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Pflege und KostenSozialverträgliches Frühableben

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Durch die Pflegereform könnte die Bemessungsgrenze für Angehörige neu festgelegt werden. Für die Kinder von heute ist das keine gute Nachricht.

W ie niedrig die Bemessungsgrenze bei der Zuzahlungspflicht von Kindern für die Pflege Angehöriger künftig sein soll, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass die aktuelle Grenze von 100.000 Euro Bruttojahresgehalt sinken wird. So sieht das jedenfalls die Pflegereform von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor. Vielleicht fällt die Einkommensgrenze auch komplett. Wie sonst ist die Formulierung der „Rücknahme“ der Bemessungsgrenze zu verstehen?

Zugegeben, die Pflegekassen sind mehr als klamm, Heimpflege ist eine überaus teure Angelegenheit, insbesondere für die Einrichtungen, die den demografischen Wandel auf sehr direkte Weise auffangen müssen. Teuer ist Pflege auch für den Staat, der die Kosten übernimmt, wenn Pflegebedürftige und ihre Familien kein Vermögen haben. Momentan springt der Staat für rund 37 Prozent der Betroffenen ein.

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Alle anderen tragen die Pflege im Heim mit ihrer Rente, ihren Ersparnissen, Leistungen aus der Pflegekasse, möglicherweise aus der Vermietung von Immobilien. Reicht dieses Geld nicht aus, müssen die Kinder ran – wenn sie mehr als 100.000 Euro Brutto im Jahr verdienen. Machen wir uns nichts vor, das ist ein schönes Jahresgehalt. Wer keinen Jaguar fahren, keine Yacht besitzen und nicht in einem Schloss wohnen muss, kann davon gut leben – und auch Teile der Pflegekosten übernehmen.

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Wird diese Grenze allerdings heruntergesetzt oder komplett gestrichen, werden sich sehr viele Menschen die teure Pflege nicht mehr leisten können. Ein Heimplatz kostet im ersten Jahr aktuell rund 3.300 Euro im Monat. Mit einem normalen Einkommen – der Medianverdienst liegt momentan bei 54.000 Euro – ist das mitnichten zu leisten. Die Kinder von heute stehen vor einer Herausforderung, für die aktuell keine Lösung in Sicht ist. Vielleicht verfolgt die Bundesregierung folgenden Plan: Pflege zu Hause, bis pflegende Angehörige – meist die Frauen – selbst zum Pflegefall und nicht alt werden. Das berühmte sozialverträgliche Frühableben.

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Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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20 Kommentare

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  • Als meine Mutter vor gut 30Jahren ins Pflegeheim kam, hat sich ziemlich bald das Sozialamt gemeldet und ich musste alle Einkommen offenlegen.Bemessungsgrundlage war damals das Existenzminimum, trotz zweier schulpflichtiger Kinder haben wir 10 Jahre fleißig gezahlt, meine älteren Geschwister gingen leer aus, da teilweise schon in Rente oder geringeres Einkommen. Das Ganze ist also nicht neu-Generationenvertrag.

  • Und wieder einmal werden die Falschen zur Finanzierung der Kosten herangezogen. Die Sache lässt sich schnell durchrechnen: Ab einem Vermögen von ca. 1,5 Mio. Euro pro Person lassen sich die Kosten des Pflegeheims im Prinzip aus laufenden Erträgen finanzieren. Man büßt also kein Vermögen ein. Liegt das eigene Einkommen unter 100.000€ im Jahr (was bei den meisten der Fall ist), bezahlt man z. Zt. nichts dazu. Es trifft also genau diejenigen, die zwar über ein relativ hohes Einkommen, aber über kein ausreichendes Vermögen verfügen, um mehr oder weniger ungeschoren aus der Sache herauszukommen.

  • Das wohlhabende Kinder beitragen sollen, ist ok. Aber eine Grenze unter 100k ist nicht korrekt. Warum? Weil es Ungerechtigkeiten und unendliche Bürokratie gibt.



    - es ist ungerecht gegenüber kinderlosen Personen (selbst wenn die 1,5% mehr Pflegebeitrag zahlen).



    - ausgewanderte Kinder sind fein raus



    - bei den Kinden müssen wieder deren Kinder etc berücksichtigt werden und das bei den diversen patch und sonstigen familären Konstellationen, also Bürokratie.



    - weil es in familiäre Strukturen eingreift.



    - weil sich Arbeit weniger lohnt (wenn man dann auf Teilzeit geht, hat man mehr in der Tasche und der Staat hat nix davon)



    - weil es in anderen Bereichen auch nicht vorgesehen ist. Oder wird bei Grundsicherungsbeziehern nach den Kindern und deren Einkommen gefahndet? Da müssen auch die Eltern nicht einspringen und ihre Rente teilen.

