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Psychische GesundheitAntidepressiva werden immer noch verteufelt. Schluss damit!

Escitalopram und Co. sind keine Allheilmittel und ersetzen keine Therapie. Doch sie grundsätzlich schlecht zu reden, bringt niemandem etwas.

O b ich es schon mit Vitamin D probiert habe, fragt mich die Apothekerin mit mitleidigem Lächeln, nachdem ich meine Chipkarte ins Lesegerät gesteckt habe. Das könne die Laune auch heben! Auf meinem Rezept steht derweil etwas völlig anderes. Escitalopram, ein vergleichsweise gut erforschtes Antidepressivum, das vor allem bei Depressionen und Angsterkrankungen zum Einsatz kommt.

Ich nehme es gegen psychosomatisch bedingte Kopfschmerzen, die mich seit meinem 16. Lebensjahr begleiten. Bis 2024 hatte ich sie fast jeden Tag, trotz Achtsamkeit, Sport, Psychotherapie. Ich wachte mit ihnen auf und ging mit ihnen ins Bett. Wie ich in diesem Zustand mein Studium, meinen Job, meinen Alltag hinbekommen habe, frage ich mich bis heute.

Dank des Medikaments habe ich inzwischen deutlich weniger Schmerzen und bin immer wieder über längere Zeit komplett beschwerdefrei. Ob Placeboeffekt oder nicht – das Antidepressivum hat mir ein zweites Leben gegeben. Freundlich winke ich also ab, als die Apothekerin auf die Vitamin-D-Packungen auf der Verkaufsfläche zeigt. Innerlich koche ich.

Schätzungen zufolge sind jedes Jahr mehr als ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Neben Gesprächstherapie und psychosozialen Interventionen zählen Medikamente zu den gängigen Behandlungsmethoden. Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka. Die Zahl der Verordnungen steigt sogar, was nicht alle Ex­per­t*in­nen gut heißen. Gleichzeitig wird die Einnahme bis heute tabuisiert.

14 Jahre dauerte es bei mir, bis ich mich zum ersten Mal wieder gesund fühlte. Das lag nicht daran, dass es kein Medikament gab. Studien hatten längst bewiesen, dass Antidepressiva bei chronischen Schmerzen helfen können. Trotzdem rieten mir alle um mich herum von einer medikamentösen Behandlung ab. Menschen wie die Apothekerin. Menschen, die Medizin oder Pharmazie studiert haben und es eigentlich besser wissen müssten.

Dass die Seele krank werden kann. Dass das auch körperliche Ursachen oder Auswirkungen haben kann. Dass neben Therapie und einem gesunden Alltag auch Medikamente helfen können. Und vor allem: Dass Vitamin D und Escitalopram nicht das Gleiche ist.

Ob beim Hausarzt, in der Psychotherapie, im Schmerzzentrum oder in der Tagesklinik – überall signalisierte man mir, Antidepressiva seien etwas Böses und dass ich auch ohne die Tabletten meine Kopfschmerzen in den Griff bekommen könne. „Wir müssen einfach schauen, dass Sie entspannter werden“, sagte ein Psychologe. Als ginge es bei mir nur um ein paar Verspannungen, die ich wegatmen könnte. Als müsste ich einfach nur ein bisschen mehr chillen, um das dauerhafte Brennen, Ziehen und Drücken auf und um meinem Kopf loszuwerden.

Auch im persönlichen Umfeld hörte und höre ich oft, dass Antidepressiva abhängig machen, dass sie alle Gefühle unterdrücken und einen wie sediert durch die Straßen irren lassen. Wer sie nehme, halte das Leben nicht aus. Was bei Betroffenen ankommen kann: Wer Pillen für die Psyche schluckt, hat sich nicht genug angestrengt.

Natürlich gibt es Psychopharmaka, die abhängig machen, mit deren Einnahme man sich nicht ans Steuer setzen sollte, die gar keine Wirkung zeigen oder Beschwerden sogar verschlimmern. Vieles davon gilt jedoch auch für Medikamente für körperliche Erkrankungen. Tabletten gegen Bluthochdruck oder gegen einen Infekt ballern die meisten ohne Bedenken. Niemand schämt sich dafür, und die wenigsten würden in Frage stellen, ob es diese Medikamente wirklich braucht.

Hinter dieser Doppelmoral steckt nichts als die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, die wir trotz der Berichterstattung der letzten Jahre und aller Instagram-Accounts zu Mental Health immer noch nicht überwunden haben.

