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Sexismusdebatte Kontroverses Dekolleté

Dominik Baur

Kommentar von

Dominik Baur

Die Chefin vom Teufelsrad auf der Wiesn kann es nicht allen recht machen. Mal hängt sie zu sehr an Traditionen, mal geht sie zu sehr mit der Zeit.

W äre sie nicht gewohnt, dass sich alles um nichts dreht, könnte einem Elisabeth Polaczy fast leid tun. Sie ist die Chefin des Teufelsrads, das seit Jahrzehnten Besucher des Oktoberfests belustigt. Ein Haufen Freiwilliger muss sich auf einer sich immer schneller drehenden Scheibe gegen die Fliehkraft stemmen. Ein großer Spaß – vor allem für die, die nur zuschauen. Doch jetzt steht Polaczy im Zentrum einer Sexismusdebatte.

Schuld daran sind vier weibliche Puppen, die auf einem Teufelsrad über dem Eingang für das Geschäft werben. Erst beschwerte sich die Gleichstellungsstelle der Stadt über die ihrer Meinung nach sexistischen und rassistischen Darstellungen. So zeigten die Damen zum Teil viel Haut, eine Hawaiianerin trug gar außer einem Rock lediglich eine Blumenkette. Als die Teufelsrad-Chefin die Puppen jetzt übermalen ließ, empörten sich aber wiederum diverse Rathauspolitiker und -politikerinnen.

Speziell die Wiesn-Stadträtin und die Zweite Bürgermeisterin, beides interessanterweise Grüne, sprachen von „übertriebener Prüderie“ und „Verhüllungsgebot“. Selig die Stadt, die keine anderen Probleme hat. Die überhitzte Diskussion ist nicht nur unnötig, sondern bezeichnend für eine immer stärker von Empörungen getriebene Gesellschaft. Während gerade auf der Wiesn nicht nur ausgelassene Fröhlichkeit herrscht, sondern sexuelle Übergriffe – wie auch das „Upskirting“ beim Teufelsrad –, Gewalt und Alkoholexzesse an der Tagesordnung sind, verkämpfen sich die Stadtoberen wegen des Dekolletés einer Puppe.

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Cancel-Culture, Sexismus, Tradition, Rassismus – die Totschlagargumente sind auf beiden Seiten griffbereit. So kämpfte vor vier Jahren sogar ein bayerischer Ministerpräsident – wenn auch wohl mehr mit Kalkül als mit Leidenschaft – für sein Recht, auf dem Oktoberfest eine „geile Puffmutter“ begrölen zu dürfen. Ein Rat an ihn und die, die sich so gern in solchen Debatten ergehen: Man muss nicht alles mit Verboten regeln. Aber man muss auch nicht alles tun, was nicht verboten ist.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Dominik Baur

Dominik Baur Bayernkorrespondent

Jahrgang 1971. Seit 2015 Bayernkorrespondent der taz. Davor unter anderem zehn Jahre Redakteur und Ressortleiter bei "Spiegel Online", seit 2009 frei. 2025 erschien in der Edition Scalala (scalala.de) der Interviewband "Die Roncallis – Zirkusgespräche". Mitglied des Journalistennetzwerks beschreiber.de. Mehr auf gschichten.de.
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11 Kommentare

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  • White_Chocobo

    Für mich ist der Punkt, dass hier an und für sich ausgehandelt werden müsste, wie man zu bestimmten Dingen eben steht. Wenn die Gleichstellung der Stadt, weil sie für Fragen von Sexismus usw. sehr sensibilisiert ist, hier auf ihrer Meinung nach kritikwürdiges hinweist, dann heißt das ja nicht zwangsläufig, dass man dieser Kritik auch folgen muss. Es heißt auch nicht, dass man ihr nicht folgen muss. Der Punkt wäre doch eher, darüber zu diskutieren oder nachzudenken, wie man damit umgeht oder in_wie_weit man damit umgehen möchte - und zwar als Besitzerin und als Gesellschaft. Wenn man das täte, ließe sich ggf. auch ein Kompromiss finden, z.B. in der Darstellung und Präsentation der Puppen, die auf bestimmte Klischees verzichtet, aber trotzdem in gewissem Maße die lockere Freizügigkeit erhält, mit der man werben möchte.



    Mich nervt vielmehr diese konstante Ganz-oder-gar-nicht-Logik dieser Debatten von Leuten, die nur in Richtig/Falsch denken können.

