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Regierungserklärung von MerzEhrlich, aber falsch

Tobias Schulze

Kommentar von

Tobias Schulze

Entweder Sozialpolitik oder Verteidigungsfähigkeit – diese beiden Alternativen präsentiert Bundeskanzler Merz. Das sind für die Stabilität der Demokratie schlechte Nachrichten.

E rklärung kommt von erklären. Der Regierungserklärung des Kanzlers war das am Donnerstag aber nicht anzumerken. Auf die Fragen, die die Koalitionspläne der vergangenen Wochen in der Bevölkerung ausgelöst haben, hat Friedrich Merz im Bundestag keine Antworten präsentiert. Kein Wort dazu, warum sich Ar­beit­neh­me­r*in­nen in Zukunft schon am ersten Krankheitstag zum Arzt schleppen sollen. Keines dazu, warum Schwarz-Rot jungen Familien das Elterngeld für zwei Monate streicht. Und auch keines dazu, warum die Regierung keine zwei Wochen nach der Rekordhitze die Wärmepumpen-Förderung kappt.

Nur einmal wandte sich Merz an „Bürgerinnen und Bürger, die Zweifel haben“ – allerdings auf allgemeiner Ebene und auf eine wenig gewinnende Weise. Ob das viele Geld für die Rüstung nicht besser in Maßnahmen für den sozialen Zusammenhalt aufgehoben wäre? „Meine Damen und Herren, das beste soziale Sicherungssystem nützt nichts, wenn wir nicht in Freiheit und in Frieden leben.“ Das stimmt zwar. Wer tot ist, bekommt keine Sozialleistungen mehr. Der Satz ist aber nicht komplett. Was fehlt: Dass sich umgekehrt ohne ein gutes Sozialsystem auch Freiheit und Frieden nicht sichern lassen.

Das gilt nach innen wie nach außen. Macht die Regierung das Leben der Menschen mühsamer, wird der Rückhalt der Wäh­le­r*in­nen für demokratische Parteien weiter sinken. Und empfinden sie ihren Staat nicht als hilfreich, werden sie ihn auch nicht verteidigen. Der neuen Jugendbewegung gegen die Wehrpflicht ist das schon anzumerken.

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Entweder sozialer Zusammenhalt oder Verteidigungsfähigkeit: Mit dieser Gegenüberstellung ist Merz immerhin ehrlich. Die Politik seiner Koalition läuft nämlich darauf hinaus. Richtiger wäre es aber, die Regierung würde beides miteinander austarieren – indem sie bei der Aufrüstung maßhält und die Rechnung nicht der breiten Bevölkerung hinlegt, sondern erst mal den Wenigen mit sehr hohen Vermögen.

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Tobias Schulze

Tobias Schulze Parlamentskorrespondent

Geboren 1988, arbeitet seit 2013 für die taz. Schreibt als Parlamentskorrespondent unter anderem über die Grünen sowie Sozial- und Arbeitspolitik. Leitete zuvor das Inlandsressort.
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19 Kommentare

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  • Also ich fühle mich eher durch die Kürzungen in meiner Freiheit und in meinem Frieden bedroht als von außen. Von der Geld für Rüstung hat doch die Bevölkerung nichts, das schafft auch kein Wirtschaftswachstum und bekämpft auch die Ungleichverteilung kein Stück. Wir sehen für Rüstung ist Geld da, aber für Bildung, Gesundheit, Förderung für Jugend, Familien, Arme, Behinderte, Kranke findet sich nichts. Wer das "soziale" opfert braucht sich nicht wundern, wenn keiner bereit ist, die Freiheit der anderen zu verteidigen.

  • Friedrich Merz: „Kanonen statt Butter.“

  • Beide Themenfelder bergen Gefahren für diesen Staat, beides kann die Grundlagen der Demokratie zerstören.



    Diese Themenfelder gegeneinander auszuspielen, weil man einem bauchgesteuertem, unwissenschaftlichen Wirtschaftsverständnis anhängt, ist verantwortungslos.



    Wenn man es dennoch tut, ist die größere Gefahr für die Demokratie, der Sozialabbau.



