piwik no script img

Letzte Folge „The Late Show“ mit ColbertDer Witz zieht nicht mehr

Valérie Catil

Kommentar von

Valérie Catil

„The Late Show“ mit Stephen Colbert endet nach 10 Jahren. Satiresendungen funktionieren nicht mehr – die Realität trifft längst härter als Pointen.

Stephen Colbert bei der jährlichen Primetime Emmy Awards Party in Los Angeles, Kalifornien, 15. September 2025 Foto: Xavier Collin/Image Press Agency/imago

W as darf Satire? Gähnend langweilig ist diese Frage mittlerweile. Sie wurde hundertfach gestellt, in ebenso vielen Texten diskutiert und fast immer gleich beantwortet: Alles.

Die viel dringendere Frage ist jetzt, was man überhaupt noch mit Satire anfangen soll. Denn bitterböse Witze reißen, mal so richtig den Finger in die Wunde legen, humorvoll die Herrschenden anprangern, das funktioniert nicht mehr.

Am 21. Mai erscheint nach zehn Jahren die letzte Folge des Late-Night-Formats „The Late Show“ mit Stephen Colbert, einer politischen Satireshow aus den USA. Der Sender CBS sprach von einer „rein finanziellen Entscheidung“, als die Sendung des Trump-Kritikers vergangenen Sommer abgesetzt wurde, obwohl CBS und Trump zuvor in einen Streit geraten waren.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Trump hatte CBS mit einer Klage gedroht, weil der Sender ein Interview mit Kamala Harris zu ihrem Vorteil geschnitten habe. Um einen Rechtsstreit zu vermeiden, zahlte CBS Trump 16 Millionen Dollar. Colbert nannte dies in seiner Sendung „a big fat bribe“, eine fette Schmiergeldzahlung. Auch in seiner vorletzten Folge ging es um Trumps dreckige Geschäfte – und wie diese den US-Steuerzahler Milliarden kosten könnten.

Diese Satire tut nicht weh

Satire muss wehtun, sagt man. Aber es tut nichts mehr weh an Colberts Witzen über Trumps Dummheit. Es tut auch nichts weh an der scharfzüngigen Kritik an seiner Korruption – außer dass sie in Erinnerung ruft, dass die US-Bürger_innen dagegen völlig machtlos sind.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass das US-Justizministerium dauerhaft untersagt, frühere Steuererklärungen von Trump, seinen ‌Verwandten und seinen Unternehmen zu prüfen. Wie soll ein Witz darüber noch irgendeine Pointe haben, wenn der Umstand selbst so viel Ungerechtigkeit offenbart, dass einem die Ohren glühen?

Gleiches gilt für deutsche Satireformate wie „Die Anstalt“, „Fun Facts“ oder „Die Heute Show“, die humorvoll Merz, Pistorius oder Söder tadeln. Heute ist Satire die Musikkapelle auf der sinkenden „Titanic“, höchstens ein Coping-Mechanismus, um der Ohnmacht entgegenzuwirken, die man spürt, wenn eine existenzgefährdende Grundsicherung beschlossen wird, wenn Merz sagt, dass Arbeitende faul seien und dass es eine 70-Stunden-Woche brauche – und er gleichzeitig Waffendeals in Milliardenhöhe abschließt. Witze darüber, wie einem der Staat die Zukunft nimmt, ziehen einfach nicht.

Abgesehen davon trifft satirische Kritik auf taube Ohren. Wenn man Kritik formuliert, dann tut man das doch, weil man davon ausgeht, dass sie irgendwo ankommt. Formate wie Stephen Colbert oder „Die Heute Show“ richten sich entweder an Menschen, die ohnehin schon von der dort vorgetragenen Position überzeugt sind, oder aber sie kritisieren Politiker_innen und Regierungen, die nicht kritisierbar sind.

Wie soll man sich etwa über einen Kanzler lustig machen, der in der Öffentlichkeit kaum auftreten kann, ohne ausgebuht zu werden, und trotzdem eine menschenfeindliche Entscheidung nach der anderen zu treffen in der Lage ist?

Satire lässt einen Ungerechtigkeit hinnehmen

Oder über einen Präsidenten, der als Witzfigur des Planeten gilt, sich dieses Image aber zu eigen und seine Politik memefähig macht? Oder über einen Außenminister, der öffentlich die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht lobt, also die Kritik an der eigenen Politik, und den Neuen Wehrdienst dann trotzdem beschließt?

