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Neue Grundsicherung und Jobcenter„Es gibt viele Wege, sich zu entziehen“

Harte Sanktionen nützen kaum, wenn jemand gar nicht arbeiten will. Aber sie könnten die Falschen treffen, sagt Jana Sieberg, Jobcenter-Personalrätin.

Für eine bessere Vermittlung in die Arbeit braucht es ausreichendes Personal Foto: Dominik Asbach/laif
Barbara Dribbusch

Interview von

Barbara Dribbusch

taz: Am 1. Juli soll das neue Gesetz zur Grundsicherung in Kraft treten. Begrüßen die Mit­ar­bei­te­r:in­nen in den Jobcentern die neuen Regelungen oder nicht?

Jana Sieberg: Die Reaktionen sind gemischt. Klar ist aber, dass sich wieder die Rechtsgrundlage ändert, was zu Mehrarbeit bei den Beschäftigten im Jobcenter führen wird. Das Gesetz sieht unter anderem strengere Mitwirkungspflichten und mehr Sanktionen vor. Wir müssen voraussichtlich mehr Termine machen, und der Verwaltungsaufwand wird ebenso steigen. Aber wir bekommen nicht mehr Personal. Wir haben Kolleg:innen, die betreuen 400 bis 500 Kund:innen. Die schaffen das gar nicht, die Menschen häufiger einzuladen.

taz: Künftig soll es schon möglich sein, 30 Prozent vom Regelsatz zu streichen, wenn eine Kli­en­t:in zweimal nicht zum Termin erschienen ist. Kommt er oder sie auch zum dritten Mal nicht, kann der Regelsatz ganz gestrichen werden und nach einem weiteren Monat des Nichterscheinens wird keine Miete mehr gezahlt vom Jobcenter. Welche Folgen erwarten Sie?

Sieberg: Für unsere Arbeit bedeutet das einen verwaltungstechnischen Mehraufwand. Wir kennen diese kompletten Streichungen noch von früher, bei den unter 25-Jährigen. Wenn die mehrfach nicht im Jobcenter erschienen sind und nicht kooperierten, ist alles gestrichen worden, auch die Miete. Am Ende ist es darauf hinausgelaufen, dass manche Menschen wohnungslos wurden.

Bild: privat
Im Interview: Jana Sieberg

Jana Sieberg, 45, ist stellvertretende Vorsitzende der Jobcenter-Personalräte. Sie hat viele Jahre als Fallmanagerin gearbeitet und ist am Jobcenter Märkischer Kreis in Iserlohn, Nordrhein-Westfalen, beschäftigt.

taz: Befürworter des neuen Gesetzes sagen, dass die verschärften Sanktionen womöglich präventiv wirken könnten, also einige Menschen dann eine Arbeit aufnehmen, weil sie Kürzungen befürchten.

Sieberg: Das kann sein. Ob es durch diesen Druck zu langfristigen Arbeitsaufnahmen kommt, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die Gefahr besteht, dass die Sanktionen die Falschen treffen. Wer heute schon eine Arbeit nicht annehmen will, der stellt sich ja nicht hin und sagt der Sach­be­ar­bei­te­r:in im Jobcenter, die ihn auf Stellenanzeigen in der Zeitarbeit hingewiesen hat: „Ich verweigere die Aufnahme dieser Arbeit!“ Diese Verweigerung dürfte so kaum vorkommen. Wer nicht will, der kann sich auf andere Weise entziehen. Wer aber nicht kann, könnte durch die Sanktionen weitere Schwierigkeiten bekommen.

taz: In den sozialen Netzwerken liest man Tipps, wie man sich ungünstig präsentiert, wenn man einen Job nicht will – etwa indem man im Bewerbungsgespräch die eigenen Depressionen oder Krankschreibungen erwähnt. Um eine nachweisliche Arbeitsverweigerung der Be­wer­be­r:in handelt es sich dann nicht.

