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Härten der neuen Grundsicherung„Es müsste verpflichtend sein, einen Hausbesuch zu machen“

Jürgen Leuther ist Sprecher der Depressionsliga. Er hat den psychischen Druck der Behörden selbst erlebt. Die Bürgergeld-Reform wird ihn verschärfen.

Depressionen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein Foto: Sergey Mironov/zoonar/imago
Jasmin Kalarickal

Interview von

Jasmin Kalarickal

taz: Herr Leuther, die neue Grundsicherung, die das Bürgergeld ablösen soll, sieht schnellere und härtere Strafen vor. Wie wirken Sanktionsandrohungen auf Menschen in einer depressiven Phase?

Jürgen Leuther: Das ist Gift für Menschen in einer Depression. Ich bin selbst auch mal erkrankt, und in dieser Zeit war ich nicht in der Lage, meine Wohnung zu verlassen oder mich um Dinge zu kümmern. Dabei war ich als ausgebildeter Therapeut ein Profi, ich habe lange selbst Menschen in depressiven Phasen geholfen, ich kannte das ganze Hilfesystem. All das hat mir nichts genutzt. Ich bin nicht mehr zum Arzt gegangen. Der hat mich nicht mehr krankgeschrieben und dann wurde mein Krankengeld eingestellt.

taz: Das klingt furchtbar.

Leuther: Ja. Ich konnte eine Weile lang von meinem Vermögen leben. Erst als es mir wieder etwas besser ging, konnte ich mich um Hilfe bemühen. Depressionen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Schreiben mit Sanktionsdrohungen bauen auf jeden Fall zusätzlichen Druck auf und erhöhen die psychische Belastung. Manche haben sowieso schon Angst davor, ihre Briefe zu öffnen. Sie denken, dass sie die Inhalte nicht verstehen oder nicht bewältigen können.

Bild: Milton Arias
Im Interview: Jürgen Leuther

ist Diplom-Pädagoge und Systemischer Therapeut mit langjähriger Berufserfahrung in der Sozialpsychiatrie. Er durchlebte 2017/18 eine schwere depressive Krise. Seinen vielfältigen Erfahrungsschatz bringt er bei der DDL (Deutsche Depressionsliga) zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit depressiven Erkrankungen ein.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat mehrfach betont, psychisch erkrankte Menschen vor Sanktionen schützen zu wollen. Laut Gesetzentwurf muss es eine persönliche Anhörung geben, wenn eine psychische Erkrankung bekannt ist. Reicht das?

Leuther: Das Entscheidende ist doch: Wie sieht dieses Gesetz in der Praxis aus? Für viele depressive Menschen ist es schwer, Psychotherapeuten abzutelefonieren und einen Platz zu kriegen. Wirklich schwer Erkrankte können das gar nicht leisten…

taz: Und die sind dann wahrscheinlich auch nicht diagnostiziert. In dem Fall gilt: Bevor alle Leistungen eingestellt werden – inklusive der Wohnkosten – müssen Jobcenter-Mitarbeiter:innen die „Gelegenheit zu einer persönlichen Anhörung“ bieten.

Leuther: Dann kriege ich also noch mal einen Brief, den ich nicht aufmache, in dem steht: „Kommen Sie bitte“?

taz: Vermutlich ja. Wie könnte es besser geregelt sein?

Leuther: In solchen Fällen müsste es verpflichtend sein, einen Hausbesuch zu machen, am besten in Kombination mit einem sozialpsychiatrischen Dienst und einem Sozialarbeiter. Wenn man wirklich psychisch kranken Arbeitslosen helfen will, braucht man viel mehr aufsuchende Hilfen. Das kann das Jobcenter nicht allein lösen. Man braucht Teams von Psychologen, Ärzten, Sozialarbeitern, die mit den Menschen Post und Behördengänge durchgehen, vielleicht Medikationen klären.

taz: So ist es aber nicht. Viel liegt im Ermessensspielraum der Jobcentermitarbeiter:innen, ob jemand am Ende seine Wohnung verliert.

Leuther: Wenn eine Person den Aufforderungen nicht nachkommen kann und deswegen fürchten muss, obdachlos zu werden, geht es wirklich um existenzielle Ängste. Jobcentermitarbeiter sollten keine Hobbypsychologen sein, das ist gefährlich. Vor allem wenn man bedenkt: Viele Behörden sind knapp besetzt, überlastet und haben lange Bearbeitungszeiten. Da ist wenig Zeit, auf individuelle Belastungen einzugehen. Es kann nur mit einem gut ausgebauten ambulanten Hilfsnetzwerk funktionieren. Dann kann ich mit den Betroffenen alles durchgehen: Was steht in dem Brief? Was muss getan werden? Und wenn eine Person nicht in der Lage ist, ihren Alltag zu bestreiten, oder unter Ängsten leidet, dann braucht es eine Krankschreibung – und das ist der Job von Ärzten, Psychotherapeuten, Psychiatern.

taz: Neu ist bei der Grundsicherung auch, dass Mie­te­r:in­nen ihre Vermieter rügen müssen, wenn die eingeforderte Miete zu hoch ist. Die Depressionsliga kritisiert das. Warum?

Leuther: Es ist doch grotesk. Unabhängig davon, ob man depressiv ist oder nicht: Wer legt sich denn gerne mit seinem Vermieter an in dieser dramatischen Wohnungsnot? Derzeit können sich doch selbst Normalverdiener kaum noch Wohnraum leisten. Es gibt viel zu wenig Sozialwohnungen. Wenn ich nun arbeitslos bin oder wenig Geld habe und von der Grundsicherung lebe – dann soll ich Mietwucher persönlich mit meinem Vermieter auskämpfen? Diese Regelung ist doch für alle eine Zumutung, für depressive Menschen umso mehr. Aber es passt in den Trend dieser Gesellschaft, die Verantwortung immer stärker zu individualisieren.

taz: Sind psychische Erkrankungen unter Menschen, die arbeitslos sind, häufiger als in der arbeitenden Bevölkerung?

