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Willkür von ArbeitgebernSie machen, was sie wollen

Bernd Kramer

Kommentar von

Bernd Kramer

Manche Arbeitgeber enthalten Lohn vor, kündigen nach Lust und Laune, verbieten Betriebsräte. Und die Arbeitnehmer? Fühlen sich machtlos.

Kontrolle der Arbeitsbedingungen auf dem Oktoberfest 2024 in München – im Schnitt wird ein Unternehmen alle 100 Jahre inspiziert Foto: Wolfgang Maria Weber/imago

S ie kommen einfach damit durch, immer und immer wieder. Als schreckten keine Strafen, als gälten keine Regeln. Ein Beispiel: Der Zoll, notorisch im Rückstand mit der Prüfung von Mindestlohnverstößen, nahm sich vor ein paar Jahren einen Transportunternehmer aus dem Raum Hof in Oberfranken vor. Der Unternehmer, stellten die Kontrolleure fest, hatte seinen Fahrern nicht das bezahlt, was ihnen zusteht, 64.000 Euro soll er ihnen vorenthalten haben. Der Zoll verhängte ein Bußgeld wegen des Mindestlohnverstoßes, und der Unternehmer gelobte – keine Besserung. Als die Beamten wenig später erneut kontrollierten, stellten sie das nächste Vergehen fest, verhängten wieder ein Bußgeld, 1.500 Euro, plus 1.500 Euro für unbelehrbares Verhalten. Und der Arbeitgeber? Hat es womöglich schulterzuckend als kurzfristige Mehrausgabe verbucht.

Wen kümmern schon Gesetze? Für manche Arbeitgeber haben sie regelmäßig den Charakter unverbindlicher Empfehlungen. 850.000 Menschen bekamen nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes im vorigen Jahr weniger als den Mindestlohn. Und nicht nur beim Mindestlohn machen Chefs einfach, was sie wollen: Nach Hochrechnung des Deutschen Gewerkschaftsbundes leisteten Beschäftigte in Deutschland 2024 gut 638 Millionen Überstunden – ohne dafür bezahlt zu werden. Ähnlich straffrei kommen Chefs davon, die ihre Mitarbeiter daran hindern, einen Betriebsrat zu gründen, obwohl dann sogar Gefängnis droht. Auf 50 Ermittlungsverfahren, hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung vor einigen Jahren recherchiert, kommt gerade einmal ein Urteil. Und auf 50 Ermittlungsverfahren kommen wiederum unzählige Fälle, die nie angezeigt wurden.

Bild: privat
Bernd Kramer

Jahrgang 1984, hat VWL, Politik und Soziologie studiert und die Kölner Journalistenschule besucht. War von 2012 bis 2013 bei der taz im Inlandsressort zuständig für Schul- und Hochschulthemen.

Wohin man auch schaut: In der Arbeitswelt wird das Gesetz regelmäßig gebrochen, so oft, so systematisch und so erschreckend folgenlos wie in wenigen anderen Bereichen der Gesellschaft. Selbst viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben sich damit abgefunden, dass ihre verbrieften Ansprüche von den Chefs als lediglich optional betrachtet werden. Der Hamburger Politikwissenschaftler Nikolai Huke attestiert eine „Selbstjustiz der Arbeitgeber“, die in manchen Bereichen nahezu epidemisch ist – aber viel zu selten so klar benannt wird. Vielleicht auch, weil das Klischee von Deutschland als Land mit außerordentlich gutem Arbeitnehmerschutz so fest in den Köpfen sitzt. Dabei kann man zu diesem Schluss nur kommen, wenn man sich von den Paragrafen blenden und außer Acht lässt, wie wenig davon in der Arbeitswirklichkeit ankommt. Das Gesetz scheitert in der Praxis an eben jenem Machtgefälle zwischen Beschäftigten und Unternehmen, das es eigentlich ausgleichen will. Ihr Recht hat eine Arbeitnehmerin in aller Regel nämlich selbst einzufordern – obwohl der Chef sie faktisch in der Hand hat. Die Abhängigkeit im Arbeitsleben ist in die eine Richtung sehr viel größer als in die andere.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Im Arbeitsleben gibt es zwar Betriebsräte, die über die Spielregeln wachen sollen. Faktisch haben sie kaum Einfluss: Selbst die hierzulande angeblich so mächtigen Arbeitnehmervertreter können im Zweifel oft bloß ein ernstes Wörtchen mit dem Chef reden – das so ernst wiederum nicht ausfallen wird, wenn ein Betriebsrat nach Ende der Wahlperiode auf eine Karriere im Unternehmen spekuliert. Dieser ohnehin oft symbolische Schutz fehlt zudem für immer mehr Beschäftigte vollkommen: Nur noch 36 Prozent aller Angestellten arbeiten in einem Betrieb, in dem es eine Arbeitnehmervertretung gibt. Mitte der 1990er Jahre war es noch gut die Hälfte. Warum der Rückgang? Vielleicht hat sich unter den Chefs herumgesprochen, dass die Gefängnisdrohung im Gesetz nur juristischer Theaterdonner ist und sie wenig zu befürchten haben, wenn sie nach Kräften Betriebsräte herausekeln.

