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Nach dem Anschlag auf den CSD Das war kein Versagen des Multikulturalismus

Unser Autor ist eine queere Person of Color. Seine Wut richtet sich gegen rechte Instrumentalisierung des Terrors und die Ideologie der Islamisten.

G erade hatte ich einen Aufsatz über das Verschwinden unserer gemeinsamen Räume in Berlin mitverfasst, die zunehmend unter Muslimfeindlichkeit, Gewalt gegen Queers, Antisemitismus und rassistischer Diskriminierung leiden. Es ist ein Text, der vernünftig zu argumentieren versucht, sorgfältig recherchiert, mit Quellenangaben und Fußnoten. Jene Art von Text, der Soziologen zitiert, offene Fragen stellt und den Le­se­r*in­nen zutraut, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich hatte Interviews geführt. Ich hatte eine Struktur. Ich hatte eine These.

Dann fuhr ein Mann in einem Transporter in eine Menschenmenge, die das Recht feierte, sich in der Öffentlichkeit als das zu zeigen, was man ist, das Recht, sich von der gesellschaftlichen Norm zu unterscheiden. In mir ist an diesem Samstagabend etwas zerbrochen, von dem ich glaube, dass es sich nie wieder gänzlich heilen lässt.

Ich bin schwul. Ich bin queer. Ich hasse institutionalisierte Religionen – und zwar ausnahmslos – seit meinen frühen Teenagerjahren, als ich alt genug war, zu verstehen, was sie den Menschen auf der ganzen Welt angetan haben. Wegen meines Aussehens, wegen eines Namens, den ich mir nicht ausgesucht habe, und wegen eines Gesichts, das auf Fremde, die sich nie die Mühe gemacht haben, mir auch nur eine einzige ernsthafte Frage zu stellen, einen bestimmten Eindruck macht, wurde ich an diesem Wochenende emotional dazu gezwungen, mich zu rechtfertigen.

Diese Asymmetrie ist kein Zufall

Freunde – gute Freunde, Menschen, die ich seit Jahren liebe, Menschen, die mir in schlimmeren Nächten als dieser die Hand gehalten haben – haben mich nach Samstagnacht mit einem Blick angesehen, den ich nur als einen Anflug von Misstrauen beschreiben kann, sich aber als politische Kritik tarnt. Jemand bezeichnete mich in einer Direktnachricht als „alten Linken“, als ob meine vermeintliche Nachsicht gegenüber islamistischem Terror das wäre, was gerade einer Erklärung bedarf, weil ich darauf bestehe, dass Islamismus und Islam nicht dasselbe sind. Ich fühle mich dazu gezwungen, mich für etwas entschuldigen zu müssen, mit dem ich absolut nichts zu tun habe – gezwungen, Rechenschaft abzulegen für Männer, die ich nie getroffen habe und für die ich nichts als äußerste Verachtung empfinde.

Wäre der Mann, der diesen Transporter fuhr, ein weißer Deutscher mit einem Hakenkreuz-Tattoo gewesen statt eines Namens wie meinem, würde niemand ganz Deutschland auffordern, sich zu rechtfertigen. Kaum jemand außer der Linken würde fragen, wie stark nationalsozialistisches Erbe noch heute die Gesellschaft als Ganze prägt. Die selbsternannte „Mitte“ der Gesellschaft, die Konservativen und vor allem die Linke würde davon ausgehen, dass sie mit dem Attentäter nichts gemein hat. Doch weil der Attentäter vom Samstag muslimisch erzogen wurde, wird am Montagmorgen eine ganze Glaubensgemeinschaft von zwei Milliarden Menschen in den Zeugenstand gerufen. Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Sie ist eine Gewohnheit und ich habe es satt, so zu tun, als würde ich sie nicht bemerken.

