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Artemis 2An der Realität vorbeigeflogen

Kommentar von

Evke Bakker

Rund 90 Milliarden US-Dollar kostete die Reise zum Mond. Das ist dreimal so viel, wie man bräuchte, um für ein Jahr den Welthunger zu stoppen.

Ganz schön aufwändig: Um zu fotografieren, wie die Erde hinter dem Mond untergeht, muss man 400.000 Kilometer weit reisen Foto: Uncredited/NASA´/ap/dpa

L a li lu, die Crew der Artemis 2, ist gelandet. Zwar haben sie keine bahnbrechenden Erkenntnisse mitgebracht. Aber dafür Daten für den Bau einer Mondbasis und dazu eine gesunde Portion Erdpatriotismus. Im Zweifelsfall würde man sich immer für unseren Planeten entscheiden, hieß es.

Weltraumreisende betonen wiederholt, wie zerbrechlich unsere Erde doch ist. Wladimir Kowaljonok hat erst im All realisiert, dass wir alle im selben Boot sitzen. Der Preis für solche interstellaren Erkenntnisse ist hoch. Die jüngste Mond-Spritztour hat mehr als 90 Milliarden US-Dollar gekostet. Deutschland hat sich mit enthusiastischen 5 Milliarden Euro daran beteiligt. Doch ironischerweise schaffen wir es nicht, diese teuren Weisheiten zu befolgen.

Das könnte daran liegen, dass man vom All aus zwar die Golden Gate Bridge sehen kann, nicht aber hungernde Kinder im Sudan oder zerbombte Schulen in Gaza. Wie viele andere Industrienationen ist Deutschland gerade erneut daran gescheitert, seine versprochene Summe in Entwicklungsarbeit zu investieren. Gleichzeitig werden Klimabudgets geschreddert, wird Kriegen und humanitären Krisen der Rücken zugekehrt. Um den Welthunger zu stoppen, bräuchte man laut Oxfam 30 Milliarden US-Dollar jährlich.

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Doch die feuern wir lieber ins All, in der Hoffnung, dass uns der Blick von oben klüger macht. Oder einfach, weil Sterngucken so schön ist. Die Raumfahrt sei ein bewährtes Mittel für die Menschheit „erwachsen zu werden“, sagte ein Sprecher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zur taz. Aber ist nicht ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, die eigenen Probleme lösen zu lernen und nicht vor ihnen wegzulaufen? Vor allem nicht bis zum Mond. Den haben wir Menschen übrigens längst mit unserem Scheiß behelligt.

Buchstäblich: Neil Armstrong und seine Crew ließen auf ihrer Mission 96 Beutel mit menschlichem Kot, Urin und Erbrochenem auf dem Mond, die dort auf tapfere Mond­fah­re­r:in­nen warten. Wer die dann beseitigen darf, steht noch in den Sternen.

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17 Kommentare

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  • Die Raumfahrt hat wichtige Erkenntnisse und Entwicklungen (nicht zuletzt die Klimaforschung) nicht nur unterstützt; sie hat sie überhaupt erst in ihrer heutigen Form möglich gemacht. "Aber ist nicht ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, die eigenen Probleme lösen zu lernen und nicht vor ihnen wegzulaufen?" Die Menschheit hat immer gelernt, ihre Probleme zu lösen. Einzig und allein durch Forschung und Technologie ist ihr das gelungen; nicht durch Schrebergartendenken. Die Vorstellung, man sollte anstelle einer (angeblich nur dem Prestige geltenden) Mondfahrt in den Welthunger investieren, ist ein falscher Gegensatz. In Wahrheit profitiert die Menschheit massiv von der Raumfahrt. Dass Artemis keine "bahnbrechenden" Erkenntnisse geliefert habe, ist allerdings nicht das Argument des ehrenwerten Skeptikers sondern die vorhersehbare Ignoranz von Kurzsichtigen und Ideologen.

  • Die fast gleiche Summe haben unsere regenerativen Energieanlagen in Europa letztes Jahr an Gaskosten eingespart. Darf man dafür nicht mal um den Mond fliegen? Ja, natürlich nicht. Aber nur zum Verständnis. Was die Raumfahrer in wenigen Tagen für eine lustige Raumfahrt so ausgeben, haben viele Menschen tatsächlich für den Erhalt unseres einzigen Planeten verdient, durch die davor investierten Euros. Das ist der netten Frau Reiche und Herrn Söder zwar ein Dorn im Auge, aber egal auch diese beiden sind endlich - Unser Planet soll es nicht sein. Daher lasst uns alle am 18.04. auf die Strassen gehen und für weitere sinnvolle Energiepolitik in unserem Lande demonstrieren, statt auf den Mond zu fliegen.