Selbst im Extremfall verzichten überraschend viele Beschäftigte auf ihre Rechte, wenn ihnen beispielsweise eine Kündigung droht. Wobei diese Rechte Millionen Menschen von vornherein verwehrt sind, weil Kleinbetriebe mit maximal zehn Beschäftigten nicht unter das Kündigungsschutzgesetz fallen. Wer also in einem Handwerksbetrieb oder beim Bäcker arbeitet, ist schon jetzt im Arbeitnehmerparadies Deutschland unter Hire-and-Fire-Bedingungen angestellt. Diejenigen, die in größeren Betrieben tätig sind und den Schutz des Gesetzes genießen, nutzen ihn dagegen kaum. Verschwindende 12 Prozent klagen gegen ihre Kündigung, wie die Hans-Böckler-Stiftung erhoben hat.

Es sind gar nicht mal die mangelnden Erfolgsaussichten, die Betroffene vom Gang zum Gericht abhalten. Die Chancen sind oft nämlich sehr gut. Es ist eher eine Art erlernter Hilflosigkeit, wie die Arbeitsrechtlerin Eva Kocher von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) einmal ausführte. Angestellte haben verinnerlicht, dass ihre Arbeitgeber mit allem durchkommen – und wehren sich selbst dann nicht, wenn deren Willkür und Skrupellosigkeit für sie existenziell wird.

Das Machtgefälle ganz auszugleichen, dürfte schwer sein. Aber der Staat könnte den Beschäftigten zumindest ein wenig Mut machen, ihre Rechte wahrzunehmen, indem er selbst hart und entschlossen vorangeht, indem er seine Kontrolleure nicht durch die Hintertür schickt, sondern offensiv in den Betrieben aufmarschieren lässt. Er könnte delinquente Unternehmen viel drastischer anprangern und öffentlich bloßstellen. Vor allem müssten die Kontrolleure viel öfter vorbeischauen.

Bisher zum Beispiel muss ein Unternehmen bislang im Schnitt nur alle 100 Jahre damit rechnen, dass die Aufsichtsbehörden den Arbeitsschutz im Betrieb inspizieren. Immerhin soll die Kontrollquote ab dem kommenden Jahr deutlich erhöht werden. Dann stünden die Kontrolleure im Schnitt schon alle 20 Jahre auf der Matte. Der Fortschritt ist eine Schnecke und den Arbeitgebern ist bestimmt schon angst und bange.

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38 Kommentare

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  • Wobei sich die Behörden, wenn man mal was meldet, auch nicht wirklich dafür interessieren. Ich hab auch mal Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz gemeldet (Pausen verweigert), der Mann bei der Gewerbeaufsicht war seeehr unbeeindruckt.

  • Ich hatte gerade eben jemanden vom Arbeitsschutz im Betrieb, jetzt muss ich eine Gefährdungspotenzialanalys und einen Arbeitssicherheitsplan erstellen, bzw. jemanden damit beauftragen. Unter anderem sollen wir die Leiter, die wir zum Fensterputzen nutzen, zertifizieren lassen, und ich muss nachweisen, dass ich meine Mitarbeiterinnen regelmäßig zur Arbeitssicherheit schule. Wir vermieten Hotelzimmer, daran ist nichts gefährlich. Irgendwie ufert das ganze ein bisschen aus.