Reiner Hass, verpackt in die Sprache des Glaubens

Was dieser Mann getan hat, war reiner Hass, aus ihm sprach das reine Böse, verpackt in die Sprache des Glaubens durch eine Ideologie, die Jahr für Jahr immer wieder neue junge Männer davon überzeugt, dass das Ermorden von bestimmten Menschen eine Form reiner Hingabe, eine heilige Pflicht sei. Ich bin wütend auf den radikalen Islam, den ich hier ganz konkret mit seinem Namen und ohne Umschweife nenne. Wütend, dass er existiert, wütend, dass er immer wieder 21-Jährige findet, die er aushöhlt und auf Menschenmengen loslässt, wütend, dass dieser hier in Deutschland geboren wurde, hier in Deutschland aufgewachsen ist und vermutlich irgendwann einmal in einem Berliner Klassenzimmer saß und unterrichtet wurde.

Was genau wurde ihm hier beigebracht? Was auch immer es war, es war nicht genug, und ich will wissen, warum. Ich habe genug von der beschönigenden Sprache, auf die sich alle im Zusammenhang mit solchen Verbrechen einigen – „Radikalisierung“, „Kreise“, „den Behörden bekannt“ – als ob die Ideologie, die dieser junge Mann folgte, selbst es nicht verdiene, beim Namen genannt und verachtet zu werden. Das tut sie. Und ich verachte sie.

Faschisten und Islamisten bedienen sich gleichermaßen junger Männer

Es interessiert mich nicht, wenn nun jemand meint, mir sagen zu müssen, dass sich meine Wut nur in eine Richtung wendet. Ich bin gleichermaßen wütend auf alles Radikale – auf die radikale Rechte, die nun Wochen damit verbringen wird, die widerliche Gräueltat eines einzelnen Mannes in ein Mandat gegen jeden Migranten, jede Geflüchtete, jeden Menschen zu verwandeln, der eine Sprache spricht, für die deutsche Untertitel nötig sind. Faschisten und Islamisten bedienen sich gleichermaßen junger Menschen, die an einem Mangel leiden. Beide Hass-Ideologien brauchen junge Männer, die das Gefühl haben, nirgendwo dazuzugehören, und beide sind sehr gut darin, alles dafür zu tun, dass dieses Gefühl niemals verschwindet. Ich hasse sie gleichermaßen und werde nicht so tun, als wäre es anders.

Auf der Internationalist Queer Pride Berlin marschierten am Samstag parallel zur großen Pride Parade einige Tausend Menschen. Man konnte auf Schildern Parolen lesen wie: „Danke, Iran!“ Ich bin wütend auf Leute, die aus einem verqueren Bedürfnis nach radikalem Widerstand islamistische Bewegungen feiern, ohne zu verstehen, wofür diese wirklich stehen.

Die pluralistische und feiernde Straße wurde am Samstag angegriffen

Und ich bin wütend auf die Leute, die zu wissen meinen, was das wahre Problem sei. „Multikulturalismus.“ Sie sprechen das Wort mit einem kleinen, wissenden Seufzer aus, als ob es erklären würde, was am Samstag passiert ist. Es erklärt gar nichts. Multikulturalismus ist der Grund, warum es den Christopher Street Day und andere Manifestationen einer freien Gesellschaft überhaupt gibt. Er ist der Grund, warum ein jüdischer Florist, eine türkische Großmutter, ein polnischer Klempner und ein schwuler iranischer Flüchtling auf derselben Berliner Straße stehen und sie ohne Ironie ihr „Zuhause“ nennen können. Er ist der Grund, warum wir unterschiedlich sein dürfen und dennoch unter all diesen Unterschieden eine gemeinsame Basis grundlegender Werte teilen.

Berlin fühlt sich von Jahr zu Jahr mehr wie ein Ort an, der gespalten ist, der sich selbst gegenüber feindselig ist

Was am Samstag geschah, war kein Versagen des Multikulturalismus. Es war das Gegenteil des Multikulturalismus, das mit einem Transporter vorfuhr: die Überzeugung, dass nur eine Weltanschauung als richtig gelten darf, dass jeder, der außerhalb davon steht, kein Nachbar, sondern ein Hindernis ist, das es zu beseitigen gilt. Die extreme Rechte glaubt an diese Idee. Die Islamisten glauben an diese Idee. Sie sind sich in vielerlei einig, in ihrer Frauenfeindlichkeit, in ihrem Antisemitismus und ihrer gemeinsamen Verachtung für die pluralistische, diskussionsfreudige und feiernde Straße, für die der CSD steht. Eben dies wurde am Samstag angegriffen. Ich bin es leid, zuzusehen, wie das Wort „Multikulturalismus“ stillschweigend für ein Verbrechen verantwortlich gemacht wird, das von seinen Feinden begangen wurde.

