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Zahlen der Meldestelle RiasAntisemitismus in Deutschland weiter auf Höchstniveau

Erneut verzeichnet die Meldestelle Rias einen Negativrekord. Viele Fälle ereignen sich im Zusammenhang mit Israel. Der Judenhass von rechts wächst.

Antisemitische Vorfälle sind in Deutschland auf einem ungebrochen hohen Niveau. Zu diesem Schluss kommt ein heute veröffentlichter Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias). Für das Jahr 2025 registrierte Rias bundesweit insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Damit ist die Zahl minimal höher als im vergangenen Jahr.

Im längerfristigen Verlauf kann der Oktober 2023 laut der Recherchestelle nach wie vor als Wendepunkt betrachtet werden: „Somit setzte sich eine Entwicklung fort, die mit den Massakern der Hamas und anderer Terrorgruppen in Israel am 7. Oktober 2023 begann: Danach stieg die Zahl der von Rias-Meldestellen dokumentierten antisemitischen Vorfälle in Deutschland auf ein sehr viel höheres Niveau als in den Jahren zuvor.“ Im Vergleich zu 2022 hat sich die Zahl der Fälle laut Rias „mehr als verdreifacht“.

Im Bericht finden sich zahlreiche Schilderungen antisemitischer Vorkommnisse, von Beschimpfungen und Vandalismus bis hin zu Drohungen und Angriffen. Unter anderem werden mehrere Fälle geschildert, in denen Betroffene, die aufgrund von bestimmter Kleidung oder Schmuck als Jüdinnen und Juden erkennbar waren, in der Öffentlichkeit attackiert wurden. Dabei spielte es zuweilen keine Rolle, ob die Betroffenen nur als jüdisch wahrgenommen werden oder es tatsächlich sind. So dokumentiert der Bericht auch einen Fall, bei dem ein nichtjüdischer Tourist eine Messerattacke am Berliner Denkmal für die ermordeten Juden in Europa nur knapp überlebte.

Antisemitismus habe für die Betroffenen in Deutschland dadurch einen „alltagsprägenden Charakter“, so eine der Schlussfolgerungen aus dem Bericht. „Jüdinnen, Juden und politische Gegner sollen eingeschüchtert und Gewalt legitimiert werden. Das bedroht unsere demokratische Kultur als Ganzes“, schreibt dazu Benjamin Steinitz, Geschäftsführer des Bundesverbands.

Kritik an verwendeter Antisemitismusdefinition

Eine Mehrheit der gezählten Vorfälle, 68 Prozent, ordnet Rias in die Kategorie „israelbezogener Antisemitismus“ ein. Darunter versteht der Verband etwa die Relativierung der Shoah im Zusammenhang mit Israel oder das Haftbarmachen von Jüdinnen und Juden für die israelische Politik. Als eines von vielen Beispielen für israelbezogenen Antisemitismus findet sich im Bericht ein Foto von drei Stolpersteinen in Augsburg, auf die „Wer erinnert an die vielen Palästinenser, die jeden Tag von Israelis getötet werden?“ geschrieben wurde.

In einem anderen Fall wurde ein Rabbiner in Hessen im Supermarkt angegriffen, nachdem ihm „Free Palestine!“ zugerufen wurde. Das „Feindbild Zionismus“ diene dabei als „Umwegkommunikation“, so der Rias-Bericht, um antisemitische Angriffe zu legitimieren. Das konkrete Kriegsgeschehen im Nahen Osten habe hingegen kaum Einfluss auf die Häufigkeit und Intensität der Vorfälle.

Für seinen Antisemitismusbegriff wurde der Bundesverband von unterschiedlicher Seite her kritisiert. Rias verwendet die „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Im Gegensatz zur andernorts verwendeten Jerusalemer Erklärung (JDA), die als Gegenentwurf zur IHRA-Definition konzipiert wurde, zieht die IHRA-Definition engere Grenzen beim Verhältnis von Kritik an der israelischen Regierung zu Antisemitismus. Dabei registriert die Organisation auch nicht strafbare Vorkommnisse. Vorwürfe, nach denen die Meldestelle damit ein zu großes oder zu kleines Bild vom Antisemitismus in Deutschland zeichne, wies Rias-Sprecher Daniel Poensgen vergangenes Jahr gegenüber der taz als „bizarr“ zurück.