Antidepressiva sind kein Allheilmittel und ersetzen keine Therapie. Doch sie grundsätzlich zu verteufeln, bringt niemandem etwas, am allerwenigsten den psychisch Erkrankten. Sie verdienen eine sachliche Aufklärung über Behandlungsoptionen, die in manchen Fällen lebensrettend sein können.

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51 Kommentare

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  • Wirrwicht

    Fünf Monate krankgeschrieben bisher. Behandlung? Therapie? Irgendwas? Fehlanzeige.



    Escitalopram war bisher das einzige Medikament, dass ich je bekommen habe. Hat leider gar nicht gegen die Ängste geholfen. Ich war nur nach außen scheinbar ruhiger, während mir das Herz aus der Brust springen wollte.

  • Agarack

    Eine leitliniengerechte Therapie für eine Depression besteht aus einer medikamentösen und einer psychotherapeutischen Komponente. SSRI sind dabei oft (aber nicht immer) Mittel der Wahl. Depressionen sind eine echte Erkrankung, die bestmöglich therapiert werden sollte, da gehören Medikamente schlicht dazu.

    Ich will jetzt als Mediziner nicht überheblich wirken, aber, ganz ehrlich: Damit ist die Debatte im Grundsatz doch geklärt. Man ist immer frei, sich individuell anders zu entscheiden, aber bei anderen Erkrankungen würde doch niemand ernsthaft allgemein diskutieren, ob die Medikamente dagegen grundsätzlich gut sind - kein Mensch würde sagen: "Sind Medikamente gegen Bluthochdruck wirklich sinnvoll?".

    • Il_Leopardo

      @Agarack:

      Nun - ein hoher Blutdruck fällt ja auch nicht vom Himmel. Als bei mir ein solcher diagnostiziert wurde, stellte der Kardiologe mich vor die Wahl: Entweder Medikamente oder Verzicht auf Fleisch und Salz plus täglicher Sport (Dauerbelastung), viel Gemüse und Obst, d.h. Änderung meines Lebensstils. Ich entschied mich für Letzteres und musste nie Medikamente nehmen. Kommt es hin und wieder zu Entgleisungen, schnappe ich mir meine Nordic-Walking-Stöcke, marschiere eine Stunde und schon fällt der Blutdruck wieder um 20 Punkte.

      • Isnunmalso

        @Il_Leopardo:

        Großartig, Leopardo.

      • Agarack

        @Il_Leopardo:

        Das freut mich für Sie (ehrlich). Weil Ihr Fall auch gar nicht ungewöhnlich ist, sehen die Leitlinien für die arterielle Hypertonie (=Bluthochdruck) mit guter Evidenz als erste Maßnahme eine sog. "Lebensstiländerung" vor, und Medikamente erst dann, wenn diese alleine nicht den gewünschten Erfolg bringt. Bei echten klinischen Depressionen ist die Lage diesbezüglich aber anders.

        • Il_Leopardo

          @Agarack:

          Ihnen als "Medizinmann" muss ich nicht erklären, was Zivilisationskrankheiten sind und dass wir (selbst bei entsprechend ungünstigem Erbgut) eine Menge tun können, dass es erst gar nicht zu wirklichen Krankheiten kommt.



          Natürlich sind Antidepressiva ein Segen für viele depressiv Erkrankte. Ich selbst hatte mein ganzes Leben unter depressiven Episoden zu leiden, mit denen ich aber immer auch ohne Medikamente gut zurecht kam. Nur im Alter brauchte ich dann hin und wieder psychotherapeutische Behandlungen, die mir immer rasch halfen. Die typischen Medikamente musste ich nicht nehmen - allenfalls hin und wieder ein Beruhigungsmittel, damit ich zumindest genügend Schlaf fand. Ausgeruht kam ich dann tagsüber mit meinen Stimmungsschwankungen ganz gut zurecht.

  • R. Mc'Novgorod

    Bei mir wurde vor drei Jahren eine Depression diagnostiziert und dazu geraten Antidepressiva zu nehmen. Seitdem bin ich in Therapie, Medikamente nehme ich immernoch keine und habe es auch nicht vor.

    Ich kenne Personen bei denen die Medikation gut funktioniert und die so besser durch das Leben gehen. Mir persönlich sind zum Einen die möglichen Nebenwirkungen zu krass und zum Anderen weiß ich das meine Depression Gründe hat, die tiefer gehen und aufgearbeitet und reflektiert werden müssen.