Was mich konkret vor Wut zittern lässt, ist die Maschinerie, die sich in dem Moment in Gang setzt, in dem der Mörder tot ist. Die Maschinerie, die die Gewalt eines einzelnen Mannes aufgreift und sie auf alle umlegt, die ihm als vorgestelltem Fremden ähneln könnten. Die Maschine fordert eine Abgabe, deren Zahlung ich nie zugestimmt habe, erhoben auf ein Leben, das ich mir hier aus genau den entgegengesetzten Gründen aufgebaut habe: damit ich, wenn überhaupt, danach beurteilt werde, wer ich tatsächlich bin. Für die Arbeit, die ich als Künstler und Autor schaffe. Für die Menschen, die ich liebe. Woran ich glaube und was ich zu glauben ablehne. Nicht für irgendeine rassifizierte Kategorie, die mir von einem echten Deutschen in einer halben Sekunde in der U-Bahn zugewiesen wurde.

Eine Stadt, die sich selbst gegenüber feindselig ist

Mich erschüttert, wie beiläufig wir das haben geschehen lassen. Wir brauchten keine weitere Diagnose. Wir mussten es anscheinend in Echtzeit mitansehen, auf einer Straße voller Menschen, die einen Abend lang dachten, sie seien zusammen sicher, bevor sich diese Stadt eingestehen musste, wie sehr sie bereits auseinandergebrochen ist. Berlin fühlt sich von Jahr zu Jahr mehr wie ein Ort an, der gespalten ist, der sich selbst gegenüber feindselig ist, wie eine Stadt, die dabei ist zu lernen, ihr eigenes Spiegelbild in hundert verschiedenen Spiegeln gleichzeitig zu hassen.

Ich bin wütend auf ein Bildungssystem, das endlos über Toleranz im Abstrakten spricht und fast nie darüber, was man mit einem fünfzehnjährigen Jungen tun soll, der still und leise in einer Onlineblase verschwindet, während die Erwachsenen um ihn herum und seine Familie einfach wegschauen. Jemand hat diesem jungen Mann beigebracht, dass Mord eine Form der Hingabe ist. Es war nicht eine einzige Lektion, die ihn dazu brachte. Es waren Jahre unbeaufsichtigter Stunden – ein iPhone in einem Zimmer mit geschlossener Tür, eine Schule, die ihn an seiner Anwesenheit maß statt an der Stille, die sich in ihm ausbreitete, eine Familie, die entweder nicht bemerkte oder, schlimmer noch, sich nicht darum kümmerte, was aus ihm wurde.

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Trauer nach CSD in Berlin

Menschenmenge mit Regenschirmen und Blumen, Text im Bild: "Berlin trauert nach dem Anschlag"

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Keine der Institutionen, der er sich entzog, ob Familie, Schule, Moschee oder Justiz, musste sich dafür verantworten, was den Raum füllte, den sie hinterlassen haben. Wir müssen uns ernsthaft und konkret die Frage stellen, wie wir junge Männer erziehen.

Unter meiner Wut verbirgt sich, wenn ich ehrlich bin, etwas Leiseres und Schlimmeres: Trauer. Um eine Frau, die ich nie kennengelernt habe. Um neunundzwanzig Menschen, die am Samstag ausgegangen sind, um zu tanzen, und verändert nach Hause kamen – oder gar nicht mehr nach Hause kamen. Um eine Nacht, in der es um Spaß und Freude gehen sollte, in einer Stadt, die uns immer wieder verspricht, dass Spaß und Freude hier noch erlaubt sind, und die uns immer wieder dazu zwingt, jemanden zu begraben, bevor wir wieder versuchen, daran zu glauben. Ich habe keinen sauberen Abschluss für diesen Text zu bieten. An diesem Abend will ich auch keinen haben.