Politische Satire begeht einen weiteren Fehler. Sie stellt sich hin und sagt: Guck mal, wie ungerecht! Ein guter Kanzler würde gerechter handeln. Guck mal, wie dumm! Ein guter Präsident würde das nicht sagen. Aber was wäre ein guter Kanzler, ein guter Präsident in kapitalistischen Systemen, die nicht ihren Bürger_innen dienen, sondern dazu da sind, sich selbst zu erhalten und Reiche reicher zu machen? In diesem System sind Merz und Trump gute Staatsoberhäupter.

Im besten Fall ist gerade deutsche Satire unlustiger Boomerhumor. Im schlimmsten Fall ist es eine Art, die herrschende Ungerechtigkeit hinzunehmen. Die Rentner_innen, die Pfandflaschen sammeln, die Obdachlosen, die auf der Straße verelenden, die alleinerziehenden Mütter, die auf mehrere Jobs angewiesen sind, die Schüler, die bald zur Musterung antreten müssen – ein Glück können sie sich über Politiker_innen lustig machen, ein Glück bleibt ihnen die Satire.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googlen taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Ach, sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen sie doch duckduckgo oder ecosia.

Ein Format weniger haben nun die USA. Ob Trump dabei eine Rolle gespielt hat oder nicht, ist Spekulation. Wahrscheinlicher ist, dass vielen angesichts der absurden Ungerechtigkeit immer mehr das Lachen vergeht.

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Valérie Catil
Gesellschaftsredakteurin
Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
Mehr zum Thema

34 Kommentare

 / 
  • Ich glaube der Einfluss von Satire wird hier massiv überschätzt.



    Ich kenne niemanden, der Die Linke oder die Grünen wählt, weil er/sie die Die Anstalt oder Böhmermann schaut 🤷



    Satire ist vor allem Kurzweil.



    Je weniger Humor und je mehr politisches Framing eine Sendung betreibt, desto geringer sind die Zuschauerzahlen - siehe den Vergleich zwischen heute show, Die Anstalt und Böhmermann.



    Die heute show ist nicht aggressiv links. Klar ticken Welke und seine Sendung ÖRR typisch mit linken Überhang, aber die zogen auch bedingungslos Habeck und Baerbock durch den Kakao während der Ampel.



    Dementsprechend hat die heute show auch ein breites Publikum, über 5 Mio Zuschauer trotz der späten Sendezeit.



    Die Anstalt und Böhmermann vertreten sehr linke Positionen, die Zuschauerzahlen sind dementsprechend niedriger. Die Anstalt erreicht nur 2,5 bis 3 Mio Zuschauer, Böhmermann stetig unter 2 Mio.



    Das zeigt mir, dass Satire vor allem zielbewusst eingeschaltet wird. Wer Anstalt oder Böhmermann sehen will, tickt bereits links.



    Satire ist vor allem Geschmackssache, keine Missionierung.

  • "Aber was wäre ein guter Kanzler, ein guter Präsident in kapitalistischen Systemen, die nicht ihren Bürger_innen dienen, sondern dazu da sind, sich selbst zu erhalten und Reiche reicher zu machen?"

    Wenn man eine liberale Demokratie so darstellt, dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn sie kaputtgeht. Wenn man das wirklich so sieht - warum dann überhaupt gegen die AfD protestieren?

    Dass die hierfür zitierten Beispiele ("Waffendeals in Milliardenhöhe" vs. "70 Stunden-Woche") in der Sache nicht miteinander zusammenhängen - geschenkt. Einem findigen Satiriker könnte allerdings auffallen, dass die "Waffendeals in Milliardenhöhe" auf Jahrzehnte der Abrüstung folgten - da haben Merkel, Schröder und Kohl wohl massiv versagt. Ein weniger findiger Satiriker mit Hang zum Flachwitz könnte auch bemerken, dass die Anschuldigung, es sei der Zweck eines kapitalistischen Systems, unsere aktuelle Wirtschaftsministerin reicher zu machen, dieser doch sehr viel Ehre zubilligt.

