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Wahl in Armenien42 Kilometer Fragezeichen

In Armenien soll ein Transitkorridor gebaut werden, um das verfeindete Aserbaidschan mit der Exklave Nachitschewan zu verbinden. Sorgt das für Frieden?

Eva Fischer

Aus Jerewan, Meghri, Dschermuk und Jeghegnadsor

Eva Fischer

D er armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan formt seine Hände zu einem Herz und hält sie vor die Brust, seine Finger umrahmen den Umriss Armeniens, der auf seinem Jackett prangt. Im ganzen Land hängt dieses Bild von ihm, an den Fassaden der Plattenbauten, an Bushaltestellen, hoch über den Fernstraßen. Es ist Wahlkampf, am 7. Juni stimmen die Ar­me­nie­r:in­nen über ein neues Parlament ab. Mit dem Slogan „Für Frieden sorgen“ wirbt Paschinjan für seine Wiederwahl – und die Bestätigung seiner Friedenspolitik.

Der ehemalige Journalist regiert seit 2018. Unter ihm näherte sich das Land mit seinen 3 Millionen Ein­woh­ne­r:in­nen der EU an, löst sich von Russland und setzt auf Frieden mit Aserbaidschan. Notgedrungen: Seit der Unabhängigkeit der beiden Postsowjetrepubliken wurde um das zu Aserbaidschan gehörende, aber von Ar­me­nie­r:in­nen bewohnte Bergkarabach erbittert gekämpft – mit zahlreichen Toten und Vertriebenen.

Spätestens seit 2020 war Aserbaidschan in einer militärisch überlegenen Position, 2023 wurden auch die letzten Ar­me­nie­r:in­nen aus Bergkarabach vertrieben. Die aserbaidschanischen Aggressionen gegen seinen unterlegenen Nachbarn hörten aber nicht auf.

Im vergangenen Jahr einigten sich Jerewan und Baku, vermittelt von US-Präsident Donald Trump, auf ein noch nicht unterzeichnetes Friedensabkommen – und auf die Einrichtung eines Transportkorridors im Süden Armeniens, um das aserbaidschanische Kernland mit seiner Exklave Nachitschewan zu verbinden.

Die Trump-Route

Der Name: „Tripp“, das Akronym von „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (Deutsch: Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand). Dieser rund 42 Kilometer lange Transitkorridor – geplant sind Straßen, Eisenbahn, Glasfaserkabel und Pipelines – soll für 49 Jahre an die USA verpachtet werden, mit der Möglichkeit einer Verlängerung für weitere 50 Jahre. 74 Prozent der Mauteinnahmen gehen an die USA, 26 Prozent an Armenien. Der armenische Journalist Boris Navasardjan bezeichnet Tripp als „Kern des Friedensabkommens“.

Denn Hauptgrund der jüngsten aserbaidschanischen Aggressionen gegen Armenien ist ein Korridor nach Nachitschewan, das bislang vor allem über die mit Baku verbündete Türkei versorgt wird.

Das Vorhaben ist auch über den Südkaukasus hinaus geopolitisch relevant: Man würde eine weitere Verbindung von Zentralasien nach Europa schaffen und dabei Russland und Iran als Transitländer umgehen. „Armenien kann ein regionaler Knotenpunkt für neue Handelsrouten werden“, sagte dementsprechend EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Für die EU ist Armenien der neue politische Schlüsselpartner in der Region.

In der südarmenischen Stadt Meghri im Grenzgebiet zu Iran lächelt Paschinjan von der Hauswand neben einem Fußgängertunnel. Um die Ecke führt die 61-jährige Satik Harutyunyan seit 2008 das Women’s Resource Center. Sie hilft Frauen, sich wirtschaftlich zu emanzipieren: durch Schulungen, Networking und Beratungen.

Harutyunyan erzählt, dass am Vortag Verwandte aus Jerewan angerufen und gefragt hätten, ob die Menschen Meghri verlassen würden. „Es kursieren viele Geschichten rund um den geplanten Korridor, über mögliche aserbaidschanische Angriffe, dass Meghri aufgegeben werde. Aber all das wird auch schon seit Mitte der 1990er erzählt“, sagt sie. In dem 5.000-Seelen-Ort kenne jeder jeden, viele Ein­woh­ne­r:in­nen bauten Häuser und glaubten an eine positive Zukunft. „Aber letztlich wissen wir nicht, was hier passiert“, so Harutyunyan. „Sollte Tripp tatsächlich Frieden bringen, kenne ich niemanden, der dagegen wäre“, fügt sie hinzu.

Aussichtspunkt am Grenzfluss

Rund zwei Kilometer südöstlich schlängelt sich der schlammbraune Grenzfluss Aras durch ein Tal. Auf armenischer Seite gibt es einen öffentlich zugänglichen Aussichtspunkt. Auf zahlreichen Bänken kann man Platz nehmen, sich Kaffee am Automaten holen, eine große armenische Flagge flattert im Wind. Unten am Hang überwuchert Gras die Reste der einstigen Sowjet-Bahnstrecke. Neben dem Aussichtspunkt verläuft eine schmale Straße, die, je näher man sich Aserbaidschan oder Nachitschewan nähert, nur noch aus Asphaltresten und Schotter besteht. Hier soll Tripp entstehen.

Doch wie soll das Ganze aussehen? Ein Transitkorridor als isoliertes Areal, abgetrennt durch eine Mauer? Was ist mit Armenier:innen, die diese Straße nutzen wollen, um in die Nachbarorte zu gelangen? Was, wenn Aserbaidschan Militär über die Straße nach Nachitschewan verlegen will? Und überhaupt: Wer soll für den Bau bezahlen? US-amerikanische Investoren? Die Europäer? Die Chinesen? Auf all das gibt es bislang keine Antworten.