    Klar gibt es auch gefährliche Jobs bei denen sowas notwendig ist, die Forderung mehr Kontrolleure einzustellen und alles abzusichern läuft aber ein bisschen aus dem Ruder.



    Bzgl. Arbeitnehmervertretung, meine Angestellten haben kein Bock sich drum zu kümmern, dann ist das wohl deren Problem.

  • Ohne BR wird es finster trotz aller Kritik an dem Modell der Mitbestimmung. Betriebsräte mit gewerkschaftlichem Hintergrund können schon wirken und sei es "nur" (!) bei Arbeitszeiten, Pausen, Überwachung, Kündigungen, Herabgruppierung, Lohnabrechnung etc. AG sind mittlerweile völlig hemmungslos gerade im deregulierten Niedriglohnbereich und bei Kollegen mit Migrationshintergrund, es regiert die Schamlosigkeit, Mindestlohn der durch Trinkereien nicht ausgezahlt wird usw. Wer BR wird wird nix mehr, das sollte man sich klar machen. BRäte sind vor allen Dingen das Einfallstor für Gewerkschaften wenn mal wieder gestreikt werden muß. Man kann mobilisieren - agitieren ! - ohne daß man ständig des Geländes verwiesen wird. Als engagierter BR stellt man selbständig auch die betriebliche Arbeitskampfleitung und freut sich darauf alle 27 Monate zu streiken. Grundrecht.

  • "Ihr Recht hat eine Arbeitnehmerin in aller Regel nämlich selbst einzufordern – obwohl der Chef sie faktisch in der Hand hat. Die Abhängigkeit im Arbeitsleben ist in die eine Richtung sehr viel größer als in die andere."

    Eigenartig. Ich lese ständig Deutschland leidet unter extremen Fachkräftemangel und braucht dringend Zuwanderung. Wie passt das mit diesem Artikel zusammen? Wenn die Arbeitgeber so schlimm unter Fachkräftemangel leiden würden sie doch alles tun damit es ihren Angestellten gut geht anstatt sie auszubeuten und Gefahr zu laufen, dass diese kündigen.

  • taz: *... verhängten wieder ein Bußgeld, 1.500 Euro, plus 1.500 Euro für unbelehrbares Verhalten. Und der Arbeitgeber? Hat es womöglich schulterzuckend als kurzfristige Mehrausgabe verbucht.*

    Dann schrecken solche kleinen Bußgelder wohl nicht ab. Aber wenn man jetzt alle 20 Jahre – und nicht mehr 'alle 100 Jahre' – kontrolliert, dann werden solche "Arbeitgeber" bestimmt schlotternde Knie vor Angst bekommen.

    So ein winziges Bußgeld ist einfach nur lächerlich, denn das bezahlt der Arbeitgeber aus der "Kaffeekasse".

    taz: *Nur noch 36 Prozent aller Angestellten arbeiten in einem Betrieb, in dem es eine Arbeitnehmervertretung gibt.*

    Das wird in der Merz-€DU-Regierung sicherlich noch weniger werden, schließlich läuft sich Friedrich Merz jetzt erst einmal etwas warm. Momentan erzählt ja Merz den Arbeitnehmern, dass sie gefälligst mal mehr arbeiten sollen, denn schließlich darf der Wohlstand der Reichen nicht durch 'den Müßiggang der kleinen Bürger' in Gefahr geraten.

  • Bestimmte Kriminalität ist in diesem Staat schlicht und ergreifend nicht nur egal sondern gewollt, laut Rechnungshof ca. 80-100 Milliarden Steuerhinterziehung jährlich, Steuerhinterziehung betrifft auch Betriebe, wieso hat die FDP die Aufbewahrungspflicht von Steuerunterlagen von 10 auf 8 Jahre gesenkt, als das Gesetz durch war, da sind bestimmt die Aktenvernichter von vielen Betriebe Tag und Nacht gelaufen! Wenn man die Kriminalität in manchen Bereichen befördern möchte, da braucht man nur zu wenige Kontrolleure sprich Personal einzusetzen, was zugleich völlig überfordert ist, so hilft man bewusst den kriminellen und kaschiert damit das man das bewusst fördert!

  • Beim cDU Parteitag wünscht sich Merz das hier:

    „Nicht mit Zwang, nicht mit Druck, nicht mit neuen Gesetzen, sondern einfach mit Fröhlichkeit an der Arbeit.“

    Ok, dann lassen wir uns föhlich verarschen, is doch schon was!

