Sexismusdebatte : Kontroverses Dekolleté
Die Chefin vom Teufelsrad auf der Wiesn kann es nicht allen recht machen. Mal hängt sie zu sehr an Traditionen, mal geht sie zu sehr mit der Zeit.
Foto: B. Lindenthaler/imago
W äre sie nicht gewohnt, dass sich alles um nichts dreht, könnte einem Elisabeth Polaczy fast leid tun. Sie ist die Chefin des Teufelsrads, das seit Jahrzehnten Besucher des Oktoberfests belustigt. Ein Haufen Freiwilliger muss sich auf einer sich immer schneller drehenden Scheibe gegen die Fliehkraft stemmen. Ein großer Spaß – vor allem für die, die nur zuschauen. Doch jetzt steht Polaczy im Zentrum einer Sexismusdebatte.
Schuld daran sind vier weibliche Puppen, die auf einem Teufelsrad über dem Eingang für das Geschäft werben. Erst beschwerte sich die Gleichstellungsstelle der Stadt über die ihrer Meinung nach sexistischen und rassistischen Darstellungen. So zeigten die Damen zum Teil viel Haut, eine Hawaiianerin trug gar außer einem Rock lediglich eine Blumenkette. Als die Teufelsrad-Chefin die Puppen jetzt übermalen ließ, empörten sich aber wiederum diverse Rathauspolitiker und -politikerinnen.
Speziell die Wiesn-Stadträtin und die Zweite Bürgermeisterin, beides interessanterweise Grüne, sprachen von „übertriebener Prüderie“ und „Verhüllungsgebot“. Selig die Stadt, die keine anderen Probleme hat. Die überhitzte Diskussion ist nicht nur unnötig, sondern bezeichnend für eine immer stärker von Empörungen getriebene Gesellschaft. Während gerade auf der Wiesn nicht nur ausgelassene Fröhlichkeit herrscht, sondern sexuelle Übergriffe – wie auch das „Upskirting“ beim Teufelsrad –, Gewalt und Alkoholexzesse an der Tagesordnung sind, verkämpfen sich die Stadtoberen wegen des Dekolletés einer Puppe.
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Cancel-Culture, Sexismus, Tradition, Rassismus – die Totschlagargumente sind auf beiden Seiten griffbereit. So kämpfte vor vier Jahren sogar ein bayerischer Ministerpräsident – wenn auch wohl mehr mit Kalkül als mit Leidenschaft – für sein Recht, auf dem Oktoberfest eine „geile Puffmutter“ begrölen zu dürfen. Ein Rat an ihn und die, die sich so gern in solchen Debatten ergehen: Man muss nicht alles mit Verboten regeln. Aber man muss auch nicht alles tun, was nicht verboten ist.
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