  • Herma Huhn

    Um mal manche der Politiker in Schutz zu nehmen, die sich nur hören lassen, um zu sagen, dass man sich doch weniger aufregen soll:



    Es sind doch die Medien, zu denen ja auch die taz gehört, die Politiker zwingen um jeden Preis sichtbar zu sein und einer Debatte, die Aufmerksamkeit generiert auf jeden Fall beizuwohnen oder die Wiederwahl zu vergessen.



    Früher wurden den Politikern Mikros ins Gesicht gehalten und nicht in Ruhe gelassen, bis sie ein Statement zu einem gerade heißen Thema absonderten, egal ob sie Ahnung hatten oder nicht. Heute ist es der Algorithmus, der das Thema in die Timeline spült und einen gefühlt ähnlichen Druck ausübt, wie damals das Mikro.



    Heute geht es scheinbar nicht mehr ohne eigene Meinung. Und Ambivalenz wird als Meinung auch nicht mehr anerkannt.



    (Achja: zeitgemäße Anpassung der Dekoration sollte jederzeit unkommentiert möglich sein, zeitgemäß fände ich alles, was in Realität rund um die Dekoration auch zu beobachten ist)

    • MK

      @Herma Huhn:

      Im Artikel wurden die Aussagen der für Gleichstellung zuständigen 2. Bürgermeisterin und der für das Oktoberfest zuständigen Stadträtin zitiert. Die Standpunkte dieser zwei Personen zu dem Thema sind durchaus für die Öffentlichkeit relevant.

      Es muss auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden dürfen ob die geforderten Änderungen bei diversen Fahrgeschäften „zeitgemäß“ sind oder absolut übertrieben.

      Die verantwortliche Gleichstellungsreferentin ist zwar organisatorisch beim Oberbürgermeister angesiedelt, dieser hat jedoch keine Weisungsbefugnis. Darum ist eine öffentliche Diskussion notwendig, ob hier im Sinne der Bevölkerung agiert wird oder ein Machtmissbrauch stattfindet.

      • Herma Huhn

        @MK:

        Im vorliegenden Fall gibt es noch die Dimension, dass einzelne Verwaltungsangestellte "Vorschläge" machen, die bei den Betroffenen als unverrückbare Anweisung rüberkommen, obwohl es für die Vorschläge keinerlei demokratischen Konsens gab.



        Das ist die Dimension, über die wir eigentlich debattieren sollten. Inwiefern die Änderungen notwendig oder übertrieben waren, spielt dabei doch überhaupt keine Rolle, aber die Medien stürzen sich dennoch auf die Frage, wie kurz der Rock einer Pappfigur sein darf.

  • fly

    Danke für die letzten beiden Sätze. Hoffentlich halten die Einzug in den Alltag. Vielleicht sagt auch mal ein Gericht, ach gehts, trinkts was z ammen und gut is. Life and let die.

  • cgpb11

    "Man muss nicht alles mit Verboten regeln. Aber man muss auch nicht alles tun, was nicht verboten ist."

    Damit ist eigentlich alles gesagt...

  • Troll Eulenspiegel

    Viel wichtiger ist doch die Frage, warum es das Teufelsrad überhaupt noch gibt? Menschen sollen sich festhalten gegen die Fliehkraft? Was wenn Menschen hinfallen oder sich verletzen? Versicherungen, UVV, Klagen und dergleichen? Wollen wir wieder bügellose Achterbahnen bauen und auf TÜV-Bedenken pfeifen?

    • Ohne_Mitte_geht_nix

      @Troll Eulenspiegel:

      Auch das Teufelsrad wird jedes Jahr aufs Neue vom TÜV abgenommen...und bislang gab es wohl noch keine Bedenken, den Betrieb zu untersagen.

    • AliceMirrow

      @Troll Eulenspiegel:

      Am besten die Fliehkraft gleich verbieten.



      Wohl noch nie auf dem Oktoberfest gewesen? Das ist ein Fahrgeschäft, wo die ganze Familie für wenig Geld viel Spaß haben kann

  • R.I.P.

    Ich wäre eh dafür geschechtsneutral Jumpsuits für die Wiesen verpflichtend vorzuschreiben. Wäre eine optische Verbesserung und die Upskirter müßten sich auch was neues überlegen.

  • Astrid Sehnefeld

    "Cancel-Culture, Sexismus, Tradition, Rassismus – die Totschlagargumente sind auf beiden Seiten griffbereit."



    Eigentlich muss man doch vor allem fragen, WER die Debatte vom Zaun gebrochen hat - und dann müsste man folgerichtig das Fazit des Artikels, "man muss auch nicht alles tun, was nicht verboten ist" umformulieren in: "man muss auch nicht alles kritisieren, was nicht verboten ist" - vor allem wenn selbst zwei Grüne Stadträte schon von "übertriebener Prüderie" sprechen...