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Eskalationen in FrankreichDie Schuld der Macht

Laut Regierung und rechter Presse ist die Linkspartei La France insoumise für die Unruhen in Frankreich verantwortlich. Unser Autor findet den Fehler woanders.

Am 17. Oktober, gegen Mitternacht und wenige Stunden später – dann die Katastrophe. Anstelle eines kollektiven Aufbruchs, beflügelt durch die offensichtliche Berechtigung der Forderungen der Schüler, kam es zu tumultartigen Szenen, beispielloser Gewalt, brennenden öffentlichen Gebäuden und vor allem – vor allem – zu Plünderungen, die von Gruppen ganz in Schwarz gekleideter Jugendlicher inszeniert wurden.

Die Bilder sprachen für sich: Paris brennt – ebenso wie Marseille, Lyon, Limoges und der Rest des Landes. Ein Aufstand droht, die Republik ist in Gefahr.

Wer ist für das Chaos verantwortlich? Natürlich „La France insoumise“ (LFI). Vom Staatspräsidenten über den Premierminister und die Regierungsmitglieder bis hin zu den Parteien und der rechten Presse – ausnahmslos alle zeigten mit dem Finger auf den Hauptdrahtzieher der Gewalt: den Paten der Ultralinken und Linksextremisten, den verhassten Feind der Demokratie Jean-Luc Mélenchon.

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Senatspräsident Gérard Larcher – in der staatlichen Hierarchie die dritthöchste Persönlichkeit – ging sogar so weit, offen die Möglichkeit eines Verbots von Mélenchons Partei zu erwägen.

Wer ist für das Chaos verantwortlich? Die Fakten deuten unmissverständlich auf das dem Ende entgegengehende Regime von Emmanuel Macron hin. Dieses hat das Land durch eine Mischung aus Angst, Dummheit und Fehlkalkulationen an den Rand des Abgrunds geführt.

Der 17. Oktober wirkte unkontrollierbar

Seit dem Beginn der Mobilisierung der Schüler setzte Macron bewusst auf Repression. Dass Jugendliche, die friedlich gegen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen protestierten, mit Tränengas und Schlagstöcken angegriffen wurden – wobei einer durch einen gezielten Schuss ein Auge und die Hälfte seines Kiefers verlor, während einem anderen durch eine Blendgranate die Hand abgerissen wurde –, sollte Angst verbreiten, von weiteren Demonstrationen abschrecken und den Protest im Keim ersticken.

Es geschah das genaue Gegenteil. Die Schüler ließen sich nicht mehr bremsen: Ihre Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Mobilisierung erfasste Lehrer, Eltern, „Gelbwesten“, Arbeitnehmer, Gewerkschaften … und der Aufstand gegen die hohen Lebenshaltungskosten verband sich mit dem der Jugend.

Für die Machthaber wurde die Demonstration vom 17. Oktober zu einem Ereignis, das alle erdenklichen Gefahren in sich barg. Da sie über soziale Netzwerke initiiert wurde – ohne zentrale Führung, ohne Ordnungsdienst und ohne organisatorische Begleitung – wirkte sie von ihrer Art her unkontrollierbar.

Mit der Ankündigung, er habe den Sicherheitskräften „keine Anweisung zur Zurückhaltung“ gegeben, ließ der Innenminister durchblicken, dass deren Vorgehen „hemmungslos“ sein, es also ordentlich zur Sache gehen würde!

Sollte das Chaos bewusst entstehen?

Doch stattdessen blieben die Polizeikräfte am entscheidenden Tag seltsam passiv. In Marseille, Lyon und Paris konnten Randalierer und Plünderer völlig ungestraft nach Herzenslust wüten, bevor sich die Sicherheitskräfte überhaupt blicken ließen. Letzteren wurde sogar teilweise vorgeworfen, die Unruhen selbst provoziert zu haben.

Wie dem auch sei: Die Erklärungen, die der Innenminister im Nachhinein vorbrachte – im Wesentlichen: „Wir haben die Bedeutung der Demonstrationen unterschätzt“ –, konnten kaum jemanden überzeugen.

Handelte es sich um ein Durcheinander, das völlige Inkompetenz offenbart? Oder war es gar Kalkül, das Chaos bewusst entstehen zu lassen – um sich in einem zweiten Schritt als Partei der Ordnung zu präsentieren und die Schuld dafür „La France insoumise“ in die Schuhe zu schieben?

