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EU nach Ceuta Zur Freude der Antieuropäer

Tanja Tricarico

Kommentar von

Tanja Tricarico

Die Europäische Union ist nach den Ereignissen in Ceuta auf dem besten Weg, sich selbst zu schreddern. Europas rechter Rand reibt sich die Hände.

W as für ein hämisches Geschenk für An­ti­de­mo­kra­t:in­nen und EU-Verächter:innen mitten im Sommer, wenn der EU-Betrieb auf Sparflamme läuft: Tausende Mi­gran­t:in­nen gelangten in die spanische Exklave Ceuta, unter lebensgefährlichen Bedingungen. Die EU besteht den Test der Solidarität nicht und übt sich derzeit erfolgreich im Schreddern ihres gemeinsamen Bündnisses.

Ihre Freude krönten die Eu­ro­pa­fein­d:in­nen auch gleich mit einem Besuch vor Ort. Das Who's who der europäischen Rechts­po­pu­lis­t:in­nen versammelte sich noch am Wochenende in Ceuta. Auch wenn die Bevölkerung vor Ort sie nicht willkommen hieß, die Bilder und ihre menschenverachtenden Statements sind in der Welt. Und die dramatische Lage der vergangenen Tage ist schon jetzt ein gefundenes Fressen für die Rechtsextremen in Europas Superwahljahr 2027. Dann, wenn sie in Frankreich, Polen, Italien und auch in Spanien an die Macht wollen. Angst vor denjenigen schüren, die angeblich den anderen die Jobs und den Wohlstand wegnehmen wollen, ist eine gefährliche Botschaft der Rechten.

Anstatt das zerbrechliche Gefüge der Europäischen Union zu schützen und sich solidarisch mit Spanien und dessen Regierungschef Sánchez zu zeigen, folgten Brandbriefe und sogar Forderungen, Spanien aus dem Schengen-Abkommen auszuschließen. Kaum ein Wort über die vielen Toten oder gar die Gründe, warum Menschen solchen Aufrufen folgen. Allenfalls ein schales „jeder Tote ist einer zu viel“ pressten EU-Politiker:innen dieser Tage heraus.

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Noch vor der Sommerpause versuchte sich die EU mühsam in Zusammenhalt, etwa als es um die Unterstützung für die Ukraine ging – oder als Gegengewicht zum erratischen Verhalten Trumps. Nun also der Rückzug auf nationale Interessen und wohl auch Rache an Sánchez, der der Marschrichtung von EU oder Nato nicht immer folgte. Und jetzt? Europas Glaubwürdigkeit hängt auch an seiner Einheit und an seinen Werten. Um beides ist es schlecht bestellt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Tanja Tricarico

Tanja Tricarico ausland

Schreibt über Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, früher auch Digitalisierung. Host der Fernverbindung, dem Auslands-Podcast der taz. Privat im Einsatz für www.geschichte-hat-zukunft.org
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18 Kommentare

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  • Die pauschalen Beschuldigungen an Spanien sind einfach absurd.



    In Deutschland leben aktuell laut Erhebungen ca 200.000 - 500.000 Personen ohne gültigen Aufenthaltstitel.



    Soll Spanien jetzt gleichfalls wilde Beschuldigungen Richtung Deutschland aussprechen? Oder fordern, dass Deutschland aus dem Schengenraum ausgeschlossen wird?

  • Und unser aller Regierung in Gestalt von Herrn BK Merz spielt das üble Spiel mit, sekundiert von Manfred Weber, CSU, der im EU-Parlament ja auch gerne mal mit den Rechten abstimmt.

    Ministerpräsident Sanchez ist der Stachel im Fleisch einer leider immer stärker werdenden Rechten nicht nur in der EU.