Dementsprechend äußert sich in Umfragen rund die Hälfte der Ar­me­nie­r:in­nen ablehnend zu dem Korridor. Nur ein Fünftel glaubt, dass Tripp den lang ersehnten Frieden bringen könnte.

Das macht sich die Opposition zunutze. Der größte Kontrahent von Paschinjans Partei Zivilvertrag ist das 2025 gegründete Starke Armenien von Samwel Karapetjan, der als Gefolgsmann von Russlands Präsidenten Wladimir Putin gilt. Der Geschäftsmann, der sich öffentlich skeptisch zu Tripp äußert, besitzt laut Forbes ein Vermögen von 4,1 Milliarden Dollar.

Der Oligarch und seine Leute

Seine Tashir Group ist einer der größten Immobilienbesitzer in Russland, auch Energiebeteiligungen am armenischen Stromnetz gehören zu seinem Portfolio. Der Oligarch hat neben der armenischen auch die russische und die zyprische Staatsbürgerschaft. Deshalb kann er in Armenien nicht Premier werden, noch nicht einmal Abgeordneter, denn das dürfen nur Po­li­ti­ke­r:in­nen mit ausschließlich armenischer Staatsangehörigkeit.

Aber er hat seine Leute. Drei von ihnen empfangen in der Parteizentrale in Jerewan – im dritten Stock der armenischen Firmenzentrale der Tashir Group. Weiße Treppen in Marmoroptik führen nach oben, es geht vorbei an Fluren mit goldumrandeten Glastüren.

„Wir stehen nicht unter dem Einfluss eines anderen Landes“, versuchen sie gleich zu Beginn des Gesprächs das Thema Russlandnähe vom Tisch zu wischen. „Tripp als reines Infrastrukturprojekt ist zu begrüßen, aber jedweder Souveränitätsverlust ist nicht akzeptabel“, sagt Lilia Shushanyan, eine von den dreien. Prinzipiell bräuchte man noch mehr Details darüber, was Tripp eigentlich bedeute.

Dschermuk, ein Kurort 170 Kilometer südöstlich von Jerewan: Hier bedeutet Tripp für die Einwohner:innen, dass sie in Sicherheit sind. Im September 2022 wurde die Stadt von aserbaidschanischen Streitkräften massiv beschossen. Zum Ersten griff Baku souveränes armenisches Staatsgebiet an.

Dadurch wurde deutlich: Aserbaidschan ging es nicht nur um eine komplette Rückeroberung Bergkarabachs, sondern auch um eine Verbindung nach Nachitschewan. Denn Dschermuk liegt dort, wo die Distanz zwischen dem aserbaidschanischen Kernland und seiner Exklave am geringsten ist: rund 25 Kilometer. Mit einem Durchbruch könnte Aserbaidschan dort die südliche armenische Region Sjunik vom Rest des Landes abspalten.

Zwischen Furcht und Hoffnung

Im Sommer 2024, rund zwei Jahre nach dem aserbaidschanischen Angriff, wirkte Dschermuk trotz Hauptsaison wie eine Geisterstadt. Niemand auf den Straßen, die Seilbahn außer Betrieb, die Einschusslöcher an der Station noch immer erkennbar, die Hotels allein von Di­plo­ma­t:in­nen gebucht. Nun, wiederum zwei Jahre später, sind die Einschusslöcher verschwunden, die Seilbahn fährt wieder, Tou­ris­t:in­nen posieren an Aussichtspunkten für Selfies. Die Lage habe sich beruhigt, heißt es vor Ort. Durch Tripp sei Dschermuk nicht mehr im militärischen Fokus Aserbaidschans.

Rund 50 Kilometer Fahrstrecke entfernt in der Stadt Jeghegnadsor: Der Mitarbeiter eines Barbershops steht für eine Raucherpause vor dem Laden. Seinen Namen möchte er nicht nennen. 2020 zog er freiwillig mit in den 44-Tage-Krieg um Bergkarabach. Er wolle keinen Frieden, sagt er. „So viele sind gestorben, für was? Damit Aserbaidschan am Ende doch der Gewinner ist?“ Er glaubt nicht daran, dass sich Aserbaidschan an einen Friedensvertrag halten würde. Diese Befürchtung teilen viele Armenier:innen, aber auch internationale Expert:innen: Dass Tripp am Ende das Einfallstor Bakus sein könnte, um Armenien vom Süden aus einzunehmen.

Ein paar Tage später: Panzerwagen rollen durch die Straßen von Jerewan, Raketenwerfer sind zu sehen, Luftabwehrraketen, Kampfdrohnen. Armenien hält zum ersten Mal seit zehn Jahren eine Militärparade ab und präsentiert, was es sich aus Russland, Frankreich, Indien und Iran zusammengekauft hat. An jenem Tag postet Paschinjan auf Instagram ein Reel, wie er zwischen Militärfahrzeugen hindurchläuft, mit Sol­da­t:in­nen redet und den jubelnden Zu­schaue­r:in­nen ein mit den Händen geformtes Herz entgegenstreckt.

Laut jüngster Umfragen gilt es als sicher, dass er wiedergewählt wird. Er wird seinen Friedenskurs fortsetzen, die ersten Baumaßnahmen für Tripp sollen bereits in diesem Jahr beginnen. Trotz all der Fragezeichen geben sich Kenner der Region zuversichtlich, dass Tripp tatsächlich einen seit Dekaden andauernden Konflikt beenden könnte. Und die Menschen aus Meghri? Satik Harutyunyan fasst es so in Worte: „In jedem Fall ist eine Straße eine gute Sache.“

Transparenzhinweis: Die Recherche zu diesem Artikel wurde durch die Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht.

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