  • Naja, ein erwartbar einseitiger Beitrag. Mal von dem Trend "Arbeitszeitbetrug auf Profiniveau" in allen (un-) sozialen Medien abgesehen:

    Dass nur 12 Prozent gegen ihre Kündigung klagen dürfte vor allem damit zu tun haben, dass Betriebsseitige Kündigungen in dem meisten Fällen in Wahrheit einvernehmlich z.B. zur Umgehung von Sperrfristen stattfinden.



    Die über 600 Millionen Überstunden sind eine Schätzung des DGB (der ein vitales Interesse an möglichst hohen Zahlen hat), basierend auf Selbstauskünften von Beschäftigten. Die Zahlen sind damit nicht frei von dem Vorwurf, eher Gefühlscharakter zu haben.



    Und auch die 850.000 Betroffenen von Nichteinhaltung des Mindestlohns sind eine Schätzung auf Basis von Daten und Selbstauskünften, die für diese Schätzung weder vorgesehen noch wirklich geeignet sind (Lob an dieser Stelle für das Verlinken der Fundstelle).

    • @Samvim:

      "Dass nur 12 Prozent gegen ihre Kündigung klagen dürfte vor allem damit zu tun haben, dass Betriebsseitige Kündigungen in dem meisten Fällen in Wahrheit einvernehmlich z.B. zur Umgehung von Sperrfristen stattfinden"

      Das glaube ich so ehrlich gesagt nicht. Ich hab mal ein paar Jahre für eine ostdeutsche Firma als freier Mitarbeiter gearbeitet. Dort war auch 25 Jahre nach der Wende hire and fire der Normalzustand. Da sind Leute teilweise ohne Angabe von Gründen, manchmal sogar während einer Krankschreibung gekündigt worden. Da wurden Überstunden in großem Stil gestrichen, Fahrtzeiten nur zur Hälfte vergütet, wer da widersprochen hat, war ganz schnell weg. Ich hab da in 2,3 Jahren bestimmt ein knappes Dutzend Leute so gehen sehen. Die Einzige, die da geklagt hat und natürlich auf voller Breite gewonnen hat, war ne junge Frau. Die einzige, die aus Bayern zugezogen war. Den Gang vor Gericht wagen Menschen dort eher selten, auch wenn sie im Recht sind. Fand ich echt erschreckend.

    • @Samvim:

      @Samvim

      "Und auch die 850.000 Betroffenen von Nichteinhaltung des Mindestlohns sind eine Schätzung auf Basis von Daten und Selbstauskünften, die für diese Schätzung weder vorgesehen noch wirklich geeignet sind"

      Könnten Sie diese Behauptung bitte genauer ausführen. Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt und in der Kommission saßen neben Abeitnehmer- und Arbeitgebervertreter auch Wissenschaftler.

      Einleitend heißt es:

      "Der Betrachtungszeitraum des vorliegenden Berichts umfasst schwerpunktmäßig die Jahre 2022 bis 2024. Er dokumentiert die wissenschaftlichen Befunde zur Wirkung des Mindestlohns in diesem Zeitraum. [...] Dies war für diesen Bericht erstmals auf breiter Datenbasis möglich. Die dargestellten Ergebnisse stützen sich auf Forschungsprojekte, die die Mindestlohnkommission beauftragt hat, weitere wissenschaftliche Publikationen zur Mindestlohnforschung sowie Analysen, die von der Geschäftsstelle der Kommission durchgeführt wurden."

      Die von Ihnen bezweifelten Zahlen zu den Überstunden werden in ähnlicher Form auch vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (von der Bundesagentur für Arbeit). genannt.

  • Staatliche Kontrolle der Einhaltung von Arbeitsschutz- und Arbeitszeitvorschriften ist wichtig, findet zu wenig statt und sollte definitiv intensiviert werden.

    Ein Aspekt, der im Artikel wenig anklingt, ist das Einklagen der Rechte durch betroffene Arbeitnehmer*innen.



    Gerade diejenigen, die am unteren Ende der Lohnskala tätig sind, haben oft gar keine Idee davon, wie sie zu ihrem Recht kommen können.