Leuther: Bei Langzeitarbeitslosen geht man davon aus. Arbeitslosigkeit und psychische Erkrankungen können sich gegenseitig verstärken. Wenn ich regelmäßig arbeite und sehr viel Geld habe, schützt mich das zwar nicht vor einer Depression – keine Frage. Aber Lebensumstände spielen auch eine Rolle. Wenn ich mir Alleinerziehende mit Kindern anschaue, dann ist da so viel Druck im Leben. Die Kinderbetreuung und Schulen sind auf Kante genäht, Jobs sind prekär, vielleicht gibt es noch einen Scheidungskrieg. Diese Faktoren können das Risiko erhöhen. Früher hat man dann von reaktiver Depression gesprochen, das hat die Diagnostik aber abgeschafft.

taz: Was bedeutet das?

Leuther: Früher wurde stärker unterschieden, ob man zum Beispiel wegen Drogenkonsum und Entzug erkrankt, wegen einer Veranlagung, oder ob man auf schwierige Lebensumstände reagiert, etwa auf Arbeitslosigkeit oder einen Todesfall. Heute unterscheidet man nur, ob es sich um eine einfache, mittelschwere oder schwere Episode handelt. Dabei hat man ein bisschen vergessen, dass eine Depression immer auch eine Reaktion auf widrige Lebensumstände sein kann. Das ist auch wichtig für die Behandlung. Wir wissen zum Beispiel, Sport hilft bei Depressionen, aber wenn ich Angst habe, meine Wohnung zu verlieren, und mein Umfeld instabil ist, dann hilft es auch nicht, um den Block zu joggen.

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56 Kommentare

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  • Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Hausbesuche übergriffig & von psychisch Erkrankten eher noch als Trigger wahrgenommen werden, wenn sie in ihrem letzten sicheren Bereich heimgesucht werden & dann noch von einer Armada an Leuten. Auch ist nachvollziehbar, dass JobCenter & etwaige Ärzte & Dienste gar nicht die Kapazitäten dafür haben. Ebenfalls stimme ich vielen Usern hier zu, ein Therapieplatz bekommt man heutzutage mal nicht eben in einem Monat, das ist mE ein outgesourced & den psychisch kranken Arbeitslosen zusätzlich belastendes Problem – dann noch zu fabulieren, er möge sich mit dem Vermieter anlegen grenzt an Phantasterei. Brauchbare Lösungen müssen her, ggfs. entsprechende Gesetze erlassen werden. Es gibt im Gesundheitswesen bereits Dringlichkeitscodes & Notfalltermine. Warum richtet man nicht Strukturen ein, in denen von Arbeitslosen Zoom(Online)-Termine bei JC wahrgenommen werden & nach entsprechender Erkennung von mentaler Ausnahmesituation, Autorisierung durch die Agentur an das medizinisches Management erfolgt, welches speziell für solche Fälle Kapazitäten schafft & ebenfalls Zoom Termine offeriert um langfristig Unterstützung & Wege zur Heilung aufzubauen.

  • Was m. E. eine sehr gute Sache sein kann, sind psychosoziale Beratungsstellen, die auch z.B.



    Eingliederungshilfe nach SGB XII anbieten, jn dem Rahmen gibt es auch Ambulantes Betreutes Wohnen. Beratung ist da meist sehr niedrigschwellig und kostenlos möglich.



    Man hat eine*n geschulte*n Betreuer*in (z.B. Sozialarbeiter*in) und diese Person kommt auch nach Hause, oder man trifft sich mit der Person z. B. in deren Büro. Es gibt Hilfe bei Alltagsaufgaben, bei Papierkram und Amtsgängen bzw. Der Kommunikation mit den Behörden, bei der Suche nach Ärzt*innen bzw, Therapeut*innen. Und die Eingliederungshelfer*innen sind auf meiner Seite es besteht kein Machtgefälle, so wie es oftmals mit den Behörden de Fall ist,



    Was ich auch massiv empfehlen kann, ist bei akuten Problem (z. B



    mit den Behörden) die kostenlose Beratung einer Sozialanwältin/eines Sozialanwalts in Anspruch zu nehmen. Auch wer wenig oder kein Geld hat, hat in Anspruch auf rechtlichen Beistand.



    Es gibt viele niedrigschwellige Angebote, von denen die Menschen teils gar nichts wissen, und die aktuelle Politik droht eher mit Streichungen derselben, statt darüber zu informieren.

  • Danke für den wertvollen Artikel.



    Die Leute in den Behörden, die, die die Gesetze und Verwaltungsvorschriften schreiben und ein Teil der Politiker*innen denken vom Recht her. Sie wenden ein Menschenbild an, in dem der Mensch ein Rechtssubjekt ist mit Rechten und Pflichten, ein Ding, das fähig ist Entscheidungen zu treffen, einen Willen zu bekunden, zuzustimmen und abzulehnen, bei Willensübereinstimmung einen Vertrag zu schließen usw.



    Das mag auf Teile der Bevölkerung zutreffen, ist vermutlich eher an der oberen Mittelschicht aufwärts (die die Telefonnr. ihres Anwalts schon als Kurzwahl eingespeichert haben) orientiert.