Ein bisschen von beidem, mein Kapitän. Doch nun enthüllte die Online-Tageszeitung Mediapart, dass die Regierung die Geheimdienste – und zwar ganz konkret – angewiesen hat, zu lügen, um LFI zu belasten. Prompt erklärte daraufhin die Pariser Staatsanwältin, sie könne eine Verwicklung der Ultralinken in die Gewalttaten „absolut nicht bestätigen“.

Das Manöver der Regierung erweist sich als derart verlogen und erbärmlich, dass sich selbst linke Parteien, die man gewiss nicht der Sympathie für „La France insoumise“ verdächtigen kann – wie etwa Raphaël Glucksmanns „Place publique“ oder die Sozialistische Partei von Olivier Faure –, gezwungen sehen, LFI in Schutz zu nehmen, wenn auch nur halbherzig.

Unter diesen Umständen bleibt dem Präsidenten der Republik nichts anderes übrig, als im Fernsehen aufzutreten und sein liebes Volk zu bitten, geduldig die in sechs Monaten angesetzte Präsidentschaftswahl abzuwarten – in der Hoffnung, dass man sich dann endlich seiner Anliegen annehmen werde. Doch diese zur Schau gestellte Ohnmacht wirft Fragen auf.

Wenn die Machthaber auf die Forderungen einzig mit roher Gewalt reagiert haben, dann deshalb, weil ihnen schlichtweg das Geld fehlt, um Schulen zu renovieren, das Bildungssystem zu reformieren oder die Lehrkräfte angemessen zu bezahlen. Die Kassen sind leer und das Land ist hoch verschuldet. Missmanagement? Zweifellos. Doch allgemeiner betrachtet: die verheerenden Folgen des Kapitalismus.

In diesem Jahr haben die großen französischen Unternehmen 70 Milliarden Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt. 70 Milliarden! Das ist weltweit die zweithöchste Ausschüttungssumme gleich nach den Vereinigten Staaten, während die Schüler den zur Lösung ihres Problems erforderlichen Betrag auf (lediglich) 10 Milliarden beziffern.

Das System gleicht einem gigantischen Staubsauger, der den nationalen Reichtum absaugt und in die Kassen der Besitzenden befördert – während immer mehr Familien den Gürtel enger schnallen müssen und Schulen, Krankenhäuser sowie sämtliche öffentlichen Dienste verzweifelt um Hilfe schreien.

Diese eklatante Ungerechtigkeit ist keineswegs abstrakt. Wenn Kinder aus den Vororten den Wohlstand der Städte sehen – von dem sie selbst ausgeschlossen sind – mit Luxusgeschäften, Restaurants, Museen und Kunstgalerien, dann ist die Wut, die sie ergreift, nur allzu verständlich. Sie erkennen, dass ihre Forderungen – selbst wenn sie friedlich vorgebracht werden – überhaupt kein Gehör finden. Hinter den Randalierern und Plünderern, denen alles egal ist und die – unter lautem Jubel – Geschäfte ausrauben sowie Passanten angreifen, äußert sich echter Volkszorn: der unbändige Wunsch, den Tisch umzuwerfen, damit sich endlich etwas ändert.

Nun sind diese Bewohner der Vororte mehrheitlich – sagen wir – Nicht-Weiße. In Frankreich hört man das noch nicht allzu oft, doch im Ausland zögern rechtsextreme Regime nicht, dies offen auszusprechen. US-Präsident Donald Trump, der Marine Le Pens Machtübernahme ganz offen unterstützt, wirft „Einwanderung und dem Islam“ vor, dieses „einst große“ Land in Brand zu setzen.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu schreibt die Gewalt vom 17. Oktober unumwunden einer „Invasion des extremistischen Islams“ zu. Und während Russlands Präsident Wladimir Putin sich nicht öffentlich äußerte, beschrieb einer seiner Sprecher den Aufstand als einen „Selbstmord der westlichen Zivilisation durch das Migrationschaos“.

Wie man sieht, gehen die Auswirkungen der Krise in Frankreich weit über die nationalen Grenzen hinaus. Um es klar zu sagen: Eine internationale Koalition setzt sich weltweit nachdrücklich für einen Sieg der extremen Rechten ein – mit dem Kampf gegen die Einwanderung als zentralem Thema. Da die globale Erwärmung droht die Hälfte des Planeten unbewohnbar zu machen, wird es zwingend erforderlich, Barrieren zu errichten, um den Ansturm der Elenden – Muslime, Araber und etwa Mexikaner – auf die Festungen der Begüterten zu verhindern. Angesichts des Aufstiegs der AfD in Deutschland, der gefestigten Position von Giorgia Meloni in Italien und einer möglichen Machtübernahme des Rassemblement National in Frankreich droht Europa – in der Form, wie es sich seit dem Krieg entwickelt hat – der Zerfall.