  • Ach was! Vagel Bülow

    “Denn bitterböse Witze reißen, mal so richtig den Finger in die Wunde legen, humorvoll die Herrschenden anprangern, das funktioniert nicht mehr..“



    Sorry - das selbstkastrierter Quatsch mit Soße



    Sage nur - Günter Schramm •



    Volksverblödung



    www.youtube.com/watch?v=RkNddCXSLvM



    Georg Schramm zu Atomenergie, Finanzkrise und Grexit



    Elektrizitätswerke Schönau



    www.youtube.com/watch



    v=c8H58ccYaLk



    Soll mal reichen gellewelle&undwollnichwoll

  • Hat Kabarett oder politische Satire überhaupt schon mal irgendetwas bewirkt beim Bürger? Helmut Kohl (CDU) war 16 Jahre Bundeskanzler. Angela Merkel (CDU) war 16 Jahre Bundeskanzlerin. Und jetzt haben wir sogar einen Friedrich Merz (CDU), bei dem nicht einmal Unionswähler wissen, was der Mann überhaupt darstellen soll. Mit Merz verbindet man höchstens reiche Leute und Aktien; und dass haben sogar schon die Bürger mitbekommen, die sich für Kabarett oder politische Satire gar nicht interessieren – wofür also noch Kabarett?

    Das gute alte politische Kabarett stirbt in Deutschland ohnehin langsam aus. Deutsches Kabarett hatte ja immer den Anspruch, dass es Politik erklären und die Gesellschaft verändern will, während US-Stand-up-Comedy die Zuschauer nur "lustig" unterhalten möchte, was aber wohl auch an der Mentalität der US-Amerikaner liegen mag. Bei uns geht es aber seit Jahren auch in diese Richtung, denn gute Kabarettisten 'vom Schlage eines Dieter Hildebrandt' – also Kabarettisten mit scharfsinnigen Geist und sprachlicher Brillanz – verschwinden immer mehr vom Bildschirm und werden durch (politische) Klamauk-Satire ersetzt.

    • @Ricky-13:

      @👍👍



      Dieter Hildebrand - Münchner Lach & Schießgesellschaft, " Notizen aus der Provinz " und Scheibenwischer - damit wurden wir als Kinder sozialisiert. Ich hab noch das schalende Lachen von unseren Eltern im Ohr - herrlich 😂 😅 🤣



      Einfach klasse Futter für's Volk war Dieter Hildebrand. 💪 & Unerreicht - einfach nur top, bis ins hohe Alter 👍 ❗️



      😎

  • Danke für den Text, der Anlass für eine tieferes Nachdenken über die Krise der heutigen Satireformen sein sollte.

    "Satiriker in der Sackgasse" nannte Peter Jelavich einen Text, der sich mit den führenden Satirikern der Weimarer Republk kritisch auseinandersetzte.



    Damals schon bestand das Dilemma einen Massengeschmack aus ökonomischen Gründen bedienen zu müssen, mit der Gefahr, politisch zu verflachen, was Walter Benjamin stark kritsierte.

    Äußerst interessant dass Satiriker mit der KP große Satire-Shows in Berliner Arbeitervierteln abhielten, den sogenannten Roten Rummel auf Rummelplätzen, wozu auch eine Persiflage bürgerlicher Satire gehörte, die wie Böhmernann, die Anstalt oder die Heute Show, der bürgerlichen Mitte nicht wirklich weh tun, weil sie gar nicht erst den Versuch machen, wie Brecht Klassengegensätze klar zu benenenn.



    Damals übrigens auch Thema: der Angriff des Konzerns Stinnes auf den Achtstundentag.

    Geradzu paralysiert stehen Politik und Kunst (Satire) dem immer größeren Erfolg der AFD gegenüber.

    Quelle Wissenschaftskolleg Berlin

    www.wiko-berlin.de...ahrbuchbericht.pdf

  • Satire ist relativ. Shows wie Last Week Tonight oder Some More News klären auf und sind dabei witzig. Wirkliche Satire ist das nicht, ich empfinde es trotzdem als bereichernd.

    • @leonavis:

      ...wenn man die Dinge so ähnlich sieht wie John Oliver und Cody Johnson. Sehr zweifalhaftst, ob echte MAGAs daran irgendwas zum Lachen finden können (außer (a) dass sich beide Herren über absolute Selbstverständlichkeiten so echauffieren und (b) das Wort "äschuf-Ihren", was auch immer es heißen soll...).