    Aber Menschen sind halt vielfältig, manche sagen sich: mit der Behörde werde ich schon fertig, ich weiß schon wie; und tricksen sie aus. Und andere gehen in die Angst, Panik, Verzweiflung, im Extremfall in die Obdachlosigkeit oder in den Suizid. Andere betteln um Hilfe. Andere beißen sich auf die Zähne und versuchen, durchzukommen.



    Und all das kommt in dem juristischen Verwaltungs-Kosmos nicht vor.



    In der Politik kommt noch vor, die "Totalverweigerer" (Zitat taz) zu instrumentalisieren.

  • Was für ein menschenverachtendes widerliches System.



    Und das die Diagnose der reaktiven Depression abgeschafft wurde, bringt das Fass zum überlaufen.

    Der Biologismus (welcher mit dem Neoliberalismus Hand in Hand geht) wurde voll ausbuchstabiert. Der Neoliberalismus möchte keine äußeren Umstände - nichts Reaktives. Der Neoliberalismus gilt: there is not such a thing as society - ganz im Sinne Thatchers.

    Wenigstens bin ich positiv überrascht darüber, dass hier ein Therapeut wenigstens das Maul aufmacht und auch das er noch zur Deutschen Depressionsliga gehört (die hatte ich nämlich oft als Büttel des Biologismus wahrgenommen)

  • Was wir derzeit erleben, ist tiefgreifender Bruch mit der im Grundgesetz verankerten Idee sozialer Solidarität. Seit der Deutschen Einheit hat sich ein gewerblich industrieller Komplex herausgebildet, der mit nahezu unbegrenzter Bewegungsfreiheit innerbetriebliche Demokratie abbaut – begleitet von Wachstumsparolen Exportjubel, während die Binnenkaufkraft erodiert immer mehr Menschen um wohnungslos sind.



    Gleichzeitig haben die Gewerkschaften seit 1990 an Biss verloren. Ohne politisches Streikrecht gefangen im Strukturwandel wurden sie zu stillen Begleitern Systems, das Interessen der Beschäftigten aus dem Blick verliert. Die historische Solidarität mit Lohnabhängigen ist brüchig geworden – sichtbar in Kinderarmut, prekären Jobs und wachsendem Demokratieverschleiß.



    Auch große Institutionen wie Kirchen tragen Verantwortung. Als größter Grund , Immobilieneigentümer nach dem Bund investieren sie trotz Fehlens von 1,5 Millionen Wohnungen lieber in renditestarke Gewerbeobjekte als in bezahlbaren Wohnraum.



    Diese Entwicklungen hinterlassen Spuren nicht nur wirtschaftlich, auch seelisch. Viele Menschen erleben letzten Jahrzehnte als Abfolge von Entwertung, Kontrollverlust, sozialer Kälte.

  • Vielen Dank für die vielen Kommentare und die Diskussion zu meinem Interview.



    Ergänzende Ideen:



    1. Wir führen das bedingungslose Grundeinkommen ein.



    2. Wir schaffen genügend psychosoziale Ambulanzen mit der freiwilligen Möglichkeit von Hausbesuchen.



    3. Wir bieten genügend, auch niedrigschwellige, berufliche Reha und Fortbildungen an.



    4. Wir führen eine Vermögensteuer ein und stellen genügend Finanzbeamte ein, um Steuerhinterziehung wirklich zu ahnden.



    dann können wir u.a. damit 5. die obigen Maßnahmen finanzieren.

  • Hausbesuche???

    Warum soll man die Leute reinlassen? Oder kommen die mit Polizei und Durchsuchungsbescheid?

  • Dazu nicht nur am Rande hoch interessant. Gerade wenn man sieht wie Jemand mit Axel-Springer-Millionen-Vermögen noch eine 4-stellige Coronahilfe für sein Privatmuseum bekommt, während psychisch instabile Menschen um jeden Millimeter Würde kämpfen sollen.

    "Wer liegt hier wem auf der Tasche? Genug mit dem Bürgergeld-Fetisch. Stürmt die Paläste! #39c3"

    youtu.be/BTnmxhWz1...i=iXJxIfxQVZ8r6WcS

  • Leuther: *Jobcentermitarbeiter sollten keine Hobbypsychologen sein, das ist gefährlich.*

    Das angstmachende Hartz4-System wurde ja extra so aufgebaut, um existenzielle Ängste zu schüren, und zwar von der Schröder-SPD. Mit dem Bürgergeld wurde es dann etwas erträglicher. Aber jetzt möchte ein BlackRock-Lobbyist aus dem Bürgergeld sogar ein verschärftes Hartz5 machen, damit die Angst vor Arbeitslosigkeit auch bei den Arbeitnehmern ankommt und sie keine Forderungen (bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn etc.) stellen. Und die SPD macht mit der Merz-Union das weiter, was sie schon seit Schröder macht - 'Sozialabbau'.

    Leuther: *Wenn eine Person den Aufforderungen nicht nachkommen kann und deswegen fürchten muss, obdachlos zu werden, geht es wirklich um existenzielle Ängste.*

    Es gibt immer mehr obdachlose Menschen (von jung bis alt, von männlich bis weiblich) in Deutschland, die der Sozialbehörde (Jobcenter) zum Opfer gefallen sind. Aber unsere neoliberalen "Volksvertreter" interessieren sich nicht mehr für die kleinen Bürger; und für diejenigen Bürger, die von diesem System erst in eine Depression hineingedrängt wurden, schon gar nicht.

    • @Ricky-13:

      Es ist eher noch absurder: Gleichzeitig mit den avisierten Änderungen bei der Grundsicherung möchte die Bundesregierung erklärtermaßen Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 abschaffen.



      Es ist mir wirklich schleierhaft wie diese Leute es schaffen, sich morgens die Schuhe zuzubinden ohne sie sich auf den Kopf zu setzen.

