Autorin Teresa Bücker zu Teilzeitstreit: „40 Stunden sind zu viel“
Das Recht auf Teilzeit abzuschaffen, wäre ein Angriff auf die Gleichstellung, sagt die Buchautorin. Sie fordert ein neues Verständnis von Vollzeit.
taz: Frau Bücker, arbeiten Sie Teilzeit?
Teresa Bücker: Ich arbeite selbstständig, deshalb kann ich das gar nicht so genau sagen. Ich habe auch zwei Kinder, um die ich mich weitgehend alleine kümmere – das ist also im Wochenschnitt mal mehr, mal weniger Erwerbsarbeit.
taz: Fühlen Sie sich angesprochen von der Forderung der Mittelstandsunion, doch jetzt bitte ein bisschen mehr ranzuklotzen, zum Wohle aller, damit die Wirtschaft wieder brummt?
41, arbeitet als freie Autorin und Moderatorin zu den Themen Feminismus, Arbeit und Gesellschaft. 2022 erschien ihr Sachbuch „Alle_Zeit – Eine Frage von Macht und Freiheit“ im Ullstein Verlag Darin fordert sie eine radikal neue, sozial gerechtere Zeitkultur. Bücker ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Berlin.
Bücker: Persönlich fühle ich mich nicht angesprochen. Als politischer Mensch sehr wohl. Mich regt es auf, wie verzerrt in Deutschland dargestellt wird, wer wie viel arbeitet. Da wird dieses Bild aufgemacht, die Menschen seien faul. Das ist zum einen empirisch nicht belegt. Davon abgesehen ist es nicht der richtige Weg, Vertrauen aufzubauen, wenn man Menschen herabwertet, beschimpft, beleidigt. Eigentlich wäre es an der Zeit, die Menschen zu loben, wie fleißig sie sind.
taz: Im europäischen Vergleich arbeiten wir wöchentlich etwas weniger als der Durchschnitt und auch weniger als vor zehn Jahren. Gleichzeitig stehen Renten- und Pflegekassen unter Druck, weil immer mehr Anspruchsberechtigte auf immer weniger Einzahlende treffen. Ist es da nicht sinnvoll, mehr Menschen in Vollzeit zu bringen?
Bücker: Ich würde sagen: Es ist nicht falsch, sich darüber zu unterhalten, was Menschen davon abhält, so zu arbeiten, wie sie gerne arbeiten würden. Tatsache ist: Das Arbeitszeitvolumen in Deutschland ist konstant gewachsen, jedes Jahr sind wir fleißiger geworden. Die wöchentliche Arbeitszeit wirkt nur dadurch gering, weil wir so eine hohe Teilzeit- und Minijobquote haben.
taz: Anders gesagt: Mehr Menschen arbeiten, aber in Teilzeit. Dann bleibt doch erst recht Handlungsbedarf?
Bücker: Wir müssen darauf schauen, wie sich diese geleistete Arbeit verteilt, wer sie macht. Konkret: Frauen arbeiten häufiger Teilzeit, aber warum ist das so? Vielleicht sollten wir aber zunächst auch mal kritisch hinterfragen: Sollten 40 Stunden die Norm sein? Ist das vereinbar mit der Arbeit, die gesellschaftlich außerdem noch geleistet werden muss?
taz: Sie meinen die Anerkennung von Care-Arbeit, über die in den letzten Jahren viel geredet wurde.
Bücker: Genau. Wir waren in der Debatte schon weiter, als es der Vorstoß der Union vermuten lässt. Wir erleben gerade einen Angriff auf Errungenschaften der Gleichstellungspolitik, auf Arbeitnehmerrechte. Was da aus der Union jetzt kommt, das ist eine autoritäre Geste. Es geht um die Einschränkung von Freiheiten, um die Rücknahme von erkämpften Rechten. Für Familien- und Gleichstellungspolitik ist das bisher eine verlorene Legislatur.
taz: Besonders Frauen mit kleinen Kindern unter drei Jahren arbeiten in Teilzeit – 73 Prozent. Bei Männern sind es nur 9 Prozent. Weniger als die Hälfte der jungen Mütter sind überhaupt erwerbstätig. Was müsste sich ändern?
Bücker: Oft wird der Kita-Ausbau als einzige Lösung genannt, um Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen. Aber das reicht nicht. Die Care-Arbeit in den Familien, die jenseits von Betreuungszeiten geleistet werden muss, die muss mitgedacht werden. Wir bräuchten ein neues Verständnis von Vollzeit. 40 Stunden sind zu viel.
taz: Was wäre für Sie die Obergrenze?
Bücker: Ich würde sagen: 30 Stunden. Das ist auch das, was Eltern in Umfragen angeben: gemeinsam 60 Wochenstunden für den Job.
taz: Wenn alle weniger arbeiten, aber den gleichen Lohn erhalten, wer soll das finanzieren?
Bücker: Die Wirtschaft bricht nicht zusammen, wenn wir alle nur noch 30 Stunden arbeiten würden. Wir würden nicht weniger arbeiten, es wäre eine Neuverteilung. Die Arbeitszeiten sind individuell sehr polarisiert. Viele, die in Vollzeit arbeiten, haben eine 50-, 60-Stunden-Woche. Gerade für Frauen wäre es wichtig, dass die, die aufstocken wollen, das auch können. Dafür müsste in einer Partnerschaft einer reduzieren, mehr Care-Arbeit übernehmen.
taz: Also mehr Männer in Teilzeit, statt alle mehr Vollzeit?
Bücker: Ja, ein Ziel von Gleichstellungspolitik wäre, die Teilzeitquoten von Männern zu erhöhen. Die Union greift das diametral an: Selbst Väter, die zum Beispiel lediglich auf 36 Stunden reduzieren wollen, die sollen jetzt in Vollzeit gehalten werden. Das ist ein enormer Rückschritt, weil es auf das traditionelle Familienmodell, auf traditionelle Arbeitsteilung hinausläuft.
taz: Dann müssten Frauen aber auch genauso viel verdienen wie Männer – der berühmte Gender Pay Gap –, damit sich die Familie den Alltag weiterhin leisten kann.
Bücker: Ja. Wir sagen immer, Frauen müssen mehr arbeiten. Aber dann müssen auch die Löhne in Frauenberufen steigen. Erst das macht es Familien möglich, dass beide in Teilzeit gehen können. Wir brauchen unterschiedliche Hebel, die wir ansetzen müssen. Aber die politische Debatte hat sich sehr versteift auf ein simples „mehr arbeiten“. Letzten Endes führen wir hier auch eine Demokratiedebatte: Was macht denn ein stabiles Gemeinwesen aus? Es ist überraschend, dass gerade Parteien nicht erkennen, wie sehr unsere Demokratie darauf aufbaut, dass Menschen Zeit haben, sich einzubringen: in der Nachbarschaftshilfe, im Sportverein, in der politischen Arbeit gegen rechts.
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