    Das Ergebnis der bisherigen verfehlten Politik, wird man schon in diesem Spätsommer/Herbst in den Wahlen sehen, dann sind wir schneller wieder Putins Freunde als wir druschba sagen können.

  • Die Alternative ist, Merz/Linnemann ziehen sich ins Sauerland und Ostwestfälische zurück, die CDU/CSU entdeckt das C wieder und piesackt nicht mehr den armen Lazarus, sondern den mit den vollen Tischen.



    Es würden auch mehr für die Bundesrepublik kämpfen wollen, wenn die Ungleichheit nicht so schriee. Wieder angemessen besteuern und faire Chancen fördern auch die Leistung in unserer Republik.

  • "Verteidigungsfähigkeit" ???



    Ein abstruses framing für den gegenwärtigen Hochrüstungswahn.



    Ein solches wording sollte m.E. nicht übernommen, sondern kritisch eingeordnet werden. Die NATO-Staaten sind schon jetzt vollkommen unangefochten und mit riesigem Abstand der größte Militärmoloch des Planeten.



    Ansonsten stimmt das natürlich:



    der absurd teure Hochrüstungswahn aller Mitte-Parteien incl. der 'Grünen' verunmöglicht wirksamen Klimaschutz, wirksamen Umweltschutz und die Aufrechterhaltung der Sozialstaatsreste.



    Militäretat und damit gekoppelte Zinslasten stehen aber nicht nur dem Sozialstaat und dem Umweltschutz diametral entgegen, sondern untergraben zugleich die demokratische Verfügung über die Staatshaushalte, da es da nahezu nichts mehr zu entscheiden gibt.



    Die Steuern gehen fürs Militär und für fixe/verpflichtende Ausgabenposten drauf, scheissegal was die Wähler:innenschaft sich für eine Koalitionstorte zusammenwählt, wobei auch die Koalitionszusammensetzung ja nicht von der Wähler:innenschaft entschieden wird, sondern von den Chefetagen der Parteien.



    #Postdemokratie



    #Vorkriegszeit



    #Rückfall ins 19.Jhd.

  • Solange Black Rock für den Fritz keine finanziellen Vorteile im Sozialen Bereich schafft wird dieser Bereich auch nicht unterstützt. Da hat die Entwicklungshilfe nochmal Glück gehabt, da hier der Kreis geschlossen werden konnte.

  • Damit kann der Bundeskanzler aber nicht überzeugen. Das ist ja unplausibel und willkürlich die sozialen Sicherungssysteme und die Rüstungskosten gegenüberzustellen, ohne andere Faktoren zu berücksichtigen. Der Autor hat es ja kurz benannt die hohen Vermögen müssten endlich einmal herangezogen werden, in diese Richtung aktiv zu werden. Kommt allerdings dem Bundeskanzler nicht in den Sinn.

  • Fremde Kriege gehen uns nichts an

    Menschenwürdige Sozialleistungen sind gemäss Grundgesetz und Verfassung nicht verhandelbar

    • @Todesfister:

      Ich wüsste gerade nicht, wo Deutschland bei "fremden" Kriegen mitmacht. Eine geplante Minenräumaktion in der Straße von Hormus verbuche ich da schon eher als humanitären Einsatz.



      Und wenn Nato-Gebiet bedroht ist, und Artikel 5 aktiviert wird, ist es auch kein fremder Krieg mehr, auch wenn dieser in Lettland, der Türkei oder Spanien stattfinden sollte.



      Sollte sich das Thema aber erledigt haben, weil andere Staaten/Mächte das Sagen und die Kontrolle in Deutschland übernehmen oder stark beeinflussen (wie z.B. in Belarus) dann können sie sich mit den Menschenwürdigen Sozialleistungen, dem Grundgesetz und entsprechenden Gerichtsurteilen gerne ein bestimmtes Körperteil abwischen.

    • @Todesfister:

      ... dann kommt der Krieg zu Dir. (Brecht)







      (Das Grundgesetz _ist inzwischen die Verfassung, ansonsten da bei Ihnen und dem Artikel 20.)

      Aber KSZE, UNO, Völkerrecht beim Angriffskrieg zwei Länder östlich von uns sollten genauso bekannt sein.



      Das Geld darf halt nur mal auch von den Reichen kommen.