Sieberg: Wenn jemand nicht will, gibt es viele Möglichkeiten, sich zu entziehen, daran wird auch das neue Gesetz mit den strengeren Regeln nichts ändern. Nur sieht die Realität in den Jobcentern eben ganz anders aus, als in der Politik häufig dargestellt. Die meisten Kun­d:in­nen dort haben mehrere Vermittlungshemmnisse, sie besitzen keine oder nur geringe Qualifikationen, haben gesundheitliche Einschränkungen, können nicht ausreichend Deutsch, sind schon älter. Ich würde sagen, bei einer Vielzahl der arbeitslosen Menschen in den Jobcentern besteht ein besonderer Handlungsbedarf. Darum geht es erst mal, bevor es um die Integration in Arbeit geht. Eine bessere Integrationsarbeit und somit auch die Vermittlung in Arbeit kann aber nur mit ausreichendem Personal und entsprechender finanzieller Ausstattung der Jobcenter funktionieren.

taz: Das klingt, als hätten die Sach­be­ar­bei­te­r:in­nen auch eine soziale Aufgabe …

Sieberg: Wir sind auch Sozialarbeiter:innen. Es gibt viele, die unsere Unterstützung brauchen und diese auch annehmen, und die sind dann auch dankbar, wenn sie eine Ar­beit­ge­be­r:in finden, die ihnen eine Chance gibt. Denn das gehört auch zur Wahrheit dazu: Es muss auch den passenden Arbeitsmarkt geben.

taz: Werden die Mit­ar­bei­te­r:in­nen in den Jobcentern denn Hausbesuche machen, bevor sie Leistungen streichen? Um zu sehen, ob jemand vielleicht in einer zu schlechten Verfassung oder psychisch zu krank ist, um auf eine Einladung zu reagieren?

Sieberg: Für Hausbesuche in solchen Fällen der Terminversäumnisse ist bisher kein Personal vorgesehen. Es gibt Jobcenter, die haben einen sozialen Dienst, der könnte das machen. Aber in der Regel gibt es dafür keine Kapazitäten.

taz: Im Gesetz steht, die Jobcenter sollen Rücksicht nehmen, wenn Menschen psychisch erkrankt sind. Wie soll das denn umgesetzt werden?

Sieberg: Es gibt Schulungen zum Thema der psychischen Erkrankungen, aber auch hier ist es so, dass die Mit­ar­bei­te­r:in­nen in der Regel viel zu viele Kun­d:in­nen haben, um individuell auf sie eingehen zu können. Die Kol­le­g:in­nen verlassen sich dann eher auf ärztliche Atteste, die eine psychische Erkrankung dokumentieren.

taz: Gibt es eigentlich auch Sachbearbeiter:innen, die verschärfte Sanktionen gutheißen, weil sie sich über unwillige Kli­en­t:in­nen ärgern?

Sieberg: Ja, die gibt es auch. Wir hatten durchaus Kun­d:in­nen im Bürgergeld, die der Sach­be­ar­bei­te­r:in ins Gesicht gesagt haben: „Du kannst mir gar nichts!“ Einige Sach­be­ar­bei­te­r:in­nen haben Enttäuschungen erlebt, weil die Haltung im Bürgergeld von einigen Kun­d:in­nen ausgenutzt wurde. Solche negativen Beispiele bleiben im Kopf mehr hängen als die positiven Fälle, obwohl sie in der Minderzahl sind.

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28 Kommentare

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  • Also ganz ehrlich jetzt, ich verstehe dieses sich auf ein Jobcenter verlassen, bei der Suche nach einer Beschäftigung, überhaupt nicht. Was steckt denn da für eine Mentalität hinter ? Meine Generation, Anfang 60er Jahre geboren, scheint da etwas selbstständiger im handeln zu sein. Die Firmen, Arbeitgeber mit initiativ Bewerbungen anschrieben, heutzutage doch wohl kein zu großes Problem mehr, seine Unterlagen per Internet zu versenden. Unsere inzwischen erwachsen Kinder sind alle direkt von der Universität in Beschäftigung gekommen. Was ist da nur los, oder besser - nicht los - bei einigen Mitmenschen ? Können Eltern ihren Nachwuchs nicht mehr zur Selbständigkeit heran-/ aufziehen ?

  • Wäre ich Arbeitgeber, das Jobcenter wäre die allerletzte Stelle, der ich offene Stellen melden würde.

  • Ich finde das hier mal wieder schwachen Journalismus.

    Erstens kann man den Ausdruck "kooperieren" nicht unkommentiert stehen lassen, wenn eigentlich "gehorchen" gemeint ist. (Orwell I)



    Zweitens ist auch der Ausdruck "Kund*in" völlig abartig und euphemistisch (Orwell II).

    Drittens fehlt jede Reflexion zum Thema "Arbeit". Ist Erwerbsarbeit überhaupt per se sinnvoll (und damit die Zielsetzung der ganzen Veranstaltung)? Und warum soll Erwerbsarbeit per se sinnvoller sein als die unbezahlte Arbeit, die Menschen eh machen, wenn man sie lässt (Care, Demokratiearbeit, bürgerschaftliches Engagement jeder Art)?

