Nominierte Regierungsbeauftragte Ataman: Der Chor der Empörten

Ferda Ataman könnte Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung werden. Seit sie für die Position vorgeschlagen wurde, läuft eine Kampagne gegen sie.

Portrait von Ferda Ataman

Lassen sich die Vorwürfe gegen Ferda Ataman überhaupt belegen? Unser Autor findet: Nein Foto: André Wunstorf

Manch eine bekommt das Etikett „umstritten“ ziemlich rasch. Der frühere SPD-Politiker Thilo Sarrazin brauchte Jahre dafür, der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk gut vier Kriegsmonate. Bei der vom Ampel-Kabinett vorgeschlagenen Kandidatin für das Amt der Unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung war es eine Sache von wenigen Tagen. Die „umstrittene Publizistin Ferda Ataman“ ist nun hier und dort zu lesen.

Der Tagesspiegel fragte vor ein paar Tagen Kol­le­g:in­nen verschiedener Medien, ob die „umstrittene Publizistin“ Ataman die Richtige für das Amt sei. „Großes Fragezeichen“, lautete eine der Antworten. Das Amt sei überflüssig, erklärte ein anderer, „irgendetwas zwischen Feigenblatt und Versorgungspöstchen“. Ferda Ataman sei „Teil des Problems und nicht der Lösung“, sie beleidige und sei beleidigt. Eine Kollegin der taz antwortete auf die „Geeignet?“-Frage: „Unentschieden.“

Ist also Ferda Ataman medial abgeschrieben, bevor sie an diesem Donnerstag vom Bundestag vermutlich gewählt wird? Kommt die gebürtige Stuttgarterin, die einer säkularen muslimischen Familie entstammt, selbst nicht gläubig ist, noch raus aus der Schublade? In die hatte sie als einer der Ersten der Islamexperte Ahmad Mansour gesteckt, der behauptete, in Atamans Weltbild „existiert Rassismus, der von Nichtweißen ausgeht, nicht“.

Orchestrierte Kampagne?

Die Stimmungsmache der Springer-Presse war das eine – schon da ergab sich der Eindruck einer orchestrierten Kampagne. Doch dann erschienen auch in anderen Medien kritische Texte. Auf dem Onlineportal des Magazins Der Spiegel durfte sich die studentische Beauftragte für Diversitätsförderung an der Berliner Charité, Fatma Özdağlar, äußern. Sie forderte für den Posten „eine Person, mit der man diskutieren kann, ohne mit der Rassismuskeule erschlagen zu werden“. Eine Person, die auch den „politischen Islam, Clankriminalität und Antisemitismus als klare Probleme thematisiert“. Dabei fordert Ataman schon seit Jahren bessere politische Konzepte zur Bekämpfung des Antisemitismus – um nur eines der Argumente zu entkräften.

Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung wunderte sich nicht, dass sich Ferda Ataman „gezwungen sah, zahlreiche Beiträge ihres Twitter-Accounts“ zu löschen. Aber könnte dafür nicht auch der Grund sein, dass die Journalistin seit vielen Jahren von Rechten gehetzt wird und sich nicht vorstellen wollte, was mit ihren gut 10.000 Tweets gemacht wird?

Was in den Hintergrund gerät: die breite Unterstützung für die Kandidatin

Noch ein Blick in den Tagesspiegel: In ihm durfte ein „Islamforscher aus Berlin-Neukölln“, von dem zuvor wenig zu hören war, in einem Gastbeitrag schreiben, Ataman ignoriere Ehrenmorde, und „hält nicht viel davon, auf die Diskriminierung von Frauen, den Antisemitismus, die Homophobie und den Rassismus in Deutschlands wachsenden islamischen Gemeinden aufmerksam zu machen“. Aber lassen sich diese Vorwürfe denn überhaupt belegen, die über die tausendfach geäußerte Klage hinausgehen, laut der Ataman Deutsche als „Kartoffel“ beleidigt hat? Nein.

Was aber hängenbleibt: Sogar der Spiegel, die Süddeutsche und der Tagesspiegel sind gegen Ataman, also demnächst so gut wie alle. Was in den Hintergrund gerät: die breite Unterstützung für die Kandidatin – vom Rat für Migration über die „Charta für Vielfalt“ und den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank bis hin zum einstigen Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet. Bemerkenswert ist ferner, wenn von einer Organisation gar nichts zu hören ist – was nahelegt, dass sie in den Chor der Empörten nicht einstimmen will. Das trifft zum Beispiel auf den Zentralrat der Juden zu.

„Völliger Quatsch“

Wie Kampagnenjournalismus aussieht, hat zuletzt der Ex-Bild-Reporter Metin Gülmen, der heute für die Funke-Mediengruppe arbeitet, selbst transparent gemacht. Gülmen fand den Ehrenpräsidenten der Bundesarbeitsgemeinschaft der Im­mi­gran­ten­verbände als Kronzeugen dafür, dass Ataman bei einer Veranstaltung im Kanzleramt nach dem Anschlag von Hanau nicht neben einem Kurden habe sitzen wollen, sogar die Sitzordnung änderte.

Die Bild fand das so „brisant“, dass sie die Geschichte einfach abschrieb. Der taz sagte Ataman, weder das Funke-Blatt Der Westen, in dem Gülmen seinen Text veröffentlichte, noch Bild hätten diesbezüglich bei ihr nachgefragt. Sie hätte zu der Story gesagt: „Völliger Quatsch.“ Es gehört zu den journalistischen Grundsätzen, Betroffene von kritischer Berichterstattung zu konfrontieren. Stattdessen likte Gülmen einen Tweet, in dem es hieß: „Wenn man einen Dieb erwischt und man fragt ihn, ob er gestohlen hat, dann antwortet er zu 99,9 %, dass er unschuldig ist.“

Auch der Islamismusexperte Mansour ist bei seiner Kritik an Ataman nicht redlich vorgegangen, wie der Publizist Stephan Anpalagan am Mittwoch auf Twitter belegte. Anpalagan bezweifelte, ob Mansour tatsächlich Atamans „Artikel, Interviews und Aktivitäten“ angeschaut habe.

Hätte ihm andernfalls nicht auffallen müssen, dass Ataman im September 2020 für den Spiegel einen Kommentar „Migranten, die gegen Migranten hetzen“ verfasst hatte? Der erste Satz lautete: „Können nur weiße Menschen Rassisten sein? Natürlich nicht.“

Am Freitag bekommt Ahmad Mansour auf Vorschlag des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz ausgehändigt. Die Zeremonie im Roten Rathaus obliegt der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey. Sie sagt: „Ahmad Mansour ist ein Berliner, auf den wir sehr stolz sind.“ Dabei ist Mansour auch umstritten. Und streitbar – so wie Ferda Ataman, die das ihr zugedachte Amt sehr wohl verdient hat.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Matthias Meisner schreibt über Menschenrechte, Geflüchtete, Rechtsextremismus. Und mehr. 2021 erschien von ihm im Herder-Verlag, gemeinsam herausgegeben mit Heike Kleffner, „Fehlender Mindestabstand - die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde“.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de