  • In Deutschland ist man eben nur etwas Wert solange man Steuern zahlt und arbeitet. Wenn das nicht mehr geht wird man sofort fallengelassen. Der blanke hohn an der Sache ist ja auch das immer dann wenn ein prominenter wegen Depressionen sich das Leben nimmt alle öffentlich bestürzt sind und erklären das mehr gemacht werden muss. Es passiert aber nichts. Selbst wer noch irgendwie Hilfe suchen kann muss Monate auf einen Platz irgendwo warten. Und dabei geht es nur um die Behandlung, die Ursachen werden immernoch ignoriert. Es ist so als ob wir Busse mit scharfen Kanten an den Sitzen benutzen und die einzige Reaktion ist Pflaster anzubieten.

    • @My2cents:

      Fast richtig: Man ist etwas Wert, solange man ein eigenes Einkommen hat. Ob man Steuern zahlt ist weniger wichtig. Sonst würden die Reichen sich nicht so gerne davor drücken.

  • Mit mehr Druck hat man noch nie die Leistung von Menschen verbessern können. Das ist absurd.



    Eine Frage die ich mir schon lange stelle:



    warum kommuniziert das Jobcenter mit juristischen, schwerverständlichen Texten, die nicht einmal die Mitarbeiter selbst genau verstehen.



    Ein Arbeitssuchender wird meiner Meinung nach auf eine Weise angesprochen, die vielen das Gefühl geben, kriminell zu sein.



    Eine Firma muss Insolvenz anmelden, ein Chef ist verstorben, aus Ersparnisgründen werden Mitarbeiter entlassen usw.



    Es gibt viele Gründe, warum Menschen plötzlich arbeitslos werden.



    Eine solche Situation ist von sich aus schon eine extreme, existenzielle Belastung.



    Wieso hat die Politik das Recht, in einem demokratischen, sogenannten Sozialstaat, Menschen noch mehr unter Druck zu setzen?



    "Natürlich sind ja nur die gemeint, die den Sozialstaat ausbeuten "



    Und deswegen muss noch mehr Kontrolle ausgeübt werden??



    Sollten wir nicht vielleicht mal bei den Beamtengehältern genauer hinschauen?



    Nachdem ich als Alleinerziehende ca 20 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt habe, beziehe ich eine Rente von 557€.



    Das Sozialamt ergänzt sie mit 6 €, so dass ich auf 563 € Grundsicherung komme.



    Gerecht?



    C.M.

    • @April:

      Äh, nein. Natürlich nicht.



      Grundrente jetzt!

    • @April:

      Klar ungerecht und man merkt ja auch, dass daran nichts geändert werden soll, denn sonst würde man Kinderbetreuung mal ernst nehmen und Mindestlöhne so anpassen, das hinterher eine Rente rauskommt von der man Leben kann.

    • @April:

      „warum kommuniziert das Jobcenter mit juristischen, schwerverständlichen Texten, die nicht einmal die Mitarbeiter selbst genau verstehen.“

      aus rechtlichen gründen, falls mal ein:e bezieher:in gegen einen bescheid klagen sollte.



      die schwerverständlichen texte sind aus den verwaltungsanordnungen abgeleitet und je näher man an denen dran bleibt, desto eher ist das jobcenter auf der rechtlich sicheren seite, dass sie die leistungen beziehende person jusristisch einwandfrei darüber informiert hat, was das jobcenter von ihr will und was für konsequenzen drohen (aufklärungspflicht).



      ob die person die briefe versteht ist da nachrangig bis irrelevant. hauptsache sie sind, mit blick auf einen evtl rechtsstreit, rechtlich einwandfrei formuliert.

      • @pika:

        Wer die juristische Fachsprache beherrscht, wird eher selten bei Hartz IV landen. Oder der Sachbearbeiter folgt den Wünschen des Betroffenen. Auch mit halbem Jurastudium kann der Betroffene sich zu gut wehren, befürcht er.

  • Das mit den Hausbesuchen ist nahezu nicht durchführbar. Als ich früher in der Jugendhilfe verpflichtend Hausbesuche machen musste, war in der Regel nie jemand anzutreffen oder die Klingel ausgeschaltet.



    Ich fand das damals schon, gelinde gesagt, wahnsinnig unkooperativ: Gelder nehmen war kein Problem, mich auf Kosten des Steuerzahlers unnötig antanzen lassen war ebenfalls kein Problem, selbst aber auch etwas beizutragen: unmöglich.

    So kann ein Sozialsystem nicht bestehen.

    Und wenn es immer heißt, die Arbo Dübels bekommt man so auch nicht aus dem System: Doch. Wenn nämlich die Gelder versiegen, waren auf einmal alle auffindbar. Ohne Druck scheint es also nicht zu gehen. Und ja, Druck verschlechtert gewisse Situationen. Aber ein bissel kann man schon aushalten, wenn man dafür im Gegenzug Vollalimentierung erhält, was es in dieser Weise in keinem anderen Land der Welt gibt.

    • @ToMuch:

      Es geht hier nicht um ein "bissel" Druck, sondern um Regelungen, denen das BVerfG schon vor Jahren einen Riegel vorgeschoben hat.



      Das jetzt wieder aus der Mottenkiste zu holen ist reine Beschäftigungstherapie für alle Beteiligten inklusive der Sozialgerichte, die diese Auswüchse hinterher wieder aufräumen dürfen.



      Das bringt, übrigens, auch niemanden in Arbeit, erst recht nicht im aktuellen Arbeitsmarkt.