Aus dem Englischen von Ulrich Gutmair

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27 Kommentare

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  • Auch hier wird wieder nur zwischen " den friedlichen Muslimen " und "islamistischen Terroristen " unterschieden. Würde der Autor es sich denn so einfach machen, wenn es um die deutsche Politik geht? Nach dem Motto" NSU böse, friedliche AfDler okay"???....Anders gefragt: sieht der Autor keinen Zusammenhang zwischen einer ultrakonservativen Auslegung des Islams und dem Nährboden für Islamismus?



    Reicht es also wirklich aus sich von den Anschlägen zu distanzieren, oder dürfte man als queere Person vielleicht auch irgendwann mal von den Islamverbänden in Deutschland erwarten, das sie Queerness " okay" finden?



    Da Deutschland keine Glaubensgemeinschaft ist, aus der man austreten oder eintreten könnte, hinkt dieser Vergleich einfach gewaltig.

    Da mir keine christlichen oder buddhistischen Terrorgruppen in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit bekannt sind, fehlt leider auch der Vergleich, was den nun als angemesse Erwartungshaltung in muslimischen Ländern an eine religiöse Minderheit gelten würde, in deren Namen Dinge dieser Art verübt werden.

  • Starker Text.

  • Ich würde vorschlagen, sich den im Artikel verkehrt eingesetzten Begriff "radikal" ersetzt durch den passenden Begriff "extremistisch" zu denken, damit wir auf einen Nenner kommen können. Der Anschlag wurde von einem (? mehreren?) Islamextremisten verübt.

    Definition: 1. Radikaler = Mensch mit verhältnismäßig radikalen Ansichten und Überzeugungen auf einem oder mehreren Gebieten, aber ohne Absicht oder Toleranz dafür, diese mit Gewalt durchzusetzen. 2. Extremer = Mensch mit extremen



    Überzeugungen und Toleranz dafür, dass manche für deren Durchsetzung zu Gewalt neigen. 3. Extremist = Mensch mit extremistischen Überzeugungen, die von ihm selbst oder von durch ihn angestiftete Personen mit gezielten Gewaltakten durchgesetzt werden sollen.

    Radikales Denken ist ja nicht immer abseitig, sondern manchmal weiterführend, vor allem, wenn ihm nachvollziehbare Erkenntnisse über die Wikrlichkeit zugrunde liegen. Etwa in der Wissenschaft. Darwin oder Wegener haben ganze Wissenschaften radikal vom Kopf auf die Füsse gestellt. Das war radikal im Guten. Darwin entmachtete die Schöpfungsgeschichten der Religionen, Wegener zeigte was Erdbeben wie neulich in Caracas buchstäblich "zu Grunde liegt".

  • Annette Hauschild , Autor*in ,

    Hallo Herr Quraishi, Ihr Vorwurf des Wegsehens, Ignorierens der Radikalisierung junger Menschen trifft einen wunden Punkt. Ich habe seit 2008 in Staatsschutzverfahren gegen Jugendliche Dschihadisten viele Familien im Gerichtssaal erlebt, die völlig überfordert waren mit dem, was aus ihrem Kind geworden war. Die Jugendlichen hatten sich seit der Pubertät total von den Eltern abgekapselt, durch falsche Freunde, wie Sie beschreiben: nach dem Essen Rückzug ins Zimmer, Tür abschließen und die Eltern haben keinen Zugang mehr.

    . Einige haben versucht, die Notbremse zu ziehen und ihre Kinder zu Verwandten in die Türkei geschickt, die deutschen konnten das nicht und alleinerziehende Mütter waren total hilflos.



    Ich habe damals immer für die Einrichtung eines Beratungs- und Hilfesystems in NRW plädiert und war heilfroh, dass die NRW- Landesregierung 2014 das auf den Weg gebracht hat.. Es ist nicht vollkommen, aber wenn es das nicht gäbe, wäre es schlimmer.

    Es gibt weiterhin die Initiative " Absolut dagegen" der Lehrerin Birgit Ebel, die Arbeit von Ahmad Mansour und die Aufklärungsarbeit von Sigrid Hermann-Marschall

  • Wenn ein einschlägig bekannter Islamist trotz aller Warnsignale Menschen ermorden kann, dann ist es geradezu die Pflicht, nach politischen und behördlichen Konsequenzen zu fragen.