Ganz gleich, wie die Analysen und Warnungen ausfallen – es ist leider sehr wahrscheinlich, dass den französischen Wählern vom 17. Oktober vor allem die Bilder von Zerstörungen und Plünderungen im Gedächtnis bleiben, die in Endlosschleife im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zu sehen sind. Daraus wird ein verzweifelter Wunsch nach Ordnung entstehen – ein Bedürfnis, das nur eine einzige Partei zu stillen vermag, zumindest auf der Ebene der Wunschvorstellung: der Rassemblement National.

Historisch gesehen haben die sogenannten republikanischen Parteien stets einen „Cordon sanitaire“ errichtet, um rechtsextremen Gruppierungen den Weg an die Macht zu versperren. Heute wird ein solcher Schutzwall um die Bewegung „La France insoumise“ gezogen. Unter Verweis auf deren Scheitern schließt sich der „Rassemblement national“ den Parteien der Mitte und der Rechten an und fordert, dass mit eiserner Hand – seiner eigenen eisernen Hand – gegen „Randalierer“ und deren Unterstützer vorgegangen wird, damit das Land endlich in Frieden und Sicherheit leben kann.

Aus dem Französischen von Barbara Oertel

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23 Kommentare

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Man muss kein Gewaltbefürworter sein, um zu sehen, dass MLP wohl die nächste Präsidentin von Frankreich wird.



    Dafür braucht es keinen "Linken Selbstmord".



    Siehe Dominique Johnson.



    Wohin soll eine unsolidarische Relativierung mit Auseinanderdividierung der 'Guten' und der 'Chaoten/Casseurs' führen, ausser zu "repressiver Elendsverwaltung" - ( taz.de/10-Jahre-Ds...n-Calais/!6222215/



    )?



    Ausgegangen von den berechtigten Schülerprotesten, weiten sich die Demos unweigerlich aus.



    Dass der Staat dem nur mit Repression und 70 000 Polizisten antwortet, ändert nichts an den Ursachen.



    Das verstärkt ein Gefühl der Unsicherheit und -



    Der Bürger zählt nur als Stimmvolk und soll ansonsten kuschen.



    DAS treibt die Wähler in die Fänge der Rechten.



    Es braucht dafür wirklich keine sich selbst aufreibende Linke...

  • Martin Rees

    "Historisch gesehen haben die sogenannten republikanischen Parteien stets einen „Cordon sanitaire“ errichtet,..."



    Der Konservatismus ist in Frankreich schon lange am Boden. Die Antworten kommen nicht mehr von den Etablierten, die nicht geliefert haben. Dem "ancienten" System wird mehr und mehr das Vertrauen entzogen.



    /



    "Die Konservativen haben versucht, Leute unter einem Dach zu vereinen, die sehr unterschiedlichen ideologischen Traditionen angehören. Es gibt soziale Gaullisten und ultrakonservative Reaktionäre, es gibt Ultra-Liberale und solche, die an die Regelung durch den Staat glauben, es gibt erzkatholische Strömungen und andere, die komplett atheistisch sind“, so Camus im Gespräch mit WELT. Seit Nicolas Sarkozy fehlt den Konservativen eine „charismatische Figur“, die den Laden zusammenhält."



    welt.de 2021



    /



    "Erstarkte Ränder, Verluste für die Regierungsparteien: In Frankreich blicken die Republikaner mit Sorge auf die Wahlergebnisse der CDU – auch wegen der eigenen Parteihistorie."



    Bei faz.net

  • Axel Schäfer

    "... um den Ansturm der Elenden – Muslime, Araber und etwa Mexikaner – auf die Festungen der Begüterten zu verhindern. ..." Die Argumentation ist im Falle Frankreichs ja ziemlich daneben, man hat die Menschen die in den abgehängten Vorstädten leben, größtenteils selbst aus den eigenen Kolonien geholt, damit sie für die Begüterten produzieren, die Taxen fahren, die Wohnung putzen und im Restaurant kochen. Das es sich um französische Staatsbürger mit gleichen Rechten und Wünschen handelt geht da wohl immer etwas unter.



    Nirgends wird das so frech und arrogant offen gehandhabt wie im Zentralstaat Frankreich mit seinen Eliteschulen und Unis, da ist die Hemmschwelle bei unseren "Eliten" etwas höher, da blüht es mehr im Verborgenen.

  • Querbeet

    Schüler? 2.500 Festnahmen. 95% Männer zwischen 18 und 30. So berichtet die Tagesschau.

