Das Konzept der Privilegien: Man muss auch mal verzichten

Geht es um die Frage der Privilegien, reagieren viele abwehrend. Doch wer seine Privilegien nicht reflektiert, trägt aktiv zu Ungleichheiten bei.

Süßspeisen werden auf einem Tablet dargeboten

Teilen und abgeben kann auch mal wehtun Foto: Mia Takahara/plainpicture

Es gibt da diesen Satz: Check your privilege. Zunächst ist damit gemeint: Hey du, denk mal darüber nach, wo du stehst, wie es dir geht sowie was davon mit sozioökonomischen oder materiellen Rahmenbedingungen zusammenhängen könnte und erkenne an, wie diese Bedingungen dir vielleicht dabei geholfen haben, durchs Leben zu kommen. Eigentlich nicht so kompliziert.

Trotzdem scheint die Frage nach Privilegien für manche wie eine Provokation zu klingen. Abwehrende, wütende oder beschämte Antworten sind dann zu hören. Etwa: Ich bin alleinerziehend, ich kann nicht privilegiert sein. Oder: Was ich heute habe, habe ich mir hart erarbeitet. Zuletzt fragte ein weißer Autor im Deutschlandfunk: „Was kann ich tun? Mich demütig und dauernd entschuldigen? Mich schämen für mich und mein Geschlecht?“ Solche Argumentationslinien werden immer wieder in verschiedenen Medien vertreten – auch in der taz.

Eine Sache, die das Sprechen über Privilegien erschwert: Privilegien sind ungerecht. Sie sollten in modernen Staaten gar nicht erst existieren. Ein Versprechen liberaler Demokratien im globalen Norden lautet schließlich soziale Gerechtigkeit. Sie sind Meritokratien, behaupten also, gesellschaftliche Positionen würden allein auf individuellen Verdiensten basieren – so wie auf einem flachen Spielfeld. Für die Auseinandersetzung mit Privilegien ist in diesen Erzählungen kein Raum.

Wer nach Privilegien fragt, fragt also nicht nur nach Gerechtigkeit, sondern nach ganzen Lebensentwürfen und Gesellschaftsmodellen. Das sind große Fragen, und sie werden schon lange erforscht: Beispielsweise von W. E. B. Du Bois in den 1930ern, aber auch gegenwärtig von Denkerinnen wie Angela Davis, Roxane Gay oder Peggy McIntosh. McIntosh beschreibt Privilegien als unsichtbaren Rucksack, man kann sie sich aber auch wie Puffer oder Rückenwind vorstellen. Privilegien sind historisch verankert, sie können sozioökonomisch oder materiell sein, sie können aber auch mit Geschlechtsidentitäten oder Gesundheit zusammenhängen, mit dem Wohn- oder Geburtsort, dem Nachnamen oder der Muttersprache – um nur ein paar zu nennen.

Bläschen an der Oberfläche

Sie sind also überall. Manchmal sind sie mehrdeutig und schwer greifbar, gleichzeitig manifestieren sie sich meistens sehr konkret. Zum Beispiel: Es ist ein Privileg, diesen Artikel ­schreiben zu können. Vielleicht ist es das erste Mal, dass Sie sich mit Privilegien auseinandersetzen – das wäre ein Privileg. Oder Sie wissen schon ganz viel darüber – auch das wäre ein Privileg, etwa weil Sie Zeit, Ressourcen und Zugänge hatten, um sich weiterzubilden. Mit Privilegien ist es wie mit kleinen Bläschen in einem Wasserglas: Rüttelt man einmal daran, kommen immer mehr an die Oberfläche.

Wissen ist Macht

Was ist Rassismus? Warum schreibt man oft „trans“ klein, aber „Schwarz“ groß? Was meinen die Gender Studies genau, wenn sie sagen „Geschlecht ist konstruiert“? Es ist unabdingbar, Grundlagen der kritischen Gesellschaftswissenschaften zu kennen, wenn man über antirassistische und queerfeministische Politiken diskutiert.

Von vorn erklärt

In dieser Reihe erscheint ab sofort jede Woche auf dieser Seite ein erklärender Text zu einem oder mehreren Begriffen aus dem Bereich Feminismus und Antirassismus. Kommende Woche folgt ein Essay zum Thema: „Privilegien“.

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Zudem ist die ganze Sache auch noch kontextabhängig, Privilegien können sich verschränken und gegenseitig bedingen. Ein Beispiel: Männer werden von patriarchalen Strukturen privilegiert. Sie werden statistisch besser bezahlt, ihnen wird mehr Raum zugestanden, sie müssen tendenziell weniger Angst vor sexualisierter Gewalt haben. Aber es gibt da auch Unterschiede: Es gibt weiße Männer und Männer of Color, reiche Männer, queere Männer, trans Männer, kinderlose Männer, verbeamtete Männer, alleinerziehende Männer, obdachlose Männer – und natürlich überlappen und verschränken sich diese Kategorien. Obwohl diese Männer also auf spezifische Weise privilegiert werden, mal mehr und mal weniger, profitieren sie letztlich alle von patriarchalen Strukturen. Die Soziologin Raewyn Connell bezeichnet diese Schnittmenge als „patriarchale Dividende“.