  • Bisher war politische Satire immer noch der befreiende Tritt ans Schienbein der Mächtigen. Das soll jetzt also Geschichte sein. Was kommt danach? "Wenn Du gegen die Gewalt nicht ankommen kannst, ist alles was uns bleibt Militanz"* so ein Liedtext. Was bedeutet das für die Zukunft? Gleichzeitig wird in dieser Ausgabe der taz 'radikaler Universalismus' gefordert um endlich die Gewalt global und wirksam eindämmen zu können. Gut so. Stellt sich nur eine Frage. Was ist ein Frieden wert, der sich eher wie Unterdrückung anfühlt?

    *) Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt



    Antilopen Gang, youtu.be/Y-B0lXnie...i=fK-1sS81BsveCSbQ abgerufen am 22.05.2026

  • 1. Ja, das politische Spektrum polarisiert sich, und die Tendenz, nur lustig zu finden, was man politisch genauso sieht, wird stärker - ähnlich wie die Tendenz, Satire zielgruppengerecht zuzuschneiden, so dass schon vorher klar ist, wer über einen Witz lachen wird und wer nicht. Aber das ist nicht das Ende von Satire, sondern ein Auftrag, wieder verbindlicher zu werden.



    2. Satire dient u. a. dazu, die Bitterkeit in den Bereich des Lachhaften zu verlagern. Wer also meint, dass sie bei der vielen realen Bitterkeit ihren Zweck verloren habe, ist komplett auf dem falschen Dampfer.



    3. Ein Format, so preisgekrönt und über lange Zeit als Leuchtturm gefeiert es auch sein mag, steht nicht für das gesamte Genre.



    4. Gute Satire hilft Meinung zu bilden - auch Jene zum Nachdenken zu bringen, die ursprünglich anderer Meinung sind. Das ist ein hoher Anspruch, dem sich viele Satiriker leider nicht einmal stellen (s. 1.). Aber sie verändert weder selbst die Welt noch ist sie ein politischer Ratgeber für Praktiker.



    5. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. So banal das klingt, so sehr hilft es doch, humorlose Menschen zu identifizieren. Spiegel gefällig?

  • Hey, immerhin hat Colbert Trump noch genug getriggert, dass er ihn hat absetzen lassen. Und selbst bei Kimmel hat er's jetzt schon zweimal versucht. Dabei fällt mir niemand ein, der so windelweiche Boomersatire macht wie Jimmy Kimmel.

  • Ich kenne genug Leute in meinem Umfeld, die sich die Heute-Show ansehen, sich über dumme und korrupte Politiker aufregen, um am Ende ihr Kreuzchen dann doch wieder bei der … CDU zu machen.



    Andererseits wählen immer mehr die AfD, viel zu wenige Grüne oder Die Linke. Die Autorin hat leider recht: Satire ist im postfaktischen Zeitalter zu einer stumpfen Waffe geworden, sie generiert Empörung, ohne wirklich die Verhältnisse zu ändern, die Mächtigen vom Sockel zu stoßen. Vorbei die Zeiten, als sie noch brandgefährlich für die Regierenden war und deshalb verboten wurde.



    Insofern kann man mit der Satire-Kritik vielleicht noch einen Schritt weitergehen als Frau Catil: indem solche Formale für Belustigung und Empörung des Publikums sorgen, scheinen sie zugleich für eine Art negativer ‚Beliebtheit‘ der so Kritisierten zu sorgen, die für die heutige Zeit so charakteristisch ist. Ein wurstfressender bayerischer Ministerpräsident (Habeck über Söder) scheint mir dafür ein gutes Beispiel zu sein.



    Weil die Leute sich über die politischen Verhältnisse aufregen, ohne sie wirklich ändern zu wollen, ist Satire als Unterhaltungsshow funktional für das System.



    DAS ist Kunst, die tatsächlich weg kann.

  • Die linear ausgestrahlte politisierende Satire kommt wohl in die Jahre. Anderseits war es immer ein Spiegel (der natürlich nur von den Leuten gesehen wird, die dazu klatschen). Bleibt zu hoffen, dass es in den USA noch genug andere Formate gibt, die die wirren Aussetzer der Politik und dessen Anführer in die Öffentlichkeit tragen. Nicht das nur noch die irren 5D Schach und best-genius-ever Jubler übrig bleiben. Hier bleibt noch die Daily Show und ein paar andere, mehr ernsthafte.

