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Das Reformpaket und seine FolgenAch, das bisschen Pflege

Gastkommentar von

Julia Bourmer

Was so harmlos klingt wie „Reformvorschlag“, ist alles andere als harmlos. Es belastet vor allem jene, die ohnehin schon am Limit sind.

E s reicht, schon lange. Aber wir haben einen großen Fehler gemacht: Wir haben funktioniert. Jeden Tag. Jede Nacht. Am Wochenende. Jahrzehntelang. Wir sind viele, Millionen, wir sind das System. Wir haben Körper gewaschen, Medikamente gegeben, freundliche Worte gehabt. Wir sind zu Therapien gefahren, haben uns durch Formulare gequält, mit Krankenkassen angelegt, nächtelang an Betten gesessen. Wir sind am Limit. Und deshalb oft leise. Doch jetzt ist etwas passiert, es nennt sich Reformvorschlag. Das klingt harmlos, heißt aber im Klartext: Kürzungen. Rentenbeiträge pflegender Angehöriger, Verhinderungspflege, Teilhabe, kann das jetzt alles weg?

Wir haben die Schnauze voll davon, dass die Politik so tut, als sei „der größte Pflegedienst der Republik“ ein dekadenter Milliardär mit zu viel Zeit. Pflege ist kein prätentiöses Hobby, Selbstbestimmung kein Luxus. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die ausgerechnet bei der Menschenwürde das größte Einsparpotenzial sieht? Irgendwann trifft es alle. Die Oma lässt immer häufiger den Herd an. Das Kind hat plötzlich schlechte Blutwerte. Man selbst hat einen Unfall. Das eigene Leben kann sich drastisch ändern, mitunter über Nacht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der „Reformvorschlag“ auch dich, dich oder dich treffen wird. Es geht nicht, das sei hier deutlich gesagt, um Mitleid. Es geht um Solidarität.

Julia Bourmer

ist Autorin über Nachhaltigkeit, Natur und Selbstversorgung. Außerdem schreibt sie über moderne Elternschaft, Inklusion und damit verbundenen gesellschaftlichen Fragen. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land.

Denn intensive Care-Arbeit ist Survival. Man ist, wie gesagt, schneller im Club, als man denkt: vielleicht nicht heute, vielleicht aber in zehn Jahren. Die Mitgliedschaft ist unausweichlich. Menschen, die offenbar nicht wissen, wie normale Menschen in Deutschland leben – entscheiden über unsere Zukunft. Wir arbeiten, zahlen Miete, Kredite, horrende Lebensmittelpreise. Parallel dazu versorgen wir Angehörige, ziehen Kinder groß – und versuchen, quasi nebenbei, selbst noch ein bisschen zu leben.

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Wie wäre es, wenn Bundestagsabgeordnete Pflege mal im Ehrenamt machen? Das ist auch gut fürs Gewissen und erst recht für die Reputation. Das bisschen Pflege macht sich ja schließlich von allein. Oder etwa nicht?

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7 Kommentare

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  • Ich arbeite seit gut zehn Jahren in der Pflege. Das Kernproblem ist das im Text angedeutete "Möglichmachen". Früher kommen, später gehen, ständig einspringen. Überstunden die man sich weder auszahlen (exorbitante Steuern), noch abfeiern kann (kein Personal). Viele verschenken jährlich hunderte Stunden ihrer Zeit.

    So wird der Druck immer nach unten weitergegeben, nie nach oben.

    Leider lässt sich das unter Kollegen kaum vermitteln, viele stöhnen zwar, aber gerade die älteren Kollegen tragen das Aufopfernde als großen Teil ihres Selbtbildes vor sich her. Und systemisches Denken? Kann man knicken. Man betrachtet die Umstände als unabänderlich, eine Art Naturgesetz.

  • Was ist die Alternative zur häuslichen Pflege durch die Angehörigen? Naja, ganz einfach: Das Seniorenpflegeheim mit Demenzabteilung. Der Vorteil ist, dass sich dort jemand rund um die Uhr um die Senioren kümmert, dass sie Gesellschaft und Vollpension haben. Wenn man ein gutes Pflegeheim mit genügend nettem und fürsorglichem Personal findet, hat man Glück.



