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Krieg in NahostHaben wir verloren?

Die Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung hat schmerzlich wenig erreicht. Darüber zu sprechen, ist nicht das Gleiche wie Resignation.

H aben wir verloren? Die Frage mag anmaßend klingen. Denn wer, bitteschön, soll dieses Wir sein? Ich meine alle, die sich in den vergangenen drei Jahren bemüht haben, palästinensisches Leid in Deutschland sichtbarer zu machen, in der Hoffnung, dies werde Folgen haben, humanitär und politisch. Das ist die denkbar breiteste Definition. Dennoch soll sich hier niemand zwangsintegriert fühlen. Meine Überlegungen sind das Resultat einer gewissen Verzweiflung – und vielleicht kann eine nüchterne Bilanz dazu beitragen, Auswege zu finden.

Die Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung hat schmerzlich wenig erreicht. Darüber zu sprechen, ist kein Defätismus. Und ob sich gewisse andere dabei die Hände reiben, interessiert mich nicht. Wir haben das gesellschaftliche Bewusstsein verändern können, aber nicht das Handeln der politischen Klasse. Und vieles ist statt besser schlimmer geworden. Die Menschen in Gaza verbringen nun schon den dritten Sommer in ofenheißen Zelten, umgeben von Trümmern und Unrat, zusammengedrängt auf einem Drittel ihres einstigen Territoriums. Israel verweigert alles, was Erleichterung verschaffen könnte, und die deutsche Politik steht – grosso modo – an Israels Seite.

Die Mehrheit der Deutschen lehnt Israels Unrechtspolitik ab, ein passiver Dissens, ohne Bewusstsein für die deutsche – und damit die eigene – Mitverantwortung. Die Zahl prominenter Stimmen, die das Massensterben und die Strangulierung palästinensischen Lebens als Genozid verurteilen, ist kaum gestiegen, obwohl sich alle relevanten internationalen Menschenrechtsorganisationen nach und nach dem Befund Völkermord anschlossen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

In immer schnellerer Folge treffen alarmierende Aufrufe israelischer Menschenrechtsaktivisten ein, die mit den Worten beginnen: „Urgent call to the international community …“ Jeder neue Appell, Siedlerterror und Armeegewalt im Westjordanland Einhalt zu gebieten, fällt wie Flaschenpost in ein Meer der Teilnahmslosigkeit. Als Deutsche, als Europäerin sitzt man da und schämt sich stellvertretend für die Untätigkeit derer, die handeln könnten.

Erschöpft sich in der braven Nicht-Erregung deutsche Zivilisiertheit?

Statt die Nahostpolitik völkerrechtskonform neu auszurichten, wie es die Mehrzahl hiesiger Nahostexperten fordert, hat sich die Bundesregierung noch enger an ein zunehmend rechtsextrem agierendes Israel gebunden, durch große Rüstungsgeschäfte und den Cybersicherheitspakt. Die Bundesregierung trägt so zu jener Straflosigkeit bei, die Israel paradoxerweise zusätzliche Macht verleiht – für fortgesetzt neue Verstöße gegen internationales Recht. Damit ist Deutschland in einer Rolle, in die es gerade vor dem Hintergrund seiner Geschichte niemals hätte kommen dürfen.

Dreiste Deutsch-Dummheit

Nach einem meiner Vorträge bedankte sich die Leiterin einer Bildungseinrichtung, weil es „so zivilisiert“ zugegangen sei – niemand hatte geschrien oder den Saal verlassen. Erschöpft sich in der braven Nicht-Erregung deutsche Zivilisiertheit? Das liberale Establishment liebt die Sekundärtugenden, wenn es eigentlich um die Primärtugend, die ethische Substanz eigenen Handelns geht. Am schwersten zu ertragen ist die dreist auftretende Deutsch-Dummheit, wie jüngst in Gestalt der CDU-Generalin Franziska Hoppermann, die ohne jegliche Expertise in der Sache trötet, für ihre Partei existiere kein Völkermord in Gaza.

Die Dummdreisten können einfach losbehaupten, sie ficht kein Zweifel an, denn sie spüren nicht, wie klein sie selbst sind gegenüber der Größe des Leids, über das sie wegschwadronieren.

Anstatt zu fragen, ob wir verloren haben, wäre es vielleicht besser zu fragen, was verloren hat, was auf der Strecke geblieben ist? Bei mir ist es die Hoffnung in ein Minimum an Humanität. Binnen dreier Jahre durften gerade einmal zwei – in Worten zwei! – schwerverletzte Kinder aus Gaza zur Behandlung in Deutschland einreisen. Mehr würden, ach, unsere Sicherheit gefährden. Was tun wir uns an mit dieser Vorstellung von Sicherheit? Die moralische Selbstbeschädigung, über die ich immer wieder geschrieben habe – sie bekümmert einfach nicht.

