Corona-Exit in Kitas und Schulen: Unlogisch und unverantwortlich!

Wissenschaftler:innen der Leopoldina empfehlen, Schulen demnächst wieder zu öffnen. Das wäre aber zu früh.

Ein kleines Mädchen von hinten, sie hält einen gelben Gummiball über ihren Kopf, dessen aufgemaltes, lächelndes Gesicht zeigt nach unten

Leider kein guter Vorschlag: die Kitas jetzt schon wieder zu öffnen Foto: Jens Büttner/dpa

Zugegeben: Es ist eine Steilvorlage für zynische Kommentare, wenn eine Arbeitsgruppe aus 24 Männern und 2 Frauen empfiehlt, die Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen zu halten – die baldige Wiederöffnung von Läden und Gasthäusern hingegen für unbedenklich hält. Den Wissenschaftler:innen der Nationalen Akademie Leopoldina, die am Montag in einer Ad-hoc-Stellungnahme einen möglichen Corona-Exit-Fahrplan skizziert haben, scheint offenbar entgangen (oder gleichgültig) zu sein, welchem der beiden Elternteile diese Empfehlung eine bis zu dreimonatige Zwangspause im Beruf bescheren dürfte. Entsprechend ist die Stimmung im Netz.

Dabei ist die Argumentation der Leopoldina gegen baldige Kitaöffnungen durchaus stichhaltig. Kleine Kinder halten sich nicht an Abstände und Hygienevorschriften, also ist eine Öffnung von Horten und Kindertagesstätten – gesamtgesellschaftlich – unverantwortlich. Umso verwunderlicher ist es, dass dasselbe Argument bei den älteren Kitakindern (fünf bis sechs Jahre) und bei den Grundschüler:innen plötzlich keine Rolle mehr spielt.

Die nämlich sollen baldmöglichst wieder unterrichtet werden, zwar in kleineren Gruppen, zeitversetzt und mit Mund-Nasen-Schutz. Wie das aber – allein personell – umgesetzt werden soll, bleibt das Geheimnis der Leopoldina. Zumal auch schwer vorstellbar ist, dass eine Klasse mit „nur“ 15 Drittklässler:innen auch nur eine Stunde den gebotenen Abstand wahren könnte.

Paradoxerweise sollen dafür ältere Schüler:innen und Studierende, die sich sehr wohl an entsprechende Schutzregeln halten können, zunächst weiter zu Hause lernen, Studierende sogar noch das ganze Sommersemester über. Logischer wäre es genau andersherum: Zunächst sollten die weiterführenden Schulen öffnen, dann die Grundschulen und zum Schluss die Kitas. Sinnvoll ist aber auch das nicht. Die richtige Empfehlung wäre, bei den momentanen Infektionszahlen alle Schulen weiter geschlossen zu halten.

Muss ein Jugendlicher ernsthaft selbst abwägen, ob er die Schule schwänzen oder seinen Vater in Lebensgefahr bringen möchte?

Denn wie viele Schüler:innen, Lehrer:innen, Eltern und Großeltern zur Risikogruppe gehören, ist den Behörden gar nicht bekannt. Und selbst wenn sich das schnell ermitteln ließe: Muss ein Jugendlicher ernsthaft selbst abwägen, ob er die Schule schwänzen oder seinen Vater in Lebensgefahr bringen möchte? Wenn die Schulen jetzt wieder öffnen, dürften eigentlich nur mehr die kommen, die wirklich niemanden gefährden können. Allein diese Benachteiligung verbietet eine rasche Wiedereröffnung der Schulen.

Man kann also nur hoffen, dass sich die Ministerpräsident:innen, die am Mittwoch mit Kanzlerin Merkel über erste Corona-Lockerungen beraten, nicht den Empfehlungen der Akademie für den Bildungsbereich folgen. Das jedoch muss man befürchten. Zumindest sprach Bildungsministerin Anja Karliczek von einer „exzellenten Beratungsgrundlage“ für die anstehenden Bund-Länder-Gespräche. Auch wenn sich die Länder selbst bisher mit Ankündigungen, was nach dem 19. April passiert, bedeckt halten.

Wahrscheinlich läuft es wie vor den flächendeckenden Schulschließungen im März: Die Länder konferieren und einigen sich – Stichwort Abiturprüfungen – auf ein gemeinsames Vorgehen, und dann macht jedes Land, was es für richtig hält.

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Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.

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