    Gewerkschaften können dabei sehr gut unterstützen, weshalb es definitiv gerade in den Niedriglohnbranchen entscheidend ist, Gewerkschaftsmitglied zu werden. Es geht aber auch um Bildung. Als Akademiker ist mir nicht bekannt, in wie weit diese Themen an Berufsschulen/ unterrichtet werden, mein Eindruck ist - kaum.



    Das Berufsschuljahr gibt es nicht nur für Azubis.

    Hier ist der Staat eben auch gefragt: Zur Vorbereitung auf das Berufsleben gehört eben auch eine schulische Wissensvermittlung zu den Rechte und Pflichten, die man als Arbeitnehmer*in hat, und wie man zu seinen Rechten kommt!

  • Die Gewerkschaften haben mit unverhältnismäßigen Streiks und ähnlichen Aktionen aber auch ihren Teil dazu beigetragen, dass sie bei den Arbeitnehmern deutlich unbeliebter sind als früher. Und leider lernen sie auch nicht daraus und zeigen mit dem Finger auf alle anderen. Ich möchte in der aktuellen Situation auch kein Mitglied bei Verdi sein. Weil ich deren Ausgestaltung der Streikregeln missbillige.

    Die Strafen für Arbeitsrechtsverstöße sind viel zu gering. Das sehe ich auch so. Das gilt aber generell für viele Strafen, auch z.B. im Straßenverkehr. Die sind auch lächerlich niedrig. Warum sollte es also hier anders sein?

    Bei wiederholten und damit eindeutig absichtlichen Verstößen müssten die Strafen in allen Bereichen deutlich höher sein. Auch im Arbeitsrecht.

  • Da fehlt die andere Seite!

    Kann der Arbeitgeber denn den Mindestlohn korrekt bezahlen?

    In vielen Gewerben, gerade auch in dem hier als Beispiel angeführten Speditionsgewerbe, stehen die inländischen Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Immer neue Kostentreiber, die durch die ausländische Konkurrenz bequem umgangen werden kann. Schaut mal auf die Parkplätze!

    Uber, Airbnb, Amazon und Co zerstören gerade unseren Mittelstand durch das Ignorieren von Gesetzen und wir freuen uns darüber, daß die Gewinne jetzt nach USA gehen.



    Wie soll der Hotelier den Mindestlohn korrekt bezahlen, wenn sein Haus die meiste Zeit leersteht weil zweckentfremdeter Wohnraum ihm illegal Konkurenz macht?



    Wie soll der Taxiunternehmer seine Fahrer korrekt entlohnen, wenn Uber und Bolt die Fahrten am Personenbeförderungsgesetz vorbei durchführen?



    Solange der Staat hier nicht durchgreift, bleibt der Mindestlohn eine Nullnummer. Der Kunde trägt das Geld zu den internationalen Plattformen weil er glaubt er spart dadurch Geld. Im Gegenteil, er hilft damit nur, die Allgemeinheit zu bescheissen.

    Böser Arbeitgeber zahlt Mindestlohn nicht! Fragt euch mal, wo die Kriminellen wirklich sitzen!

    • @Andi Kupper:

      Anders formuliert: wenn es meinem Umsatz nicht so dolle geht, dann darf ich gerne betrügen, ausbeuten. Echt jetzt?

  • Arbeiter werden von Arbeitgebern und von der CDU mittlerweile nur noch als Kostenfaktor gesehen, der sich gefälligst zurücknehmen soll. Wenn ich heute morgen dazu noch lese , wie die Chefin der Arbeitsagentur Andrea Nahles (unfähig als SPD-Chefin und dafür auch noch mit einem Versorgungsposten bei der BA entlohnt worden!) über Arbeitslose äußert:" Der Fachkräftemangel ist schlimmer als 3 Mio. Arbeitslose" dann wird mir schlecht. Dabei ist die Arbeitsagentur eine reine superteure Selbstverwaltungsbehörde geworden, die komplett auf den Prüfstand gehört. Vermittelt kaum Leute, die meisten Weiterbildungen werden gestrichen. Diese Behörde gehört dringend reformiert.