    Ein Nachteil, der diese Lösung für viele Betroffene verunmöglicht, ist, dass es ab ca. 3.000€ pro Monat kostet. Wenn die Pflege, sagen wir, 5 Jahre dauert, ist man ein kleines Vermögen, ungefähr den Gegenwert einer Eigentumswohnung, los - trotz Unterstützung durch die Pflegeversicherung.

  • Was möchte der Kommentar? Einfach den Frust los werden? Oder wie wo soll reformiert werden? Wer ist das millionenfache "Wir", wer der Endgegner? Die Bundestagsabgeordneten?

    Wobei, den letzten Absatz sollte man mal umsetzen. Wer Abgeordnete/r werden möchte, sollte ein Pflichtjahr im FÖJ oder FSJ absolviert haben. Oder auch Bundeswehr. Dann wird man etwas geerdet und geht nicht vom (bürgerlichen) Elternhaus nach dem Jura/BWL Studium direkt in die Politik.

    Was sind sonst die Details des Kommentars? Das man nur in den Phasen lebt, wenn keine Lohn- oder Carearbeit ansteht? Das horrende Lebensmittelpreise gedrückt werden sollen? Das weniger Formularkram in der Pflege besser wäre? Kann alles sein. Aber der Teufel steckt halt im Detail.

    PS gegen Missverständnisse: Wir pflegen die Eltern mit PG 4 und 5 seit einigen Jahren, inkl. Stellenreduktion um es noch zu schaffen.

  • Ich pflege seit ca. zwei Wochen meine 90jährige, demente Mutter so gut es eben geht neben meinem Job (gar nicht gut). Der ambulante Pflegedienst funktioniert so mäßig (Personalnot) und ich ertappe mich nach kürzester Zeit schon dabei schlapp zu machen und nicht weiter zu wissen. Wie ist es dann erst für Dauerpflegende Angehörige und wie sehr fühlen die sich von der Gesellschaft im Stich gelassen. Der Neoliberalismus geht davon aus, dass sich mit steigendem Wohlstand und Wachstum für alle alles besser wird; dieses Versprechen kann anscheinend nicht mehr gehalten werden - was dazu führt, dass das Gefühl verloren geht, man befinde sich in einer solidarischen Gesellschaft. Um ein gerechtes Steuersystem zu vermeiden, lässt man lieber Menschen verelenden. Man sieht das Ergebnis in mondänen Jachthäfen und auf deutschen Autobahnen: Die Boote und Autos werden immer dicker, die Luft für pflegende Angehörige und andere, sich in Not befindende wird dagegen immer dünner. Wer trägt eigentlich in Zukunft unseren Staat und unser Sozialsystem? So wie es aussieht, wird das Wir-Gefühl durch ein Ich-Gefühl ersetzt. In meiner Heimatstadt entsteht gerade ein Luxus - Altenheim mit Blick auf die Ems!

  • Wer löst den gordischen Knoten? Ich sehe bisher leider keinerlei übergreifenden Ansatz als Alternative zu dem der Regierung. Gibt es Länder von denen wir Lernen können? Wie macht Japan das?

  • Danke für den Beitrag.

    Das übergeordnete Thema ist meines Erachtens der völlig schiefe Arbeitsbegriff: Quer durch das gesamte politische Spektrum wird nur bezahlte Arbeit als "richtige Arbeit" wahrgenommen und auch als zentraler Lebensinhalt für alle propagiert. Alles, was Menschen so tun ohne dafür Geld zu erhalten, wird unsichtbar gemacht (gilt auch für Demokratiearbeit, obwohl die in diesen Zeiten wichtiger ist als jemals). Der britische Ökonom Guy Standing nennt das "Laborism".

    Es kommt noch hinzu, dass unter der bezahlten Arbeit auch noch die, welche mit "Produktion" einhergeht, als besonders wertvoll erachtet wird. Das heisst, wer z.B. Autos baut (es gibt davon bereits eine ganze Menge!), macht nach dieser Lesart grundsätzlich "wichtigere Arbeit", als wer sich um Kinder oder andere Menschen kümmert (sogar als bezahlter Job). Obwohl offensichtlich gerade der Produktivismus eine große Gefahr für die natürlichen Lebensgrundlagen darstellt, während Menschen ohne Care nicht (über-)leben können.

  • Leider alles richtig.