    Für mich funktioniert es halbwegs und graduele Verbesserungen sind spürbar, für andere funktioniert vielleicht nicht und verurteilen oder bewerten tue ich das bestimmt nicht. Ich kann nur von mir sprechen und sagen, das es sich für mich nicht richtig anfühlt Medikamente deshalb zu nehmen.

    Ich fand es nur ziemlich krass wie schnell mit zu Antidepressiva geraten wurde.



    Wie gesagt- keine depressive Person soll sich von mir angegriffen fühlen, wir sitzen alle im selben Boot.

    Meine Methode ist Achtsamkeit, Selbstreflexion, Jobwechsel, das Pfegen von wichtigen Kontakten und das aussortieren von falschen Freunden. Ich horche mittlerweile öfter in mich rein und das musste ich erstmal lernen

    • Flemming

      @R. Mc'Novgorod:

      Ihre Methoden die Sie anwenden sind Zeugnis eines Verständnis für was kann ich tun.



      Die Aktivierung der Eigenheilung, so bezeichne ich es ,setzt Mechanismen in Gang die es erlauben Türen zu sehen die verborgen sind. Sie sagen selbst, lernen zu müssen.



      Das ist eine Erfahrung die es Ihnen in Zukunft leichter machen wird, zumal Sie wichtig Entscheidungen getroffen haben Ihr Leben neu zu ordnen.



      Sie haben einen wachen Geist, der es erlaubt zu hinterfragen und das gepaart mit einem gesunden Misstrauen ergibt die Fähigkeit einer feiner justierten Wahrnehmung.



      Und so ist auch etwas positives geschehen.

      • Sonderzeichen

        @Flemming:

        Ja.



        Letztlich sind die Medikamente ja auch nur ein Hilfsmittel für genau das, was sie beschreiben: sich mit sich selbst und der Umwelt wieder ins Reine zu bringen. Traumata zu überwinden. Schwere Rückschläge und Ungerechtigkeiten zu verarbeiten.



        Manchen Menschen helfen die Medikamente sehr gut, auch bei mir haben sie gut angeschlagen. Und es ist doch deutlich einfacher Probleme zu lösen, wenn man auch Energie dafür hat. Und um diese "kurzfristige Energie" zu bekommen und die Hirnchemie zu stabilisieren können Medikamente hilfreich sein. Mal mehr, mal weniger.

  • Hans Dampf

    Ein führender Laborant eines deutschen Pharmaunternehmens hat mir mal privat gesagt "Die Wirkung eines Medikamentes ist immer nur die beste Nebenwirkung". Und er meinte, man sollte immer zuerst und ernsthaft versuchen ohne Medikamente auszukommen.



    Die Art wie hier das sehr gefährliche Medikament Escitalopram schön geredet wird, und sogar mit Smiley dargestellt wird halte ich für sehr bedenklich. Man sollte es nicht schön reden, auch wenn bestimmte Patienten es brauchen.

  • Dreja

    Es ist richtig, dass psychisch Kranke nicht stigmatisiert werden sollten. Aber diese übermäßige Fürsprache für Antidepressiva gefällt mir auch nicht.



    Achtsamkeit ist auch nicht der Weg, um mit einer ausgewachsenen Angststörung klarzukommen. Da braucht man schon richtige Therapie, die auch ans Eingemachte gehen kann. Ich spreche aus eigener Erfahrung.



    Aber jeder kann das ja machen, wie gewünscht. Nur dieser Text ist mir zu oberflächlich bejahend. In einer anderen Zeitung würde man überlegen, ob er von der Pharmaindustrie kommt. Irgendwie nicht zur taz passend.

  • Iguana

    Die Kommentare hier zeigen, warum dieser Artikel heute noch nötig ist. Klar, man sollte Medikamente nie "einfach so" nehmen. Aber die Reaktionen der Menschen auf Antidepressiva und andere Psychopharmaka sind wirklich unangemessen. Bei Blutdruckmedikamenten oder Metformin wird einem in der Apotheke ja auch nicht gesagt, man solle es doch mal mit Lebensstilanpassungen versuchen.

  • Karl Heinz

    Medikamente lösen einen der Depression oft zugrundeliegenden Konflikt nicht, sondern lindern bestenfalls die Symptome.

    • Petros

      @Karl Heinz:

      ja, das wissen wir alle. Was möchten sie uns also mitteilen?



      Daß Antidepressiva schlecht sind und die Betreuung leiden sollen?



      Haben sie den Artikel überhaupt gelesen?

    • Sonderzeichen

      @Karl Heinz:

      Ungleichgewichte von Neurotransmittern im Gehirn können ohne Medikation oft nicht wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.