  • Dass "Arbeitgeber:innen" sich das leisten können, liegt u.a. in den Folgen der Hartz-Gesetze und dem Druck,am Arbeitsmarkt unter allen Umständen für alle Tätigkeiten verfügbar zu sein. Das verringert die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer:innen. Verhandlungsmacht ist ein wichtiger Aspekt für Aushandlung der Lohnhöhe, mit der Annahme liegen BWL und VWL sogar mal richtig. Und natürlich für Arbeitsbedingungen. Arbeitsbedingungen jedoch tauchen in deren Gleichungen wohl an anderer Stelle auf, siehe Profitmaximimierung. Maximalprinzip mit minimalem Einsatz.

    Solange es keine ausreichenden Kontrollen gibt und der Druck durch die Regelungen im Bereich Arbeitslosengeld/ALG ii weiter verschärft werden, wird sich wohl nichts ändern. Und das scheint gewollt. Nach wie vor bemerkt auch die Mittelschicht nicht, wie sie sich selbst das Wasser abgräbt, indem sie weiter ihre alte Arbeitsethik einfordert, nur ohne Beteiligung an Wachstum oder Sicherheit der Position. Dies wird im Sinne kognitiver Dissonanz ausgeblendet und durch das Aufeinanderherzen von Rechten und rechten Medien weiter befeuert. Und von der SPD...

  • Konzeptionsfehler Mindestlohngesetzes: Der Bundestag versäumte bei dessen Beschluss 2015 die Tarifgemeinschaftspartner Arbeitgeber, Gewerkschaften eingebuden darauf zu verpflichten, das Mindestlohngesetz in die Rahmenbedingungen ihrer Tarifverträge zu transformieren mit dem Ergebnis, dass sich Niemand in diesen Tarifgemeinschaften gesetzlich verpflichtet fühlt, Personal, Material, Zeit für die Kontrolle der Mindestlohngesetz Einhaltung in Betrieben aufzuwenden.



    Auch den Arbeitsagenturen fehlt gesetzlicher Rahmen, Personal, Material, Zeit für Kontrolle der Einhaltung Mindestlohngesetzes aufzuwenden, wenn es um Lohnaufstockung Bedürftigkeitsprüfung auf Grundsicherungsniveau geht zugunsten privater, kirchlicher, kommunaler Arbeitgeber zulasten Restvermögens von Arbeitnehmern vor deren Schonvermögen für private Altersvorsorge, wodurch systemischem Arbeitgeber Leistungsbetrug Tür und Tor geöffnet ist, Lohnaufstocker in falsche Loyalitäten mit Leistungsbetrug Arbeitgebern genötigt werden. Arbeitnehmer Aufstocker ohne betriebliche Mitbestimmung prekär beschäftigt für Arbeitgeber Leistungsbetrug womöglich auch noch haftbar gelten, weil sie MindeslohnEinhaltung nicht eingeklagt haben?

  • "Onkel Ben´s Hütte" wird langsam wieder aktuell in etwas abgewandeltem Design.

  • " Nach Hochrechnung des Deutschen Gewerkschaftsbundes leisteten Beschäftigte in Deutschland 2024 gut 638 Millionen Überstunden – ohne dafür bezahlt zu werden. "



    Und unser Kanzler u.a. jammern herum, dass in diesem Land zu wenig gearbeitet würde.

    • @Il_Leopardo:

      Naja, wir reden hier von ca. 15 Stunden pro Arbeitnehmer pro Jahr. Das ist jetzt nicht so dramatisch, wie es hier scheint. Überstunden sollten bezahlt werden, keine Frage. wenn man den Artikel liest, meint man, in Deutschland würden die Arbeitnehmer wie Sklaven behandelt. Und das ist so pauschal de facto falsch.

      • @Ahnungsloser:

        Ich rechne mal anders.



        600 Mio Arbeitsstunden x 25€ (flach über den Tisch, Durchschnitt über alles) sind dann 15 Mrd Euronen, um die Arbeitgeber jedes Jahr Arbeitnehmer betrügen.

  • Nun ja, das ist D anno 2026. Zum Glück haben wir ja die politische Vertretung der Arbeitnehmer*innen mit in der Regierung sitzen, denn die sPD lässt sowas nicht zu und kämpft mit allen Mitteln für...... ja, für was eigentlich?

