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Wegfall von Pflegegrad 1 Ohne Marc ist das nicht zu schaffen

Gastkommentar von

Katharina Schwedt

Fällt der Pflegegrad 1 weg, erschwert das den Alltag von Betroffenen, von Einkaufs- über Haushaltshilfe bis hin zur Wegbegleitung. Eine Mutter erzählt.

E s klingelt. Marc kommt mit meinem zehnjährigen Sohn nach Hause. Sie waren im Schwimmbad. Marc ist „unser Student“. Er unterstützt mich als pflegende Angehörige. Mein Sohn hat Pflegegrad 1, seitdem er vier Jahre alt ist. Als Baby bekam er eine schwere Atemwegsinfektion, seitdem hat er massive gesundheitliche Probleme. Nach einer Corona-Infektion litt er an Long Covid und muss dauerhaft mit Cortison behandelt werden. Wegen der Beeinträchtigungen nimmt er an unterschiedlichen Therapien teil. Schwimmen ist ein Sport, den er gut bewältigen kann. Ohne die Entlastungsleistung der Pflegeversicherung wäre vieles für ihn und damit für uns als Familie nicht lebensmöglich.

Darüber wird allerdings kaum geredet, weder in den Medien noch in der Gesellschaft – während die Frage der Zuzahlung bei den Pflegeheimkosten medial eine große Rolle spielt. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als würden die zusätzlichen Bedarfe von Menschen mit Pflegegrad 1 nicht existieren. Dabei gibt es viele Menschen, die den Pflegegrad 1 haben: jene, die Unterstützung bei ihrer Versorgung benötigen, Menschen mit chronischen Erkrankungen, andere mit Beeinträchtigung in ihrer Selbstständigkeit.

Katharina Schwedt

ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihren Kindern im Bürgergeldbezug. Sie beklagt, dass sie nicht arm ist, sondern arm gemacht wird. Hier schreibt sie unter Pseudonym, weil sie ihren richtigen Namen zum Schutz ihrer Familie nicht veröffentlichen will.

Durch die Reform der Pflegeversicherung soll der Pflegegrad 1 neu strukturiert werden. Der sogenannte monatliche Entlastungsbetrag in Höhe von 131 Euro soll ab kommendem Jahr ersatzlos wegfallen und durch neue „Angebote“ ersetzt werden. So sieht es jedenfalls der Entwurf aus dem Gesundheitsministerium vor. Diesen Entlastungsbeitrag nutzen viele für Hilfen im Alltag, also für jemanden, der mit anpackt, einkaufen geht, begleitet, im Haushalt hilft – und so die Pflegeperson entlastet. Wer weiß, wie teuer eine Haushaltshilfe oder ein Babysitter ist, weiß auch, dass man mit 131 Euro im Monat nicht weit kommt.

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In unserem Fall ist es Marc, der mich entlastet. Marc war Praktikant in der Krabbelgruppe meines zweiten Kindes. Ich fragte ihn, ob er nicht bei uns aushelfen könnte, und war sehr froh, als er zusagte. Er absolvierte ein Seminar für Pflege und Entlastungsleistung. Das Zertifikat reichte ich bei der Pflegeversicherung ein, Marc konnte starten. Seitdem begleitet er meinen Sohn zu den Therapien, macht mit ihm Sport, hilft nachmittags bei uns im Haushalt. Das Geld überweist die Pflegeversicherung direkt auf Marcs Konto. Ich bin alleinerziehend, ohne Marc wüsste ich nicht, wie ich das alles schaffen sollte. Marc kümmert sich auch um mein jüngeres Kind, wenn ich meinen Sohn dabei unterstütze, Medikamente zu inhalieren.

Doch Marcs Leistung soll jetzt gestrichen werden. In Deutschland hatten zuletzt rund 863.000 Menschen den Pflegegrad 1, etwa 15 Prozent aller Leis­tungs­emp­fän­ge­r:in­nen in der Pflegeversicherung. Sie alle haben Anspruch auf die monatliche Entlastungsleistung. Zugegeben, der Name suggeriert, als sei die Pflegebedürftigkeit meines Kindes eine Last. Die eigentliche Last ist aber die fehlende Unterstützung. Mit dem Entlastungsbetrag wurde ich wenigstens ein wenig von all den zusätzlichen Anstrengungen entlastet. All das fällt nun weg. Für nicht wenige Menschen bedeutet das, die Wohnung überhaupt einmal verlassen zu können, und sei es, um im Park die Tauben zu füttern (was zwar verboten ist, aber Lebensqualität darstellt).