      Sinnvoller wäre es den Sozialstaat wieder besser aufzustellen, damit nicht alle dermaßen in Jobs kleben die nicht passen, weil ein Wechsel zu riskant ist, sinnvoller wäre es, voll auf Bildung zu setzen und die gesellschaftliche Chancengleichheit zu stärken, Einnahmen aus Nicht-Arbeit stärker zur Finanzierung ranzuziehen etc. etc.



      Wir brauchen mehr Solidarität, nicht weniger!

    • @ToMuch:

      Der Verweis auf andere Länder ist ein Totschlagargument. Was in anderen Ländern gemacht wird, ist erst einmal nicht automatisch besser oder sollte uns als Vorbild dienen. Die Arno Dübels sind keine relevanten Positionen im Bürgergeld-Etat, das wurde schon zig Mal durch Fachleute aus dem Bereich vorgetragen.

  • Als ehemaliger Langzeitarbeitsloser mit Depressionen, empfinde ich Hausbesuche als das letzte was mir irgendwie geholfen hätte. Ganz im Gegenteil das klingt eher wie eine Bedrohung. Was leider stimmt ist, das die Suche nach Hilfe durch einen Arzt oder Therapeuten für jemanden mit Depressionen extrem schwierig gemacht wird, weil es extrem schwer ist Termine zu bekommen.

    • @Mendou:

      Auch Ihnen möchte ich mein Verständnis aussprechen, ebenfalls habe ich Depression erfahren & erlebe sie beinah täglich in der vereinstätigen Tramaufarbeitung. Was vielen hier offenbar nicht klar ist, daher mal ein Einblick, wie schwer es mittlerweile psychisch Erkrankten gemacht wird, einen vernünftigen Therapieplatz zu bekommen. Da wären erstmal die Therapeut*Innen mit Kassensitz, von denen man (je nach Kasse) bis zu 50 in 3 Monaten vergeblich kontaktiert haben& das dokumentieren muss um ggfs. einen Platz bei einer Privatpraxis zu erhalten, die aber auch kaum Kapazitäten haben. Ggfs. trotz Kostenübernahmeverfahren dennoch weitere Kosten berechnen, die eine arbeitslose Person natürlich nicht übernehmen kann. Hat man dann alles zusammen – ein bürokratischer Akt an dem selbst Gesunde verzweifeln würden – geht’s in die Antragstellung bei der Kasse, welche grundsätzlich & mit Blitzgeschwindigkiet erstmal ablehnt, also weiter geht’s mit Widerspruch. Nebenbei vorstellig werden beim Medizinischen Dienst, & wenn der positives Signal an die Kasse gibt, bekommt man nur 4 probatorische Sitzungen genehmigt. Für den Fortlauf & eine Langzeittherapie muss noch einmal neubeantragt werden.

  • "Glück" dem, der noch von depressiven Phasen reden kann. Das impliziert, dass es mal vorbei gehen wird. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mich an eine Zeit ohne Depressionen erinnern kann.

    • @Wirrwicht:

      Das tut mir sehr leid für Sie, es geht vielen menschen so, auch wenn man denkt es wäre nur man selbst und das Leben aller anderen ist toll. Mir hat eine Veränderung gut getan und vor allem Arbeit. Kann aber bei anderen anders sein. Alles gute!

  • Die Versorgung von Menschen mit psychosomatischen Problemen ist auf jeden Fall schlecht. u.a. zu wenig Hausärzte, zu seltene Zeiten bei Fachärzten, die kommunizieren nicht genug miteinander usw.



    Allerdings ist zumindest den Arbeitsvermittlern in den Jobcentern, die aus den Sozialhilfe- Amt-für-Soziale-Dienste -Bereichen kommen, völlig klar, wie die Lebenslagen sind und es gibt viele, die keineswegs die Bg-Grundsicherungsbezieher/innen schikanieren wollen. Im Gegenteil: es gibt Leute, die dort schon länger arbeiten und wegen der großen Arbeitsmenge und wegen den neuen Vorhaben der Regierung, die "davon überhaupt nix verstehen", sich wegbewerben. - Das habe ich aus erster Hand erfahren.

  • Das mit den Hausbesuchen kann man so oder so sehen, ansonsten ist es ein großartiges Interview und eine akkurate Beschreibung der Situation armer und/oder psychisch belasteter Menschen.

  • Als Mensch mit Depression macht mir der Vorschlag verpflichtender Hausbesuche durch das Jobcenter ehrlich gesagt Angst.



    Meine Wohnung ist kein Verwaltungsraum. Sie ist mein Rückzugsort, mein letzter sicherer Ort. Gerade in depressiven Phasen ist sie oft das Einzige, was mich vor vollständigem Zusammenbruch schützt. Die Vorstellung, dass Jobcenter-Mitarbeitende dort verpflichtend erscheinen könnten, fühlt sich nicht nach Hilfe an, sondern nach Kontrolle, Beschämung und Machtmissbrauch.



    Das Jobcenter geht meine Diagnose nichts an. Punkt. Und erst recht nicht, wie es bei mir aussieht, wie ich meinen Alltag bewältige oder ob ich in einer Krankheitsphase „ordnungsgemäß“ lebe. Wer Hilfe an das Betreten meiner Wohnung koppelt, setzt mich faktisch unter Zwang: Mach auf – oder riskiere deine Existenz.



    Besonders problematisch ist, dass diese Hausbesuche von Menschen durchgeführt werden sollen, die keine therapeutische Ausbildung haben, unter Zeitdruck stehen und trotzdem über Sanktionen und Wohnkosten entscheiden. Das ist keine Hilfe, das ist gefährlich. Gut gemeinte Ratschläge in so einer Machtkonstellation können massiven Schaden anrichten.