  • Insieme

    Ich hoffe sehr, dass den vielen Demo-Beteiligten, ihren Freund*innen, Bekannten und Eltern bei der Wahl die Beweggründe für die Demos in Erinnerung sind und bleiben und Le Pen nicht als Siegerin bhervorgehen wird.

  • la suegra

    Guter Text.

  • Machiavelli

    Frankreich gibt fast 20% seines BIPs für Renten, Pensionen und Altenpflege aus, Tendenz steigend. 70 Milliarden an Dividenden sind ein Witz dagegen. Wer den Jungen helfen will muss es den Alten nehmen.

    • StefanMaria

      @Machiavelli:

      beides, wenn schon. Die Reichen, weil sie die Ungleichheit schaffen und die Alten, weil sie das ermöglicht haben, un ddas ganze rechtsstaatlich, damit nicht so ein Unsinn passiert, wie schon öfter in der Geschichte

    • meerwind7

      @Machiavelli:

      Zu den Dividendenkönigen gehört u.a. der Luxuswarenhersteller LVMH - Moët Hennessy Louis Vuitton SE. Der hat seine Gewinne allerdings nicht den werktätigen Massen an gepresst, sondern verdient von der Spitze der Werktätigen und der Kapitaleigner.



      Würde man einen höheren Anteil des hier kreisenden Geldes staatlich wegnehmen, würde der Kreislauf schnell kleiner werden, der Staat kann gar nicht so viel zusätzlich herausholen.

    • Hans - Friedrich Bär

      @Machiavelli:

      Das mit den Renten ist auch ziemlich pauschal . Natürlich sind Renten ein großer Posten im BIP. Renten sind deshalb BIP weil sie aus Erwerbseinkommen bezahlt werden.

      In der offiziellen frz. Statistik steht :



      Das allgemeine Sozialversicherungssystem wird zu ungefähr 80 % durch einkommensabhängige Beiträge und Abgaben finanziert.



      www.cleiss.fr/docs...e_france/al_0.html

      Das ist ja der Sinn der Sache: Das Rentensystem soll umlagefinanziert sein. Wir haben auch einen Bundeszuschuss an die Rentenversicherung, aber : Auf Renten muss hier wie dort Einkommenssteuer bezahlt werden. Der Clou: Die Einkommensteuer, die die Rentner auf ihre Renten bezahlen ist bald höher als der Zuschuss, den die Rentenversicherung für sie bekommt ;-)

      Die jetzt Älteren haben früher, als sie jung waren für die damals Älteren bezahlt, die das was sie bekommen haben zwischenzeitlich an ihre Kinder und Enkel vererbt haben.



      Wenn Sie gestern jung waren sind Sie morgen alt.



      So hängt das zusammen, das geht jedem so.

    • Hans Dampf

      @Machiavelli:

      Niemals alt gegen jung ausspielen!



      Rund 22,5 % der Bevölkerung Frankreichs sind 65 Jahre oder älter. Und denen wollen sie jetzt das Geld wegnehmen oder die Leistungen kürzen?



      Wer meint Probleme zu klären, indem er die alten gegen die jungen ausspielt ist immer im Unrecht.

      • Machiavelli

        @Hans Dampf:

        Politik bedeutet, die Interessen verschiedener Gruppen auszugleichen. Jung und Alt sind zwei verschiedene Gruppen. Da geht es nicht um Ausspielen, sondern um unterschiedliche Interessen. Insbesondere wenn für die jetzige Rentnergeneration Leistungen mit Schulden finanziert werden, müssen die zukünftigen Generationen, die mit deutlich schlechteren Leistungen auskommen, diese zurückzahlen.

        Rentner haben in Frankreich im Durchschnitt ein höheres Einkommen als Werktätige. Das kann nicht lange gutgehen, vor allem mit dem frühen Renteneintrittsalter.

    • Jo Lang

      @Machiavelli:

      Falsche Rechnung: Es wurden unter Macron zahlreiche Steuern gesenkt, darunter: 1) die Körperschaftsteuer für Unternehmen, 2) die Wohnsteuer (taxe d’habitation) für Hauptwohnsitze, 3) bestimmte Sozialbeiträge und lokale Unternehmenssteuern. Insgesamt eine Wenigereinnahme von 826 Milliarden € in seiner Regierungszeit, das heisst zirka 25% der gesamten Staatsschuld.

