Zapfenstreich in Berlin: Eine Frage der Symbolik

Als militärisches Ritual lässt der Zapfenstreich kaum Raum für Ambivalenz. Die Kritik von Linken und Kirchen ist nicht falsch. Doch was ist die Alternative?

Soldaten stehen in Reihen zusammen

Würdigung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr am 13.10.2021 Foto: Sebastian Wilke/BMVG/reuters

Jetzt ist Deutschlands Afghanistan-Krieg richtig vorbei. Am Mittwoch haben ihn Bundeswehr und Politik in Berlin symbolisch noch einmal beendet. Fackeln, Märsche, Strammstehen: Mit militärischen Ritualen hat der Staat die beteiligten Sol­da­t*in­nen geehrt. Fast schon rituell ist auch die dazugehörige Kritik von links, in der der Zapfenstreich als Relikt aus vordemokratischen Zeiten abgelehnt wird. Diese Kritik ist nicht falsch, wirft aber eine neue Frage auf: Was ist die Alternative?

Eine symbolische Würdigung eines solchen Einsatzes muss sein, egal, wie man ihn politisch bewertet. Die klare Mehrheit der Bundestagsparteien hat ihn beschlossen, die Bundeswehr war im Auftrag der deutschen Gesellschaft in Afghanistan. Sie hatte dort die größte Aufgabe ihrer Geschichte zu bewältigen. Die Sol­da­t*in­nen haben Risiken auf sich genommen und Leid erfahren, auch wenn sie damit bei Weitem nicht die Einzigen waren.

Der Durst deutscher Sol­da­t*in­nen nach Ehrerbietung wirkt oft befremdlich. Im konkreten Fall ist der Wunsch nach einer grundsätzlichen Anerkennung aber verständlich. Wichtig ist diese Anerkennung gerade auch wegen des Scheiterns des Einsatzes: Viele Sol­da­t*in­nen fragen sich, wofür sie in Afghanistan eigentlich Opfer gebracht haben. Diese Sinnsuche birgt die Gefahr einer Abwendung von den demokratischen Parteien, die den Auftrag zum Krieg erteilt haben. Das Rechtsextremismusproblem der Armee könnte langfristig noch wachsen.

Das Problem am Zapfenstreich ist aber: Als militärisches Ritual lässt er kaum Raum für Diskurs und Ambivalenz. Er soll zusammenschweißen – neben Dank und Anerkennung bleibt in so einem Rahmen kaum Platz für Kritik und Selbstkritik.

Ein ziviler Festakt könnte das eher leisten. Und er würde den Sol­da­t*in­nen vielleicht auch mehr von dem öffentlichen Interesse bescheren, das sie sich wünschen. Für die postmilitärische Gesellschaft wäre der Zugang zumindest leichter als zu einem Fackelmarsch, den sie am Ende doch eher als Kuriosum wahrnimmt – selbst wenn er vor dem Bundestag stattfindet und live in der ARD läuft.

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Geboren 1988, arbeitet seit 2013 für die taz. Leitet das Ressort Inland und schreibt unter anderem über deutsche Außen- und Verteidigungspolitik. Hat davor Politikwissenschaft studiert und an der Deutschen Journalistenschule gelernt.

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