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Debatte um Social-Media-VerbotEin Mindestalter löst keine Probleme

Kommentar von

Svenja Bergt

Das Nutzen von Social-Media-Plattformen kann süchtig machen – in jedem Alter. Um Kinder und Jugendliche zu schützen, braucht es digitale Bildung.

Wichtig ist die Erziehung im Umgang mit Medien und Mobiltelefonen: einfach mal eine Sendepause einlegen Foto: Tillmann/Funke Foto Services/imago

D ie Zahlen sind mindestens beunruhigend: Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen nutzt Social-Media-Dienste wie Instagram oder Tiktok in riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Letzteres betrifft einer neuen Studie zufolge rund 350.000 10- bis 17-Jährige. Die Zahlen stammen von der Krankenkasse DAK-Gesundheit und sind im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen. Sie liefern damit eine perfekte Vorlage für das, was sich auch in Deutschland immer mehr abzeichnet: ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung von Social-Media-Plattformen.

Die SPD hat sich gerade pro Mindestalter positioniert, bei der CDU wird die Entscheidung in Kürze erwartet, Bundeskanzler Merz ist schon dafür. Wenn sich auch die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission dafür ausspricht, könnte es schnell gehen mit einem Gesetz in Deutschland oder, rechtlich sicherer, dem Vorantreiben einer Altersgrenze auf EU-Ebene.

Social-Media-Sucht, das geben auch immer wieder Jugendliche in Umfragen an, ist ein Problem. Das ist kein Wunder. Denn die Plattformen sind in ihrer gesamten Konzeption darauf ausgelegt, Sucht zu erzeugen. Das liegt am Geschäftsmodell: Aus persönlichen Daten wird über deren Vermarktung Geld gemacht. Und wann kommen die Plattformen an möglichst viele Daten? Wenn Nutzungsdauer und -intensität so hoch wie möglich sind. Alles ist also darauf ausgelegt, die Nutzenden lange im System zu halten: durch Autoplay, bei dem ein Video automatisch dem nächsten folgt. Durch endloses Scrollen, die Seite hat nach unten kein Ende. Durch Push-Nachrichten, die suggerieren, dass ständig neue, interessante, sehenswerte Dinge auf der Plattform passieren, die man keinesfalls verpassen darf und die jedes Mal einen Dopaminkick aktivieren. Durch Algorithmen, die polarisierende Inhalte pushen, weil diese Emotionen und Interaktionen begünstigen.

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Manche Menschen – junge, alte, mittelalte – reagieren auf dieses Suchtangebot resilient. Sie öffnen Tiktok, scrollen ein paar Minuten, lachen, schütteln den Kopf, schließen die App wieder. Doch das gelingt den wenigsten. Zu viele stellen fest, dass sie nur mal kurz ein Video auf Tiktok, einen Post auf Insta anschauen wollten – und dann sind schon wieder eine halbe Stunde oder auch mal fast ein halber Tag weg. Eine pathologische Nutzung kennzeichnet sich unter anderem dadurch, dass die Betroffenen negative Folgen in anderen Bereichen spüren. Sie vergessen Verabredungen oder Termine, kommen zu spät, erfüllen Aufgaben nicht mehr. Das kommt nicht nur bei Kindern und Jugendlichen vor. Sondern auch bei Erwachsenen.

Social-Media-Nutzung beeinflusst ­Körperbilder, Schlafverhalten, Politik und ­­­­Demokratie, soziale Beziehungen

Nun lässt sich argumentieren, dass Erwachsene Suchtdinge machen dürfen, die für sie und andere negative Folgen haben: Rauchen, Alkohol trinken, in Wingsuits von Klippen springen. Doch selbst, wenn man das so sieht, ist es mit Social Media etwas anderes als etwa beim Rauchen. Da gilt: Je älter Menschen sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie damit anfangen – das ist zumindest eine der Präventionsstrategien. Bei Social Media hingegen ist es keine realistische Option, nicht damit anzufangen. Die Plattformen sind längst viel zu sehr in unserem Leben verwurzelt. Der Arbeitgeber will via Tiktok neue Kun­d:in­nen finden, die Wissenschaftlerin hat ihre Community auf Bluesky, auf Instagram gibt’s das gehypte Kuchenrezept. Wer jünger als etwa 25 ist, bezieht oft eh einen guten Teil seiner Nachrichten von Social-Media-Plattformen.

Mit dem Erreichen eines gesetzlichen Mindestalters würden also Menschen von einem Tag auf den anderen dieser Parallelwelt ausgesetzt, ohne vorher gelernt zu haben, wie man sie sinnvoll nutzt und die eigene Resilienz gegenüber dem Suchtpotenzial und anderen negativen Effekten schärft. Dazu kommt: 13-Jährige lassen sich vermutlich noch auf eine elternbegleitete Lernphase zum Umgang mit den Plattformen ein. Aber 15-Jährige? In Australien ist das Mindestalter 16, Frankreich will 15 Jahre.

Sucht ist nur ein Teil des Dramas. Social-Media-Nutzung beeinflusst die Körperbilder, das Schlafverhalten, Politik und Demokratie, soziale Beziehungen. Soll das wirklich so weiterlaufen für alle ab 14, 15 oder 16? Daher ist ein Mindestalter nicht mehr als Aktionismus. Geeignet, um ein paar Symptome ein bisschen zu lindern, aber ohne die Ursache anzugehen. Besser wäre es, das Geschäftsmodell, das auf maximaler Ausbeutung der persönlichen Daten beruht, anzugreifen – flankiert mit Maßnahmen gegen Auswüchse wie Autoplay und standardmäßig aktivierte Push-Nachrichten. Ein unbequemer Weg, vor allem mit der aktuellen Besetzung im Weißen Haus in den USA. Aber einer, der mehr Schutz schaffen würde für alle.

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Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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1 Kommentar

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  • Ich finde es irgendwie sehr interessant wie hier versucht wird sich gegen ein Verbot zu stemmen dies als übertrieben, übergriffig und nutzlos dargestellt wird. Die gleichen dann aber bei Enteignung sofort auf den fahrenden Zug aufspringen.

    Zum Thema, ja, Bildung mit dem Umgang mit diesen Medien ist sicher ein Weg. Aber wir kriegen es ja in diesem Land immer schlechter hin den Kindern überhaupt anständig lesen, schreiben und rechnen beizubringen, geschweige denn Text Verständnis. Und diesem Schulsystem soll es zusätzlich noch gelingen wie man mit social Media richtig umgeht?

    Ich würde da fast dem Verbot mehr Chancen zutrauen .. Zumindest bis 12..