  • Irgendwo habe ich es in den letzten Tagen schon einmal geschrieben: Diese ganze Geschichte ist gelenkt worden, davon bin ich fest überzeugt. Die Fehlinformationen auf Social Media sind absichtlich aufgetaucht. Die Frage ist, wer war es. Das Ziel war offenkundig, die EU zu spalten, das war schon recht erfolgreich. Bislang hielt man meist Russland für den Schuldigen, aber unter diesen Umständen fiele mir da gleich noch eine Gruppierung ein.

  • Die Ultra-Rechten weiterhin mit tosendem Gebrüll, man kann sie mittlerweile alle in einen Topf schmeißen: VOX, AfD, Meloni, Feijóos PP, Putin, Trump und die da, von der Leyen blasen ins selbe Horn: Raus, Weg, Auffanglager -ohne würdiges Konzept, einfach bloß den Tritt in den Hintern. Eine widerliche Arroganz, die mit dem Verhalten von feigem Wegschauen bis hin zu Zustimmung (Merz und Co) für die Faschisten ein gefundenes Fressen bedeutet.



    Über diesen marokanischen "König" der Milliarden sein eigen nennt und das Volk sadistisch leiden lässt, verliert niemand ein Wort. Unantastbar.

  • Die Hetze der Faschos ist allgegenwärtig. Doch das ist nur möglich, weil die "etablierten" Protagonisten der Politik dem nicht standhaft entgegenstehen sondern das sogar noch befördern, indem sie es nachäffen und salonfähig machen. Merz, Weber und vdL sind leuchtende Beispiele dafür. Und noch ein sehr wesentlicher Aspekt in Sachen Flüchtlinge ist der Grund zur Flucht. Kein*e !!! Politiker*in spricht auch nur entfernt darüber, alle loben die ach so tollen "Frei"handelsverträge, die den Menschen ihre Lebensgrundlagen entziehen und --- gerne auch Waffen in die Gebiete liefern.

  • Beim Projekt EU ging und geht es immer um wirtschaftliche Vorteile/Interessen. Wäre es bei der Gründung um moralische/demokratische Werte gegangen, hätte die EU sich eine demokratischere politische Struktur (siehe die aktuelle Kommissionspräsidentin als Paradebeispiel für das antidemokratische System) und eine Verfassung gegeben.

  • Man darf vielleicht an die Union mal die Frage stellen, ob sie wirklich so proeuropäisch sind, wie sie immer vorgeben.



    An die SPD, welche politischen Abgründe sie eigentlich wegen der puren Machterhaltung noch mittragen werden.

  • 83 Tote Menschen innerhalb weniger Tage sind doch eine Katastrophe. Erinnert sehr an die Toten im Mittelmeer im Sommer 2015.

  • "Was für ein hämisches Geschenk für An­ti­de­mo­kra­t:in­nen und EU-Verächter:innen mitten im Sommer, wenn der EU-Betrieb auf Sparflamme läuft: ..."

    Meiner Meinung nach ist es bemerkenswert und auffällig, wie wenige sich darüber empören, dass Spanien den Geflüchteten, die schwimmend ! (ich erinnere an das kürzliche spanische Gerichtsurteil) Ceuta erreichten, ein nach diesem Urteil ordentliches Asyl-Verfahren verweigerten. Die geflüchteten Menschen wurden nicht einmal mit dem Notwendigsten "„Bett-, Brot- und Seife-Prinzip“" versorgt. Weshalb sorgt das nicht für Aufsehen und Kritik?

    Deutschland scheint vordergründig geflüchteten Menschen so viel mehr zu bieten und wird trotzdem ständig kritisiert und ermahnt, dass es erheblich zu wenig ist. Auch u.a. Ungarn wurde für seinen Umgang mit geflüchteten Menschen kritisiert.



    Weshalb kann Spanien in dieser Weise mit geflüchteten Menschen umgehen und sie unversorgt per Militär einfach über die Grenze zurückbringen? Ich finde das falsch, ganz besonders für einen links und sozialistisch gelesenen Ministerpräsidenten.