      Und man höre und staune: das lindern von Symptomen schafft höhere Lebenszufriedenheit und oft



      a) überhaupt erst das Fundament für eine begleitende Gesprächstherapie oder sorgt



      b) dafür, dass der Patient nach einer Stabilisierungsphase die Medikamention schrittweise zurückfahren kann und wieder ein gesundes Leben führt.



      Alles gut erforscht und auch schon bei mir und anderen live so erlebt. Warum nörgeln sie daran herum?

    • T-Rom

      @Karl Heinz:

      Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass Depressionen immer aufgrund eines psychischen Konflikts auftreten. Die sog. endogenen Depressionen treten ohne Konflikt / Auslöser auf, man könnte sagen aufgrund von Veranlagung.

  • Rico Benz

    Ich habe diese Medikamente genommen und abgesetzt. Seitdem bin ich teilweise impotent und habe keine Libido mehr. Das Symptom nennt sich PSSD und wird womöglich den Rest meines Lebens anhalten. Es tritt eher selten auf aber diese bedenkenlose Bejubelung von SSRI Antidepressiva in dem Artikel finde ich verantwortungslos und unsozial.

    • Sonderzeichen

      @Rico Benz:

      Diese Nebenwirkungen gibt es. Steht sogar auf dem Beipackzettel.



      Ich hatte auch Libido- und Potenzprobleme in der Zeit. Trotzdem wäre ich ohne Medikation wohl mein Leben lang schwer depressiv geblieben. Mit Medikation konnte ich nach einigen Jahren ein normales Leben führen und die Medikamente absetzen. Potenz und Libido sind wieder da, das hing bei mir unmittelbar mit der Einnahme zusammen.



      Man muss da ggf. auch einige verschiedene Medis ausprobieren, aber die Chance dass eines davon mit vertretbaren Nebenwirkungen hilft ist gut. Den Versuch ist es wert, und langfristige Nebenwirkungen unabhängig von der Einnahme sind selten.

      • Rico Benz

        @Sonderzeichen:

        Dass die Nebenwirkungen lebenslang nach dem Absetzen anhalten können, wurde erst nach Jahrzehnten bei einzelnen Medikamenten aus der SSRI Klasse in den Beipackzettel aufgenommen. Und keinesfalls freiwillig seitens der Pharmaunternehmen. Mein Vertrauen ist definitiv weg.

  • Hannah Remark

    Der Artikel greift ein wichtiges Thema auf, doch die heftige Reaktion der Autorin auf die Apothekerin zeugt von ungünstigen Denkmustern. Aus eigener Erfahrung beurteile ich das Ganze holistischer: Die Apothekerin meinte es gut und handelte nach dem Grundsatz, immer erst das mildere Mittel zu prüfen. Medizin erfordert eine hochindividuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Ich lebe selbst mit der Dreierkonstellation aus beruflicher Überlastung, Depression und Atopie. Ein Blick in den Beipackzettel von Escitalopram zeigt, dass das Medikament vermehrtes Schwitzen oder Juckreiz triggern kann. Meine individuellen Erfahrungen bestätigen diesen Teufelskreis: Verschlimmert sich die Atopie, befeuert das über Stress und Schlafmangel die Depression erst recht – das Medikament wäre und war kontraproduktiv. Statt dünnhäutig überzureagieren, sollte man anerkennen, dass der Rat der Apothekerin ein wertvoller Impuls für sanftere Erstlinien-Therapien wie Stressmanagement oder Psychotherapie ist. Für mich und meinen atopischen Körper sind solche Wege oft die weitaus klügere erste Wahl. Dass diese milderen Mittel im Fall der Autorin alle bereits ausgeschöpft waren, konnte die Apothekerin nicht wissen.

    • Iguana

      @Hannah Remark:

      Und wieso geht die Apothekerin davon aus, dass es diese Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt und die Patientin nicht gegeben hat? Das ist nicht holistisch, sondern übergriffig und herablassend. Und die Reaktion als dünnhäutig zu beschreiben, weil man sich ja zu freuen habe, dass einem ungefragt eine angeblich sanftere Therapie empfohlen wird, die bestimmt weder die Ärztin noch die Patientin in Betracht gezogen hat, finde ich "interessant".