Statt Hilfe beim Einkauf bekommt man demnächst wohl den Ratschlag, Gymnastik zu machen

Stattdessen kommen Beratungsstrukturen dazu, die ich als pflegende Angehörige nutzen darf. Doch das Letzte, was ich benötige, ist eine zusätzliche Beratung. Wie die meisten Betroffenen kenne ich mich bestens mit der Erkrankung meines Kindes aus. Ich weiß um die Therapien und Angebote und bin eingebunden in ein stabiles Netz aus medizinischen und therapeutischen Angeboten. Gemäß der Pflegereform soll es – als „Ersatz“ für den Entlastungsbetrag – in jedem Landkreis oder in jeder kreisfreien Stadt eine Beratungsperson geben. Das ist ineffizient, teuer und unnötig. Pflegebeauftragte und Pflegestützpunkte, die genau dazu beraten, gibt es schon lange. In Berlin gibt es sie in jedem Bezirk. Diese neue Beratungsperson, die eingesetzt wird, soll auf Präventionskurse hinweisen. So soll verhindert werden, dass Betroffene in einen höheren Pflegegrad „hineinrutschen“.

Entlastungsbeiträge werden verballert

Statt Hilfe beim Einkauf bekommt man demnächst wohl den Ratschlag, Gymnastik zu machen. Statt einer Begleitung für den Gang zum Arzt gibt es nun den Hinweis, dass man eine Krankenkassen-App nutzen kann. Statt des wöchentlichen Spaziergangs mit einem demenzkranken Angehörigen muss man dankbar sein für Tipps zu Präventionskursen der Krankenkasse. So oder so ähnlich dürfte die künftige Beratungsstruktur aussehen – und unsere gut angelegten 131 Euro des Entlastungsbeitrags im Monat werden auch noch mit vielen anderen Entlastungsbeträgen für eine zusätzliche Onlineplattform verballert.

Das sogenannte Pflegecockpit soll online über weitere Angebote informieren, etwas, das ChatGPT schon lange kostenlos tut. Ja, sicherlich sind nicht alle Betroffenen ausreichend informiert, möglicherweise nutzen viele ChatGPT nicht. Doch es gibt bereits Strukturen in der Pflegeversicherung, die genau das bieten, dazu beraten und unterstützen. Unser Marc fällt einer geschaffenen Doppelstruktur zum Opfer – und ich habe wieder mehr Lasten zu schultern.

Als alleinerziehende Mutter mit einem Kleinkind werde ich es im Alltag nicht schaffen, unter anderem mit meinem älteren Sohn schwimmen zu gehen. Die Wege zu den Therapien, die mein Sohn benötigt, werden zur Nervenprobe, denn das jüngere Geschwisterkind muss immer mitkommen, eine Betreuung für das jüngere Kind fehlt.

Man wird den Eindruck nicht los, dass die Umstrukturierungen in der Pflegeversicherung gemacht wurden, ohne den Alltag von Betroffenen einzubeziehen. Oder die Ideen für die Neuordnung stammen von Leuten, die von Pflege keinen blassen Schimmer haben.

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11 Kommentare

  • OndaOnda

    Völlig einleuchtend, der Bericht. Sollte mal direkt an das zuständige Ministerium gehen, um die mit der Nase darauf zu stossen.

  • Ein wenig Vernunft, bitte!

    Einer Mutter mit einem pflegebedürftigen Kind wünscht man selbstverständlich uneingeschränkte Unterstützung.



    Das darf jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass die aktuelle Ermittlung der Pflegebedürftigkeit dringend einer Reform bedarf. Seit der Einführung des neuen Pflegeassessment (NBA) im Jahr 2017 ist die Zahl der Pflegebedürftigen sprunghaft angestiegen. Urspgl. Ziel des NBA war es, den Pflegebedarf von Menschen mit psychischen und v.a. Demenzerkrankungen besser zu erfassen - quasi weg von der alten Pflegebegutachtung i.S. einer reinen Erfassung der "Pflegeminuten". Zur Wahrheit gehört jedoch, dass die Grenze der Pflegebedürftigkeit damit 2017 nicht nur deutlich abgesenkt wurde, sondern dass es nunmehr ein Leichtes ist, durch geschickte Angaben niederschwellig einen Pflegegrad 1 zuerkannt zu bekommen. Diese Angaben können durch den MDK nicht bzw. kaum überprüft werden. Hinzukommt, dass während der Corona-Zeit die MDK-Begutachtung auf Telefoninterviews umgestellt wurde. Kurzum: Das aktuelle System der Pflegegradeinstufung funktioniert auch deswegen nicht gut, weil es von einem Teil der Vers. - bspw. zwecks Finanzierung der Haushaltshilfe - schlicht ausgenutzt wird.

  • Nina Janovich

    Danke für Ihre Stimme als pflegende Angehörige. Davon gerne mehr in der taz. Ich finde es ein Unding, dass in unserer Leistungsgesellschaft die enorme Leistung von pflegenden Angehörigen nicht BESSER finanziell anerkannt wird. Stattdessen nun erneut neoliberale Kürzungs-Angriffe auf die größte Leistungsgruppe in der Pflege, von der man am wenigsten (Lobby-) Widerstand erwartet. 67% der Menschen mit Pflegebedarf werden von Angehörigen zu Hause versorgt! 19 % von ambulanten Pflegediensten und 14% in der "teuersten" Variante stationärer Pflegeeinrichtungen. www.destatis.de/DE...grafie-pflege.html

  • HMG HMG

    Ich bin schon etwas älter. Es war meine Entscheidung Kinder zu bekommen, es war meine Entscheidung auf ein familiäres Unterstützernetzwerk (Eltern usw.) zu verzichten, es war meine Entscheidung meine Beziehung zu beenden. Trotzdem habe ich nicht von der Gesellschaft erwartet, die Konsequenzen meiner Entscheidungen zu tragen. Und NEIN, ich habe kein Millionen auf dem Konto.