    Der Artikel konstruiert lieber ein Feindbild aus all jenen, die mehr Sicherheit fordern, anstatt sich mit den offensichtlichen Problemen auseinanderzusetzen: islamistischer Extremismus, überforderte Sicherheitsbehörden und politische Fehlentscheidungen. Offenbar ist die Angst vor einer "falschen Debatte" größer als die Sorge um die Opfer.

    Genau diese moralische Abwehrhaltung hat viele Bürger längst entfremdet. Wer berechtigte Sicherheitsbedenken jahrelang als rechts, rassistisch oder populistisch abstempelt, darf sich über den Vertrauensverlust in Medien und Politik nicht wundern. Sicherheit ist kein rechter Kampfbegriff, sondern ein Grundbedürfnis. Wer das nach einem islamistischen Anschlag immer noch nicht verstanden hat, trägt seinen Teil dazu bei, dass sich immer mehr Menschen von diesem Journalismus abwenden.

  • Man kann das Kind aber auch einfach beim Namen nennen. Genauso wie beim rechten Terror auch: Islamismus tötet.

    Wäre der Täter ein Nazi, wären die Straßen am nächsten Tag voll - aus Solidarität mit der queeren Community und als deutliches Zeichen gegen rechten Terror.

    Die Straßen sind aber leer.

    Und man fragt sich, wie viele von diesen "Gefährdern" noch in Berlin auf der Straße unterwegs sind. Die Zahl wird mit 900 angegeben.

    Was ist daran Diskriminierung, wenn man das Kind beim Namen nennt?

  • Dieser furchtbare Anschlag ist am 10-jährigen Jahrestag der Ermordung des 85-jährigen Priesters Jacques Hamel in Frankreich geschehen. Der Priester wurde vor den Augen der wenigen Gottesdienstbesucher am Altar von zwei Jugendlichen, die sich im Internet radikalisiert hatten, mit einem Küchenmesser erstochen. Die Gottesdienstbesucher wurden gezwungen, die Tat zu filmen und vor den Attentätern niederzuknien. In der Moschee wurden diese Jugendlichen so gut wie nie gesehen. Trotzdem riefen sie vor der Erschießung durch die Polizei "Allahu akbar". Das sagt mir: Sie kannten ihre Religion sehr schlecht. Sonst hätten sie Gut von Böse unterscheiden können.



    Hass, auch auf institutionalisierte Religionen, zeigt, dass das Böse sein Werk hier fortsetzen kann, nämlich mehr Hass zu säen.

  • Vielleicht stimmt es sogar, dass Islamismus und Islam nicht dasselbe sind.



    Vielleicht verstehen diese Leute ihre tolle Religion einfach falsch, wenn sie glauben, ihr Gott fände Morde und andere Verbrechen in seinem Namen toll.

    Aber erstaunlicherweise passiert das Gleiche bei anderen Religionen eher selten.



    Ich zumindest kann mich an keinen vergleichbaren Anschlag in Deutschland oder Europa erinnern, den ein fehlgeleiteter Hindu, Jude, Buddhist, Scientologe oder Zeuge Jehovas verübt hätte.



    Deshalb ist es durchaus nachvollziehbar, daß die Mehrheitsgesellschaft mittlerweile ein gewisses Mißtrauen gegen alles islamische entwickelt hat.

  • Danke für Ihre Worte, Sie haben so recht.

  • Hass auf Religion ist genauso zerstörerisch wie Hass auf Queere.



    Gelungene Integration bedeutet nicht, dass alle gleich sind. Sondern dass alle gleichberechtigt am Tisch sitzen (Aladin El-Mafaalanis Tisch-Metapher), alle mitreden dürfen und alle Themen auf den Tisch kommen.



    Konflikte sind völlig normal und ein Zeichen für gelungene Integration. Themen zu unterdrücken kann gefährlich werden.



    Eine offene Gesellschaft umfasst alle: Queere Menschen ebenso wie ihre religiösen Nachbarn (oder Mitschüler:innen, Kolleg:innen), die in queerem Leben eine Sünde oder haram sehen.



