Die SPD und ihre frühere Kernklientel: „Ich arbeite, ich liefere – das ist, was zählt“
Warum wenden sich immer mehr Arbeiter:innen der AfD zu, obwohl deren Politik ihnen schadet? Ein Blick eine Kleidungsfabrik in Rheinland-Pfalz.
A uf den ersten Blick ist es unerklärlich. Bei der Landtagswahl in meiner Heimat Rheinland-Pfalz hat die AfD am stärksten unter Arbeiter:innen abgeschnitten. Dabei hilft den Arbeiter:innen eine rechtsextreme Politik garantiert nicht. Gleichzeitig laufen der SPD scharenweise die Arbeiter:innen davon. Während die SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Landesgeschichte einsteckte, konnte die AfD ihr Ergebnis verdoppeln.
Ich kenne die Menschen, die hinter diesem Trend stehen. Mein Vater arbeitet in einer Kleidungsfabrik in Rheinland-Pfalz. Einige seiner Kolleg:innen wählen AfD. Es ist eine irrationale Wahlentscheidung. Aber eine, die auf eigenen Erfahrungen beruht.
Da ist zum Beispiel ein junger Kollege meines Vaters: Er hat bei der letzten Bundestagswahl die SPD gewählt, bereut es jedoch in unserem Gespräch letzten Sommer. Er würde sich nun eindeutig für die AfD entscheiden. „Warum ihnen nicht eine Chance geben? Schlimmer kann es eh nicht mehr werden“, sagte er mir. Hoffnung, dass sich durch gemeinsames Anpacken etwas verändern könnte? Fehlanzeige. Stattdessen dominiert in der Fabrik eine fatalistische Abstiegsangst.
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Laut einer aktuellen ARD-Umfrage glauben 71 Prozent der Befragten nicht mehr, dass die SPD eindeutig auf der Seite der Arbeitnehmer:innen steht.
Rechtes Erfolgsrezept
Was daraus folgt? Manche nehmen diese Trends als Antrieb für eine härtere Gangart gegenüber Sozialhilfeempfänger:innen und Migrant:innen. Und genau das ist das Erfolgsrezept der AfD, Tugenden wie Fleiß und Leistungsbereitschaft anzusprechen – genau jene, die Arbeiter:innen für sich beanspruchen. Es ist ihr Weg, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten.
Ja, die Kolleg:innen meines Vaters stören sich an Menschen, die aus ihrer Sicht nur beziehen und nichts leisten. „Ich habe nie einen Cent an Sozialleistungen genommen. Ich arbeite, ich liefere – das ist, was zählt“, sagt mir einer von ihnen.
Aber dass sie ihre Abneigung nach unten richten, hat viel damit zu tun, dass sie nach oben erfolglos waren, Anerkennung für sich zu erkämpfen: Niederlagen bei Lohnverhandlungen gegenüber dem Fabrikbesitzer, ein Management, das Arbeitsprozesse verändert, ohne die Arbeiter:innen mit ihren Erfahrungen zu beteiligen, oder auch eine simple und dennoch ungehörte Forderung nach einer Klimaanlage in der Produktionshalle für Hitzetage.
Aus ihren Berichten verstehe ich: Jede dieser Niederlagen versagt ihnen ein Stück gesellschaftliche Anerkennung. Jahrzehntelange gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen hatten ihre Verhandlungsposition als Gruppe geschwächt.
Schwache Gewerkschaften
Und Eliten in Politik und Verbänden tragen auch Schuld daran: Im Betrieb meines Vaters entstand die kollektive Schwäche auch durch den großflächigen Einsatz von Zeitarbeiter:innen, die oft gehen, kurz nachdem sie kamen – politisch ermöglicht durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts zu Beginn der 2000er Jahre. Entsprechend sind nur wenige in dieser Fabrik Gewerkschaftsmitglied, die Gewerkschaften können so kaum Schlagkraft entwickeln.
Wie stünde die SPD nun eindeutig an der Seite meines Vaters und seiner Kolleg:innen? Indem sie Bedingungen schafft, unter denen Arbeiter:innen die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt zu ihren Gunsten ändern können. Es wäre ein Anfang, prekäre Beschäftigungsverhältnisse abzuschaffen und eine stärkere Mitsprache im Betrieb zu ermöglichen. Um sich anerkannt zu fühlen, brauchen Arbeiter:innen ihren Blick dann nicht mehr nach unten zu richten.
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