    • @deprilencer:

      Danke für Ihren Mut und Ihre aufrichtigen und adäquaten Ausführungen, Sie haben mein volles Verständnis und mit Erschrecken und Bedauern nehme ich einige Antworten, aber auch den allgemeinen Konsens in den Kommentaren war, dass Kontrolle im eigenen Heim angemessen sei. Das kann ich ebenfalls überhaupt nicht befürworten, zumal viele Menschen depressiv sind, auch aufgrund von Traumata die sie in der Außenwelt oder im Kontakt mit andern Menschen erlebt haben. Es gleicht einem mentalen Ausnahmezustand, einer grausigen Zumutung wenn diese Leute hinnehmen müssten, dass durch den einzigen SafeSpace der ihnen noch geblieben ist, Horden unqualifizierter „Begutachter*Innen“ latschen. Auch erklärt sich mir dieser dauernder Vorwurf und die Gleichsetzung mit sogenannten Totalverweigern nicht. Eine psychisch kranke Person ist kein Verweigerer aus Spaß an der Freudm sondern meistens am Boden ihrer mentalen als auch körperlichen Kraft. Dennoch hat diese ein Hilfssystem verdient dass sie unterstützt und nicht drangsaliert, immerhin hat sie ja auch Jahre davor ins Sozialsystem eingezahlt.

    • @deprilencer:

      Es ist natürlich ein sehr schwieriges Thema.



      Hausbesuche lassen sich vermeiden, wenn die Termine vom Job-Center nicht eingehalten wrden.



      In Ihrem Fall, Sie sind krank, das Jobcenter sollte von der Krankschreibung ohne Diagnose wissen --> alles gut, ein Hausbesuch nicht notwendig.



      Wenn keine Krankschreibung vorliegt, sind die Hausbesuche vollkommen richtig um Missbrauch vom Sozialsystem zu verhindern. Besser ein Besuch vom JobCenter als die Zahlungen streichen und warten, ob es die Person noch gibt.

    • @deprilencer:

      *Als Mensch mit Depression macht mir der Vorschlag verpflichtender Hausbesuche durch das Jobcenter ehrlich gesagt Angst.*

      Das kann ich verstehen, denn wer lässt schon gerne jemanden ins Haus, der die Depressionen sogar noch verstärkt? Letztendlich wäre das alles nur eine weitere Schikane von dieser sogenannten "Behörde".

      Kritiker und Sozialverbände bringen Todesfälle von Leistungsbeziehern oft mit harten Sanktionen in Verbindung. Es gibt zwar keine offizielle staatliche Statistik, die Suizide direkt der Tätigkeit von Jobcentern zuordnet, aber wenn Jobcentermitarbeiter depressive Menschen sogar in ihr Zuhause aufsuchen würden - nur um die Macht einer Behörde zu demonstrieren - dann hätten wir wohl einen "ganz anderen Staat".

    • @deprilencer:

      Wenn Behörden nach Aktenlage entscheiden, dann kann man unter die Räder kommen.



      Genau das ist im Text mit Individualisierung von Verantwortung gemeint.

      Eine Behörde muss ganz klar Rechenschaft darüber abgeben können, wie Haushaltsmittel eingesetzt wurden. Dazu gehört eben auch Anträge und Berechtigungen zu prüfen.

      Grundsätzlich kann man das als lästig empfinden, aber wenn niemand für die akute Situation Einsicht erhält, kann man eben auch nicht erwarten eine Entscheidung auf Treu und Glauben zu erhalten.

      Gerade hat die Regierung, den "vermeintlich" unberechtigten Leistungsempfängern den Kampf angesagt, um eben die zu schützen die eine Berechtigung vorweisen können.

      Ansonsten müsste man irgendwann Kapitulieren und das gesamte Sozialsystem Beerdigen.



      Dieses System, von dem man als Betroffener partizipiert, lebt nicht von dem oberen 10% der "Leistungsgesellschaft", sondern eher von den Arbeitern geringer bis hohen Einkommen mit abführung von Sozialabgaben.

      Ob, der Amtsträger, der sich zu Besuch sich ankündigt, auch Erfahrung mit psychischen Krankheiten mitbringen sollte, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Eine Kontrolle muss, irgendwie stattfinden. - nur wie?

      • @Kühlbox:

        eine kontrolle findet doch schon längst statt.



        über arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und atteste, die einzureichen sind.



        bei längerer arbeitsunfähigkeit kann eine amtsärztliche überprüfung oder untersuchung eingeleitet werden (damit wird im endeffekt kontrolliert, dass die AUs oder atteste der ärzt:innen stimmen).

        kein:e jobcenter-mitarbeiter:in sollte ermessen sollen, ob wer arbeitsunfähig ist. das sollte immer jemand mit den entsprechenden professionellen qualifikationen und strukturell unabhängig vom jobcenter machen!

    • @deprilencer:

      Es ist doch politischer Alltag, dass Menschen keine Ahnung von dem haben, worüber sie entscheiden.



      Anscheinend soll es sowas auch in der Wirtschaft geben.



      Aber wenn ja, wird dort wenigstens über die Vorteile für das eigene Konto entschieden - und damit kennt sich unsere Elite aus.

    • @deprilencer:

      Ich seh das anders, wenn Deine Diagnose niemanden etwas angeht, ok. Aber dann verlang doch bitte nicht von der gleichen Einrichtung, die das alles nichts angeht, dass sie Dich komplett finanziert.

      • @ToMuch:

        Was geht das Jobcenter bitte die Wohnung an? Jenseits von den Wohnkosten? Das war schon zu Zeiten der "Zahnbürstenkontrolle" übergriffig und wäre in diesem Setting hier auch nicht besser.