  • Ein Kommentar zu einem wichtigen Thema. Leider verabschieden sich viele Arbeitgeber vom doch für alle Seiten erfolgreichen Modell der Sozialpartnerschaft. Die Rücksichtslosigkeit politischer Autokratie findet an Unternehmensspitzen Gefallen, so dass auch hier ein "Management per Dekret" Einzug gehalten hat. Angriffe auf oder Missachtung der Mitbestimmung sind eine Konsequenz davon. Mich ärgert am vorliegenden Kommentar allerdings, wie despektierlich der Autor mit Betriebsräten umgeht. Bei Überstunden kann der Betriebsrat durchaus mehr als "ein ernstes Wörtchen" mit dem Chef reden - und tun dies in der Regel auch. Die These, dass sie sich dem "Chef" gegenüber zurückhalten, weil sie auf eine Karriere im Unternehmen spekulieren, ist respektlos und beleidigt die vielen Betriebsrät:innen, die sich bis an - und nicht selten über - die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit engagieren. Die Frage der Vereinbarkeit von Mitbestimmung mit beruflicher Karriere ist in der Tat ein wichtige - Simone Hocke und ich haben dazu eine umfangreiche Studie vorgelegt. So flapsig kann und sollte man nicht damit umgehen. Schon gar nicht in der TAZ!

    • @Erhard Tietel:

      Können Sie Ihren Vorwurf der Respektlosigkeit bitte ausführen? Ich habe das nämlich ganz anders aufgefasst, und zwar als eine Benennung von Abhängigkeitsverhältnissen, innerhalb derer seitens der Arbeitenden Forderungen an die Leitungen möglicherweise (!) eher nicht gestellt werden, das ganze war ja konditional formuliert. Und ich kann diesen Umstand ziemlich genau so aus meiner Erfahrung in einer öffentlichen Behörde bestätigen - ist die Stelle entfristet, sitzen die Leute relativ fest im Sattel und können sich über Personalrat oder Gewerkschaft wehren - ist dies hingegen nicht der Fall, reagieren die Dienstherr:innen nahezu feudalistisch, und die Chancen auf eine Festanstellung schrumpfen möglicherweise.

  • Neoliberalismus, freie ökonomische Handlungen. Die Geldstrafen sind einfach lächerlich. Für manche Unternehmen sind es Peanuts und werden es doch zuviele Strafen, geht es ab ins Ausland. Strafsteuern erheben, ab ins Ausland. Enteignung, ab ins Ausland.

    Schön, wenn es No Borders No Nations weltweit gäbe. Dann könnten die Unternehmer auch auf den Jungferninseln festgenommen werden. Aber der Arbeitnehmer will das nicht, lieber auf ewig ausgebeutet werden und Arbeitgeber machen lassen, bevor Flüchtlinge kommen. "Ist halt das Leben" und "kann man nix machen" als Weisheiten, die man den Kindern mit auf den Weg gibt.

  • Ein anderer kaum thematisierter Punkt: Es gibt Anwaltskanzleien, die sich darauf spezialisiert haben, am Rand der Gesetze oder sogar unter Gesetzesbruch missliebige Mitarbeiter aus Firmen zu drängen.



    Diese Kanzleien werben in Teilen sogar damit. Spielt in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Wie das ganze Thema keine Rolle spielt.



    Spannend auch, dass diesen Leuten offenkundig kein Entzug der Zulassung als Anwalt droht. Warum eigentlich nicht?

  • Ich finde dieses pauschale Arbeitgeber Bashing mittlerweile sehr anstrengend. Wenn 2% der Arbeitnehmer unter Mindestlohn arbeiten muss dagegen vorgegangen werden. Aber es sin eben nur 2%. Daher sind diese Rundumschläge unnötig.

    • @Ahnungsloser:

      Wenn man mehr liest als die Überschrift, stellt man schnell fest, dass das von Ihnen angenommene pauschale Bashing schlicht nicht existiert.

  • Ein Problem ist aber auch, dass sich die Arbeitnehmer entsoldidarisiert haben. Die Gewerkschaften können davon ein Lied singen, dort sind die Mitgliedszahlen stark rückläufig. In meinem Betrieb sind von 58 Beschäftigten unter 25 Jahren genau 2 in der Gewerkschaft.

    • @FraMa:

      Man müsste hierzulande lediglich den Anspruch auf Tarifverträge an die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft koppeln, und schwupp wären fast alle AN Mitglied, so wie in Frankreich und Spanien.

      Letztlich entsolidarisieren sich die AN vor allem von jenen, die brav Gewerkschaftsbeiträge zahlen und somit Tarifverhandlungen finanzieren.