      • Birger Gerling

        @Jo Lang:

        " Laut offiziellen Berichten des französischen Finanzministeriums (Bercy) und Wirtschaftsinstituten belaufen sich die jährlichen Entlastungen durch Macrons Reformen auf ca. 50 bis 62 Milliarden Euro pro Jahr. Kumuliert über seine gesamte Amtszeit (seit 2017) ergibt das eine Summe von rund 350 bis 400 Milliarden Euro an Mindereinnahmen im Vergleich zum alten Steuersystem."



        www.alternatives-e...-macron_20-09-2024

        • Machiavelli

          @Birger Gerling:

          Wobei die Frage ist ob man diese Steuern auch eingetrieben bekommen hätte oder ob Firmen umgezogen wären, Investitionen unterlassen hätten, Mitarbeiter gekündigt hätten etc. Ich bezweifle stark das der Staat 350 Milliarden mehr eingenommen hätte.

    • makei1200

      @Machiavelli:

      Wenn Frankreich 20% seines BIPs für Renten etc ausgibt, dann ist das Geld nicht verschwunden, sondern es wird wieder in das System zurückgegeben. Hiervon profitieren Einzelhändler, das Gesundheitssystem etc und das BIP steigt.

      Für alles Geld was eingenommen wird, muss jemand anders Geld ausgeben. Wenn jemand Geld spart (weniger konsumiert als alles was produziert wird) muss jemand anders sich verschulden und mehr konsumieren, sonst verringert sich das BIP.

      Die Geldmenge ist immer gleich der Schuldenmenge oder das Nettogeldvermögen auf der ganzen Welt (Geldmenge minus Schulden) ist genau Null.

      Wenn sich der französische Staat verschuldet, dann liegt es daran, dass der Privatsektor spart und dass Frankreich einen Exportdefizit hat.

      Deutschland hat einen Exportüberschuss, somit verschuldet sich das Ausland gegenüber Deutschland. Wenn der Privatsektor spart, braucht sich in Deutschland der Staat nicht zu verschulden, weil dieses das Ausland macht.

      Wenn Frankreich einen Exportüberschuss gegenüber Deutschland hätte, dann müsste sich der deutsche Staat verschulden, oder das deutsche BIP würde sinken.

      Schauen sie sich sektoriale Salden oder Finanzierungssalden an.

      • Machiavelli

        @makei1200:

        Konsum fließt aber zunehmend ins Ausland und muss durch starke exportindustrien balanciert werden. Frankreich finanziert diese Ausgaben für alte zunehmend durch Schulden.

        Konsumausgaben sind nur dann sinnvoll wenn das Geld auch primär im Land bleibt und der heimischen Industrie hilft oder wenn sie durch Exporte gegenfinanziert werden. Beides trifft zunehmend nicht zu.

    • rero

      @Machiavelli:

      Da haben ja schon beim letzten Mal die Geldwesten randaliert.

      Als das Rentensystem modernisiert und gerechter werden sollte.

      • Jo Lang

        @rero:

        Was meinen Sie mit diesen Sprachhülsen "moderner", "gerechter" ? Die Anhebung der Beitragsjahre ? Für meine Doktotanden hier in Bordeaux heisst dass, bis zum Alter von 70 zu arbeiten, um den vollen Renten betrag zu erhalten.

        • Machiavelli

          @Jo Lang:

          Die Rentenhöhe bemisst sich an zwei Faktoren: Beiträge der nachrückenden Generation und eigene Beiträge. Ich bin selber in der Position die sie beschreiben und werde bis 70+ arbeiten müssen. Vorausgesetzt ich lebe solang.

        • Axel Schäfer

          @Jo Lang:

          Dem nähern wir uns hier ja auch und Doktoranden werden später eher weniger körperlich schwere Arbeit verrichten müssen, da wäre das aus meiner Sicht als Boomer auch für mich fast noch vertretbar, wenn man das System auch ansonsten stabilisieren würde und eine Beitragspflicht auf alle Einnahmen einführen würde und die Lebensarbeitsleistung auch bei der Rentenhöhe berücksichtigen würde.



          Am Ende müsste auch eine Rente rauskommen von der man ohne Sozialhilfe und Wohngeld leben können muss.

  • Ritchie

    "In diesem Jahr haben die großen französischen Unternehmen 70 Milliarden Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt"



    Nun, in Frankreich unterliegen Kapitalerträge (wie Zinsen, Dividenden und Kursgewinne) einer pauschalen Flat Tax von insgesamt 31,4 %.



    Das heißt also, der Staat hat davon über 22 Milliarden Euro eingenommen.

    • Jo Lang

      @Ritchie:

      Richtig, aber die fehlenden Einnahmen pro Jahr durch Steuersenkungen unter Macron belaufen sich auf ungefähr 100 Milliarden pro Jahr, das Fünffache also.