    Sowohl die UN-Charta der Menschenrechte als auch unsere Verfassung garantieren das öffentliche (!) Ausleben religiöser Bekenntnisse.



    Wenn Lehrer:innen religiöse Einstellungen und Äußerungen ihrer Schüler.innen nicht ebenso akzeptieren wie queeres Verhalten, treiben sie Religiöse in die Radikalisierung.



    Bitte denkt daran: Für die meisten Menschen auf dieser Welt ist ihre Religion die wichtigste Identität.



    Nordamerika und Europa sind eine große Ausnahme.



    Mit globaler Migration kommt diese Welt zu uns. Wenn wir diese Menschen nicht gleichberechtigt willkommen heißen, wenden sie sich ab und können gefährlich werden.

    • @Holger Schmidt-Endres:

      "Bitte denkt daran: Für die meisten Menschen auf dieser Welt ist ihre Religion die wichtigste Identität.



      Nordamerika und Europa sind eine große Ausnahme."

      - 1. Haben Sie China, Japan und Korea mit 1.6 Milliarden Menschen in ihrer Aufzählung vergessen, die unter den statistischen Top Ten der "religionsfreiesten/ atheistischsten Länder der Welt sind.



      2. Leben wir hier in Europa

    • @Holger Schmidt-Endres:

      Ich möchte Ihnen entschieden widersprechen: Es muss Regeln geben die einzuhalten sind. Innerhalb dieser darf jeder seine Religion ausüben und auch seine Meinung kundtun. Aber alles, was diese Grenze überschreitet, ist inakzeptabel auch dann, wenn es religiös begründet wird. Um in ihrem Beispiel der Lehrer zu bleiben: Wenn ein Schüler aus einer religiösen Motivation heraus (die nichtmal unbedigt muslimisch sein muss, dort aber sicher sehr viel verbreiteter ist) meint, alle Schwulen seinen Sünder und gehörten bestraft, dann ist das eine eindeutig inakzeptable Meinung und solch einer Äußerung muss widersprochen werden. Das darf nicht stillschweigend hingenommen wie es wohl viel zu oft schon geschehen ist. Ein krude These, dass sie mit Widerspruch an dieser Stelle die Schüler in eine religiöse Radikalisierung treiben würden.

    • @Holger Schmidt-Endres:

      "Konflikte sind völlig normal und ein Zeichen für gelungene Integration."

      What?! Für mich wäre allenfalls eine Konfliktlösung normal. Im besten Fall vermeidet man Situationen, in denen es überhaupt zu Konflikten kommt.

    • @Holger Schmidt-Endres:

      “Eine offene Gesellschaft umfasst alle: Queere Menschen ebenso wie ihre religiösen Nachbarn (oder Mitschüler:innen, Kolleg:innen), die in queerem Leben eine Sünde oder haram sehen.”



      Keine Toleranz der Intoleranz. Auch das Grundrecht der Religionsfreiheit wird durch Grundrechte anderer beschränkt.



      Wenn dazu noch kommt, dass man religiöse Regeln und Ordnungen als wichtiger als demokratische Gesetze ansieht , sodass man sich im Falle einer Diskrepanz gegen die demokratischen Gesetze entscheiden würde, muss unsere Gesellschaft das eben nicht hinnehmen.



      Abwertende Aussagen (queeres Leben als Sünde) muss unsere Gesellschaft nicht einfach kommentarlos hinnehmen. Das öffentliche Ausleben der Religion wird nicht dadurch eingeschränkt, dass man solcherlei offen dargebrachte Verachtung anderer Lebens- und Denkweisen mit Kritik quittiert. Ebenso wie Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass die Äußerung der eigenen Meinung kritiklos hingenommen werden muss.

  • ""(weil) muslimisch erzogen wurde, wird am Montagmorgen eine ganze Glaubensgemeinschaft von zwei Milliarden Menschen in den Zeugenstand gerufen.""



    =



    Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, inklusive der DITIB-Bundesverband (Türkisch-Islamische Union) welche aus anderen Gründen kritisch zu sehen ist, die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş, der Islamrat der Bundesrepublik Deutschland und der Koordinationsrat der Muslime haben sich gemeinsam wie eine Reihe von islamischen Gemeniden haben sich ausdrücklich gegen den Akt des Terrors ausgesprochen.