      • Hannah Remark

        @Iguana:

        @Iguana Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Mir geht es nicht darum, ärztliche Kompetenz zu untergraben. Es geht um eine realistische Erwartungshaltung an den Alltag. Wir müssen uns ehrlich machen: Das Verständnis unserer Mitmenschen im täglichen Leben ist nun mal begrenzt. Niemand an einer schnellen Apothekenkasse kann die jahrelange Leidensgeschichte eines chronisch Kranken vollumfänglich erfassen. Diese Erfahrung machen wir alle, jeden Tag, bei den unterschiedlichsten Problemen. Wer permanent erwartet, dass flüchtige Kontakte im Alltag perfekte Empathie mitbringen, wird zwangsläufig enttäuscht. Der Begriff „übergriffig“ schießt hier völlig über das Ziel hinaus. Die Apothekerin hat aus ihrer helfenden Rolle heraus einen harmlosen Impuls gegeben. Das war keine böse Absicht, sondern ein Versuch von Anteilnahme. Resilienz bedeutet für mich in so einem Moment, Erwartungen an Fremde herabzustufen, die Kirche im Dorf zu lassen und unpassende Ratschläge freundlich abperlen zu lassen – anstatt innerlich zu kochen. Das schont am Ende die eigenen mentalen Ressourcen deutlich mehr.

    • Lowandorder

      @Hannah Remark:

      …anschließe mich

      “.Freundlich winke ich also ab, .…Innerlich koche ich.…“



      Nun - ehr inneres Kopfkino - abwerten ist ehrs



      🤖 Vitamin D wirkt im Gehirn wie ein Hormon. Es steuert Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin, die für unsere Stimmung wichtig sind. Ein echter Mangel führt oft zu Antriebslosigkeit, Erschöpfung und tiefem Frust, was sich ähnlich wie eine Depression anfühlen kann.…



      Wenn ein echter Mangel vorliegt, kann die Gabe von Vitamin D die Stimmung oft spürbar stabilisieren.…“



      “ …aber gut daß ihr mal drüber gesprochen habt .…“

  • StevenK

    Ich war lange Zeit in gedrückter Stimmung und habe jetzt das richtige Antidepressivum verschrieben bekommen.



    Die Ärztin sagte, das Mittel wirke erst nach vier Wochen Einnahme-bei mir wirkte es sofort.



    Es kann sein, das die Medikamente bei jeder-em individuell anders wirken.



    Mir geht es jetzt sehr gut.

    • LuckyLulu

      @StevenK:

      Klingt ganz so als wirke da vor allem ihre Erwartungshaltung ... Sprich der Placebo Effekt setzt ein bevor die reale Wirkung des Medikaments medizinisch zu erwarten ist ...

      • Sonderzeichen

        @LuckyLulu :

        Biologisch wirken Antidepressiva unmittelbar nach Einnahme.



        Der längerfristige, nachweisbare psychische Effekt von SSRI tritt aber normalerweise erst einige Wochen nach beginn der Medikation ein.



        Die Mechanismen sind nicht vollständig verstanden, die Wirksamkeit ist aber dennoch belegt.



        Tatsächlich habe ich auch bereits in den ersten Tagen einen kleinen "Glücksschub" verspürt. Ob das jetzt Placebo war oder vielleicht schon ein kurzfristiger "echter" Schub durch die Medikation weiß ich allerdings auch nicht...

      • StevenK

        @LuckyLulu :

        Kann es sein, das Sie sich irren?

  • Der olle Onn

    Hatte Anfang der 2000er meine dritte lang anhaltende Depression. Daher also bereits viel Erfahrung, wie ich damit umzugehen hatte. Dass Antidepressiva gefühlt ewig brauchen, um Wirkung zu zeigen, war mir bekannt. Also habe ich es damit gar nicht erst versucht.



    Ich bin sehr offen mit meiner Erkrankung umgegangen - mein "höherer Vorgesetzter" hatte allerdings das Einfühlungsvermögen einer laufenden Kettensäge...



    Dennoch kann ich bestätigen, was in einem anderen (leider nicht kommentierbaren) taz-Artikel zum Thema steht: Vermeidet man aktiv Situationen, von denen man weiß, dass sie einem nicht gut tun, kann man es mit viel Geduld - und vor allem auch durch alltägliche Beschäftigung - aus eigener Kraft aus der Depressions-Spirale heraus schaffen, auch ganz ohne Chemie.



    Im oben beschriebenen Fall wird die Autorin sicher ebensogut wissen, was ihr persönlich hilft.

    • Sonderzeichen

      @Der olle Onn:

      Wenn man schon Erfahrung hat kann man vieles auch ohne Medis hinbekommen.



      Aus meiner ersten Depression wäre ich aber ohne Medikation nur sehr schwer wieder herausgekommen muss ich sagen. Therapie hilft natürlich auch, aber mindestens begleitend waren die Tabletten schon hilfreich.



