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Proteste in Frankreich Wem gehört die Wut?

Gastkommentar von

Édouard Louis

Wer die Randalierer in Frankreich nur als Kriminelle sieht, übersieht die gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt, sagt der französische Schriftsteller Édouard Louis. Wir müssen genauer hinsehen.

B ei den landesweiten Demonstrationen am 17. Oktober versammelten sich in ganz Frankreich Hunderttausende. Sie taten es, um ihre Meinung kundzutun, um zu protestieren, gemeinsam zu singen und einen radikalen politischen Wandel zu fordern – für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und die Umverteilung von Reichtum.

Gleichzeitig ließen mehrere Tausend Menschen den Tag in Paris und Lyon, in Marseille und Limoges in eine Welle gewaltsamer Ausschreitungen umschlagen: Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Schaufenster eingeschlagen, Kioske und Autos angezündet. Der Place de la République in Paris wurde verwüstet, der Boulevard de Magenta entstellt. In Limoges wurde das Rathaus in Brand gesetzt, in Lyon ging auch die Touristeninformation in Flammen auf.

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Schon am nächsten Tag erhoben sich Stimmen von rechts bis links, um die Zerstörungen und Plünderungen anzuprangern. Hunderte Videos kursieren in den sozialen Netzwerken, die verzweifelte, manchmal weinende Ladenbesitzer vor ihren zerstörten Geschäften zeigen.

Als wäre die Gruppe der „Chaoten“ real

Vor dem Hintergrund dieser Bilder formten sich zwei unterschiedliche Sichtweisen. Die erste, vorherrschende Reaktion verurteilt die „Chaoten“ in aller Schärfe und fordert möglichst harte Strafen: Sie hätten Frankreich „ins Chaos“ gestürzt und die Republik als Ganzes ins Visier genommen. Das ist der Diskurs der Rechten und Rechtsextremen – und auch der Sozialisten, die sich stets Sprachregelungen der Regierung zu eigen machen, aus Angst, nicht respektabel genug zu erscheinen.

Édouard Louis

33, wurde 2014 mit seinem autofiktionalen Debütroman „Das Ende von Eddy“ (S. Fischer) bekannt. Er studierte Soziologie und Philosophie in Paris, unter anderem bei Didier Eribon. In seinen Büchern beschäftigt sich Louis vor allem mit sozialer Ungleichheit, Klassenverhältnissen, Gewalt und Homosexualität.

Die zweite Reaktion betont dagegen, dass die „Chaoten“ mit den Demonstrationen „nichts zu tun“ hätten, dass sie der gegenwärtigen sozialen Bewegung schadeten und sie in ein schlechtes Licht rückten. Die extreme Rechte werde die Ereignisse nutzen, um nach Ordnung und Repression zu rufen – wie sie es bereits tut.

Wie die Geier stürzen sich die Rechtsextremen auf die Kadaver der verbrannten Läden und die Überreste der verkohlten Bushaltestellen, um ihre abscheuliche Sprache zu nähren. Das ist einem Teil der Linken bewusst und der besteht deshalb darauf, dass die Ausschreitungen, die Zerstörer und die Plünderer nichts mit der sozialen Bewegung zu tun haben.

Diese Diskurse haben gemeinsam, dass sie so tun, als wäre die Gruppe der „Chaoten“ real. Als ließe sich die Bevölkerung in zwei Gruppen aufteilen. Als gäbe es auf der einen Seite die authentischen Demonstranten, die über die politische und soziale Lage empört sind und sich dazu entschieden haben, friedlich zu protestieren – und auf der anderen Seite diejenigen, die sich, völlig losgelöst vom Kontext, dazu entschieden haben, gewalttätig zu werden; vereinzelte, zusammengewürfelte Individuen, die angeblich nur von der Lust am Zerstören und Unruhestiften angetrieben seien.

Aber wie kann man übersehen, dass diejenigen, die am Wochenende randalierten und plünderten, einander ähnlich sehen? Dass sie alle, zumindest zum großen Teil, aus den unteren sozialen Schichten zu kommen scheinen, die dort übliche Kleidung, Mützen, Turnschuhe tragen und dass sie, wie man in den Videos hören kann, mit Akzenten und Ausdrücken aus diesem Milieu sprechen?

Wie kann man übersehen, dass es sich zu einem großen Teil um rassifizierte Männer handelte. Um Schwarze und Araber. Um Menschen, die die französische Gesellschaft seit Jahrzehnten in heruntergekommenen Wohnsiedlungen zusammenpfercht und in Armut hält, denen sie verkommene, von Ratten oder Kakerlaken befallene weiterführende Schulen zuweisen und die sich nicht durch die Städte bewegen können, ohne von der Polizei kontrolliert und gedemütigt zu werden?