    Die Reduzierung der Satire und des guten Kabaretts geht einher mit hallenfüllender Comedy, ohne jeden Anspruch. Trifft dort auch die Abwertung „unlustiger Boomerhumor“ zu? ( Wenn man sich darauf fokussiert, hätte der Artikel auch kürzer sein können. )

    Egal, nicht jede kann alles, zb Drei-Streifen-Comics. TOM, you ll be missed.

    • @fly:

      Mit dem Verweis auf die hallenfüllendeb Comedy-Formate haben Sie natürlich recht: einerseits scheint dieses Genre wohl tatsächlich das menschliche Grundbedürfnis nach Humor zu stillen (jedenfalls für einen kurzen Augenblick) - und ich würde sagen, die meisten Comedians machen ihren Job nicht mal schlecht -, OHNE den Leuten Hoffnung zu machen, an den bestehenden Verhältnissen können sie selbst etwas ändern.



      Die Mächtigen werden bestenfalls durch den Kakao gezogen - bei schlechter Comedy nicht mal das, dort werden nur die Schwächeren bloßgestellt (was leider auch einem menschlichen Grundbedürfnis entspricht) -, ohne sie dabei als Verursacher der Misere an den Pranger zu stellen. Das wäre ja unlustig.



      So schafft diese Art von Satire nicht mehr das, was sie früher mal auszeichnete: den Spagat zwischen humoristischer Unterhaltung und Politisierung.

      • @Abdurchdiemitte:

        Es gibt auch noch hallenfüllende COmedians die zumindest einen gewissen Qualitätsanspruch erfüllen und auch der Satire nicht abgeneigt sind. Johann König z bsp.

  • Die "Anstalt" mit der "heute-Show" zu vergleichen und beide dann noch mit Colbert scheint mir unpassend - und irgendwie auch humorlos. Doch das mag Ansichtssache sein.



    Sicher keine Geschmackssache ist eine Gleichsetzung von Trumps und Merz' Politik, die hier angedeutet wird. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar, ob ernst oder ironisch.

  • Satire erfüllt IMO ihren Zweck, wenn die Mächtigen sich ärgern. Wenn sie - wie Trump in den USA - versuchen, Satiriker mundtot zu machen.



    Was zweierlei bedeutet:



    - Colbert hat alles richtig gemacht.



    - Nuhr ist kein Satiriker.

    • @Kaboom:

      "Satire erfüllt IMO ihren Zweck, wenn die Mächtigen sich ärgern...



      - Nuhr ist kein Satiriker."

      Das klingt sehr subjektiv und schwarz-weiß. Stellen wir uns mal vor, "die Mächtigen" wäre durch ein Urnenwunder Ihre Wunschregierung: Wäre Nuhr, dem das nicht gefiele, dann auf einmal DOCH Satiriker (und jene politisch Witzreißer, die heute immer in dieselbe Kerbe hauen wie Sie, auf einmal keine mehr)? Und finden Sie wirklich an heute oppositionellen Positionen (die sind ja nicht alle links, UND man darf auch mal über sich selbst lachen) nichts, was mal ordentlich durch den Kakao gezogen gehört?

  • Sehr bitter und nah an der Wirklichkeit und auch falsch. Es besteht schon ein Unterschied zwischen dem Absetzen einer Sendung und und der Wirkungsmacht solcher Formate, und außerdem darf bei uns sogar Dieter Nuhr. Wenn das nicht ein deutliches Indiz für unsere Liberalität ist.

  • Ein Großteil der bundesdeutschen Satire diente sowieso dazu, sich den politischen Realitäten nicht zu stellen. Wer selbst vom hohen Roß über andere urteilt, kann damit leicht die eigene politische Planlosigkeit kaschieren.

  • Nachtrag: Es ist nicht ein „entweder oder“. Wenn ich über Satire lache, heißt es ja nicht, dass ich mich nicht auch politisch engagiere.

  • Auch wenn Satire nichts bei denen direkt verändert, von der die Satire handelt - war das jemals anders? Oder:Ist das wirklich so?- erfüllt sie einen wichtigen Zweck, oder vielleicht sogar zwei, drei. Sie kann aufklären (Die Anstalt, Böhmermann…), und: Wir, die die Skandale und Missstönde nicht gut finden, fühlen uns nicht alleine. Und Lachen war schon immer gefährlich für die „Herrschenden“.