Darüber hinaus kommt der Report zu der Einschätzung, dass der Judenhass im rechtsextremen Milieu wächst. Für 2025 zählt der Verein in diesem Bereich 807 antisemitische Vorfälle und damit zum zweiten Jahr in Folge eine Steigerung. „Zugleich wurde im vergangenen Jahr die höchste Anzahl rechtsextremer Vorfälle seit Beginn der bundesweiten Erhebung 2020 dokumentiert.“

Weitere Vorfälle ordnet Rias den Spektren „verschwörungsideologisch“, „links-antiimperialistisch“, „islamisch/islamistisch“, „christlich“ beziehungsweise „christlich-fundamentalitisch“ sowie der „politischen Mitte“ und dem „antiisraelischen Aktivismus“ zu. Ein großer Teil der Fälle – 57 Prozent – ließe sich laut Rias aber in keine der Kategorien einordnen: „Diese hohe Zahl erklärt sich dadurch, dass bei zahlreichen Vorfällen die Verantwortlichen unbekannt sind. Das ist vor allem bei Sachbeschädigungen, Diebstählen oder Schmierereien häufig der Fall, aber auch bei Online-Vorfällen“, heißt es in dem Bericht. Knapp ein Viertel der registrierten Vorfälle ereigneten sich im digitalen Raum.

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Der Bundesverband Rias ging aus der Rias Berlin hervor, die 2015 vom Berliner Senat gegründet wurde. Seit 2019 dokumentiert die Recherche- und Meldestelle antisemitische Vorfälle in Deutschland. Finanziert wird der Verband aus öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Mitteln.

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11 Kommentare

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  • Zum Thema Antisemitismus in Deutschland ist folgender Artikel der FR von heute interessant:

    Die autoritäre Formierung in Deutschland führt zu falschen Erkenntnissen über die Gefährdung von Jüdinnen und Juden hierzlande. www.fr.de/kultur/g...ign=interactionbar

  • "Als eines von vielen Beispielen für israelbezogenen Antisemitismus findet sich im Bericht ein Foto von drei Stolpersteinen in Augsburg, auf die „Wer erinnert an die vielen Palästinenser, die jeden Tag von Israelis getötet werden?“ geschrieben wurde."

    Vielen Dank für gerade dieses Beispiel. Denn wenn die Empathie-Bekundung für die Opfer massiver israelischer Kriegsverbechen schon als "Antisemitismus" gezählt wird, dann versteht man, warum die Zahl der sogenannten antisemitischen Vorfälle vermeintlich so hoch ist. Schon die Teilnahme an einer Demo gegen die israelischen Kriegsverbrechen kann als "Antisemitismus" gewertet werden.

    Ich will nicht abstreiten, dass die Zahl der Fälle tatsächlich gestiegen sein wird. Denn die menschenverachtende rassistische Politik der cdU/csU, die eins zu eins AfD Politik umsetzt, hat die AfD normalisiert. Und dass zu Rassismus auch Antisemitismus zählt, ist klar. Die Schaf-im-Wolfspelz-Manier der AfD, die sich vermeintlich gegen Antisemitismus wendet (die angesprochene sehr fragwürdige Definition wurde von der AfD in den Bundesag eingebracht!), ist nichts als ein Mittel, ihre Islamophobie weiter durchzusetzen.

    • @Jalella:

      Ich glaube, hier geht es eher um die implizite Gleichsetzung mit dem Holocaust, da kann man schon argumentieren, dass das passt.

      Ich denke aber es gibt bestimmt andere Fälle, die genutzt werden, um die Zahlen aufzublähen. Und es findet mE auch tatsächlich eine bewusste Instrumentalisierung statt, um berechtigte Kritik abzuschmettern. Dazu gerne auch das oben verlinkte Interview, in dem es uA um vermeintlich antisemitische Aussagen des Historikers Moshe Zimmermann geht) und die Begleittexte durchlesen.