Der Schmerz der einen darf uns nicht blind machen

Dass die Randalierer zum Großteil aus dem gleichen sozialen Umfeld zu kommen scheinen, sollte uns Folgendes verdeutlichen: Es ist immer ein bestimmtes Milieu mit bestimmten Lebensbedingungen, das bestimmte Verhaltensweisen hervorbringt. Und es geht nicht um individuelle Entscheidungen, etwas einzuschlagen oder zu zerstören, sondern um eine soziale Prägung, die einen dazu bringt, auf die eine oder andere Weise zu handeln.

Ich sage es ganz offen: Auch mich macht es traurig und ich fühle mit den weinenden Händlern, wenn ich sie vor ihren Läden sehe. Aber die Empathie darf nicht davon ablenken, tiefer zu hinterfragen, was diese Gewalt bedeutet.

Zu verstehen, warum gewisse Menschen randalieren, bedeutet nicht, das Leid derjenigen zu leugnen, die von den Zerstörungen betroffen sind. Es bedeutet, sich zu weigern, dieses Leid als Vorwand zu nehmen, nicht weiter nachzudenken. Als ob der Schmerz der einen uns zwangsläufig blind für den der anderen machen müsste.

Inwiefern treiben Leid und soziale Gewalt manche Menschen dazu, dass Gewalt ihre einzige Sprache ist? Inwieweit haben die Verarmung der französischen Bevölkerung, der Rückgang an Sozialhilfen, die Zerstörung öffentlicher Dienste sowie die Vernachlässigung der unteren sozialen Schichten durch die Regierungen Macrons und die seiner Vorgänger dazu beigetragen, dass Zerstörung und Plünderung für manche zum einzig möglichen Weg werden?

Selbstverständlich gibt es andere Faktoren. Wie etwa die Männlichkeit – während die Plünderungen von Männern und Frauen ausgingen, so gingen die zerstörerischen Handlungen fast ausschließlich von Männern aus –, die Kultur oder die Verherrlichung der Gewalt in den sozialen Medien, die Faszination für das Geld und den Konsum.

Aber die Fragen bleiben die gleichen: Warum finden diese Darstellungen, diese Verhaltensweisen in bestimmten sozialen Milieus einen größeren Anklang als in anderen? Warum nimmt Gewalt genau diese Form an, bei genau diesen Personen, in genau diesem Moment?

Warum nimmt Gewalt genau diese Form an, bei genau diesen Personen, in genau diesem Moment?

Über eine Tat, über eine Handlung entscheidet niemals ein Mensch allein. Eine gewaltsame Handlung, das ist nie eine Einzelperson, selbst keine Gruppe von Personen, die am Morgen aufwacht und entscheidet: „Hey, ich werde heute was Gewaltsames machen.“ Und selbst wenn sie so denken würde, läge der Grund ihrer Handlung jenseits ihrer selbst. Man müsste noch erklären, warum sie einen Zerstörungsdrang haben, warum gerade diese Art des Handelns ihnen zugänglich erscheint.

An dem Tag, an dem wir Kinder aus vornehmen Vierteln und Studierende der Eliteuniversitäten in weißen Hemden und blank geputzten Schuhen sehen, wie sie Schaufenster zertrümmern und Supermärkte plündern – an diesem Tag vielleicht können wir anfangen, an die Theorien von Verantwortung und individuellem Handeln zu glauben. Aber solange die gleichen Verhaltensweisen fast immer bei den gleichen Bevölkerungsgruppen, in den gleichen Gegenden und bei den gleichen Gruppen von Männern auftreten, muss man wohl zugeben, dass etwas in der Organisation unserer Gesellschaft diese Verhaltensweisen wahrscheinlicher macht als andere.

Wer hat ein Recht auf Soziologie und Politik? Wenn Schüler demonstrieren und ihre Gymnasien blockieren, dann sagen wir bereitwillig, dass der Kontext und die Situation sie dazu veranlasst haben. Aber wenn diejenigen, die protestieren, indem sie Gebäude niederbrennen, Schaufenster einschlagen und Läden plündern, junge Männer oder Frauen aus Arbeitervierteln sind, dann bricht diese Argumentation plötzlich ab. Sie sind dann nicht mehr das Produkt einer Geschichte, einer sozialen Klasse, einer Gegend, einer Erziehung, eines Verhältnisses zur Polizei, zum Geld und zum Konsum. Sie werden zu Personen ohne Motive, ohne Vergangenheit, ohne gesellschaftliche Prägungen. Man schreibt ihnen einen puren Willen, eine fast natürliche Bösartigkeit zu.

Das Problem dieser entsoziologisierenden Sichtweise auf die Randalierer ist, dass sie uns daran hindert, die soziale, expressive und politische Dimension ihrer Handlungen wahrzunehmen. Die Frage ist keine moralische. Sie dreht sich nicht darum, ob das, was sie tun, gut oder schlecht ist. Sie ist politisch: Warum tun sie das und was erzählt ihr Handeln über den Zustand von Frankreich und der aktuellen sozialen Gewalt? Was sagen uns diejenigen, die randalieren, manchmal, ohne es selbst zu beabsichtigen, über die Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsschichten, über Leben, die auf Ausgrenzung und Gewalt reduziert sind?