    Ich werde Colbert vermissen, hoffe, er kommt irgendwie wieder.

  • Zu behaupten, Satire funktioniere nicht mehr, ist eine bequeme Ausrede. In Wahrheit funktioniert Stephen Colberts Satire nicht mehr – weil sie stehen geblieben ist.

    Colbert liefert seit Jahren dasselbe: berechenbare Pointen, moralisch abgesicherte Empörung, Applaus an den richtigen Stellen. Das Publikum lacht nicht, weil es überrascht wird, sondern weil es bestätigt wird. Das ist keine Satire, das ist politische Wohlfühlunterhaltung für ein selbstzufriedenes Milieu. Niemand wird herausgefordert, niemand verunsichert, niemand denkt neu.

    Satire soll weh tun, irritieren, Macht angreifen – auch die eigene. Colberts Humor greift nichts an, was nicht längst allgemein akzeptiert ist. Er verspottet Karikaturen, keine Strukturen. Das Risiko geht gegen null, die Haltung ist garantiert korrekt. Genau deshalb wirkt es so müde.

    Wenn ein solches Format endet, ist das kein Beweis für das Scheitern der Satire, sondern für das Scheitern eines abgenutzten Late-Night-Modells, das glaubt, ironische Dauerempörung.

    • @Zippism:

      Wenn ein solches Format endet, ist das kein Beweis für das Scheitern der Satire, sondern für das Scheitern eines abgenutzten Late-Night-Modells, das glaubt, ironische Dauerempörung reiche aus. In einer Zeit realer politischer Eskalation wirkt diese Art Humor nicht mutig, sondern feige.

      • @Zippism:

        Wahrscheinlich haben Sie recht mit Ihrer Satire-Kritik: Satire soll nicht bloß die Mächtigen oder auch nur die jeweils andere politische ‚Partei’ bloß stellen, sie soll (wenn sie gut ist) auch eigene Überzeugungen und Haltungen aufs Korn nehmen, in Frage stellen. Heraus aus den Blasen!



        Das ist m.E. die eigentliche Kunst an der Satire: schafft sie das nicht, wird sie zur stumpfen Waffe. Ein Dieter Nuhr beispielsweise schafft das nicht, er wechselt lediglich die politische Seiten, um sein auf imaginierte kulturelle links-grüne Dominanz eingeschossenes Publikum zu bestätigen und in seiner rechten kulturkämpferischen Blase zu verharren. Und damit springt er nur auf den Zug der allgemeinen Politikverdrossenheit. Ein ausgelutschter Drops.



        Und, ach ja: irgendwie tut Satire heutzutage weder weh noch bringt sie mich zum Lachen. Und das gilt leider auch für Böhmermann. Gute Recherche wird hier durch aufgeregtes Dauerempörtsein entwertet.

        • @Abdurchdiemitte:

          Ja, da bin ich bei Ihnen. Genau dieses „Heraus aus den Blasen“ ist der entscheidende Maßstab. Satire verliert ihren Sinn, wenn sie nur noch Lagerpflege betreibt – egal, ob von links oder rechts.

          Der Vergleich mit Dieter Nuhr trifft es gut: Seitenwechsel ohne Risiko bleibt Seitenwechsel ohne Erkenntnis. Das Grundproblem ist weniger die politische Richtung als die fehlende Bereitschaft zur Selbstinfragestellung.

          Und auch bei Jan Böhmermann spürt man das: starke Recherche, aber oft entwertet durch kalkulierte Dauerempörung, die eher Haltung signalisiert als Denken provoziert. Ähnlich bei Stephen Colbert – technisch brillant, aber inhaltlich zu folgenlos.

          Vielleicht ist das der gemeinsame Nenner: Satire tut nicht mehr weh und überrascht nicht mehr, weil sie zu sicher weiß, auf welcher Seite sie steht – und genau deshalb niemanden mehr zwingt, die eigene zu hinterfragen.

  • "Ein Format weniger haben nun die USA. Ob Trump dabei eine Rolle gespielt hat..."