    • @FraMa:

      Bis zu 4,8 Mio. Arbeitnehmer erhalten nur den Mindestlohn und darauf dann Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen, ist kaum möglich. Deswegen wäre ich mit der These der Entsolidarisierung vorsichtig. In meinem 'Betrieb' sind auch nur zwei in einer Gewerkschaft. Das Problem, dass Menschen sich den Aufwand und das Geld sparen ist bekannt. Darauf würde ich aber nicht direkt schließen wollen, dass sie entsolidarisiert sind.

    • @FraMa:

      Und wie viele von den restlichen 56 regen sich über zu geringe Löhne / Gehälter auf?



      :-)

  • Dazu die Worte der Politiker: die Menschen arbeiten zu wenig.



    Gerade diese benötigen Unterstützung, wieso können Arbeitgeber sich das leisten?



    Warum werden Unterhaltsschulden nicht zurück gefordert? Das sind nochmal Millionen.?

  • Die Hüter von Recht und Gesetz, unsere Regierung und das Parlament, machen es ihnen ja auch vor. Oder hält sich ein Dobrindt an Gesetze oder Gerichtsurteile?



    Gibt's eigentlich was Neues zum Untersuchungsausschuss wegen Spahns Maskenaffäre?



    Aber momentan ist der Club Deutscher Unternehmer ja mit fortgesetzter Hetze gegen eben die ArbeitnehmerInnen beschäftigt, um die es auch in dem Artikel geht.



    Sollen sie doch Kuchen fressen.

  • Es stimmt was nicht. Laut TAZ beträgt das Strafmaß 3.000 Euro und die Quelle berichtet von 204.000 Euro.

    • @Renger Götz Wilhelm:

      Der letzte Absatz der Quelle lautet:

      "Die Strafe ließ den Unternehmer aber unbeeindruckt. Als die Zollbeamten kurze Zeit später das Beschäftigungsverhältnis eines Fahrers überprüfen wollte, verweigerte der Unternehmer jegliche Mitwirkung. Wie es sich herausstellte, war der Fahrer nicht ordnungsgemäß angemeldet. Dieses Vergehen kostete den Geschäftsmann erneut 1.500 Euro. Darüber hinaus muss er ein Bußgeld in Höhe von 1.500 Euro wegen Nichtmitwirkens bei der Prüfung bezahlen."

      Was stimmt da nicht?

  • Nur noch die Hälfte der Arbeitnehmer hat einen Arbeitsvertrag, der auf einem Tarifvertrag von Gewerkschaften basiert. Und nur noch 43 Prozent der Arbeitnehmer haben überhaupt einen Betriebsrat.



    Dazu kommt, dass in Deutschland eine Elbogenmentalität der höheren Leitungsebenen, der Unternehmer, Manager und Kapitalbesitzer zunimmt. Es ist heute nur wichtig, dass ein Arbeitnehmer den Profit mehrt, dass er funktioniert. Es ist selten, dass Unternehmer freiwillig einen Tarifvertrag übernehmen oder sich daran anlehnen. Oftmals schreiben das auch Unternehmen und meinen damit dann abgesenkte Tarife.



    Dann werden Arbeitnehmer psychisch sehr unter Druck gesetzt, dass sie das oder dies machen müssen, viele Arbeitnehmer glauben, dass ihre Arbeitszeit erst dann anfängt, wenn sie arbeiten und schreiben sich weniger Stunden auf oder rechnen bewusst zugunsten der Arbeitgeber ab, mit der Folge, dass auf der anderen Seite die Hemmungen sinken.



    Und dann die Nebelkerze Krankheit (AUB): Das ist nur Stimmungsmache um die Arbeitnehmer weiter zu schwächen. Deutschland verfügt auch 2026 über die qualifiziertesten und produktivsten Arbeitnehmer auf der Welt.

    • @Andreas_2020:

      "Nur noch die Hälfte der Arbeitnehmer hat einen Arbeitsvertrag, der auf einem Tarifvertrag von Gewerkschaften basiert. Und nur noch 43 Prozent der Arbeitnehmer haben überhaupt einen Betriebsrat."

      Je geringer der Organisationsgrad, desto weniger Betriebsräte, desto geringere Löhne / Gehälter.