Verloren ging das Vertrauen in die Wirkung des Wortes. Bedrückender als ein durch Canceln erzwungenes Schweigen ist mittlerweile das folgenlose Sprechen. Ein Schwall von Plädoyers, Dokumentationen, Berichten, Videos, Podcasts ergießt sich Woche für Woche, prallt gegen eine unsichtbare Barriere – und versickert. „Niemals waren wir sichtbarer, lesbarer, gegenwärtiger im Diskurs der Welt. Und doch geht die Vernichtung weiter“, schreibt der palästinensische Intellektuelle Abdaljawad Omar. „Bei westlichen Institutionen hat das Ausmaß an Beweisen nicht etwa eine Krise des Gewissens bewirkt, sondern im Gegenteil Übersättigung und den Wunsch, dies alles hinter sich zu lassen.“

Erinnerungskultur jenseits autoritärer Staatsräson

Gewiss: In den vergangenen drei Jahren sind zahllose gute Initiativen, Projekte und Bündnisse entstanden, die gleiche Rechte für alle in Israel-Palästina zusammendenken und eine Erinnerungskultur jenseits der autoritären Staatsraison erschaffen. Solche Prozesse haben ihren eigenen Wert. Doch ab welchem Grad an politischer Wirkungslosigkeit ist die Grenze zur puren Selbsttröstung überschritten? Tröstung darin zu finden, dass man sich der eigenen Humanität versichert, ist nicht verwerflich. Nur hilft es der Mutter in den Trümmern von Gaza wenig.

Haben wir Fehler gemacht? Gewiss. Die Bewegung war, bitte ankreuzen, zu radikal, zu zahm, zu laut, zu leise, zu zersplittert … Aber keine dieser Schwächen, kein Versäumnis war entscheidend für die deprimierende Bilanz von so viel Bemühen. Entscheidend war und ist die Liturgie der Verweigerung und der Gewissenlosigkeit auf Seiten jener, an die wir appellierten. Was daraus folgt? In Mut- und Tatenlosigkeit zu versinken, ist keine Option. Aber es scheint Zeit für einen kollektiven Reflexionsprozess und für neue Strategien.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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11 Kommentare

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  • emil wap

    Von einem Nachbar so wahrgenommen.



    Deutschland ist nicht reif.



    Deutschland ist nicht reif für die Demokratie.



    16 Jahre CDU hat die Infrastruktur verlottern lassen.



    Ein top Politiker der CDU darf ungestraft Kaja Kallas Antisemitismus vorwerfen. Der gleiche Politiker erscheint regelmässig in TV Diskussionen.



    Vor wichtigen Wahlen ist das eine nationale Katastrophe. Die CDU ist nicht wählbar.



    Deutschland war nicht reif den selber verursachten Völkermord zu beenden.



    Deutschland ist nicht reif den aktuellen Völkermord zu erkennen. Gnade der späten Geburt?



    Schlechte Prognose.

  • HRMe

    Vielen Dank für diesen Artikel, der die Frage, die viele von uns umtreibt, klug darlegt. Frau Hoppermann und mit ihr leider die ganze Bundesregierung missachten in Sachen Israel/Palästina permanent und wissentlich das Grundgesetz, Art 1 (1).

    Aber Resignatio ist (mit Gottfried Keller) keine schöne Gegend.

  • Tilman Schwinn

    Den Umgang Israels mit den Palästinensern habe ich immer als indiskutabel apartheidsähnlich angesehen, trotzdem habe ich das Existenzrecht Israels nie infrage gestellt. Als nach dem unfassbaren



    Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 große Teile der öffentlichen Unterstützer auf die Linie der Hamas eingeschwenkt sind, habe ich mich trotz der nahe am Genozid liegenden Aktionen Israels von der ganzen Angelegenheit abgewandt. Die Gegner sind einander würdig.

    • Aloisia

      @Tilman Schwinn:

      Wow! "Die Gegner sind einander würdig." Auf der einen Seite EIN wirklich unfassbarer Überfall, auf der anderen Seite fast vier Jahre lang tagtägliche militärische Gewalt eines hochgerüsteten Staates gegen die von ihm okkupierte Bevölkerung, mit unzähligen Toten, Verstümmelten, Traumatisierten.

      Sie und viele andere, die hier posten, bestätigen, wie auch die deutschen Politiker*innen von van der Leyen und Merz abwärts den Befund der Autorin. Meist ohne Sachkenntnis und ohne Mitgefühl, aber immer in der wohligen Überzeugung auf der richtigen Seite zu stehen...

      Als Österreicherin habe ich immer gedacht, "die Deutschen" hätten mehr aus unserer Vergangenheit gelernt. Jetzt zeigt sich, dass das nicht stimmt. Ihr seid genauso ein Punschkrapferl wie wir - außen rosa, innen ordentlich braun. Einziger Unterschied: Deutschland kann aufgrund seiner Größe viel größeren Schaden anrichten.

