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Historiker Moshe Zimmermann über Israel„Deutschland kann Druck aufbauen“

Der Historiker Moshe Zimmermann kritisiert ein falsches Verständnis deutscher Staatsräson gegenüber Israels Regierung. Er fordert mehr Entschiedenheit.

taz: Herr Zimmermann, Israel erobert gerade Teile des libanesischen Staatsgebiets. Mit welchem Ziel?

Moshe Zimmermann: Israel hat schon zwei Mal versucht, mit Militär die Hisbollah im Libanon auszuschalten. Am Ende hat sich das israelische Militär zurückgezogen. Es spricht viel dafür, dass es diesmal wieder so kommen wird. Auch diese militärische Aktion führt nicht zum Ziel: Sicherheit für die israelische Bevölkerung, vor allem im Norden des Landes

taz: Netanjahu will die Hisbollah endgültig zerstören. Ist das realistisch?

Zimmermann: Netanjahus Ziel ist es, im Amt zu bleiben. Dem dient auch dieser Krieg. Die Hisbollah ist abhängig vom Iran und somit Teil des großen Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Wenn es eine Lösung gibt, dann wird sie politisch bewirkt, nicht vom israelischen Militär. Wenn dieser sinnlose Krieg weitergeht, wird er einen hohen Preis haben – nicht nur tote israelische Soldaten und unter Hisbollah-Beschuss geratenen Israelis im Norden des Landes, sondern auch die Zerstörung des Südens des Libanon und ein systematischer Angriff gegen die Zivilbevölkerung, nicht nur gegen Hisbollah-Kämpfer.

Im Interview: Moshe Zimmermann

Jahrgang 1943, ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und Experte für die Geschichte des Nationalismus, des Antisemitismus sowie der deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen. Zuletzt erschien 2026 auf Deutsch von ihm: „People gone mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört“.

taz: Ist dieser Krieg völkerrechtswidrig? Und sollte Deutschland dagegen protestieren?

Zimmermann: Ja, meines Erachtens ist er völkerrechtswidrig, so wie auch die Attacken der Hisbollah auf den Norden Israels völkerrechtswidrig sind. Die deutsche Regierung sollte gegen diesen Krieg vor allem protestieren, weil er keine Befriedung bringen wird. Zudem ist die blinde Unterstützung für Israels Vorgehen nachteilig für Deutschland, wie man bei der gescheiterten Bewerbung um einen Sitz im Sicherheitsrat sieht.

taz: Wie sollte Deutschland denn gegenüber Israel auftreten?

Zimmermann: Entschiedener. Die israelische Regierung muss verstehen, dass sie etwas zu verlieren hat.

taz: Sollte Deutschland keine Waffen mehr an Israel liefern?

Zimmermann: Das ist eher marginal. Israel bezieht die Waffen hauptsächlich aus den USA und produziert sie selbst.

taz: Was sollte Deutschland dann tun?

Zimmermann: Deutschland kann Druck aufbauen, um Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu ermöglichen. Das muss die Richtlinie deutscher Politik sein. Und das kann sie nur sein, wenn Deutschland nicht aus einer falschen verstandenen Deutung der Jahre 1933 bis 1945 und einer falsch verstandenen Staatsräson die israelische Regierung schonen will.

taz: Hat Deutschland, hat Europa überhaupt Einfluss auf Netanjahu?

Zimmermann: In Maßen ja. Der Handel mit der EU ist wichtig für die israelische Wirtschaft. Deutschland gibt viel Geld für die Palästinenser aus, das entlastet auch Israel. Politisch hat Europa beim Iran-Atom-Abkommen 2015 eine zentrale Rolle gespielt …

taz: … das Trump zerstört hat …

Zimmermann: … ja, aber trotzdem hat das Iranabkommen gezeigt, dass Europa ein Mitspieler sein kann, wenn es einig und mit einer klaren Agenda auftritt. Die EU muss bereit sein, Risiken einzugehen, um Israel zur Räson zu bringen.

taz: Etwa mit Wirtschaftssanktionen und der Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens?

Zimmermann: Sanktionen müssen gut überlegt sein und sollten möglichst nicht alle treffen, sondern Unterstützer der Siedlungspolitik.

taz: Die Diskussion um weitreichende Sanktionen gegen Israel wird in Deutschland regelmäßig mit dem Argument beendet, dass dies an die Nazi-Politik „Kauft nicht bei Juden“ erinnert.