  • MarxhatteRecht

    Jeder Euro dieser Pflegebeihilfe hat einen größeren volkswirtschaftlichen Effekt als wenn er für den 100sten Panzer ausgegeben würde. Traurig wie blind diese inkompetente CDU ist.

  • Oliver Wagner

    Vielleicht sollte eine wohlhabende Gesellschaft sich darauf besinnen , wenn sparen angesagt ist, dort zu helfen wo es nötig ist und nicht nach dem Gießkannen-Prinzip zu verteilen

  • Budzylein

    "Die Wege zu den Therapien, die mein Sohn benötigt, werden zur Nervenprobe, denn das jüngere Geschwisterkind muss immer mitkommen, eine Betreuung für das jüngere Kind fehlt." schreibt die Autorin.

    Eine alleinerziehende Mutter mit einem nicht pflegebedürftigen 10jährigen Sohn und einem Kleinkind muss allerdings ihren 10jährigen im Alltag ebenfalls häufig, z. B. zu Arztbesuchen, begleiten und erhält dafür keinen Entlastungsbetrag, mit dem sie jemanden bezahlen kann, der unterdessen das Kleinkind betreut. Sie wird daher das Kleinkind mitnehmen müssen, wenn sie mit dem 10jährigen unterwegs ist. So geht es allen Alleinerziehenden mit 2 oder mehr Kindern, die noch nicht alleingelassen werden können, auch wenn diese Kinder gesund, nichtbehindert und altersentsprechend entwickelt sind und daher keinen Pflegegrad haben. Ich sehe nicht, weswegen das unzumutbar sein soll. Ich sehe auch nicht, weswegen insbesondere erwerbstätige Alleinerziehende sowie Geringverdiener und Kleinrentner immer höhere Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen sollen, um einer nicht erwerbstätigen und selbst nicht pflegebedürftigen Person einen Helfer im Haushalt zu finanzieren.

  • Simon Lübbers

    Die neuen Beratungsangebote sind ja gerade so ausgelegt, dass sie überflüssig sind. Schließlich sollen sie möglichst nicht in Anspruch genommen werden. Sonst würde man im Vergleich zum alten Entlastungsbetrag ja gar nichts sparen. Und das allein ist ja der Sinn der "Reform". Die Fachpolitiker werden schon wissen, wo Bedarf existiert und wo nicht. Deshalb werden neue Angebote natürlich nur da geschaffen, wo keiner besteht.

  • Gnutellabrot Merz

    Unsere Regierung spart generell nur bei den Armen, den Schwachen und den Kranken.

    Man könnte das Gefühl bekommen, dass unsere Regierung an diesen Menschen keinerlei Interesse hat und sie möglichst günstig loswerden will. Sie sollen nichts kosten und einfach selber schauen wo sie bleiben.

    Schade, dass genau diese Politik dazu führt, dass noch schlimmere Politiker gewählt werden, die noch mehr an den Armen, den Kranken und den Schwachen sparen werden.

  • Fckafd Somuch

    Diese Ideen kommen von einer neoliberalen Kaste der Union, die sich einen feuchten Kehricht darum schert, wie es Leuten geht, die keine Million auf dem Konto haben. Und die Soziale Partei Deutschlands steht daneben, guckt dumm aus der Wäsche und fragt sich, warum sie bei Wahlen so viele Stimmen verliert

    • Astrid Sehnefeld

      @Fckafd Somuch:

      Zu Ihrer Erzählung passt nicht, dass zuvor die Ampel am Werk war - da wurde auch nichts dafür gemacht.



      Und in sehr vielen Bundesländern sitzen die Grünen mit in den Regierungen. Die könnten durchaus Druck aufbauen, beispielsweise dass sie ihre Zustimmung im Bundesrat zu diversen Themen von Zugeständnissen der Bundesregierung bei der Pflege oder anderen sozialen Themen abhängig machen.



      Tun sie aber nicht.



      Die Union für alles an den Pranger zu stellen ist billig und schlicht nicht wahr.



      "Mehr Soziales" ist auf Bundesebene ein Dauerbrenner der Opposition - bis die selbst an der Macht sind und vor leeren Kassen sitzen... - dann wird regiert nach dem Motto 'was kümmert mich mein Geschwätz von gestern'.



      Die Union stößt dringend notwendige Einsparungen an. Leere Kassen sind leere Kassen.



      Man kann freilich trefflich streiten, ob ein Tankrabatt wichtiger ist als Geld für die Pflege, aber Haushaltsdisziplin ist unerlässlich.