    Sehr lesenswert ist auch der folgende Text von Prof. Stefan Sell vom 22.1.26:



    Vom „Florida“- zum „Totalverweigerer-Rolf“ und dem Einfluss von Einzel- und Kunstfiguren auf die sozialpolitische Gesetzgebung



    aktuelle-sozialpol...lverweigerer-rolf/

  • Grundsätzlich ist jede Verschwendung von Steuergeldern zu verhindern.



    Das gilt aber nicht nur für Arbeitssuchende. Dennoch wird dieses Thema extrabreit hochgezogen. Ich plädiere für mehr Aufmerksamkeit für alle Formen des Leistungsmissbrauchs, der Verschwendung (Maskenaffäre, Mautaffäre) und vor allem auch der Steuerhinterziehung.



    Gerade zu letzterem Thema lese ich sehr wenig Vorstöße aus der Regierung, speziell der Union und ihren Angliederungen.



    Es gibt garantiert Leute, die es schaffen, jede Bewerbung zu vermasseln oder in der Probezeit gravierende Fehler zu machen, ohne dass das Jobcenter das kapiert. Manche dieser gut belesene Kunden mit viel Routine erklären sogar dem Sachbearbeiter, was alles bewilligt werden muss. Genau diese Kunden werden garantiert nie sanktioniert. Es wird voraussichtlich überwiegend die falschen Kunden treffen, die schwächsten, die dann am Ende auf der Straße stehen und das wird dann wesentlich teurer als vorher. Ich bin sicher, es wird fast gar nichts eingespart werden, weil es an anderer Stelle wieder ausgegeben werden muss. Profitieren werden dann die privaten Anbieter von Notunterkünften.

  • Die Jobcenter sollen in Arbeit vermitteln, das muss nicht nachhaltig und von Dauer sein. Da liegt der Fehler Nr. 1.



    Dann müssen Jobcenter fürs Existenzminimum sorgen, das wird gerade Fehler Nr. 2., weil das sanktionierbar werden soll.



    Dann sollen Jobcenter Problemlagen auffassen und einschätzen können. Das ist eigentlich Fehler Nr. 3, weil viele Mitarbeiter es nicht schaffen/können.



    Insgesamt ist eine Vermittlung in Arbeit auch gegen Widerstand und gegen Präferenzen von Arbeitslosen kaum von Dauer und somit kontraproduktiv.



    Dann ist ein Existenzminimum eben genau das, mit Sanktionen hier rein zu gehen, zerstört für Fehler Nr. 1 restlos alles, was sowieso kaum da war.



    Und Problemlagen, gut, manche bearbeiten das, manche nicht, im Grunde sieht das Gesetz diese Problemlagen gar nicht vor, sondern es soll eine Vermittlung stattfinden.



    Das bedeutet für mich: Jobcenter arbeiten an den 'Kunden' grundsätzlich vorbei.



    Und vor Armut schützt SGB II nicht, das dann zu kürzen, macht das Ganze noch aggressiver und fehlgesteuert.



    Jobcenter sollten mit den Menschen arbeiten, nicht gegen sie.

    = Es war ein Fehler Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe und teilw. Arbeitslosengeld zusammen zu legen.

  • Mag mein Gedächnis mich täuschen aber irgendwie wurde doch die Änderung seinerzeit durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts angestossen, nach dem Kürzungen nur bis zum lebensnotwendigen Minimum hin vorgenommen werden dürfen.

    Aber vllt erinner eich mich ja auch falsch.

    Ich finde, bis das gelöst ist, also zur Finanzierung der Übergangszeit, sollte man die Entschädigungsgelder der korrumpierten Politiker verwenden die seinerzeit ihre Dutzfreunde mit Coranadeals reich gemacht haben.

    • @Bolzkopf:

      ceterum censeo => Ich bin für Taschenpfändung bei J.Spahn.

  • Das Problem liegt ganz wo anders. Man kann dauerarbeitslos sein und nebenher schwarz arbeiten. Das geht z. B. als Handwerker und auch in anderen Lehrberufen wie z. B. Steuerfachangestellter wunderbar. Jobangebote begegnet man dann mit einem entsprechend provokanten Auftreten und vermeidet sie und Sanktionen.

    • @Esther Montanus:

      Natürlich. Man kann auch Banken überfallen. Wäre auch ein Problem.