        Man beachte übrigens, dass es im Text auch nicht um Kontrolle ging, sondern um Hilfe. Das scheint Ihnen irgendwie entgangen zu sein.

      • @ToMuch:

        die diagnose hat das jobcenter genauso wenig anzugehen wie bei ner AU nen arbeitgeber.



        einzig relevant ist, ob die person arbeitsfähig ist oder nicht.

      • @ToMuch:

        Die Diagnose geht erstmal grundsätzlich niemanden etwas an. Wie beim Arbeitgeber, sollte ein "gelber Zettel mit Vermerk Krank bis ..." bzw. die elektronische Krankmeldung ohne Diagnoseergebnisse ausreichen.

        Eine Ausnahme - eine Krankheit die zur Berufsunfähigkeit führt, sollte gemeldet werden, damit sich die richtigen Stellen (Rentenversicherung, BU Versicherung etc.) darum kümmern können.

      • @ToMuch:

        Okay, man ist gesetzlich nicht dazu verpflichtet, dem SB beim Jobcenter die genauen Diagnosen mitzuteilen. Trotzdem hat man an Anrecht auf Bürgergeld. Das verstehen aber eiskalte Bürokraten und die BWL-Fraktion nicht. Die würden solche Menschen auch im tiefsten Winter auf die Straße setzen, wenn sie nicht antanzen. Das ist der Humanismus und die Nächstenliebe, die Konservative und Co. auszeichnet.

  • Wer hier wirklich einen Hausbesuch braucht, der mit einem Psychologen und Psychotherapeuten ausgestattet ist, liegt doch klar auf der Hand: Friedrich Merz mit seinem kompletten Kabinett.

  • Gegenvorschlag: Sanktionen komplett streichen.

    Wer nicht arbeiten will und geistig/körperlich fit ist findet einen Weg.

    Das sind die "Totalverweigerer" die in keiner Statistik auftauchen und auch praktisch nie Kürzungen bekommen.

    Zusätzliches psychologisch geschultes Personal zu fördern ist Unsinn, wo soll dass den herkommen?

    Wenn Schreiben vom Jobcenter reine Hilfsangebote wären, ohne Druck wäre schon viel gewonnen.

    Wieso reden wir nicht darüber, wie sich Arbeit auch im Niedriglohnsektor mehr lohnen kann.

    Fast niemand ist gern freiwillig arbeitslos und gegen die Arno Dübels helfen wie gesagt auch keine immer schärferen Sanktionen.

    • @sociajizzm:

      Amen.

  • Statistiken zeigen, dass "Totalverweigerer" unter den Bürgergeldempfängern eher selten sind. Es gibt etwa1740 "Totalverweigerer" unter 5,5 Millionen Bürgergeldempfängern, was einen sehr geringen Anteil darstellt.



    Die strengeren Maßnahmen der Bundesregierung kosten am Ende mehr, als eingespart werden soll.



    Lassen wir diese Leute doch einfach in Frieden.

    • @Il_Leopardo:

      Die Zahl der „Totalverweigerer“ ist gering, klar. Aber der Vorschlag, sie einfach in Ruhe zu lassen, kratzt am Kern dessen, was Verwaltung leisten muss.



      Behörden dürfen nicht nach Sympathie entscheiden, wen sie prüfen und wen nicht. Das wäre genau die Willkür, die viele ihnen ohnehin vorwerfen. Verwaltung ist gesetzlich verpflichtet nachzuweisen, dass Leistungen dort ankommen, wo sie hingehören – nicht aus Misstrauen, sondern weil Steuergeld nicht aus einem Gefühlstopf stammt.



      Wenn Jobcenter einzelne einfach laufen lassen, während andere jede Bescheinigung nachreichen müssen, entsteht ein Ungleichgewicht, das sozialen Frieden gefährdet. Die Mehrheit der Leistungsbeziehenden bemüht sich und erfüllt Vorgaben. Gerade deshalb wäre es falsch, jene zu belohnen, die sich komplett entziehen.



      Die Alternative zu klaren Regeln ist kein „Leben und leben lassen“, sondern ein Vertrauensverlust in den Sozialstaat. Und am Ende trifft das wieder diejenigen, die Unterstützung brauchen. Ein solidarisches System braucht Kontrolle – nicht hart, aber konsequent. Genau das hält die Tür für alle offen in einer gut funktionierenden Gesellschaft.

      • @Kühlbox:

        Generell stimme ich Ihnen zu. Was aber macht man mit Menschen, die im klassischen Sinn nicht depressiv oder körperlich krank sind. Es gibt nun einmal Menschen, die vom Elternhaus so wenig mitbekommen haben, dass sie schlicht und einfach nicht in der Lage sind, eine regelmäßige Arbeit zu leisten. Sie haben nie erfahren, dass sich Leistung möglicherweise? lohnt.



        Im Laufe meines langen Berufslebens habe ich junge Erwachsene betreut, die erst einmal lernen mussten, morgens aufzustehen, zu frühstücken und pünktlich zur Schule zu gehen. Die haben mich allen ernstes gefragt, warum so viele Leute unterwegs sind. Sie waren völlig überrascht, als ich ihnen erklärte, dass das Wasser nur fließt, der Fernseher nur funktioniert etc. weil Menschen Arbeit leisten. Klingt wie ein Witz - ist aber keiner.



        Diese Menschen sind nicht krank, sondern schlecht oder überhaupt nicht auf ein normales Leben vorbereitet. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die früh Förderung erhielten, hatten eine Chance, zur Normalität zu finden. Andere, die keine Förderung in jungen Jahren erfahren haben, findet man später eher in der Gruppe der Totelverweiger. Soll man sie jetzt also mit Kürzungen in die Knie zwingen

    • @Il_Leopardo:

      Never change a working system.