    • @Jalella:

      Wer Gedenksteine für Holocaustopfer mit Edding beschmiert, lässt es an Empathie und letzlich auch Anstand für diese Opfer fehlen und in der Folge hat keine echte Empathie für Palästinenser übrig. Da Empathie als Handlungsgrund wegfällt bleibt entweder dummer/geschmackloser Aktivismus ( den damit schadet man letzlich der Sache derer die auf das Leid aufmerksam machen wollen oder eben durchaus Antisemitismus in Form von Realtivierung der Shoah.

      Bei der Demo kommt es darauf an was auf dieser Demo "Gegen den Krieg" gerufen wird und je nachdem kann auch eine Demo gegen den Krieg mit Antisemitismus einher gehen

      Antisemitismus zählt nicht zu Rassismus sondern bildet ein eigenständiges Phänomen, nur weil beide mit Vourteilen arbeiten sind sie nicht dasselbe.

      Das die CDU/AFD versucht das zu instrumentalisieren ist wohl so. Das ändert aber nicht an der Verbreitung von Antisemitismus im islamistischen Kreisen. Das Problem ist aber nun auch nichts Neues.

      Antisemitismus zählt nicht zu Rassismus sondern bildet ein eigenständiges Phänomen, sie können zusammen auftreten und haben Überlappungen sind aber nicht zwangsläufig dasselbe weder psychologisch, strukturell noch ideologisch

  • Antisemitismus ist in keiner Weise duldbar, es ist erbärmlich. Das gilt genauso für Anti-Muslime oder für People of Color (POC). Wer irgendwen wegen seiner Hautfarbe, Religion, eines Gebrechens oder sonstwie diskriminiert, ist höchstgradig primitiv und verdient keine Einlassung auf seine Einstellung - nur der grundsätzliche Respekt vor JEDER Person steht ihm zu - nichts weiter.

  • Der Satz „Wer erinnert an die vielen Palästinenser, die jeden Tag von Israelis getötet werden?“ ist also antisemitisch.

    Ich denke, wir haben ein großes Problem in diesem Land, mit der Definition von Antisemitismus, wenn dieser Satz als antisemitisch eingeordnet wird.

    • @TeeTS:

      Wenn dies auf einen Stolperstein geschmiert wird, so ist es sehr wohl antisemitisch. Denn dann wird der Holocaust mit den Opfern der israelischen Militäraktion, ausgelöst durch palästinensischen Terror, gleichgesetzt.

  • Allerdings gehört das auch dazu: Funktionäre und Vorstandsmitglieder der Linksjugend inszenieren Stalin, Mao und die DDR als Vorbilder. In einem internen Forum und in Chats verbreiten sie zudem antisemitische Parolen.

    www.tagesschau.de/...nksjugend-106.html

  • Bei keiner anderen der diversen Meldestellen werden die zu Grunde gelegten Definitionen hinterfragt - in schöner Regelmäßigkeit passiert es bei der RIAS. Warum nur?

    • @unbedeutend:

      Über Definitionen mag gestritten werden in der sozialwissentschaft aber ich finde die Art und Weise wie hier diskutiert wird erbärmlich.



      Sowohl JDA, IHRA als auch Nexus sind Defintionen mit ihren Stärken und Schwächen. Nur weil die JDA eine Antwort auf die IHRA ist, ist sie nicht "besser" aber genauso wenig ist sie einfach nur aktivistischer Nonsense.



      Nur weil die IHRA (vermeindlich) zu streng ist, ist sie nicht komplett nutzlos oder gar ein Instrument von Zionisten.



      Ein besonders "wilder Kommunarde" meinte mal die Definition sei von Zionisten zur Spaltung der englischen Arbeiterklasse geschaffen wurden (Paradebeispiel für linken Antisemitisumus).

      Aber zu ihrer rhetorischen Frage, weil ein Teil schlichtweg das versucht was sie der CDU/AFD vorhalten, nämlich die Definition zu diskreditieren, um sich nicht den Problemen im eigenen Lager oder vermeindlichen Solidaritäten zu beschäftigen.



      Kenne ich sonst nur in der Vehemenz bei Rechten, die sich "rational" präsentieren oder TERFS und anderen ANTI LGBTQIA+ Aktivisten*innen.

    • @unbedeutend:

      Welche anderen Meldestellen gibt’s denn, und dann: welche divergierenden Definitionen gäbe es da, die überhaupt hinterfragt werden könnten?