Wie weiter im Nahen Osten?: Wer den Irankrieg entscheidet, ist noch nicht ausgemacht
Israel eskaliert den Krieg – das Verhältnis von Trump und Netanjahu verändert sich. Das hat Einfluss auf die geopolitische Lage der gesamten Region.
D er Irankrieg befindet sich in einem gefährlichen Moment. Nicht nur der weltweite Energiehandel wird unterbrochen, sondern es werden wichtige Grundlagen der globalen Energieversorgung zerstört. Es geht nicht mehr um einzelne Angriffe auf Tanker und Raffinerien, jetzt geht es gegen die Energieproduktionsstätten selbst, mit langfristigen Folgen. Ausgelöst hat diese neue Eskalation der israelische Premier Benjamin Netanjahu – am Mittwoch mit einem israelischen Angriff auf das iranische Gasfeld South Pars, das größte und wichtigste des Landes.
Es war ein Angriff auf ein Herzstück der zivilen iranischen Ökonomie. Das iranische Regime antwortete mit Angriffen auf das Gasfeld Ras Laffan in Katar, das jetzt geschlossen ist. Ras Laffan ist nicht irgendein Gasfeld, es produziert 20 Prozent des weltweiten Flüssiggases. In den benachbarten Arabischen Emiraten wurden nach einem iranischen Angriff die Gasproduktionsstätten Habshan geschlossen, Saudi-Arabien vermeldet Angriffe auf zwei Ölraffinerien. Das iranische Regime eskaliert seine Strategie in diesem asymmetrischen Krieg und treibt den Preis für ihn nach oben. Und die angegriffenen Golfstaaten stehen unter Handlungsdruck. Bisher haben sie sich darauf verlegt, ihr Territorium militärisch zu verteidigen. Sie wissen, dass sie auch nach dem Krieg mit ihrem iranischen Nachbarn leben müssen.
Aber den Emiren und Königen wird aus dem Aus- wie Inland die Frage gestellt, wann sie Iran offen den Krieg erklären. Genau das bezweckt Netanjahu mit seinem Angriff auf das iranische Gasfeld South Pars und der reflexartigen iranischen Antwort darauf: Er hofft, die Golfstaaten in eine militärische Allianz mit Israel zu treiben – und langfristig in eine politische. Dafür ist Netanjahu buchstäblich bereit, nicht Öl ins Feuer zu gießen, sondern Feuer ans Öl zu halten.
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Ob die Strategie funktioniert, ist fraglich. Die Golfstaaten befinden sich in einem Dilemma. Sie wollen zeigen, dass sie etwas unternehmen, aber nicht in einer offenen Allianz mit Israel erscheinen. Sie sind verärgert, dass Netanjahu und US-Präsident Donald Trump diesen Krieg überhaupt begonnen haben, der über ihren Köpfe hinweg entschieden wird. Sie wollen ihn zeitlich begrenzen und nicht durch ihre eigene Teilnahme ausweiten.
Doch während Netanjahu versucht, die Golfstaaten zu einer militärischen Antwort gegen Iran zu zwingen, stößt er seinen wichtigsten Verbündeten vor den Kopf. Der israelische Angriff auf das iranische Gasvorkommen führte erstmals seit dem Beginn des Krieges zu einem öffentlichen Zerwürfnis zwischen Netanjahu und Trump. Der US-Präsident fordert von Israel, keine weiteren Angriffe auf das iranische Gasfeld zu fliegen. Er behauptet auch, im Vorfeld nichts von den israelischen Angriffsplänen gewusst zu haben. Ob das stimmt oder nicht: Trump distanziert sich öffentlich von Netanjahu.
Im gleichen Atemzug warnt er allerdings Iran davor, das große Gasfeld Ras Laffan in Katar weiter anzugreifen, sonst werde das US-Militär selbst das iranische Gasfeld South Pars attackieren und „ausradieren“. Trump baut also eine weitere Drohkulisse auf, nimmt aber gleichzeitig Abstand von Netanjahu, der diese neueste Eskalation begonnen hat. Im besten Falle ist das der Anfang vom Ende des Krieges, im schlimmsten eine Eskalation, wie sie die Region und die Energiemärkte noch nie erlebt haben.
Je länger dieser Krieg dauert, umso deutlicher wird, dass Trump und Netanjahu nicht am gleichen Strang ziehen. Trump muss in diesem Krieg die Sicherheit der Golfstaaten mitdenken. Ein seit Jahrzehnten gewahrter Sicherheitspakt besagt, dass die USA die Sicherheit der Golfstaaten garantieren. Im Gegenzug darf Washington dort die strategisch so wichtigen US-Militärstützpunkte unterhalten. Trump muss also dafür sorgen, dass die Region einigermaßen stabil bleibt. Er kann nicht riskieren, dass sich die Golfmonarchien von ihm abwenden, weil der Sicherheitspakt obsolet geworden ist, und am Ende womöglich eine Schließung der Stützpunkte fordern.
Netanjahu hat ganz andere Erwägungen. Ihm macht es nichts aus, wenn in Iran und in den umliegenden Golfstaaten auf lange Zeit Chaos ausbricht. Er träumt davon, dass aus der Asche langfristig ein „neuer Naher Osten“ entsteht, in dem Israel eine dominante Rolle spielt und die Palästinenserfrage in der Versenkung verschwindet. Mit derart unterschiedlichen Perspektiven lautet die entscheidende Frage für die nächsten Wochen oder Monate: Wer kontrolliert diesen Krieg, Netanjahu oder Trump?
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