Humanitäre Lage im Gazastreifen: Ein getötetes Kind pro Tag
Gab es im Gazastreifen nie eine Hungersnot? Israels Regierung führt einen UNICEF-Bericht an, um das zu behaupten. Das Kinderhilfswerk widerspricht.
Foto: Dawoud Abu Alkas/reuters
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, hat Fortschritte im Kampf gegen Hunger im Gazastreifen vermeldet: Die Ernährungssicherheit für Kinder habe sich seit Beginn der sogenannten Waffenruhe verbessert, gab es kürzlich in einer Pressemitteilung bekannt. Die israelische Regierung nahm das als Beleg dafür, dass es im Gazastreifen nie eine Hungersnot gegeben habe.
Auf X verbreitete Israels Außenministerium vorige Woche eine Karte der Region und schrieb dazu, dass es im Küstenstreifen laut einem UNICEF-Bericht kaum Mangelernährung gebe – sogar weniger als in Nachbarländern wie Ägypten und Jordanien sowie Syrien und dem Irak, die auf der Karte in Gelb und Rot eingezeichnet waren. Israels UN-Botschafter Danny Danon schrieb triumphierend, selbst UN-Organisationen würden inzwischen einräumen, dass es im Gazastreifen nie eine Hungersnot gegeben habe. Viele israelische Medien berichteten darüber, auch die Jüdische Allgemeine griff die Geschichte auf.
Das Kinderhilfswerk widerspricht: „Die jüngste Erhebung zur Ernährungssicherheit im Gazastreifen bildet die Lage Mitte 2026 ab“, betont UNICEF-Sprecherin Christine Kahmann – das sei mehr als neun Monate, nachdem die Vereinten Nationen im August 2025 anhand der IPC-Skala (Integrated Food Security Phase Classification) dort eine Hungersnot festgestellt hätten, bald darauf eine Waffenruhe in Kraft getreten und daraufhin die humanitäre Hilfe erheblich ausgeweitet worden sei. „Diese Erhebung sagt nichts darüber aus, wie die Lage im August 2025 war“, sagt Kahmann der taz. „Damals wurde eine Hungersnot festgestellt, und die akute Mangelernährung bei Kindern ist seitdem zurückgegangen. Diese Verbesserung ist Folge der in der Zwischenzeit geleisteten Hilfe – und kein Beleg dafür, dass sie nicht notwendig gewesen wäre.“
Die Lage im Gazastreifen ist weiter prekär
Die Herausforderungen seien noch immer enorm, so UNICEF. „Im Gazastreifen ringen Kinder weiter um Sicherheit und ihr Überleben“, betont das UN-Hilfswerk. Die Menschen lebten nun zusammengedrängt auf etwa einem Drittel des ursprünglichen Gebiets und inmitten zerstörter Gebäude, Trümmer und angehäuftem Müll. Obwohl sich die Situation leicht verbessert habe, seien noch immer schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen – also zwei Drittel der Bevölkerung des Gazastreifens – laut IPC von akuter Ernährungsunsicherheit auf Krisenniveau oder schlimmer betroffen. Etwa 212.000 Menschen befänden sich weiterhin in einer akuten Notlage, und rund 74.000 Kinder müssten voraussichtlich wegen akuter Mangelernährung behandelt werden, so UNICEF.
Insgesamt seien etwa eine Million Kinder auf humanitäre Hilfe angewiesen: „Sie leiden weiter an Hunger, Krankheiten, verunreinigtem Wasser und beschädigten Sanitäranlagen.“ Nach wie vor halte Israel mit dem Grenzübergang Kerem Shalom/Abu Salem nur einen Weg in den Gazastreifen offen. „Dadurch bleibt die Einfuhr lebenswichtiger Güter, die für den Wiederaufbau gebraucht werden, begrenzt“, so UNICEF.
Schlimmer noch: die israelischen Angriffe gehen trotz der Freilassung der Geiseln durch die Hamas weiter. In der vergangenen Woche machte das UN-Kinderhilfswerk darauf aufmerksam, dass seit der Verkündung der angeblichen Waffenruhe im Oktober 2025 im Gazastreifen Berichten zufolge in den vergangenen 300 Tagen mindestens 300 Kinder getötet wurden. „Das entspricht im Durchschnitt einem getöteten Kind pro Tag“, rechnete das Kinderhilfswerk vor. Die Kinder im Gazastreifen bräuchten weiterhin dringend Schutz, humanitäre Hilfe und langfristige Perspektiven. „Dazu gehören ein verlässlicher Zugang zu Gesundheit, Bildung und Schutz sowie ein Wiederaufbau, der ihr Wohl und ihre Rechte ins Zentrum rückt“, so UNICEF. Mehr als alles andere bräuchten sie aber erst einmal ein Ende der Gewalt.
Fehlerhafte Karte mit Nebenwirkungen
Die vom israelischen Außenministerium lancierte Behauptung, die Ernährungslage im Gazastreifen liege laut UNICEF im grünen Bereich, wurde von israelischen Stellen, proisraelischen Influencern und anderen Apologeten dankbar aufgenommen und im Netz eifrig weiter verbreitet. Die israelische Botschaft in Deutschland und Israels „Koordinierungsstelle für Regierungsaktivitäten in den besetzten Gebieten (COGAT)“, die dem israelischen Verteidigungsministerium untersteht, posteten die Karte, die Israels Außenministerium verbreitet hatte, auf X weiter und verbreiteten dessen Narrativ. Andere, darunter Ralf Fücks, der Ex-Chef der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung, und die HR-Journalistin Esther Shapira, griffen das zustimmend auf.
Der Tweet des israelischen Außenministeriums hatte aber auch noch ein unerwartetes diplomatisches Nachspiel. Die darin enthaltene Karte enthielt nämlich zahlreiche Fehler: Unter anderem fehlte ein Teil des Südlibanons, der einfach Israel angegliedert wurde. Der Libanon protestierte dagegen umgehend in Washington – laut der libanesischen Zeitung L’Orient Today soll sich Libanons Präsident Joseph Aoun sogar persönlich beschwert haben.
Israels Außenministerium hat seinen Tweet inzwischen gelöscht. Dennoch geistern die fehlerhafte Karte und die fabrizierten Behauptungen durch das Netz und werden von proisraelischen Accounts weiter verbreitet.
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