    =



    Schadet das ??? - angesichts der Tatsache das sich damit die islamische Welt in der Bundesrepublik auf die Seite der Kritiker aus Regierung, Politik und Zivilgesellschaft gestellt haben?



    =



    Nach Definition der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt zum Beispiel der Dschihadismus ein islamistisches Handlungssystem, welches die Verpflichtung jedes einzelnen Gläubigen zum Dschihad als militärischen Kampf zum Ausgangspunkt hat.



    =



    Bei den vielschichtigen Definitionen von Islamismus & den reichlich vorhandenen Glaubensströmungen im Islam schadet es nicht wenn sich die Gemeinschaft der Islamgäubigen eindeutig verhält.

    • @zartbitter:

      "Nach Definition der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt zum Beispiel der Dschihadismus ein islamistisches Handlungssystem, welches die Verpflichtung jedes einzelnen Gläubigen zum Dschihad als militärischen Kampf zum Ausgangspunkt hat."

      Da musste ich unwillkürlich an meine frühere christlich-religiöse Sozialisierung denken, in der es wichtig war, dass Glaube und Politik zusammen gehören. Aber in einem ganz anderen Sinn, etwa, dass Nächstenliebe nicht nur im Privaten, sondern auch im Konsumverhalten und im beruflichen und öffentlichen Handeln eine Rolle spielt; auf dieser Schiene fand ich den Weg zu linker Politik (und bin heute nicht mehr Christ). Die politische Theologie von Dorothee Sölle oder die Befreiungstheologie gehen in diese Richtung.

      Der Punkt ist also nicht die Verbindung von Glauben und politischem Einsatz, sondern, ob Gewalt angewandt wird, ob ausgegrenzt wird, ob Andersdenkende entwertet oder geachtet werden, ob andere Lebensweisen toleriert werden, ob Macht hinterfragt wird. Ich mag Religion und Spiritualität, weil sie über den auf Vernunft basierenden Bereich hinausschaut.

  • Danke für Ihren Text.

    Jaja, die Linken sind ja auch schuld an den Rechten, die Frauen schuld an mordenden Männern, die Juden an den Nazis ... - so jedenfalls ist es oft zu hören.



    Und mir geht es da wie dem Autor: das ist so anstrengend enttäuschend verletzend.

    Radikaler Islamismus ist faschistisch.



    Täter mit "ausländischem" Hintergrund sind ein Geschenk für populisten jeder Couleur.



    Und ja, viele Linke verennen sich bei der Russland- und Israelfrage (und einige dürften sogar verkappt antisemitisch sein).

    Aber der Autor hat schon recht: wäre es ein "deutscher" (deutsch gelesener) mit rechtsradikaler Einstellung, würde höchstwahrscheinlich wieder von Einzelfall und psychologischen Problemen die Rede sein.

    Mein beileid für die Gestorbenen, meine besten Wünsche für die Verletzten, meine Hoffnung darauf, dass wir als Gesellschaft mal nicht über das Stöckchen der Feinde der offenen Gesellschaft springen.

    • @Cornelia Gliem:

      Das ist doch Quatsch. Überleg mal, wieviele Zehntausende auf den Straßen wären, wenn der Attentäter ein rechter Weißer gewesen wäre. Und wieviele Demonstranten sind jetzt gegen Islamismus unterwegs?

      • @Georg Uehlein:

        Attacken mit Fahrzeugen haben nicht immer einen islamistischen Hintergrund.

        In dieser Woche steuerte ein Autofahrer in Bottrop und Essen seinen Wagen mehrfach auf ausländisch aussehende Passanten, verletzte einige schwer und äußerte sich nach seiner Festnahme mehrfach rassistisch. Auch wenn noch unklar ist, inwieweit seine Schuldfähigkeit durch eine psychische Erkrankung beeinflusst sein könnte und der Täter offenbar nicht aktives Mitglied der rechtsextremen Szene war: Es wäre nicht das erste Mal, dass Rassisten sich dieser Form der Gewalt bedienen.