Die Ereignisse, die sich in den vergangenen Tagen in Frankreich zugetragen haben, sind von immenser Komplexität. Ich behaupte nicht, sie zu verstehen oder zu lösen. Aber ich glaube, dass wir die Augen nicht vor bestimmten Fragen von entscheidender Bedeutung verschließen dürfen, um die so sehr berechtigte Wut zu begreifen, die das Land seit mehreren Wochen erschüttert.

Aus dem Französischen von Marlene Thaler

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7 Kommentare

  • economista

    Das Wohlstandsgefälle zwischen Westeuropa und ehemaligen Kolonien besteht fort, nun aber verkürzt auf die Strecke zwischen Banlieues und den reichen Vierteln des Zentrums. So sind Hochspannungsleitungen in Griffweite gelangt und die Funken fliegen.

  • Auweiowei

    Ehrlich gesagt, ich hatte mir von Édouard Louis, der Annie Ernaux nacheifert, mehr versprochen - ich bin enttäuscht.

    Denn er kommt nicht dazu, die offensichtliche Verwahrlosung (sowohl des Staates als auch der 'Autonomen') zu hinterfragen. Mit den drastischen Ausdrucksmitteln des Schriftstellers wird die durch den Titel 'Wem gehört die Wut?' genährte Hoffnung auf Einblicke in Steuerungsmechanismen der Gewalttäter - denn das wäre mein Erwartungshorizont - nicht erfüllt.



    Der Autor bewegt sich im Rahmen der von Hippolyte Taine, einem Nietzsche-Verehrer des 19. Jhs., vorgegebenen Theorie von 'race-milieu-moment'. Wobei er 'race' nicht im Sinne der 'Vererbungslehre', sondern zeitgemäß am Beispiel der "rassifizierten [rassistisch diskriminierten] Schwarzen und Araber" soziologisch verstanden wissen will.

    Am Ende spricht der Autor ausweichend von der "immensen Komplexität" der "Ereignisse" [die Fragen aufwerfen], die er auch nicht "zu verstehen und zu lösen" vermag.

    Mit Verlaub, da war ja Victor Hugo mit seinem Roman 'Les Misérables', der seinen Worten zufolge die Schnittstelle zwischen 'Infamie' und 'Glücklosigkeit' beleuchten sollte, schon wesentlich weiter.

  • DiMa

    Und wieder ein Artikel der taz, mit dem der Versuch der Rechtfertigung von Gewalt unternommen wird.

    Gewalt ist indiskutabel! Kommt es zu Gewalt, dann sollten die Diskussionen enden. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass man durch Gewalt Themen eskalieren kann. Mit der Gewalt endet jede Rechtfertigung und Diskussion.

    • Tongo

      @DiMa:

      Widerstand steht nicht alleine auf Demoschildern. Macht kaputt was euch kaputt macht kann durchaus als probates Mittel verstanden werden. Gewalt ist nicht immer gleich Gewalt und Unterdrückung wird immer auch eine gewaltsame Antwort mit sich tragen. Wer so simpel denkt, kann nur in Deutschland sitzen, wo statt Aufstand AfD wählen geprobt wird und Menschen sich damit wahnsinnig wichtig fühlen.

    • Anna Bell

      @DiMa:

      klar, bloß nicht an die Ursachen rangehen. Optional kann man auch fragen, was mit der strukurellen staatlichen Gewalt ist.

      Einfach mal drüber nachdenken.

    • Kohlrabi

      @DiMa:

      Der Eindruck kann entstehen, aber das ist m.E. ein Missverständnis. Der Text rechtfertigt ja in keiner Weise die Gewalt von Individuen, und er spricht die individuellen Täter nicht unschuldig. Er verweist nur darauf, dass es durchaus gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten gibt, die über der Ebene individuellen Handelns und individueller Rechtfertigung stehen. Man kann vielleicht eine Wiederkehr des frühen 19. Jh. sehen mit seinem Wechselspiel aus Pauperismus, spontanen destruktiven Gewaltausbrüchen der Armen und staatlicher Repression dagegen. Dazwischen liegt die lange Periode organisierter, teils sozialistischer, teils verbürgerlichter Arbeiterbewegung. Eine solche Wiederkehr wäre dann der Ausdruck einer säkularen Niederlage der gesellschaftlichen Linken.

      Mal nicht soziologisch, sondern literarisch: Büchners Woyzeck (dem ein realer Fall zugrundeliegt) ist kein Sympathieträger. Er ist ein Mörder, der schwere Schuld auf sich lädt, dessen Handeln zu verurteilen ist. Aber jenseits der individuellen Ebene beschreibt Büchner gesellschaftliche Macht- und Ausbeutungsverhältnisse, die notwendigerweise periodisch solche Woyzecks hervorbringen.

    • Klabauta

      @DiMa:

      Und wieder ein Kommentar, in dem "versuchen zu verstehen" mit "rechtfertigen" gleichgesetzt wird.