Erste Schulen öffnen trotz Corona wieder: Unterricht mit Mundschutz und Seife

Schwarz-Gelb hat in Nordrhein-Westfalen eine schnelle Öffnung der Schulen durchgedrückt – trotz massiver Proteste.

Ein Schüler mit Mundschutz bei einer Prüfung.

Die neue Normalität an den Schulen Foto: Jonas Güttler/dpa

BOCHUM taz | Christiane Künhaupt, Vize-Schulleiterin des Elly-Heuss-Knapp-Berufskollegs in Düsseldorf, hat vier Tage voller Stress und Angst hinter sich. „Ich habe schlecht geschlafen“, erzählt die 52-Jährige am ersten Tag der vorsichtigen Schulöffnungen in Nordrhein-Westfalen. 3.000 Schü­le­r*innen hat das Kolleg, das 42 Bildungsgänge bis zum Abitur anbietet. Am Donnerstag geladen waren rund 500, für die in wenigen Wochen Prüfungen anstehen. „Von denen sind 75 bis 80 Prozent da“, schätzt Künhaupt am Donnerstagmorgen – ich hätte mit weniger gerechnet.“

Viele Jugendliche haben dieselben Sorgen wie die stellvertretende Schulleiterin selbst: Wie groß ist das Infektionsrisiko, wenn nach sechseinhalb Wochen Corona-Isolation und Fernuntericht die Schule wieder beginnt? Können Abstandsregeln eingehalten, Ansteckungen vermieden werden? „Besonders vor der U-Bahn gab es sehr viel Angst“, sagt Künhaupt.

Das Berufskolleg hat deshalb vorgesorgt. Nur mit Maske darf die Schule betreten werden, hat das Lehrer*innenkollegium beschlossen. „Wir bilden auch Maßschneiderinnen und Maßschneider aus, haben deshalb viele Nähmaschinen“, erklärt Katja Frech, Lehrerin für Deutsch und Gestaltung. 360 Masken haben die Schüler*innen zum Selbstschutz genäht.

Das Kolleg ist damit plötzlich Vorreiter: Am Mittwoch hat Nordrhein-Westfalens schwarz-gelbe ­Landesregierung auf Druck der Öffentlichkeit und von Virolog*innen eine Maskenpflicht verkündet, die ab kommenden Montag auch in öffentlichen Gebäuden gelten soll. „Am späten Mittwochnachmittag sind dann auf einmal 2.000 Masken bei uns angekommen“, sagt Vize-Schulchefin Künhaupt. Noch am Dienstag habe sie die Lage dagegen als „katastrophal“ eingeschätzt – selbst Seifenspender und Handtuchhalter, Voraussetzung für die von FDP-Landesschulministerin Yvonne Gebauer angemahnten Hygieneregeln, hätten da noch gefehlt.

Schnell zurück zur Normalität

Gebauer und CDU-Ministerpräsident Armin Laschet haben die Schulen unter massiven Zeitdruck gestellt. Laschet will im Kampf um die Kanzlerkandidatur schnellstmöglich zurück zu einer „verantwortungsvollen Normalität“. Und Gebauer folgt ihrem Bundesparteichef Christian Lindner, der für ein schnelles Ende der Coronabeschränkungen trommelt. Von der Verabredung der Länderchefs mit Kanzlerin Angela Merkel, die Schulen erst am 4. Mai wieder zu öffnen, wollten deshalb beide nichts wissen. Gebauer verkündete am Samstagabend per Mail, dass es ab Donnerstag wieder losgeht.

Heftige Kritik kam vom Städtetag. Für Corona-Schutzstandards bräuchten die Schulträger mindestens eine Woche, polterte der CDU-Vorsitzende des NRW-Städtetages, Thomas Hunsteger-Petermann.

Aber auch Leh­re­r*in­nen­ver­bän­de und die Opposition sind skeptisch. Im Internet kursieren Aufrufe zum Schulboykott. „Wut und Frust“ herrsche an den Schulen angesichts fehlenden Gesundheitsschutzes, sagt etwa Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft GEW. Von „mangelhafter Vorbereitung“ spricht die SPD – offenbar sind längst nicht alle Schulen mit Seife und Desinfektion ausgestattet.

Zweifel bleiben

„Wir riskieren steigende Infektionszahlen“, warnt etwa Sigrid Beer, schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag. Abschlüsse sollten auf Basis der bisherigen Durchschnittsnoten vergeben werden, fordert Beer deshalb – schließlich gehörten auch viele Lehrer*innen zur Risikogruppe.

„25 Prozent unserer Lehrerinnen und Lehrer werden aus gesundheitlichen Gründen ausfallen“, schätzt auch Christiane Künhaupt. Zwar sei sie „superglücklich“, dass der erste Schultag gut gelaufen sei: „Alle waren sehr diszipliniert.“

Wie ein regulärer Unterricht ab dem 4. Mai aussehen soll, stehe aber in den Sternen: Dann tauchen statt 350 wieder 2.000 Schüler*innen auf. Und die Klassen müssten auch noch geteilt werden, um den Corona-Abstandsregeln zu genügen, rechnet Künhaupt vor. „Ob wir die massive Mehrarbeit schaffen“, sagt die Vize-Schulleiterin, „weiß ich nicht.“

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