Härten der neuen Grundsicherung: „Es müsste verpflichtend sein, einen Hausbesuch zu machen“
Jürgen Leuther ist Sprecher der Depressionsliga. Er hat den psychischen Druck der Behörden selbst erlebt. Die Bürgergeld-Reform wird ihn verschärfen.
taz: Herr Leuther, die neue Grundsicherung, die das Bürgergeld ablösen soll, sieht schnellere und härtere Strafen vor. Wie wirken Sanktionsandrohungen auf Menschen in einer depressiven Phase?
Jürgen Leuther: Das ist Gift für Menschen in einer Depression. Ich bin selbst auch mal erkrankt, und in dieser Zeit war ich nicht in der Lage, meine Wohnung zu verlassen oder mich um Dinge zu kümmern. Dabei war ich als ausgebildeter Therapeut ein Profi, ich habe lange selbst Menschen in depressiven Phasen geholfen, ich kannte das ganze Hilfesystem. All das hat mir nichts genutzt. Ich bin nicht mehr zum Arzt gegangen. Der hat mich nicht mehr krankgeschrieben und dann wurde mein Krankengeld eingestellt.
taz: Das klingt furchtbar.
Leuther: Ja. Ich konnte eine Weile lang von meinem Vermögen leben. Erst als es mir wieder etwas besser ging, konnte ich mich um Hilfe bemühen. Depressionen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Schreiben mit Sanktionsdrohungen bauen auf jeden Fall zusätzlichen Druck auf und erhöhen die psychische Belastung. Manche haben sowieso schon Angst davor, ihre Briefe zu öffnen. Sie denken, dass sie die Inhalte nicht verstehen oder nicht bewältigen können.
ist Diplom-Pädagoge und Systemischer Therapeut mit langjähriger Berufserfahrung in der Sozialpsychiatrie. Er durchlebte 2017/18 eine schwere depressive Krise. Seinen vielfältigen Erfahrungsschatz bringt er bei der DDL (Deutsche Depressionsliga) zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit depressiven Erkrankungen ein.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat mehrfach betont, psychisch erkrankte Menschen vor Sanktionen schützen zu wollen. Laut Gesetzentwurf muss es eine persönliche Anhörung geben, wenn eine psychische Erkrankung bekannt ist. Reicht das?
Leuther: Das Entscheidende ist doch: Wie sieht dieses Gesetz in der Praxis aus? Für viele depressive Menschen ist es schwer, Psychotherapeuten abzutelefonieren und einen Platz zu kriegen. Wirklich schwer Erkrankte können das gar nicht leisten…
taz: Und die sind dann wahrscheinlich auch nicht diagnostiziert. In dem Fall gilt: Bevor alle Leistungen eingestellt werden – inklusive der Wohnkosten – müssen Jobcenter-Mitarbeiter:innen die „Gelegenheit zu einer persönlichen Anhörung“ bieten.
Leuther: Dann kriege ich also noch mal einen Brief, den ich nicht aufmache, in dem steht: „Kommen Sie bitte“?
taz: Vermutlich ja. Wie könnte es besser geregelt sein?
Leuther: In solchen Fällen müsste es verpflichtend sein, einen Hausbesuch zu machen, am besten in Kombination mit einem sozialpsychiatrischen Dienst und einem Sozialarbeiter. Wenn man wirklich psychisch kranken Arbeitslosen helfen will, braucht man viel mehr aufsuchende Hilfen. Das kann das Jobcenter nicht allein lösen. Man braucht Teams von Psychologen, Ärzten, Sozialarbeitern, die mit den Menschen Post und Behördengänge durchgehen, vielleicht Medikationen klären.
taz: So ist es aber nicht. Viel liegt im Ermessensspielraum der Jobcentermitarbeiter:innen, ob jemand am Ende seine Wohnung verliert.
Leuther: Wenn eine Person den Aufforderungen nicht nachkommen kann und deswegen fürchten muss, obdachlos zu werden, geht es wirklich um existenzielle Ängste. Jobcentermitarbeiter sollten keine Hobbypsychologen sein, das ist gefährlich. Vor allem wenn man bedenkt: Viele Behörden sind knapp besetzt, überlastet und haben lange Bearbeitungszeiten. Da ist wenig Zeit, auf individuelle Belastungen einzugehen. Es kann nur mit einem gut ausgebauten ambulanten Hilfsnetzwerk funktionieren. Dann kann ich mit den Betroffenen alles durchgehen: Was steht in dem Brief? Was muss getan werden? Und wenn eine Person nicht in der Lage ist, ihren Alltag zu bestreiten, oder unter Ängsten leidet, dann braucht es eine Krankschreibung – und das ist der Job von Ärzten, Psychotherapeuten, Psychiatern.
taz: Neu ist bei der Grundsicherung auch, dass Mieter:innen ihre Vermieter rügen müssen, wenn die eingeforderte Miete zu hoch ist. Die Depressionsliga kritisiert das. Warum?
Leuther: Es ist doch grotesk. Unabhängig davon, ob man depressiv ist oder nicht: Wer legt sich denn gerne mit seinem Vermieter an in dieser dramatischen Wohnungsnot? Derzeit können sich doch selbst Normalverdiener kaum noch Wohnraum leisten. Es gibt viel zu wenig Sozialwohnungen. Wenn ich nun arbeitslos bin oder wenig Geld habe und von der Grundsicherung lebe – dann soll ich Mietwucher persönlich mit meinem Vermieter auskämpfen? Diese Regelung ist doch für alle eine Zumutung, für depressive Menschen umso mehr. Aber es passt in den Trend dieser Gesellschaft, die Verantwortung immer stärker zu individualisieren.
taz: Sind psychische Erkrankungen unter Menschen, die arbeitslos sind, häufiger als in der arbeitenden Bevölkerung?
Leuther: Bei Langzeitarbeitslosen geht man davon aus. Arbeitslosigkeit und psychische Erkrankungen können sich gegenseitig verstärken. Wenn ich regelmäßig arbeite und sehr viel Geld habe, schützt mich das zwar nicht vor einer Depression – keine Frage. Aber Lebensumstände spielen auch eine Rolle. Wenn ich mir Alleinerziehende mit Kindern anschaue, dann ist da so viel Druck im Leben. Die Kinderbetreuung und Schulen sind auf Kante genäht, Jobs sind prekär, vielleicht gibt es noch einen Scheidungskrieg. Diese Faktoren können das Risiko erhöhen. Früher hat man dann von reaktiver Depression gesprochen, das hat die Diagnostik aber abgeschafft.
taz: Was bedeutet das?
Leuther: Früher wurde stärker unterschieden, ob man zum Beispiel wegen Drogenkonsum und Entzug erkrankt, wegen einer Veranlagung, oder ob man auf schwierige Lebensumstände reagiert, etwa auf Arbeitslosigkeit oder einen Todesfall. Heute unterscheidet man nur, ob es sich um eine einfache, mittelschwere oder schwere Episode handelt. Dabei hat man ein bisschen vergessen, dass eine Depression immer auch eine Reaktion auf widrige Lebensumstände sein kann. Das ist auch wichtig für die Behandlung. Wir wissen zum Beispiel, Sport hilft bei Depressionen, aber wenn ich Angst habe, meine Wohnung zu verlieren, und mein Umfeld instabil ist, dann hilft es auch nicht, um den Block zu joggen.
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