    Das gilt alles auch für wohlhabende Kinder. Trotzdem ist ab einem hohen Betrag, zb die 100k, eine innerfamiliäre Sozialabgabe verständlich.

  • Setzt man die Einkommensgrenze wieder runter, dann würden die Kinder natürlich auch wieder anteilig zahlen mit eigenen Freibeträgen. Nur ist das ganz sicher wieder auch ein gewaltiger Verwaltungsaufwand. Das System kenne ich sogar noch, dauerte bestimmt ein Jahr bis zum ersten Bescheid. Die Grenze ist von Schwarz Rot auf 100.000 erhöht worden, aber es soll logischerweise dann auch schwierig sein an das Geld zu kommen.

    Man muss dran denken, dass man realistisch als Familie vier Eltern pflegen/im Heim unterbringen kann - gleichzeitig auch zwei Kinder im Studium hat und jetzt dringend fürs Alter Geld zurück legen muss.

    Das bewirkt sicher auch ein Gefühl massiver Unsicherheit und Bedrohung bei breiten Schichten, es ist sehr genau zu überlegen, ob und wie man an der Stelle die Daumenschrauben anzieht.

  • Was Pflegebedürftigkeit bedeutet, habe ich in der eigenen Familie erleben dürfen. Bekannte und Kollegen berichten ähnliches.

    Im Prinzip fällt man als Pflegebedürftiger Mensch im Alter auf das gesetzlich zugebilligte Existenzminimum zurück. Und das, obwohl man in der Pflege beileibe keine dollen Gehälter verdient. Interessant wäre es, bei den Betreibern von Heimen mal zu schauen, wie dort die Gehaltsstruktur zwischen der Geschäftsführung und den Pflegekräften ausfällt und, wohin die Profite so fließen.

    Eine Verstaatlichung der Pflege oder noch heftigere Regulierung dürfte freilich auch wenig helfen. Da fließen schon allein aufgrund der Verwaltungsfriktionskosten bummelig 30% der Einnahmen in den Orkus der Selbstbeschäftigung.

    Wohl dem, der seine Familie in der Nähe und einen entsprechenden Zusammenhalt hat. Das gilt nicht nur in der Pflege von Angehörigen im Alter, sondern auch bei der Kinderbetreuung oder unerwarteten Erkrankungen. Im Kleinen ist ein entsprechender Generationenvertrag sicherlich keine schlechte Sache.

    • @Metallkopf:

      Wissen Sie denn was Pflegekräfte verdienen?

      Vor Jahren habe ich mal geschaut, was die verschiedenen Berufsgruppen verdienen, welche teils medial als ausgebeutet dargestellt werden und ich war überrascht. Was fair und gerechtfertigt ist, ist subjektiv, aber manchen von den Berufen würde ich etwas mehr Geld wünschen.

    • @Metallkopf:

      Hier wie da muss immer jemand teuer bezahlen. Besonders wenn der Pflegebedürftige nichts oder nur wenig hat. In der häuslichen Pflege ist es oft die pflegende Person, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr erwirtschaften kann und vielleicht nebst Angehörigen sehr bescheiden leben muss, selbst nicht mehr fürs Alter vorsorgen kann, ihre Gesundheit ruiniert, vom Wohlwollen und Geld anderer abhängig ist, auf ein eigenes Leben verzichten muss, keine oder nur wenig Zeit für sich selbst hat oder für andere Menschen die ihr nahestehen, die sich ihre Träume und Wünsche nicht erfüllen kann, ihre Ausbildung verschwendet hat und von der Karriere Abschied nehmen muss für die sie vielleicht lange geackert hat, ....In Zeiten wo es fast nur mehr Einzelkinder, wenn überhaupt gibt, und der jederzeit flexible Arbeitsnomade als Standard gefordert ist, wird der Generationenvertrag nicht mehr weiterhelfen. Kostenlos gibts Pflege nie.

  • Diese Leute sind aber doch nicht produktiv, tragen nicht mehr zu positiven Entwicklung des BIP bei. Also was soll's? Kümmern wir uns doch lieber um die arbeitende Bevölkerung und erhöhen deren Arbeitszeiten. DAS ist vorausschauende Politik aus dem 19. Jahrhundert!!

  • "Klar ist hingegen, dass die aktuelle Grenze von 100.000 Euro Bruttojahresgehalt sinken wird. "

    Ok, wenn sich arbeiten für den Arbeitenden nicht mehr lohnt, geht er halt auf Teilzeit oder reduziert die Stunden noch weiter.

