Geopolitik im Kaukasus: Zwischen allen Stühlen
Armenien strebt nach Westen, doch wird bisher fest von Russland umklammert. Es bahnt sich ein Machtspiel zwischen Washington, Brüssel und Moskau an.
Armenien ist erst sehr spät auf dem Radarschirm der Europäischen Union erschienen – aufgeschreckt von Donald Trump. Im August 2025 lud der US-Präsident die Regierungschefs der verfeindeten Nachbarn, des einst armen Armenien und des öl- und gasreichen Aserbaidschan, ins Weiße Haus ein. Dort brachte er sie einem Friedensvertrag näher.
Ergebnis war die „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP). Diese neue Transitroute soll die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion durch Armenien mit dem Kernland Aserbaidschan verbinden und den Verkehr weiter nach Westen lenken.
Am 9. Februar reiste JD Vance dann als erster US-Vizepräsident nach Armenien. Er brachte ein Abkommen zur zivilen Nuklearzusammenarbeit mit – ein Bereich, den Russland bisher dominierte. Zudem versprach er Lieferungen von Nvidia-Chips und US-Drohnentechnologie.
Seither herrscht ein Gerangel um Macht und Einfluss im Kaukasus. Und vor allem der Kreml reagierte mit Handelskrieg und massiven Drohungen.
Putins Drohungen vor der Wahl
Amanda Paul vom industrienahen European Policy Centre sprach von einem „amerikanischen Power Play im Kaukasus“. Denn Vance war auch in Aserbaidschan, um dort ebenso eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit und strategische Partnerschaft zu etablieren.
Im Mai fand in Jerewan dann der Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft statt, ein Zusammenschluss von EU- und Nicht-EU-Ländern. Gleichzeitig trafen sich erstmals Vertreter der EU und Armeniens zu einem Gipfel. Die EU signalisierte damit ihre Unterstützung für den prowestlichen Kurs von Premierminister Paschinjan.
„Der wachsende Einfluss des Westens stellt eine Herausforderung für die traditionelle Vorherrschaft Russlands in Armenien und der gesamten Region dar“, so Analystin Paul. Russland habe darauf mit „massiven Maßnahmen, darunter Desinformationskampagnen“, reagiert. Präsident Putin forderte Paschinjan auf, die Wahl zu einem Referendum über die EU oder die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) zu machen.
Die EAWU, ein Binnenmarkt mit Zollfreiheit, umfasst Russland, Kasachstan, Belarus, Kirgisistan und Armenien. Für Armenien bleibt die Mitgliedschaft wichtig, da 35,3 Prozent der Exporte und 36 Prozent der Importe mit Russland abgewickelt werden. Doch Moskau erhöhte den Druck: Russische Behörden blockierten wegen angeblicher „Hygienemängel“ die Einfuhr von Mineralwasser, Wein, Blumen und Obst.
Verbindungsstraße unter Umgehung Russlands geplant
„Die jüngsten Beschränkungen Russlands gegen Armenien sind nichts anderes als wirtschaftliche Nötigung, und das ist inakzeptabel“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen noch vor der Wahl. „Wir kennen dieses Vorgehen nur zu gut.“ Brüssel stellte ein Soforthilfeprogramm über 50 Millionen Euro bereit und versprach neue Märkte für armenische Produkte, vor allem Blumen.
Bis zur 2018 vom gerade wiedergewählten Paschinjan angetriebenen „Samtenen Revolution“ war Armenien fest an Russland gekoppelt – durch eine russische Militärbasis dort und die nahezu vollständige Energieabhängigkeit. Russische Truppen griffen bei der Eroberung der armenisch besiedelten Exklave Bergkarabach durch Aserbaidschan 2023 nicht ein. Und Moskau droht mit einem Lieferstopp von Öl und Gas im Falle von Jerewans weiterer EU-Annäherung.
Das westliche Werben hat einen strategischen Grund: den Mittleren Korridor. So wird eine geplante Verbindungslinie zu Wasser, auf Schiene und Straße von Asien über den Kaukasus bis Europa (über die Türkei und Georgien) genannt – unter Umgehung Russlands. „Das von den USA vermittelte Friedensabkommen mit Aserbaidschan eröffnet Armenien als Brückenland am Mittleren Transportkorridor große wirtschaftliche Chancen“, sagte Katrin Kossorz von der deutschen Außenwirtschaftsagentur gtai.
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Armenien, reich an Rohstoffen und wachsend im IT-Sektor, zieht nicht nur EU und USA an, sondern auch China und die Vereinigten Arabischen Emirate. Seit der „Samtenen Revolution“ wächst die Wirtschaft – mit Ausnahme des Coronajahres 2020 – stark. 2022 erreichte das Wachstum 12,6 Prozent. Die vor Putins Krieg in der Ukraine aus Russland geflohenen Menschen brachten nach Armenien Geld und gute Jobs im Homeoffice oder eigene Unternehmen mit. Auch 2025 brachte mit 7,2 Prozent ein stärkeres Wachstum als prognostiziert.
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