      Bei späteren Episoden habe ich die Medis dann recht zügig wieder abgesetzt wegen den Nebenwirkungen. Aktuell verzichte ich fast ganz darauf. Nur an schlimmen Tagen etwas kurzfristig wirksames.



      Das geht aber halt nur bis zu einem gewissen Schweregrad. Und man muss abschätzen was sinnvoller ist: schlechte Stimmung und Antriebslosigkeit ein Stück weit ertragen, oder die Nebenwirkungen der Medis in kauf nehmen...

      • Der olle Onn

        @Sonderzeichen:

        Sie haben ganz sicher recht: Die Schwere der Fälle ist enorm unterschiedlich. Vermutlich geht es häufig gar nicht völlig ohne Medikation. Insgesamt schätze ich, dass meine Depressionen vermutlich "nur" mittelschwer waren - sonst hätte ich mich sicher nicht allein aus der seelischen Finsternis herausarbeiten können. Was immerhin Jahre brauchte - Sie kennen das zur Genüge, denke ich.



        Beim zweiten "Absturz" in den 80ern hatte ich fünf "Krankenscheintreffen" mit einem jungen Psychologen, der mir aber sehr gut vermittelt hat, dass ich an mir selbst arbeiten musste. Daher halt die Erfahrung. Alles meiden was triggert, versuchen positiv zu bleiben. Sportliche Bewegung, frische Luft...



        Richtig ungefährdet vor Rückfällen ist man - einmal dabei - wohl nie. Aber man lernt das frühe Erkennen erster Anzeichen und kann dann gezielt gegensteuern. - Ihnen alles Gute und viel Erfolg!

        • Sonderzeichen

          @Der olle Onn:

          Das Leben bleibt gefährlich, egal wie weit man schon gekommen ist :)

          Sport und frische Luft helfen aber oft und gut, da stimme ich Ihnen, wie mit dem Rest, gerne zu.

          Auch Ihnen alles Gute!

  • Il_Leopardo

    Ich würde die Finger von dem Zeug lassen.



    Nebenwirkungen:



    Verminderter Appetit, gesteigerter Appetit



    Gewichtszunahme



    Ängstlichkeit, Ruhelosigkeit, anormale Träume



    Verringerte Libido



    Frauen: Anorgasmie



    Schlaflosigkeit, Schläfrigkeit, Schwindel



    Parästhesie, Tremor



    Sinusitis, Gähnen



    Diarrhö, Obstipation, Erbrechen, Mundtrockenheit



    Arthralgie, Myalgie



    ***Männer: Ejakulationsstörungen, Impotenz***



    Müdigkeit, Fieber

    Ich weigerte mich vor 6 Jahren bei Beginn einer mittelschweren Depression, solche Mittel zu nehmen - obwohl die Ärzte damals mit Engelszungen auf mich einredeten. Statt dessen nahm ich hin und wieder eine halbe Tavor - ich wusste aber auch, dass ich zeitnahe Aufnahme bei einer Psychoanalytikerin finden würde. Und bis dahin hatte ich zweimal pro Woche Gespräche bei meiner Neurologin.

    • Martin Rees

      @Il_Leopardo:

      "Ich würde die Finger von dem Zeug lassen.



      Nebenwirkungen:..."



      Die Kombination mehrerer Medikamente und die zusätzliche Wechselwirkung insbesondere mit Alkohol sind auch bisher nicht als gravierendes Problem in diesem Forum adressiert worden, aber in der Realität absolut nicht zu unterschätzen:



      www.dkfz.de/filead...t-Medikamenten.pdf

      • Il_Leopardo

        @Martin Rees:

        Danke für den Link. Habe mir die PDF runtergeladen.



        Wer Opioide nimmt und Alkohol trinkt, ist ja wohl nicht zu retten. Okay- ich hab' da leicht reden, da ich so gut wie nie Alkohol konsumiere.

    • Flocke

      @Il_Leopardo:

      Tavor ist das schlimmste Medikament überhaupt! Enormes Suchtpotential, heftige Nebenwirkungen und vor allem ist es kein Antidepressivum. Habe ich vor 20 Jahren bereits verboten es unseren Patienten zu verordnen, ich persönlich würde es nie mehr verschreiben.

      • test_name

        @Flocke:

        >Tavor ist das schlimmste Medikament überhaupt!<







        Das habe ich bei einer Bekannten so erlebt. Diese ist völlig ausgerastet - wie eine Bombe im Kopf. Von den Krankenkassen bezahlte Drogensucht.