      Ist aber eine andere Baustelle. Schwarzarbeit führt zu saftigen Rückzahlungen, wenn man erwischt wird. Also muss man die Schwarzarbeiter erwischen, statt einfach mal allen pauschal das Leben schwer zu machen...

  • Die Überschrift suggeriert und bestätigt (die Klischees) Arbeitslose sind allesamt faule Unwillig.



    Aber ich denke Frau Dribbusch meint etwas anderes. Sie meint vielleicht ein System kann, weil es Schwachstellen hat, ausgetrickst werden. Soviel dazu.



    Aus eigener Erfahrung, ich habe viele Sachbearbeiter kennengelernt, es gibt "Die Guten und die weniger Guten ". Übrigens nennt man sie Kundenberater. Wie dem auch sei, diese Menschen sind mit Macht ausgestattet, sie können sowohl Sanktionen als auch Maßnahmen anordnen, sie können Druck erzeugen oder helfen. Sie stehen selbst unter Druck, sie müssen liefern d.h in Arbeit bringen.



    Dazu kommt viele haben Zeitverträge, also selbst von Arbeitslosigkeit bedroht, und viel sind Fachfremd, einer meiner Ansprechpartner war Elektriker, das ist völlig absurd , dies sind Indizien für mangelnden Willen seitens des Staates für die Betroffenen da zu sein. Sie sind ein zu wirksames Druckmittel. Frau Sieberg behauptet es gäbe Schulungen und es gibt "Rache",was meine Behauptung bestätigt. Der Umgang,das System Fördern und Fordern" ist Reformbedürftig,wenn man den wirklich helfen wollte.



    Es fühlt sich alles so falsch an.

  • Es geht um eine marginale Anzahl von Leistungsbeziehern, die unser Sozialsystem missbrauchen, von unserer aktuellen Regierung werden diese Randerscheinungen aber permanent als Argumentation vorgeschoben, um unser ganzes Sozialsystem in Frage zu stellen. Im übrigen finanziert von unseren Steuern, auch Grundsicherungbezieher zahlen Steuern. Was die aktuellen Regierenden zur Zeit aber anstreben ist die Entziehung einer adäquaten Beteidigung von Unternehmen an unserem Sozialsystem durch Steuersenkung für Unternehmen. Statt Mehrwertsteuer senken !



    Im übrigen gibt es überall Missbrauch, auf unseren Autobahnen und Straßen werden auch von einigen wenigen Verkehrsteilnehmern, Verkehrsregeln & Gesetze nicht eingehalten, ändern wir da rigoros die Verkehrsregeln, Fahrverbot für alle Autofahrer wäre da ja die folgende Konsequenz.



    Mit dieser Argumentation, durch Anführung / Hervorhebung von Regelbrechern, will unsere aktuelle Regierung politische Entscheidungen verkaufen / rechtfertigen.



    Mit " blau " machenden Arbeitnehmern, wobei es auch einige Arbeitgeber oder Politiker geben soll, die in Situationen, in denen Sie maßgeblich gebraucht werden, eher auf dem Tennisplatz anzutreffen sind.

  • Die Lösung wäre doch ganz einfach.



    Schickt all die wenigen Menschen, die nicht arbeiten wollen und die viel größere Zahl derer, die aufgrund der psychosozialen Situation nicht arbeiten können, einfch zu den Arbeitgebern der MIT.

  • Wann begreifen die Leute - auch die Journalisten - endlich einmal, dass es nicht um die Bürgergeldempfänger geht. Es geht nur darum, den Arbeitnehmern mit den Bürgergeld-Verschärfungen große Angst vor einer Arbeitslosigkeit zu machen, damit sie keine Forderungen (bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn etc.) stellen.

    In einer Welt voller Maschinen, Computer, Automaten, Regelungstechnik, Roboter und Künstliche Intelligenz (KI), wird der Mensch als Arbeitskraft überflüssig werden. Außerdem sieht der Kapitalismus den Arbeitnehmer schon lange nur noch als Kostenfaktor an - und dieser "Kostenfaktor" wird von Jahr zu Jahr immer mehr eliminiert.

    Die Arbeitsagenturen, die mit einem unglaublichen Bürokratismus und ca. 100.000 Mitarbeitern einen egozentrischen Aufwand betreiben, der in gar keinem Verhältnis zu den Vermittlungserfolgen steht, kosten den Steuerzahlern übrigens jährlich einige Milliarden Euro (JC-Gebäude, Löhne etc.). Viel Geld, das man besser anlegen könnte, wenn man sich z.B. mal unsere heruntergekommenen Schulen anschaut, die alle dringend saniert werden müssten. Aber ohne Jobcenter könnte man ja keine Angst vor Arbeitslosigkeit mehr aufbauen (siehe meinen ersten Absatz).