    • @*Sabine*:

      Ich weiß ja nicht, ob es Ihnen bekannt ist, aber zurück nach Marokko wurden nur die Erwachsenen gebracht, die „minderjährigen“ sind schon alle in Spanien. Das gilt ebenso für ALLE Schwarzafrikaner, bei denen wird nach dem Gerichtsurteil, der Asylgrund überprüft.



      Nur mal so zur Info.

  • Das Problem ist doch, dass Spanien seine Verpflichtung, die EU-Außengrenze zu schützen, nicht erfüllt hat. Ceuta und Melilla sind dabei selbstverständlich Teil des Schengenraumes und damit auch entsprechend zu schützen. Es gelten lediglich Besonderheiten bei der Reise zwischen den Städten und dem Festland. Spanien hat den Schutz der Grenzen nicht hinreichend sicher gestellt. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Gerichte die Rückführung nach Marokko für rechtswidrig erklären. Daher ist die Kritik an Spanien im Ergebnis richtig.

    • @DiMa:

      "Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Gerichte die Rückführung nach Marokko für rechtswidrig erklären."

      Nun wurde nachträglich die Barriere errichtet, die das Gerichtsurteil vielleicht (ich bin keine Juristin) ab jetzt neutralisiert. Aber die ca. 60.000 Geflüchteten der letzten Tage kamen vor der Errichtung dieser Barriere. Insofern erwarte ich auch, dass ein paar Geflüchtete bzw. NGOs klagen werden; meiner Meinung ist das auch richtig.

      Interessant wird dann, ob die widerrechtlich (?) zurückgeführten Geflüchteten nach Ceuta zurückgeholt werden müssen, wie es Deutschland (manchmal?) bei widerrechtlich abgeschobenen Personen tut.

      Ich fände es gut, wenn die ganze Angelegenheit auch juristisch nachvollziehbar aufgearbeitet wird, denn immerhin kamen ca. 80 Menschen zu Tode und werden es vielleicht auch weiterhin.

    • @DiMa:

      Mich wundert, wie viele Expert:innen mit und ohne Regierungsamt fix mit solchem Negativ-Urteil über die Grenzsicherung in 1500 km Entfernung aufwarten können. Aktuell versuchen die PP und andere Post-Francist:innen mit Hilfe konservativer Medien systematisch, den Ruf des spanischen Ministerpräsidenten zu zerstören. Dieser Kampagne sollte widerstanden werden, auch wenn - wie der Fall Zapatero leider zeigt, auch Sozialisten keine Heilige sind

    • @DiMa:

      Ceuta und Melilla sind explizit aus dem Schengen-Raum ausgeschlossen.

      • @totto:

        Nochmals: Ceuta ist Mitglied des Schengenraumes, es gelten jedoch Sondernestimmungen (siehe Schengener Grenzkodex, Art. 41). Die Sonderbestimmungen regeln lediglich, dass es Passkontrollen gibt. Die Verpflichtung die Außengrenze zu schützen bleibt davon unberührt.

  • Ich erlaube mir zwei Hinweise:

    I) Solidarität ist keine Einbahnstrasse. Sie einzufordern bedingt, daß man sie selbst ausgeübt hat. P.S. hat das mit seinen Alleingängen nicht und seine nationalen Interessen priorisiert. Nun denn ...

    II) Wenn man diese EU anders ausgestalten möchte, ist man noch kein Europafeind. Oder ist das jetzt auch "unsere EU"?

    Grüße von einem Liberalen

    • @GregTheCrack:

      ad II: Meinen Sie damit das sogenannte "Europa der Souveränen Nationen", wie es die AfD und andere rechtsextreme Parteien in Europa anstreben?



      Das wäre das Ende der EU wie wir sie kennen und ein Rückfall in den Nationalismus.

      • @Klabauta:

        Vom EU-Exit bis zur Vertiefung durch Verfassung.



        Alles demokratisch möglich.



        Es sind nicht EU-Feinde, sondern Demokraten.