        Meiner Meinung nach ist der Schaden, den solche Medikamente im Allgemeinen anrichten, größer als der Nutzen, den sie im Einzelfall bringen können.

      • Karl Heinz

        @Flocke:

        Tavor hat schon seine Berechtigung in der Akutpsychiatrie. Als ambulante Dauermedikation sicherlich nicht.

      • Il_Leopardo

        @Flocke:

        Ich kann ja nur von mir sprechen. Und ich habe mit einer halben Tavor zweimal die Woche über eine kurze Zeit gute Erfahrungen gemacht. So konnte ich immer gut einschlafen und hatte am nächsten Morgen keinerlei Nachwirkungen. Aber jeder Mensch reagiert natürlich anders. Und die Gefahren mit Tavor sind erheblich. Ich habe mich da selbstverständlich gut informiert.

      • Martin Rees

        @Flocke:

        Auch bei Politiker:innen kam Tavor zum Einsatz, teils mit mehr oder weniger verheerenden Folgen und Gefährdungen.



        Altbekannt und (fast) vergessen:



        www.spiegel.de/pol...-0000-000013525739

        • Il_Leopardo

          @Martin Rees:

          Danke für den Link:



          »In einer Welt«, so prophezeite der Kulturphilosoph, »in der niemand etwas für nichts erhält, geben die Beruhigungsmittel für sehr wenig sehr viel.«

          Leider kann ich mit diesem Schluss nicht viel anfangen. Können Sie mir da auf die Sprünge helfen.

          10 mg Tavor ist schon 'ne Menge. Mit meinen 0,5 mg war ich ja wohl an der unteren Grenze. Wer klug ist, belässt es bei dieser Dosis und lässt es dann vor der nächsten Tablette mal für 3 Tage ganz sein. Sonst setzt eine schnelle Gewöhnung ein. Selbstverständlich schafft man das nur, wenn die Beschwerden nicht zu groß sind und man die notwendige Disziplin im Umgang mit Lorazepam hat. Und es braucht natürlich einen Arzt, der seinem Patienten nicht einfach Rezept für Rezept in die Hand gibt.

    • GoJoRow

      @Il_Leopardo:

      Wer es nicht braucht, lässt die Finger davon.

      Wer keine Herztransplantation braucht, lässt davon auch die Finger, möchten Sie dafür und für vieles andere auch die Liste der Nebenwirkungen aufzählen?

      Es ist tatsächlich nichts anderes als im Artikel beschrieben. Bei psychischen Erkrankungen soll man oder wollen manche unbedingt heldenhaft ohne auskommen.

      Ich würde die Finger davon lassen, wenn man bloß normal traurig, erschöpft oder ängstlich ist. Oder mit anderen Mittel gesundet. Nicht leichtfertig nehmen, aber die gibt es ja auch nicht wie Bonbons im Supermarkt.

      Wer schwer krank ist, nimmt verfügbare Medizin.

      In keinem anderen Bereich wird entweder so eine moralische Keule geschwungen "Ich hab das ganz ohne geschafft" oder wie gerade hier ausschließlich auf die Nebenwirkungen geschaut.

      Ich würde die Finger vom Bein amputieren lassen. Hat ganz schlimme Folgen.

      Sagt jeder, mit Ausnahme von dem, der ansonsten an Blutvergiftung stirbt oder so.

      Es kommt doch immer darauf an, ob man ein Medikament braucht! Das Leiden mit den Konsequenzen oder dem Risiko für Nebenwirkungen abwägen.

      Viele sind viel kränker als das, was Sie aufgezählt haben. Da nimmt man die Pillen dann.

      • Il_Leopardo

        @GoJoRow:

        Selbstverständlich muss jeder Patient für sich selbst entscheiden - nach Rücksprache mit den Ärzten. Die größte Furcht war bei mir wohl die, dass sich mein Wesen über diese Medikamente verändert - ich nicht mehr ich selbst bin. Deshalb ertrug ich meine damaligen erheblichen Stimmungsschwankungen, die mich als milde Form mein ganzes Leben begleiteten. Ich konnte dies wohl auch, weil ich wusste, dass meine Psychoanalyse bald beginnen würde. Bis zur ersten Corona-Impfung fanden diese Sitzungen übrigens am Telefon statt, was aber, ich hätte es nicht für möglich gehalten, durchaus funktioniert. Dies lag wohl auch daran, dass ich die Therapeutin von einer früheren Behandlung her kannte. Nach der ersten Impfung ging es dann face-to-face weiter.