        Das war 2019...kann mich an keine Demo erinnern.

        Es gab seit 2016 laut Wikipedia 6 Auto Attentate von Deutschen. Den meisten wurde ein psychischer Ausnahmezustand zugesprochen...einer hat sich erschossen.

        • @Lieselotte Schellong:

          Der CSD-Attentäter war übrigens auch Deutscher (ich weiß, für viele ein "Ja-aber-Deutscher") ...

      • @Georg Uehlein:

        Genau.

  • Kurz gesagt: Was wäre, wenn man als Konsequenz dieser Tat nicht mehr Abschiebungen, sondern mehr Jugendzentren, mehr Jugendarbeit, mehr islamischen Religionsunterricht an Schulen und mehr real physische schwule Begegnungsräume statt Internetblasen fordert, wo Leute im alltäglichen menschlichen Umgang auch wieder zurück auf den Teppich geholt werden können? Wäre das nicht tatsächlich richtiger und tatangemessener?

  • Mir geht es genauso. Ich finde die Zuschreibungen und Urteile vorschnell. Ich würde gerne mehr über den Täter erfahren.



    Er ist Deutscher, zwar aus libanesischer Familie, aber hier geboren und aufgewachsen. Sein Verhalten und seine rasche Radikalisierung erscheinen im größeren Kontext betrachtet fast wie ein erweiterter Selbstmord. Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier internalisierte Homophobie eine Rolle spielt.



    Aber so schematisch, wie die Diskussion läuft, werden werden wir die Wahrheit wohl nicht mehr erfahren. Alle Urteile stehen jetzt schon fest, und wir können das Denken über die Ursachen und die Kosequenzen für unsere Sicherheit einstellen.

  • Ich bin weder Optimist noch Pessimist. Ich bezeichne mich selbst als Realist.



    Daher stimme ich dem Titel zu: das war kein Versagen des Multikulturalismus.



    Meine "Analyse" ist aber eventuell noch härter: der Anschlag war ein natürlicher Nebeneffekt davon.

    Was ich mit Nebeneffekt meine, als Beispiel:



    Eine Gesellschaft die immer weniger Kinder bekommen hat und nun Geflüchtete hauptsächlich in den Jobs arbeiten lassen möchte, für die sich viele Bio Deutsche zu schade sind, muss in Kauf nehmen, dass gleichzeitig einige durch das Raster fallen durch entweder psychische Folgen der Fluchterfahrung, kultureller Unterschiede, Religiosität, Sprachbarriere usw..



    In harter Sprache ausgedrückt: wenn du selbst nicht deine Eltern pflegen willst und deine Kinder dir zu schade sind für Pakete ausliefern, wirst du mit den negativen Folgen des Multikulturalismus leben müssen.



    Und ja, ich weiß dass der Täter Deutscher war. Macht es keinen deut besser.

    Damit bin ich weder bei linker (Multikulturalismus ist super!) und rechter (Multikulturalismus ist unser Untergang!) Rhetorik.



    Beides finde ich nämlich falsch und naiv.



    Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

  • Ich möchte nichts kommentieren, mich nur von Herzen bedanken für diesen einfühlsamen, wütenden und für mich wichtigen und sehr berührenden Artikel. DANKE !

  • Vielen Dank! Dem Essay ist nichts hinzuzufügen!

  • "Das war kein Versagen des Multikulturalismus"

    Für die Aussage habe ich allergrößtes Verständnis, nur ist sie letzten Endes vollkommen falsch und nichts weiter als eine lahme Beschwichtigung. Islamistische Gefährder leben in Deutschland, weil wir Muslime zu uns gelassen haben und nicht in der Lage waren und sein werden, islamistischen Extremismus hinreichend zu bekämpfen. Unschön und wahr.

    Das bedeutet nicht, das jeder Muslim Extremist ist (ganz im Gegenteil), nur bleibt es ungeachtet dessen halt Ausfluss des "Multikulturalismus".

    Und es hilft leider auch nicht, auf ein angebliches Versagen der Schule, der Eltern, sonstigen Dritten oder der Gesellschaft insgesamt zu verweisen.