  • Da hore ich immer noch " damit konnte man de Welthunger stoppen für ein Jahr". Im Moment muss man dankbar sein, das von dem Geld keine Waffen gekauft werden. Genau das ist es nämlich, was gerade mit Geld gemacht wird. Waffen entwickeln und Waffen kaufen.



    Wenn sie nicht zum Mond geflogen wären, niemand hätte auch nur eine cent gegen Hunger ausgegeben.

  • Nur mal so zur Einordnung.







    Irgendwie scheinen sämtliche Raumfahrer*innen bei ihren Missionen festzustellen, daß die Erde ja so *zerbrechlich* ist.



    Nun..wenn man in einer Kapsel außerhalb der Erde kreist, dann erlebt man sicher hautnah die eigene *Zerbrechlichkeit*..im Wissen, daß man ohne sichere Landung auf unserem Mutterplaneten aufhört zu existieren.







    Die Erde und das auf ihr befindliche Leben ist allerdings ungemein stabil..und wird garantiert sogar den Menschen überleben..







    Lohnt sich also mal drüber nachzudenken, denn wie oft verkennen wir den Wert dessen was immer da ist.. In diesem Fall dem schönsten aller Planeten, und mithin der Lebensgrundlage der Menschheit..die tatsächlich in Gefahr, sprich *zerbrechlich* ist..

  • Kann eine Spezies , die Gewalt als Verhaltensweise für Überleben braucht, die einen Großteil jeglicher Ressourcen nutzt, glorifiziert, rechtfertigt, jemals in der Lage sein sich zu ändern?



    Altruistisch zu sein, ein Muster zu entwickeln welches auf ein "Zusammen" basiert?



    Gewalt, gewalttätig, pysische Stärke ist der Kit der uns zusammen hält, äußerst primitive Eigenschaften in einer hochentwickelten, von eben dieser Spezies erschaffenen Welt.



    Zunehmende Überforderung trifft auf Zunehmende Gewaltanwendung, Ausgaben spielen keine Rolle, was wiederum ein Akt der Gewalt darstellt. Die Zahlen und Vergleiche im Kommentar sprechen für sich. Wir, die Spezies Menschen, sind das Problem, nicht die Gewalt, sondern deren Anwendung.



    Vielleicht können wir eines Tages all diese Dinge tun, ins Weltall fliegen, niemand hungert und niemand schlägt dem Anderen den Schädel ein. Wäre das nicht schön?

    • @Flemming:

      guck mal bei Heide Göttner -Abendroth. Es gab immer Gesellschaften, die auf Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung und Teilen fußen. Und es gibt sie immer noch.



      Das Gerede vom homo sapiens alsprimitive, gewalttätige Spezies dient mE nur dazu, genau diesen Zustand zu manifestieren. Jedenfalls läßt es keinen Spielraum, eine andere Welt zu denken

  • Evke, bin ganz bei dir. Aber ich fürchte, da kann man nichts machen. So ist er, der Homo Sapiens und wird auch in 100 Jahren nicht wesentlich schlauer sein. Oder wird er keine 200-Meter-Yacht für zwei Personen mehr brauchen? Oder eine Villa mit 50 Badezimmern, ein Auto mit 1000 Ps ?

  • Ich find das Projekt gut und spannend!

  • Es gibt sicher viele Ausgaben die kritikwürdig sind, aber bei im wesentlichen wissenschaftlichen Missionen kann man sich durchaus zurückhalten.

    Eine Aufrechnung mit dem Welthunger ist albern, denn die Mittel dafür hätte die Menschheit jederzeit, mit oder ohne Mondmission.

    Ein Bruchteil der globalen Rüstungsausgaben wurde reichen, oder auch eine Transaktionssteuer im globalen Aktienhandel.

    Erkenntnisgewinn ist wertvoll.

    • @Martin Buchwald:

      Ja eine Aufrechnung mit Welthunger ist Quatsch, denn Welthunger ist ein logistisches und politisches Problem, trotz der vielen christlichen Parteien. Es wegen der industriellen Landwirtschaft, da es dabei um Machtverhältnisse geht und nicht um Ernährung, sondern rein ums Geld verdienen. Also WElthunger müsste es schon heute nicht geben, trotz der vielen Geldausgaben für nicht nachhaltige und Leben zerstörende Dinge.