Zimmermann: Das ist eine Gleichsetzung, die zeigt, dass man auch das Falsche aus der Geschichte lernen kann. Als am 1. April 1933 jüdische Geschäfte boykottiert wurden, gab es auch einen Boykott von Juden in aller Welt gegen Deutschland. Der Boykott der NS-Regierung gegen eigene Bürger war durch nichts zu rechtfertigen, der internationale Boykott gegen Deutschland sehr wohl, weil er dazu diente, auf die Zerstörung der Menschenrechte in Deutschland 1933 hinzuweisen. Es gibt legitime und nicht legitime Sanktionen und Boykotte. Druck auf die israelische Regierung auszuüben, um Frieden zu befördern, ist legitim.

taz: Dennoch: Wer wirksame Sanktionen oder Maßnahmen gegen Israel fordert, hört oft den Vorwurf, das sei verkleideter Antisemitismus. Leuchtet Ihnen das ein?

Zimmermann: Nein, nicht unbedingt. Das sind Floskeln, die oft benutzt werden, um die israelische Regierung vor Kritik zu schützen. In dieser Sicht bedeutet Staatsräson die Pflicht, Waffen an Israel zu liefern, und Kritik an dem Krieg in Gaza, im Libanon, im Westjordanland abzuwehren. Ich halte das für eine falsche Interpretation des Begriffs Staatsräson. Auch bringt dies das Risiko mit sich, dass die Öffentlichkeit und Wähler irgendwann eine radikale Wende um 180 Grad fordern könnten, die das Ende Israels einschließt. Das ist nichts, was ich mir wünsche.

taz: Boykottieren Sie Waren aus dem Golan und den illegal besetzten Gebieten im Westjordanland?

Zimmermann: Ich kaufe keine Produkte, die von Siedlern auf dem Golan oder in den besetzten Gebieten stammen. Das ist kein Verrat an meinem Volk, sondern ein Akt staatsbürgerlicher Anständigkeit.

taz: Wie steht es um die Demokratie in Israel?

Zimmermann: Schlecht! Die rechtsextreme Regierung in Israel betreibt in den besetzten Gebieten eine Politik der Verachtung der Menschenwürde und des internationalen Rechts. Und sie ist dabei, die Grundlagen der freiheitlichen Demokratie im Kernland Israel zu zerstören. Deutschland sollte, auch aus historischer Verantwortung, die Kräfte unterstützen, die für die freiheitliche Demokratie stehen, auch in Israel.

taz: Netanjahu zerstört die Demokratie in Israel?

Zimmermann: Eindeutig ja. Die Knesset soll mit einer numerischen Mehrheit alles entscheiden können, ohne Grenzen durch Justiz, Recht oder eine Verfassung. Die Regierung schüchtert Medien ein und grenzt arabische Israelis aus. Israel ist schon lange eine Art Avantgarde der globalen Entwicklung Richtung Abschaffung der freiheitlichen Demokratie.

taz: Viktor Orbán hat in Ungarn Medien und Justiz gleichgeschaltet – und wurde trotzdem abgewählt. Der Autoritarismus ist also, solange es Wahlen gibt, umkehrbar. Ist das keine gute Nachricht für Israel?

Zimmermann: Ich fürchte nein. Wenn Israel in der EU wäre, hätten wir größerer Chancen die antidemokratische Transformation zu stoppen. Die EU-Sanktionen gegen Orbán hatten ja Wirkungen. Man sollte nicht zu optimistisch sein. Trotz aller Freude über die Wahl in Ungarn müssen wir abwarten, ob die Re-Demokratisierung dort gelingt. In Polen wurde die PiS abgewählt, aber seit der Wahl des rechten Präsidenten sind die Reformen, die die Gewaltenteilung wiederherstellen sollen, zum Stillstand gekommen. Insofern zeigen Polen und Ungarn, dass wir die Zerstörung der Demokratie in Israel jetzt stoppen sollten und nicht warten, dass alles noch schlimmer wird. Zudem geben die USA, die die israelische Rechte früher zurückgepfiffen haben, ihr unter Trump freie Hand und nicht nur in der Außenpolitik.

taz: Für Netanjahu soll Israel ein modernes Sparta sein …

Zimmermann: … ein Super-Sparta, das militärisch stärker ist als alle Feinde – und fast die ganze Welt zum Feind hat. Dafür soll dieser Sparta-Staat wirtschaftlich autark sein.

taz: Hat das noch etwas mit dem zionistischen Projekt Israel zu tun?

