Betrug bei Masernimpfungen in Bayern: Das Ende des Kollektivs
In Bayern sollen 27 Arztpraxen falsche Impfnachweise ausgestellt haben. Das zeugt von einer Individualisierung, deren Opfer lediglich als Kollateralschaden gelten.
S eit 2020 gilt die Masern-Impfpflicht in Deutschland. Befreit sind nur jene Kinder, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Seither steigt die Zahl gefälschter Impfnachweise und falscher Impfbefreiungen. Laut einer Recherche von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung haben Gesundheitsämter in Bayern 27 Arztpraxen ausgemacht, die falsche Atteste ausstellen oder sogar Impfpässe manipulieren. Die Dunkelziffer sei hoch, heißt es in den Berichten, weil es kaum wirksame Kontrollen gäbe.
Es scheint, als hätten die westlichen Gesellschaften aus der Pandemie genau das Falsche gelernt: Kollektive Lösungen zur Verhinderung persönlichen Leides sind immer schwieriger zu vermitteln. Stattdessen tobt in einer zunehmenden Anzahl von Köpfen die Idee des Kampfes aller gegen alle. Und in der Logik muss das Schwache, Schützenswerte immer das Andere sein.
Die Impfskepsis ist da nur ein Symptom des allgemeinen Verfalls einer Idee von Gesellschaft, in der jeder Mensch einen Platz hat. Sie folgt dem, was Thomas Ebermann die „Ideologie des Kollateralschadens“ genannt hat; folgt auch auf eine psychische Verfasstheit, die nicht wahrhaben kann, dass man selbst (oder das eigene Kind) ganz konkret dieser Kollateralschaden sein könnte.
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Mehr Impfskepsis seit Corona
Und diese Verdrängung ist insofern nachvollziehbar, als ja tatsächlich aus der Mitte der Gesellschaft mit Verachtung oder gar Hass auf alles vermeintlich Schwache, das heißt auf andere Angewiesene, geblickt wird: Zu dem Geschrepp dazuzugehören, dessen Kinder an so was wie Masern sterben könnten, darf gar nicht aufscheinen am Gedankenhorizont. Sich einzugestehen, auf andere angewiesen zu sein, scheint im aktuellen gesellschaftlichen Kontext beängstigender als eine schwere Schädigung – ob vorübergehend oder dauerhaft – des eigenen Körpers.
Seit Beginn der Covid-Pandemie hat die Impfskepsis in Deutschland deutlich zugenommen. Laut Ipsos Health Service Report 2025 befürworten nur noch die Hälfte aller Deutschen eine Impfpflicht bei ernsthaften Infektionskrankheiten, ein Viertel ist strikt dagegen. Über deren Motivation wird jetzt zunehmend geforscht: Religiöse Gründe sind ein Faktor, aber auch mangelnder Glaube an die Wirksamkeit und eine Angst vor Nebenwirkungen.
Dabei sind die Fakten eindeutig. Masern sind eine hochansteckende Infektionskrankheit, die besonders für Kinder gefährlich ist. Von den 2025 europaweit 23 an Masern gestorbenen Menschen waren 14 jünger als fünf Jahre. Die geringe Zahl an Todesopfern in Europa liegt allein an der Impfung. Der Impfstoff wurde 1963 entwickelt, davor traten laut WHO Masernepidemien alle zwei bis drei Jahre auf. Die WHO schätzt auch, dass durch die Immunisierung zwischen 2000 und 2022 57 Millionen Todesfälle weltweit verhindert werden konnten.
Pflichtimpfung nur beschränkt erfolgreich
Wohin zu geringe Impfquoten führen, kann gerade live in den USA nachvollzogen werden, die die schlimmste Masernepidemie seit über 30 Jahren erleben. Für 2025 wurden landesweit 2.281 Fälle gemeldet, dieses Jahr sind es laut dem Tracker der Johns Hopkins University bereits 1.099. Noch im Jahr 2000 waren Masern in den USA für ausgerottet erklärt worden. Angesichts dieser Zahlen hat selbst der Gesundheitsminister der USA, Robert F. Kennedy jr. zur Impfung geraten, also ebenjener Mann, der einmal sagte, er selbst habe keine Angst vor Keimen, weil er früher Kokain von Klobrillen gezogen habe.
Die Pflichtimpfung scheint in Deutschland nur beschränkt Erfolge zu bringen. Zwar lagen die Infektionsfälle von 2020 bis 2023 deutlich unter dem Niveau der Jahre zuvor, aber das scheint auch ein Effekt der Schutzmaßnahmen gegen die Covid-Pandemie gewesen zu sein. Seitdem liegen die Fallzahlen leicht unter dem Niveau der Jahre vor Einführung der Masernimpfpflicht. Für 2024 sind das 645 Fälle.
Es ist etwas Tragikomisches daran, dass sich viele Impfskeptiker*innen selbst als kritisch und hinterfragend sehen, aber – wie in diesem Fall in Bayern – völlig unreflektiert nur einem Affekt folgen; insbesondere deswegen, weil dieser Affekt die Wahrscheinlichkeit drastisch erhöht, dass sie selbst hilfebedürftiger werden, als es gesellschaftlich akzeptiert ist. Dabei ist es schon eine zivilisatorische Kapitulationserklärung, dass es eine Masernimpfpflicht überhaupt braucht.
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