäten zu binden und den EU Staaten die Zeit verschafft sich militärisch vorzubereiten, wird zwar dankbar zur Kenntnis genommen, aber Verpflichtungen im Sinne eines Beistands dann doch lieber nicht.

    Auf solche "Freunde" könnte ich persönlich verzichten, zumal die Beistandsklausel gemäß Artikel 42 Absatz 7 des EUV Vertrags es den Mitgliedsstaaten freistellt über Art und Umfang zu entscheiden. Der Beistand muss also nicht zwingend militärisch sondern könnte auch unterstützend erfolgen.

    Das unterstützend wird bereits von den meisten EU Ländern schon praktiziert, für die würde sich wenig ändern, für die Ukraine viel. Es besteht dann nämlich ein Rechtsanspruch auf Beistand in Form von konkreten Hilfsmaßnahmen.

    Es wäre zudem ein Zeichen des Respekts vor den Leistungen der Ukrainer und eine klare Botschaft an Russland, das die Zukunft der Ukraine in Europa und nicht in Russland liegt.

  • Danke …anschließe mich

    Unser aller Lobby-Kanzler



    “…schießt gern aus der Hüfte…“ Schonn



    Aber hüftsteif dabei und dazu - wie er in einschlägiges Hupfdrohlen-Video ausweist!



    & daß dieser typische Sürländer



    Diplomatie nicht kann - beweist schlagend:



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    Kanzler Merz mit Selenskyj vor dem Bundeskanzleramt   Foto: Michael Kappeler/dpa danke fürs entlarvende Fotto

    Nassforsch: “Halb zog er ihn halb er ihn aus!“

    Es ist so derart elend - ungelenk kein Ausdruck!



    “Was hälste denn von Stil - nicht viel!“ A. Rebers