Zimmermann: Ich hoffe, dass das zionistische Projekt, so wie es konzipiert war, als Ausdruck des jüdischen Anspruchs auf nationale Selbstbestimmung, wiederbelebbar ist. Aber man muss skeptisch sein. Nationalismus und Rassismus gibt es nicht erst, seitdem Rechtsextreme in der israelischen Regierung sind. Das ist das Ergebnis eines langen Prozesses.

taz: Ist dieses Antidemokratische und Rassistische aus der zionistischen Idee entstanden – oder ist es eine Deformation dieser Idee?

Zimmermann: Auf diese Frage gibt es nur eine dialektische Antwort. Der Zionismus war von Beginn an der Name der jüdischen Nationalbewegung, die wie die anderen Nationalbewegungen im Kern diesen Webfehler von Anfang an in sich trug. Andererseits waren diese Webfehler nicht dominant. Ich bin ein Schüler des Historikers Jacob Talmon, der diese Dialektik in seinem Buch „Die Ursprünge der totalitären Demokratie“ aufgezeigt hat. Die Französische Revolution schuf die freiheitliche Demokratie, aber auch den Terror, die totalitäre Demokratie. Vergleichbare Widersprüche gibt es auch im Zionismus – einerseits jene, die die Verständigung mit den Arabern gesucht haben, und andererseits die, die Konfrontation mit den Arabern suchten. Die Stimme der Erstgenannten wurde schon vor der Gründung Israels schwächer. Danach hat der Zionismus vornehmlich auf Waffen und Macht gesetzt.

taz: Der Historiker Tom Segev hat gesagt: Israel ist falsch abgebogen, als es 1967 das Westjordanland und Ostjerusalem nicht wieder geräumt hat. Sehen Sie das auch so?

Zimmermann: Ja, das war ein entscheidender Wendepunkt in die falsche Richtung. Israel hatte damals auch den Sinai erobert, dort Siedlungen gebaut, aber dann den Sinai ohne allzu tiefe mentale Schäden geräumt. Das Westjordanland hat Israel hingegen schrittweise annektiert, weil es zu der religiösen und romantischen Idee des ganzen Israel zählt. Weil sich Israel „from the river to the sea“ erstrecken soll.

taz: Es gab einen Beschluss der niedersächsischen Linkspartei, die den Zionismus „als einen wesentlichen Hinderungsgrund für eine friedliche Zukunft für alle Menschen in der Region“ und in Gänze verurteilt. Halten Sie das für den Ausdruck eines neuen Antisemitismus in Deutschland?

Zimmermann: Der Beschluss beruht auf Ignoranz. Was mit Zionismus ursprünglich gemeint war, habe ich gerade erklärt. Wenn man nur Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung verweigert, ist man im Bereich des Antisemitismus angekommen. Gleichzeitig muss ich als Antisemitismus-Historiker bedauerlicherweise feststellen, dass zu viele Benutzer dieses Begriffs nicht wissen, ihn richtig zu definieren. Auch muss ich feststellen, dass Israels Politik dazu beiträgt, dass sich antiisraelische Attitüden entwickeln, in die sich antisemitische Elemente mischen. Umgekehrt weiten die israelische Botschaft und der Zentralrat der Juden den Vorwurf Antisemitismus auf alles aus, was negativ über Israel gesagt wird. Bei beidem hilft nur Aufklärung.

taz: Das israelische Holocaustmuseum Yad Vashem will die Deutschen mit zwei Filialen in München und Leipzig über den Holocaust aufklären. Ist das eine gute Idee?

Zimmermann: Yad Vashem ist eine israelische Institution. In München soll die Filiale von Yad Vashem unweit vom Dokumentationszentrum NS-Geschichte eröffnet werden. Das ist nicht nur absurd, sondern auch kontraproduktiv. Der Oberlehrer aus Israel zeigt den Deutschen mit erhobenem Zeigefinger, wie man sich an diese Geschichte zu erinnern hat. Die Erinnerungsarbeit der Deutschen muss von Deutschen betrieben werden. Yad Vashem in Jerusalem kann, wie bisher, als Ratgeber fungieren. Yad Vashem auf deutschem Boden ist fehl am Platz, wenn nicht kontraproduktiv.

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