  • "Die meisten Kun­d:in­nen dort haben mehrere Vermittlungshemmnisse, sie besitzen keine oder nur geringe Qualifikationen, haben gesundheitliche Einschränkungen, können nicht ausreichend Deutsch, sind schon älter. "



    Und genau die sind ja gar nicht von Kürzungen betroffen, da sie gar kein Arbeitsangebot bekommen werden und daher auch keins ablehnen können.

    • @PeterArt:

      Doch, auch Menschen mit sog. Vermittlungshemmnissen bekommen Jobangebote und / oder werden in Maßnahmen vermittelt..

  • „Harte Sanktionen nützen kaum, wenn jemand gar nicht arbeiten will.“



    Und als Konsequenz schaffen wir dann alle Sanktionen ab ? Ist das die Lösung ?



    Die Erwartung ist, dass jemand der Geld von der Gemeinschaft bekommt Termine zur Beratung wahr nimmt. Ist das wirklich Zuviel verlangt ?



    Auch wer nicht arbeitsfähig ist kann doch in der Regel zu einem Termin erscheinen auch wenn das in der Konsequenz kaum zu einem Arbeitsverhältnis führen wird.



    Und ja, es gibt Menschen mit psychischen Problemen - dafür ist die Medizin zuständig, ggf. mit einer Krankschreibung.

    Und ganz generell:



    Sachbearbeiter bei der Arbeitsagentur sind keine Sozialarbeiter auch wenn sie soziale Aufgaben übertragen bekommen. Ich werde auch nicht gleich zum Arzt wenn ich Blutdruck messen kann.

    • @M_Kli:

      "Und als Konsequenz schaffen wir dann alle Sanktionen ab ? Ist das die Lösung ?"

      Ginge es nach der Mehrheit, waere die Antwort klar: Laut dem Deutschlandtrend von Infratest Dimap werden mehr pauschale Auszahlungen von Sozialleistungen von 71 Prozent der Deutschen abgelehnt. Und das bezieht sich nicht auf Ihre Frage, sondern die Empfehlungen der "Sozialstaatreformkommission".

    • @M_Kli:

      Es geht nicht darum, Menschen zu sanktionieren, sondern sie sollen in Arbeit vermittelt werden. Und Deutschland hatte Arbeitslosenhilfe und Arbeitslosengeld vor 2005 und das hat m.M. sehr viel besser funktioniert, gerade auch weil dieser Aspekt Sanktionen da nicht vorgesehen war. Das Gesetz macht die Jobcenter zu unfreiwilligen Sozialstationen. Wenn ein Mensch verarmt und alleinerziehend ist, mit drei Kinder 3,6 und 14 dann wird der nicht in jede Arbeit vermittelbar sein. Spätestens da muss der Mitarbeiter sich überlegen, wie er eine Vermittlung machen soll. Auch wenn das Gesetz ihm sagt, vermittele diesen Menschen. Jedenfalls dann, wenn er diesen Beruf verantwortungsvoll ausüben kann und will. Psychische Probleme existieren auch außerhalb der Psychiatrie und von Therapeuten, auch dies ist im Gesetz nicht wirklich vorgesehen, kommt aber vor.

    • @M_Kli:

      "Und ja, es gibt Menschen mit psychischen Problemen - dafür ist die Medizin zuständig, ggf. mit einer Krankschreibung."



      Bei der medizinischen Versorgung von psychischen Erkrankungen liegt nach wie vor vieles im Argen. Und selbst wenn man einen guten Facharzt gefunden hat, der schreibt einen vielleicht arbeitsunfähig (ist man denn automatisch "arbeitsunfähig", wenn man die Termine beim Jobcenter nicht auf die Reihe bekommt?), aber die Meldung an das Jobcenter übernimmt er nicht.

    • @M_Kli:

      Wer nicht arbeitsfähig ist, wechselt in die Sozialhilfe (SGB XII), da gibt's dann auch keine Sanktionen mehr.

      • @AndreasM:

        das ist nicht annähernd so einfach. Wer eine Kniearthrose 3. Grades hat und an der LWS Bandscheibenprobleme mit Spinalkanalbedrängung bleibt meist beim Jobcenter, kann aber genauso häufig nicht realistisch eine Arbeit anfangen, wenn der Bildungsstand nur körperliche Arbeit erlaubt.