  • "Meine Damen und Herren, das beste soziale Sicherungssystem nützt nichts, wenn wir nicht in Freiheit und in Frieden leben.“



    Klar, man muss die Bevölkerung aus hungern, bevor man sie dem Krieg ausliefert.



    Merz Gänsehaut Logik.

  • Wenn der Kanzler auf Kahlschlag setzt. Was gibt es dann noch zu verteidigen? Theoretische Rechte, die man aus Geldmangel nicht wahrnehmen kann?

  • Sozialpolitik und Militärpolitik sind leider immer antagonistische Widersprüche. Reiche oder Herschende haben noch nie bezahlt, immer die Armen

    • @Krämer Thomas:

      Muss ich gerade mit einem Gegenbeispiel bereits ausknipsen.



      Verlorene Kriege machten Staatsanleihen wertlos, die von der Oberschicht vor allem gehalten wurden, die teils dann nur noch vom Zins fürstlich gelebt hatte.







      Es gab ferner auch in der alten Bundesrepublik Jahre, wo hohe Militärausgaben und ein erweitertes Sozialprogramm durchaus gingen. Da haben aber auch alle noch angemessen gezahlt, ich meine hier vor allem das Kapital (Groß-Erbe, Vermögen, Zinseinkommen).



      Machen Sie nicht unabsichtlich die Pseudoalternative Merz' mit. Verteilung ist der Punkt, auch hier.

  • "... Entweder Sozialpolitik oder Verteidigungsfähigkeit ..." ist doch Quatsch, es geht locker beides, folgt der Spur des Geldes und holt mal wieder nach unten, was die letzten Jahrzehnte von dort nach oben gesaugt wurde.



    Unsere Scrooges haben genug gebunkert und wie in der Weihnachtsgeschichte können die andere und sich glücklich machen ohne arm zu werden.

  • Diese Koalition wird nach der nächsten Wahl keine Mehrheit mehr haben.

    Wenn sie so weiter kürzt, vor allem zu Lasten von Familien und Jungen, und die taumelnde Lethargie nicht in irgendeinen lebenswerten Plan verwandelt, werden wir über kurz oder lang Wahlergebnisse wie in Sachsen-Anhalt im ganzen Land haben.

    Es ist erstaunlich, wie sehr die ehemaligen Volksparteien jegliche Instinkte für die Bedürfnisse der Bevölkerung verloren haben.

    • @Stavros:

      Ich frage mich auch schon lange, wer die Union noch wählt. Halten sich die Wähler alle für "reiche Leute", denen die Linken die Villen im Tessin enteignen wollen? Da sitzen doch fast nur Millionäre auf führenden Positionen in der Union ...

  • Wäre Merz ein echter Transatlantiker, würde er von Trump mehr Ehrlichkeit fordern, auch was die Verteidigungsausgaben der USA angeht. Die rechnen gern ihren "Heimatschutz" dazu und neuerdings bestimmt auch ihre "ICE"-Gangs.

    Genauso wird manches NATO-Land nun versuchen, seine Verteidigungsausgaben auf 5% hochzulügen! Das macht doch keinen Sinn. Auch Deutschland muss sich da ehrlich machen und sagen 2% seien zwar zu wenig für die nötige Aufrüstung, aber 5% und das auch noch auf Dauer zwei Nummern zu hoch gegriffen. Gerade von einem selbsterklärten Transatlantiker muss soviel Ehrlichkeit sein, will er nicht in Wirklichkeit die transatlantische Beziehung kappen!

    Schließlich wird Hightech-Rüstung dank Drohnentechnologie immer billiger. Um den Anschluss zu finden an die moderne Verteidigungswelt müssen der Bundeswehr vorläufig 3,5%, mittelfristig 3% reichen. Basta. Pistorius wirds reichen zum Schwimmen in Geld! Wenn er mit dem Bad fertig ist, soll er es aber sinnvoll ausgeben. Nicht verschwenden.

  • Aufrüstung und riesige Summen in die Ukraine pumpen, gleichzeitig massive Kürzungen bei den Sozialausgaben, das ist für die SPD das Aus. Und das ist richtig so und auch überfällig. Die Genossen der Bosse tun halt alles, damit die SPD bedeutungslos wird.