  • Chris McZott

    Der größte Fehler ist das Unvermögen sich von den dominanten palästinensischen Akteuren abzugrenzen. So sehr ich die inhumane isrealische Besatzungs- und Siedlungspolitik ablehne, so sehr lehne ich auch die palästinensischen Vertreter ab. Nicht nur die faschistische Hamas, auch die moderateren Parteien sind mindestens so rechtsradikal wie Netanjahu. Im Zweifel sind die meisten Deutschen (zurecht) immer gegen Islamisten. Deren Ziele sind (potentiell) global, während der Zionismus keine Gefahr für Deutschland darstellt.



    Es ist der Bewegung nicht gelungen, eine demokratische, geschweige denn links-progressive, Alternativen aufzubauen.

    Dazu kommen weitere Widersprüche. Man kann das "Staatsräson/historische Verantwortung"-Argument gerne kritisieren (ich bin selbst ein Gegner), aber dann darf man genau diesem Konflikt nicht selbst so eine überhöhte Bedeutung beimessen. Es gab und gibt andere und z.T. schwerwiegende Kriege/humanitäre Krisen.



    Dass die palästinensischen Anliegen klassisch nationalistisch sind, wird auch ignoriert. Ich habe auch noch keine Verzichtsaufforderungen an die Hamas etc. gehört, anders als zum Beispiel im Fall der Ukraine (Israel ist Atommacht!!)...

  • Pawel_ko

    „so zivilisiert“ zugegangen sei – niemand hatte geschrien..."

    Freut mich aufrichtig für IHREN Vortrag. So sollte es abed füf jeden sein. Seit dem 7. Oktober 2023 kam es an mehreren deutschen Hochschulen zu Konflikten zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen. Pro-israelische Kundgebungen wurden teilweise durch lautstarke Gegenproteste, Blockaden oder direkte Konfrontationen gestört. Besonders an Universitäten in Berlin, Hamburg, Kassel und anderen Städten kam es zu angespannten Situationen. Dabei reicht das Spektrum von zulässigem Gegenprotest bis hin zu Bedrohungen, körperlichen Auseinandersetzungen und antisemitischen Vorfällen.

    Und vielleicht, nur vielleicht, reicht das der stillen Mehrheit. Es reicht, dass Unis mit Hamas-Dreiecken beschmiert werden. Jüdische Kommilitonen halb tot geprügelt werden. Die antisemitischen Vorfälle sind auf einem Höchststand in Deutschland.

    Die Opferrohle für sich zu beanspruchen bei zahlreichen Tätern in den eigenen Reihen empfinden viele wahrscheinlich als recht heuchlerisch.

  • Brückentechnik1058

    Brava! "Kommt und seht" sagt das Kairos-Dokument. Es gibt so viele Organisationen, die seit Jahren darüber berichten; allein das Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel gibt es seit 2002. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Man kann sich aber auch die Ohren zuhalten wie Frau Hoppermann, die mit Sicherheit nie dort war. Wie kann man als Katholikin die Botschaft Jesu so verdrehen?

    • rero

      @Brückentechnik1058:

      Was wollen Sie denn mit Jesus da?

      Der hat ja zu Völkermord nun gar nichts gesagt.

      Außerdem war Frau Hoppermann ja nicht zum Missionieren da.

      Darüber hinaus ist es ja ein Faktum, dass für die CDU in Gaza bisher kein Völkermord an den Palästinensern vorliegt.

      Um die Linie der eigenen Partei kennen, braucht man keine Expertise im Nahostkonflikt.

  • Anne E

    ..nun ja, solang man mit jeglicher Kritik am Staat Israel (Kontext 'Recht auf Leben') oder der Siedlungpolitik in den besetzten Gebieten... einfach als Antisemit abgestraft wird...haben wir verloren und (meiner begrenzten Meinung nach) in keinster Weise unsere Verantwortung ggü. den Menschenrechten nach '45 erbracht. Wenn Mensch diese Rechte annimmt und fundamentalisiert, dann darf es keine Rolle spielen, um welches Land oder welche Menschengruppe es sich handelt. Wir ALLE sind die gleichen Menschen, haben die GLEICHEN Rechte und Pflichten!

    • rero

      @Anne E:

      Da man für Kritik an der Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten oder einfach an Politik der israelischen Regierung nicht als Antisemit abgestempelt wird, haben „wir“ nicht verloren und Sie können sich entspannt zurücklehnen.

      An den gleichen Rechten und Pflichten fehlt es halt manchmal bei der Israelkritik.

      Dann rutscht sie unter Umständen ins Antisemitische.

  • aujau

    Mitverantwortung für die deutsche Regierungspolitik gegenüber Israel und Israels Politik hört sich sehr nach Schuldvorwurf an. Sind wir dann auch für die Unterstützung der Hamas per Entwicklungshilfe mitverantwortlich bzw mit Schuld? Warum haben dann die jahrzehntelangen Streitereien innerhalb der Linken so wenig Einfluss auf die Lage im Nahostkonflikt?