  • Das Thema passt so ein wenig zu einem Artikel einer anderen Zeitung, wo darauf hingewiesen wird, dass die Autorität der deutschen Polizei beim Bürger sehr gering geworden ist. Ich denke, die Menschen haben oft wenig Respekt vor staatlichen Stellen und Beschäftigten. Menschen, die sich nur einmal in ihrem Leben um eine Stelle beworben haben, als sie in den Öffentlichen Dienst gingen, beraten Erwerbslose, wie man sich um eine Stelle bewirbt und bewerten das. Es gibt unzählige Fälle, wo der Vater der Kinder mit Mutter und Kindern im gleichen Haushalt lebt, aber die Mutter beim Amt angibt, dass sie den Vater nicht kennt, weil das in Deutschland erlaubt ist und sie deshalb staatliche Unterstützung bekommt. Oft ist sie mit dem Vater der Kinder verheiratet, was der deutsche Staat auch nicht weiß, wenn die Ehe nicht in Deutschland geschlossen wurde. Wenn der Staat dann zuschlägt, dann trifft es vermutlich tatsächlich oft die falschen, wie es im Interview heißt.

  • "Harte Sanktionen nützen kaum, wenn jemand gar nicht arbeiten will."



    Sachlich kann das sein, aber emotional nützen harte Sanktionen enorm, da sie denen die die Unterstützung zahlen müssen, ein Gerechtigkeitsgefühl geben.



    Ohne Arbeitsmoral geht gar nichts. Jede soziale Leistung ist nur finanzierbar, wenn andere dafür arbeiten gehen und Abgaben zahlen.



    Unser Sozialstaat kann nur existieren, wenn alle sich solidarisch verhalten, dass heißt, arbeiten wenn sie können und nur Leistungen beanspruchen, wenn sie ihnen zustehen.



    Wie gesagt, sachlich kann es richtig sein das harte Sanktionen wenig bis keinen Nutzen gegen Totalverweigerer haben, in der Konsequenz sind sie dennoch richtig und nötig, um Moral und sozialen Frieden in der Gesellschaft zu sichern.

    • @Antje1971:

      Ich verstehe jedoch das Interview so, dass die sog. "Totalverweigerer" von den Sanktionen gar nicht getroffen werden. Sondern eben in der Regel die Falschen, die eigentlich Hilfe bräuchten. Da ist dann schon die Frage, ob das gerecht und moralisch okay ist.

    • @Antje1971:

      "Gerechtigkeitsgefühl"



      Hm, als Rhetorische Figur is des ne Tautologie, sowohl das eine wie das andere sind individuell. Und ich Individuum denke, daß es genug gibt hier in D sodaß kein Mensch betteln muss (und wenns um den Umweg Pfandflaschen ist, die sollten dann doch den Kids vorbehalten sein, die sich davon hofentlich keine Fluppen kaufen*lol*), weder "direkt und unbürokratisch" noch beim Staat.

  • Die Verwaltungskosten pro Bürgergeldempfänger sind doch jetzt schon sehr hoch und das Amt ist einfach unfähig dazu Menschen wieder in Arbeit vermitteln. Die beste Reform wäre es nur noch Auszahlungen wie bei einem Bürgergeld vorzunehmen und den ganzen Overhead loszuwerden. Wenn der Großteil der Bürgergeldempfänger ja doch nicht arbeiten kann, stellt diese Kandidaten doch bitte auf eine Rente um und fertig.

  • Was wäre denn die Alternative zu Sanktionen? Einfach darauf hoffen, dass Menschen die das System ausnutzen plötzlich eine Läuterung erfahren und sich eine Arbeit suchen? Ein Riesenproblem ist auch die Schwarzarbeit. Viele Langzeitarbeitslose lassen sich über das Bürgergeld sozial absichern und gehen einer Tätigkeit nach ohne Sozialabgaben zu leisten. Wer einmal versucht hat eine Putzkraft oder jemanden für Gartenarbeit zu finden, kann davon ein Lied singen.

    • @FraMa:

      Sanktionen, die Menschen, die das System ausnutzen, nicht treffen, sind jedenfalls völlig untauglich. Und genau so sehen die Ideen der Regierung aus. Populistischer Unfug, der Handeln simulieren soll und die Falschen Trifft.

      Übrigens. Wenn sie so viele Schwarzarbeiter kennen, zeigen sie sie an. Das würde helfen...