Teilmobilmachung in Russland : Katapultiert in die Realität
Russlands Machthaber Putin will Angst verbreiten. Es ist eine Verzweiflungstat – und eine Chance für die Ukraine.
I n den vergangenen knapp sieben Monaten bestand eine Art Vertrag zwischen dem Kreml und der Mehrheit der russischen Bevölkerung. „Ihr unterstützt uns bei unserer Spezialoperation und könnt weiter einen ruhigen Alltag fernab davon leben“, lautete dieser aus der Sicht des offiziellen Moskaus.
Viele in Russland nahmen diesen Vertrag für bare Münze und taten so, als ginge sie der Krieg nichts an. Als geschähen die Gräueltaten in ihrem Nachbarland nicht in ihrem Namen. Siegessicher, ja fast siegestrunken wiederholten sie die von der Propaganda gesetzten Sätze: „Die Kraft liegt in der Wahrheit! Der Sieg wird unser sein! Weil wir Russen sind!“
Die von Präsident Wladimir Putin ausgerufene Mobilmachung, und sei sie nur eine teilweise, katapultiert die Befürworter*innen, die die „Spezialoperation“ im Fernsehen bisher von ihrem Sofa aus betrachteten, in die Realität. Nun müssen eventuell auch ihre Söhne, ihre Ehemänner, ihre Töchter in den Kampf. Doch die unvorbereiteten Reservist*innen in den Tod schicken, das will kaum einer.
300.000 Reservist*innen ist eine beeindruckende Zahl. Die erneuten Drohungen des russischen Präsidenten mit den Atomwaffen scheinen noch bedrohlicher. Putin beherrscht die Kunst des Angstmachens – und zeigt damit doch, was für eine Verzweiflungstat die jüngste Schaffung von Fakten ist. Durch die Scheinreferenden, die Russland in den besetzten Gebieten in der Ukraine abhalten lässt, soll der Eindruck erweckt werden, alles geschehe unter dem freien Willen eines Volkes.
Ukrainer*innen haben die Angst verloren
Doch welchen Volkes? Die Gebiete, die Russland für sich beansprucht, sind weiterhin teils unter der Kontrolle der Ukraine. Viele Menschen sind geflohen, andere der Herrschaft der russischen Armee unterworfen. Selbst nach russischem Recht müsste ein Referendum zwei Monate lang vorbereitet werden. Nun geschieht alles in Eile, damit Moskau seine Erzählung füttern kann, die Nato greife mit den Händen der Ukrainer Russland an und die Integrität Russlands müsse verteidigt werden. Es ist die Mär, die Russland selbst geschaffen, selbst gepflegt und letztlich selbst entlarvt hat.
Die Ukrainer*innen haben längst jegliche Angst und jegliche Achtung vor dem einst gefürchteten Russland verloren. Putins Panik ist ein Momentum für Kiew. Moskau wird auf die Schnelle keine Hunderttausende Soldat*innen stellen können. Die Reservist*innen müssen erst einberufen, geschult und zu Brigaden zusammengestellt werden.
Das kostet Zeit. Zeit, die die Ukraine nutzen muss – mitsamt ihren Partnern, die sich aus der Angststarre lösen sollten. Anders als mit Stärke ist mit Russland, das beweist Putin mit jeder seiner Reden, nicht umzugehen.
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