Umgekehrt bedeutet das: Wenn es heißt, ein Mann werde wegen seines Geschlechts privilegiert, bedeutet das nicht, dass er kein herausforderndes Leben mit Hindernissen haben kann – es heißt nur, dass er in seinem Leben nicht aufgrund seines Geschlechts noch weiteren Hindernissen begegnet.

Hier werden aber noch zwei weitere Dinge sichtbar. Erstens: Es ist möglich, gleichzeitig privilegiert und benachteiligt zu werden. Und zweitens: Wer eigene Privilegien nicht reflektiert, ist nicht einfach neutral, sondern ruht sich auf Kosten derjenigen aus, die am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums stehen – und trägt so aktiv zu Ungleichheiten bei. Zwar sind Personen nicht individuell für historisch gewachsene Privilegien verantwortlich, doch sie tragen Verantwortung, gewissenhaft mit eigenen Privilegien umzugehen, sie zu reflektieren und umzuverteilen. Was übrigens gar nicht so schwierig sein muss.

Das strukturelle Problem wird verschwiegen

Geht es um Ungleichheit, werden Privilegien aber meistens gar nicht erst angesprochen. Stattdessen geht es um diejenigen, die benachteiligt werden. Und darum, wie sie an ihrer eigenen Situation mitwirken. Bei Gewalt gegen Frauen werden vermeintlich individuelle Schicksalsschläge thematisiert, nicht das strukturelle Problem dahinter: männliche Gewalt. Bei rassistischen Übergriffen wird über individuelle Eigenschaften wie die psychische Verfassung der Täter gesprochen, nicht darüber, was diese Taten nährt: Weiße und ihr Rassismus.

Es ist kein Zufall, dass privilegierte Positionen hier unsichtbar bleiben. Privilegien werden unsichtbar gemacht und Ungleichheiten individualisiert. Diese diskursiven Verschiebungen erlauben es den Privilegierten, Ungleichheiten zu thematisieren, ohne über Machtverhältnisse zu sprechen, an denen sie mitwirken.

Ähnlich ist es bei Sprache: Die Norm bleibt unmarkiert. Wir haben Begriffe, um etwa Menschen mit Migrationshintergrund zu benennen, Menschen ohne Migrationshintergrund bezeichnen aber einfach als: Menschen. Manchmal fehlen uns aber auch die Begriffe, um privilegierte Gegenpositionen zu beschreiben, oder wir kennen sie nicht. Viele cis Menschen wissen zum Beispiel gar nicht, dass sie cis sind oder was das bedeutet. Auch deswegen geht es oft erst einmal darum, privilegierte Positionen überhaupt sichtbar zu machen, indem man sie benennt.

Seit einiger Zeit werden privilegierte Positionen wie Männlichkeit, Weißsein oder Heteronormativität vermehrt erforscht. In der Forschung wird beispielsweise Weißsein als eine kollektive Erfahrung verstanden. Und: Weil Privilegien strukturell verankert sind, braucht es auch strukturelle Antworten wie Erbschaftssteuern, Reparationen oder Quoten.

Verzicht ist selten harmonisch

Auf diese Ungerechtigkeiten könnte auch auf individueller Ebene reagiert werden: Ein weißer Mann kann zum Beispiel auch ohne Quote einen Engagement ablehnen und stattdessen eine Frau of Color vorschlagen. Das ist zwar sinnvoll, aber: Solange er in einer patriarchalen Gesellschaft als Mann wahrgenommen wird, wird er weiterhin strukturell privilegiert. Er kann davon ausgehen, dass er für seine Arbeit angemessen entlohnt worden wäre, dass er auch in Zukunft Jobanfragen erhalten wird, dass er sogar dafür gelobt wird, auf den Job verzichtet zu haben – am systemischen Charakter von Privilegien ändert er also wenig.

Und natürlich läuft Verzicht selten so harmonisch. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani beschreibt das Verhältnis zwischen Teilhabe und Diskriminierung so: Stellt man sich die Gesellschaft als Kaffeetisch vor, gibt es Menschen, die lange am Tisch saßen und ganz selbstverständlich bestimmten, wie der Kuchen zubereitet und verteilt wurde. Nach und nach kommen aber immer mehr Menschen an den Tisch. Sie wollen Plätze, sie wollen etwas vom Kuchen, aber sie wollen auch zur Wort kommen, Ansprüche erheben und mit­entscheiden, wie der Kuchen gemacht und verteilt wird.

Wer dieser Metapher folgt, wird gegenwärtige Debatten um Gleichstellung oder Repräsentation als Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts verstehen. Und man wird verstehen, weshalb diese Debatten so hitzig abgewehrt werden: Um soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen, reicht es nicht, Privilegien sichtbar zu machen – Privilegierte müssen aktiv verzichten. Es ist also verständlich, dass sich die Frage nach Privilegien für Privilegierte oft wie eine Einschränkung anfühlt – das ist sie schließlich auch. Nur: Es ist ein legitimer und rechtlich verankerter Anspruch von marginalisierten und diskriminierten Menschen, Mitsprache, Teilhabe und Rechte einzufordern – auch ohne Rücksicht auf Privilegierte.

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