  • 90 Milliarden ist auch, was alleine Deutschland jedes Jahr für Fossile Brennstoffe ausgibt.

    Im Gegensatz dazu ermöglicht Raumfahrt neue Entwicklungen.

    Hier im Artikel werden zwei wertvolle Aktivitäten gegeneinander ausgespielt (Raumfahrt und Bekämpfung des Hungers), so wie gesellschaftlich ständig Unterbezahlte gegen Arbeitslose ausgespielt werden.

    Währenddessen füllen sich die Reichsten und die Weltverbrenner die Taschen und lachen über diesen Zwist. Divide et impera.

  • Der US-Aktivist Scott Santens hat dazu auch gerade einen lesenswerten Artikel geschrieben:



    The Next Moonshot: Universal Basic Income



    What Artemis II and the Return to the Moon Should Remind Us About Ending Poverty



    scottsantens.subst...l-basic-income-ubi

    Wenngleich man sich natürlich schon wundert, dass er sich scheinbar nur für die Situation in den USA interessiert. Und damit auch den Beitrag ausblendet, den der Rest der Welt zum Wohlstand in den USA geleistet hat und noch leistet.

  • Sorry aber das ist mir zu platt. Sicher, über die Notwendigkeit von Reisen zum Mond lässt sich streiten. Aber kann es wirklich ein Ansinnen sein, Forschungsgelder zugunsten von Entwicklungshilfe zu stoppen? Sollten wir da nicht über Rüstung und die Subventionen von fossilen Energieträgern sprechen? Für mich klingt es als wird hier die Raumfahrt als teures Hobby für ein paar Millionäre abgetan. Der kleine Teil auf den das zutrifft kann gerne gestrichen werden. Der ist aber auch enger mit dem verbunden was unser echtes Problem ist: Dem Turbokapitalismus. Nicht der Forschung.

    • @Marco Lutz:

      Einmal um den Mond fliegen, kann auch eine günstigere Sonde. Hier geht es nur um einen teuren und sinnfreien Schwanzvergleich zwischen den USA und China.

  • Über Sinn und Unsinn kann man streiten.



    Aber die ständigen Vermengungen vom Individuum, von den Deutschen, der Menschheit helfen da nicht weiter. Mit der Gesamtbeteiligung von D über mehrere Jahre kann man nicht den Welthunger stoppen. Aber halt die Forschung hierzulande fördern.

    Es wäre viel besser, das Geld, welches zur Zeit in dem sinnlosen Krieg im Nahost verbrannt und verbombt wird, für die Hungerbekämpfung einzusetzen. Aber selbst das ist leider kein Weltinteresse. Noch nicht mal das Interesse einzelner Nationen. Vermutlich würde noch nicht einmal der ganze Sudan zustimmen, sondern Hilfslieferungen in die eigenen Taschen umgeleitet. Die Menschheit hat kein gemeinsames Interesse.

  • der Sinn der Raumfahrt wird immer mehr ins absurde gezerrt.



    Hauptsache es wird mal wieder ein Prestigeprojekt durchgezogen und der kalte Krieg gegen Asien wird vermeindlich gewonnen.



    Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden den gewonnen und was können sie bringen?



    Genau genommen scheint der Traum auf unendliche Weiten völlig absurd mit bemannter Raumfahrt. Wenn schon Rohstoffe holen dann wohl eher mit Robotik. Terraforming wird wohl bald mehr Sinn auf der Erde machen.

    • @Conrad:

      Folgende Erkenntnisse werden gewonnen: Ist es möglich, eine dauerhafte Station auf oder am Mond zu errichten? Können Menschen dauerhaft unter diesen Umständen (über-)leben? Ist es daher möglicherweise machbar, eine bemannte Marsmission von dort zu starten? Wozu braucht man die? Nun: Ist es möglich, dauerhaft auf dem Mars zu leben? Ist es möglich, ihn sogar zu kolonisieren? Das wäre wertvoll in einigen Jahrzehnten, vielleicht mehreren hundert Jahren. Wenn Sie CO2 einsparen wegen zukünftiger Generationen, wieso dann nicht diese Forschung wegen zukünftiger Generationen?