      Immer schön sich an kleinen "Problemen" abarbeiten und möglichst viel Unfrieden stiften, um von den eigenen Machenschaften im großen Stil abzulenken - bei "unserer" Mehrheit funktioniert das immer besser.

      • @Erfahrungssammler:

        "Unter ihrer Kleidung sind Menschen Schafe." (Zitat Spielfilm "Kindeswohl") "Unsere" Mehrheit lässt sich offensichtlich leicht verführen.

        • @Il_Leopardo:

          Das stimmt - lächerlich leicht. Nur auf Dauer vergeht das Lachen.

  • Jetzt sind also Hausbesuche durch Mitarbeiter des Jobcenters auf einmal ok? Ich dachte immer die wären übergriffig und verboten? Wenn jemand angibt er habe Depressionen, dann stehen auf einmal Fremde auf der Matte? Super Idee - vielleicht sollte man mal einen richtigen Psychologen fragen?

  • Da Depression ja wohl in der gesamten Gesellschaft verbreitet ist, kann Herr Leuther doch bestimmt Zahlen nennen um wieviel Prozent der Menschen es geht, damit man in Bezug auf die Anzahl der Menschen die nicht auf die Abschreiben reagieren ausrechnen kann, wieviel Bedarf an aufsuchender Beratung besteht.



    Wenn man dann mobile Teams einsetzt kann man dann auch sicher und flexibler reagieren.

  • Hausbesuche durch das Jobcenter? Ich erinnere mich an etlicher Artikel in der taz, in der das als absolutes und komplett übergriffiges NoGo verurteilt wurde.... Man kann es niemals richtig machen.

    • @TheBox:

      Ich bin Mitarbeiter eines kommunalen Jobcenters und wir machen schon seit längerer Zeit Hausbesuche. Ich betreue hauptsächlich Menschen mit physischen und psychischen Problemen. Im Laufe der letzten 10 Jahre ist der Anteil von Menschen im SGB II Bezug, die aufgrund psychischer Probleme nicht mehr arbeiten können extrem angestiegen. Das Problem dabei ist zudem, dass dies bei vielen nicht diagnostiziert ist, weil sie keine Ärzte oder Therapeuten aufsuchen. Der letzte Weg ist dann der persönliche Hausbesuch, auch wenn dann oft nicht die Tür aufgemacht wird.



      Der Vorschlag im Artikel, dass Hausbesuche zusammen mit Sozialarbeitern, Ärzten und/oder Psychologen durchgeführt werden ist einfach nicht realisierbar. Welche Ärzte o. Psychologen sollen sich dafür bereiterklären? Soll ein Hausarzt zusätzlich Hausbesuche bei SGB II Bezieherin durchführen?



      Alle reden von unzumutbaren Härten, aber keiner schlägt vernünftig umsetzbare Ideen vor.



      Es zeigt sich leider allzu oft, dass sich die Menschen erst melden, wenn die Leistungen eingestellt werden. Um mit den Menschen im SGB II Bezug zusammenzuarbeiten und Ihnen eine Perspektive anbieten zu können, sollten diese auch zum Termin kommen.

      • @DocSnyder:

        Warum schicken Sie diese Leute nicht zum mediznischen Dienst der BA und holen dann eine Stellungnahme des Rententrägers ein?

      • @DocSnyder:

        „Um mit den Menschen im SGB II Bezug zusammenzuarbeiten und Ihnen eine Perspektive anbieten zu können, sollten diese auch zum Termin kommen.“

        das ist eine schöne idee, kit der perspektive anbieten und dem zusammenarbeiten. das hört sich schön nach auf einer augenhöhe an.



        die realität ist jedoch, dass es ein machtgefälle zwischen sachbearbeiter:in und „kund:in“ gibt. und allein das macht auf seite der beziehenden person bereits psychisch druck, löst ängste und ohnmachtsgefühle aus.



        und kann dazu führen, dass menschen, die sich eh schon mit ihrem leben überfordert fühlen, sich nicht zum termin trauen.

        wenn jetzt die sanktionsschrauben verschärft werden und die möglichkeiten oder ansprüche auf förderung weiter eingeschränkt - vertieft sich dieses machtgefälle und die angst vorm jobcenter nur noch weiter.



        komplett kontraproduktiv.

      • @DocSnyder:

        "Das Problem dabei ist zudem, dass dies bei vielen nicht diagnostiziert ist, weil sie keine Ärzte oder Therapeuten aufsuchen." Wissen Sie wie lange es dauert, bis man selbst in Metropolen einen Termin beim Psychologen bekommt? Von Therapieplätzen ganz zu schweigen.

    • @TheBox:

      Es geht ja hier nicht um grundsätzliche Überwachung, sondern um individuelle Betreuung in begründeten Fällen.

      • @Lichtenhofer:

        Und woher soll das Jobcenter wissen, wann ein begründeter Fall vorliegt? Das Problem gab es schon immer, und sog. "Hartz-IV-Kritiker" hatten nie eine vernünftige Antwort: Wenn sich das Jobcenter (oder eine andere Behörde) kümmert, ist es übriffig und ganz schlimmer Staatsterror. Wenn was schiefläuft (Menschen verwahrlosen usw.) heisst es plötzlich "das Amt hätte sich kümmern sollen". Wie sollen das die Mitarbeiter machen, wenn sie nicht mal anrufen dürfen (und ja, Anrufe werden von Linkspartei, Sozialverbänden usw. regelmässig als schlimmer Terror gebrandmarkt)? Wie soll eine Behörde merken, dass was schiefläuft, wenn jeder Kontaktversuch verboten ist?