  • Flix

    Mir ist völlig unklar, warum Antidepressiva verteufelt wurden und zum Teil heute noch werden. Ohne deren Einsatz würden Millionen Menschen an ihrer Depression zu Grunde gehen, nicht zu vergessen die mitbetroffenen Angehörigen.

    • Dreja

      @Flix:

      Wenn so viele Menschen an Depressionen zugrunde gehen würden, ohne Tabletten zu nehmen, dann stimmt doch was gehörig mit der Gesellschaft nicht. Das ist jetzt nichts Neues für mich, aber die Lockerheit, mit der wir die Symptome der katastrophalen Lebensumstände unserer Zeit mit Medikamenten kaschieren oder ausgleichen sollen, ist in sich eine eigene Katastrophe. Wo bleibt da die Perspektive?

      • Deep South

        @Dreja:

        Depression ist eine schwere Erkrankung. Und wie bei allen anderen Kranheiten gibts dafür eine Medikation bzw. Therapie, egal ob diese natürlich Ursachen hat oder gesellschaftlich ist. Keiner bei Verstand kommt auf die Idee, Medikation bei Krebs, Herz/Kreislauf Erkrankungen, Parkinson, Diabetis, etc. verteufeln.

    • GoJoRow

      @Flix:

      DANKESCHÖN!

      mir scheint der Grund zu sein, dass viele psychische Erkrnkungen immer noch mit "ist nicht gut drauf", "macht sich zu viele Gedanken", "hat zu viel Stress" gleichsetzen, und dann glauben, das ginge mit bisschen zusammenreißen und mehr austüruhen auch "weg".

      Es ist ja ein breites Feld und weites Spektrum.

      Sollte unstrittig sein, dass man die Medikamente nicht wie Bonbons einschmeist, aber wir können echt dankbar sein, dass wir sie haben für alle, die sie brauchen.

  • T-Rom

    Aus fachlicher Sicht kann ich sagen, dass Antidepressiva ein wichtiger Baustein der Therapie sein können. Insbesondere um Patienten/innen erst einmal soweit "ins Gleichgewicht" zu bringen, so dass sie einer Psychotherapie zugänglich sind. Eine Dauermedikation muss jedoch aufgrund der Nebenwirkungen immer sorgfältig abgewogen werden, beispielsweise nutzt sich die Wirkung häufig mit der Zeit ab und es gibt bei einigen Wirkstoffgruppen auch medizinische Risiken (zB ein erhöhtes Risiko von Demenzerkrankungen). Das gilt ebenfalls für "off-label" Anwendung, zB in der Schmerz- oder Schlaftherapie,

  • shitstormcowboy

    Ich habe miterlebt wie ein Freund in eine schwere Psychose geglitten ist. Selbstverschuldet, ja schon, dennoch, man muss doch was tun ... Wir haben lange und oft über whatsapp miteinander - ja was - zu tun gehabt. Und es war oft nötig ihn zu beschwören: Halt durch. Heute schreibt er: Es geht mir bombig. Das richtige Medikament in der richtigen Dosierung war gefunden. Jetzt kommt er wieder zurecht, in der Welt in der er steckt. Zunächst! Die Welt in der wir alle stecken macht uns krank und wir können ihr nicht entfliehen, nirgendwohin. So helfen manchmal nur noch Medikamente. Ist das vom Teufel? Ja schon, aber man kann damit überleben.

    • Martin Rees

      @shitstormcowboy:

      "Das richtige Medikament in der richtigen Dosierung war gefunden. Jetzt kommt er wieder zurecht, in der Welt in der er steckt. Zunächst..."



      Die Gretchen-Frage ist beim "Einstieg", wer was wann in welcher Situation und Dosierung verschreibt.



      Bei focus.de:



      "Die Verschreibungspraxis aufgrund der langen Wartezeiten für einen Termin bei Psychiater/Psychiaterin oder Psychotherapeut/Psychotherapeutin ist auch kritisch zu sehen. Vor allem bei Jugendlichen ist der Antidepressiva-Konsum stark angestiegen. Eine Depression, insbesondere mit stärkerem Ausprägungsgrad, muss von psychotherapeutischen oder psychiatrischen Fachpersonen behandelt werden."



      www.focus.de/gesun...-ac380b809b58.html



      Einige, vielleicht viele Hausärzt:innen als primäre Anlaufstelle haben somit Lotsen- und Wächterfunktion zugleich.

    • rero

      @shitstormcowboy:

      Wer eine ne Psychose hat, bekommt als Hauptmedikament typischerweise Antipsychotika.

      Antidepressiva höchstens ergänzend.