    • @Carolin Rudolf:

      Hilft nichts. Fiktives Einkommen.

    • @Carolin Rudolf:

      Nicht jeder wird im Alter pflegebedürftig. Wer aber jetzt meint, das Leben mit Teilzeitarbeit oder noch weniger Stunden ist ja so chillig und unabdingbar, wird sich dann halt im (fitten) Alter noch mehr wundern. Es ist wohl eher davon auszugehen, das auch das bisherige System von Aufstockung und sonstiger staatlicher Hilfe bzw. Unterstützung nicht mehr lange so bleiben wird. Einfach weil es unbezahlbar ist. Und dann? Selbst verschuldete Altersarmut durch angenehme Jahre davor.

  • Eine Debatte über ein Familienwahlrecht hat offensichtlich keine Aussicht auf Erfolg.



    Hier bei einer Matrix des Artikels aus 2024 eingearbeitet die Zahlen aktuell für 2026:

    www.finanztip.de/elternunterhalt/

    Die neuen Stichworte bei der Fortsetzung des Blicks in die nähere Zukunft sind realiter Pflegeplatz-Lücke und Wartelisten- Land.

  • .... und was bekommt man für das viele Geld ?



    Eine minimalste Versorgung in völlig unterbesetzten Heimen mit oft ungelernten



    Personal, sind halt billiger.



    Kann aus eigener Erfahrung berichten ( AWO- Heim , sollten eigentlich am Gemeinwohl orientiert sein , sind sie aber nicht )

    • @Worgt Michael:

      Ich habe zehn Jahre in der Altenpflege gearbeitet, die Versorgung rechtfertigt die Kosten nicht.

  • Solange es keine konkreten Aussagen aus der Politik gibt, ob man die Grenze absenken will und auf welchen Betrag, ist das alles reine Spekulation mit einem Schuß Unterstellung im Abgang.

    Und zu dem Thema gehört eben auch die Frage, warum, oder zumindest bis zu welcher Summe die Allgemeinheit Pflegekosten zu übernehmen hat, damit den Kindern nichts vom Erbe abgezogen wird, oder sie sich für einige Jahre finanziell etwas einschränken müssen, etwa beim Urlaub oder bestimmten Konsumartikeln.

    Auch bei den Menschen mit Medianverdienst dürften in vielen Fällen die Eltern jahrelang für den Unterhalt ihrer Kinder aufgekommen sein, bis diese finaziell auf eigenen Füßen stehen konnten. Warum sollen diese Kinder nun nicht etwas "zurückzahlen", wenn die Pflegekosten aus dem Vermögen der Eltern nicht mehr bezahlt werden können?

    • @ PeWi:

      Weil sich arbeiten dann nicht mehr lohnt. Dann lohnt sich halt wieder (noch) mehr Teilzeit. Wenn sich Eltern wider besseren Wissens um Kosten und Aufwand für Kinder entscheiden, müssen die auch die Konsequenzen tragen. Jedenfalls wenn sie nicht die Option nutzen, den Nachwuchs zur Adoption freizugeben. Man hätte ja auch verzichten können. Ein Kind wird in seine Lage gezwungen, das sucht sich pflegebedürftige Eltern nicht aus. Und kann die auch nicht zur Adoption freigeben.

      Was das Erbe angeht, ja. Unsere Familie hat kein Problem, auf Omas altes Haus zu verzichten, wir haben uns selbst was aufgebaut und brauchen die Hütte nicht. Die kann ruhig fürs Heim verfrühstückt werden. Was unser Einkommen und Vermögen angeht, nein. Das brauchen wir selber, für unsere Lebenshaltungskosten, für unsere Kinder und Enkel, für unser Alter - damit wir unseren Kindern nicht auf der Tasche liegen müssen. Und ja, dazu gehört auch angemessener Urlaub und Konsum für uns und unsere Kinder. Wofür gehen wir schließlich arbeiten, doch nicht um zu leben, als hätten wir nix. Und an Urlaub und Konsum hat Oma für sich schließlich auch nicht gespart - da hätte sie jetzt viel mehr Geld gehabt fürs Heim.

  • "Das berühmte sozialverträgliche Frühableben."

    Das kann man noch durch Kürzungen im Gesundheitswesen unterstützen 😁

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Und weiteren Abbau der bestehenden Hürden in der aktiven Sterbehilfe!

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Es sterben Tausende jedes Jahr durch



      Einsparungen im Hygienesystem in den



      Krankenhäusern.

      • @Worgt Michael:

        Das ist noch ausbaufähig.



        Alles zum Wohle der Rentenversicherung. Nieder mit den Beiträgen!