    Es wird neue Formate anderer Provenienz sicher geben, vielleicht nicht TV, vielleicht mit anderen Zielgruppen.



    "Heute ist Satire die Musikkapelle auf der sinkenden „Titanic“, höchstens ein Coping-Mechanismus, um der Ohnmacht entgegenzuwirken,..."



    Wenn wir uns "ergeben", verraten wir unsere bisherigen Einstellungen als liberale Zivilgesellschaft.



    "Erster Auftritt seit 2015:



    Der Zeichner Luz verlässt das Dunkel"



    faz.net 2025



    "Seit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ im Jahr 2015 lebte der Cartoonist Luz unter Polizeischutz im Verborgenen. Nun ist er erstmals wieder öffentlich aufgetreten: als strahlender Gewinner beim Comicfestival von Angoulême."



    Für die Widerständigkeit d. Wortes u. die Opferbereitschaft v. Intellektuellen, auch in Autokratien, gibt es im Westen eine Galionsfigur:



    "Wenn Worte töten: Vor 25 Jahren erschien «Die Satanischen Verse»



    Heute vor 25 Jahren erschien der Roman «Die Satanischen Verse» von Salman Rushdie. Dieses Buch machte den in London lebenden Inder vorübergehend zum bekanntesten und umstrittensten Autor der Welt."



    srf.ch 2013



    "Kein anderer Roman hat für so viele Kontroversen..."

  • Toll geschrieben Valerie

  • Ein Verlust, dass er abgesetzt wurde. Wobei ich sagen muss ich habe ihn letzte Zeit aus den oben genannten Gründen auch nicht mehr regelmäßig gesehen.

    Nach Southpark 2016 machte er nun Stephen kaputt oder überflüssig.

  • Es wird erklärt, warum Colberts Sendung tatsächlich abgesetzt wurde, und dann nutzt man genau diese Absetzung als Beleg dafür, dass Satire zahnlos geworden sei?

  • Woran liegt es, dass Satire in den Medien jeden Biß verloren hat? Das Team der Anstalt - auf der Republica zu Gast- beteuerte, dass es noch nie redaktionelle Eingriffe in die Sendung gegeben habe, obwohl nicht live gesendet wird.



    Dabei heißt nicht live, dass das ZDF immer die Kontrolle über den Inhalt hat, der zwar auf guter Recherche beruht, letztlich aber nur Wissen witzig verpackt und nicht die unerbittliche kritische systemische Schärfe eines Kurt Tucholsky in der Weimarer Republik hat.



    Denn jüdische Intelligenz, wie sie Tucholsky und viele jüdische Künstler im kulturellen Bereich auszeichnete, wurde durch die Nazis völlig ausgelöscht, wovon sich die deutschsprachige Kultur bis heute nicht erholt hat.



    Freie Kritiker, Filmkritiker leben von Hungerlöhnen, während Spaßkultur ökonomisch explodiert.



    Folge: niemand bemerkt, dass sich lange schon wie in einem Bild des Malers Otto Dix Faschisten und Kapitalisten einträchtig den nächsten Krieg vorbereiten.



    Dazu passt, dass z. B. SWR-Intendant Kai Gniffke opportunistisch von seinen Redakteuren fordert, "Anwalt der Wirklichkeit" - also der Unternehmen - und nicht der Schwachen zu sein. Zu kritischer Journalismus störe da nur.

    • @Lindenberg:

      Zur "Anstalt" möchte ich anmerken, daß sie meiner Meinung nach wohl nicht daran leidet, von außen kontrolliert zu werden, ich denke, dieses Format leidet eher unter der Schere im Kopf der Autoren. Früher habe ich diese Sendung geschätzt, aber mittlerweile erweckt es eher den Eindruck eines Streichelzoos.

  • Das ist die beste Analyse, die ich seit langem gelesen habe. Hut ab!

  • "Nichts mehr zu lachen zu haben" ist ja eine Metapher dafür, dass es einem schlecht geht. Humor ist aber immer möglich, und die Metapher mahnt uns, dass Humor überlebenswichtig ist und bleibt.

    HumoristInnEn von heute funktionieren fortan also nicht mehr nach einer Masche althergebrachten politischen Kabaretts. LateNight und heuteshow auch am Ende, na und. Kreativität endet nie, die Lücke suchen, in der Humor noch geht, mit Qualität. Nicht aufgeben!