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Streit über GesundheitsreformKein Geld fürs Patriarchat

Marie Frank

Kommentar von

Marie Frank

Die Koalition einigt sich bei der Krankenkassenreform. Ausgerechnet die SPD hatte im Vorfeld ein unfeministisches Vorhaben kritisiert.

Die Sparpläne von Nina Warken (CDU), Bundesministerin für Gesundheit, kamen nicht bei allen gut an Foto: Michael Kapeler/dpa

D ie Krankenkassenreform, die am Mittwoch beschlossen werden soll, sorgte lange für Streit in der Koalition. Nicht nur, weil die Sparpläne von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine soziale Schieflage aufweisen und insbesondere gesetzlich Versicherte zur Kasse gebeten werden, während Pharmafirmen und Arbeitgeber glimpflicher davonkommen. Jetzt haben sie sich offenbar weitgehend geeinigt.

Widerstand kam von der SPD ausgerechnet bei der geplanten Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung von Ehe­part­ne­r:in­nen, sprich in der Regel von Ehefrauen. Große Teile der SPD kündigen Widerstand an – und bliesen damit ins selbe Horn wie CSU und AfD, die darin einen Angriff auf das traditionelle Familienbild sehen.

Dabei ist die Idee, nicht berufstätige Ehe­part­ne­r:in­nen nicht mehr kostenfrei mitzuversichern, genau richtig. Auch wenn hierdurch nicht allzu viel Geld eingespart werden wird, würde die Abschaffung dazu beitragen, Gesellschaft und Gesundheitssystem ein wenig gerechter und feministischer zu machen. Denn durch das bisherige System wird das patriarchale Familienkonstrukt „Hausfrauenehe“ gefördert. Dabei sollte der Fokus auf der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt liegen. Ein Job macht Frauen unabhängiger von Männern und verringert Altersarmut. Warkens Pläne stellen auch keine Bestrafung von Care-Arbeit dar, weil Menschen, die kleine Kinder betreuen und Angehörige pflegen, weiterhin mitversichert sind.

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Wollte die SPD nicht wieder verstärkt die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertreten? Die hat durch die Gesundheitsreform nämlich ganz andere Probleme: höhere Zuzahlungen für Medikamente und Krankenhausaufenthalt, weniger Gesundheitsleistungen. Wer wirklich etwas zum Schutz von Familien tun will, sollte hier ansetzen und eine Reform umsetzen, die strukturelle Probleme angeht und große Vermögen nicht verschont, etwa durch eine solidarische Bür­ge­r*in­nen­ver­si­che­rung. In die sollten alle, also auch Beamte, Abgeordnete und Minister:innen, einzahlen.

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Marie Frank
Redakteurin
Redakteurin bei der taz mit Schwerpunkt soziale Bewegungen, Migration, Klassenkampf und soziale Gerechtigkeit. Hat politische Theorie studiert, ist aber mehr an der Praxis interessiert.
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14 Kommentare

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  • Ich bin für die Aufteilung des Gesundheitssystems in Grundkosten für die Infrastruktur (Krankenhäuser, Praxen, Rettungsdienste, ...) und die Kosten für die konkrete Versorgung der Patienten. Ersteres sollte mit einem bestimmten Prozentsatz des Einkommens und Kapitalerlösen finanziert werden, zweiteres durch die GKV und PKV. Dann hört auch das ewige "aber Privatpatienten finanzieren doch die Praxen, die gesetzlich Versicherte dann auch nutzen" auf. Insbesondere wird die Grundinfrastruktur aber von breiteren Schultern getragen.

  • Die Reform ist bestenfalls halbherzig. An der Ausgabenseite wird kaum etwas verbessert. Stattdessen werden auf der Einnahmenseite neue Quellen erschlossen. Aber selbst da: halbherzig. Wenn schon die Beitragsbemessungsgrenze neu festlegen, warum nicht bei - sagen wir - 250.000 Euro. Das wäre ein großer Schritt in Richtung Bürgerversicherung und würde massenweise einkommensstarke Arbeitnehmer in die GKV zwingen, weil sie sich nicht länger aussuchen dürften, in die PKV zu gehen. Aber das traut sich die Ministerin nicht, denn diese Gehaltsklasse ist ihre eigene Klientel.

  • taz: *Wollte die SPD nicht wieder verstärkt die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertreten?*

    Vielleicht wollte die SPD das ja tatsächlich, aber Merz, Linnemann und Spahn wollen das nun einmal nicht. Der Steigbügelhalter von Merz soll auch keine Politik machen, sondern nur alles brav abnicken, was die Merz-Union will.

    Die Merz(CDU)/Söder(CSU)/Klingbeil(SPD)-Koalition treibt nur noch die kleinen Bürger vor sich her, während die Reichen in diesem Land immer reicher werden.

  • Und wenn frau sich einfach selbst entscheidet, wie viel sie wirklich arbeiten muss und möchte? Nur so als Gedanke.

  • Bei allen Fehlentwicklungen muss man nur lange genug suchen, dann findet man bestimmt wieder die Wurzel allen Übels: das Patriarchat. Wobei ich mich frage, ob es Frauen wirklich vorziehen, dass Feministinnen ihnen diktieren wollen, wie sie ihr Leben zu führen haben.

  • Statt "unfeministisch" dürfte in der Subline "urfeministisch" gemeint sein.

  • Ja ja, es kann, vor allem für Frauen, kein größeres Glück geben, als kapitalistisch verwertbarer Lohnarbeit nachzugehen....

    Das haben wir gut verstanden.

    • @Breitmaulfrosch:

      Und das auch noch in paramilitärischen Strukturen, strengen Hierarchien wie sie, vom Konzern bis zum Handwerksbetrieb, überall in der Wirtschaft dominieren



      .



      Hier auf Instagram www.instagram.com/...h=M2R6cGhwNnRzaHFk diskutiert Jameela Jamil ihre interessante Beobachtung, dass je weniger Männer in Kontakt zu ihrer femininen Seite seien, sie zu Jobs in autoritären Strukturen neigten: "obedient and submissive jobs like be in the army or follow orders from another man"



      .



      "Kapitalistisch verwertbare Lohnarbeit", schreiben Sie - hinzu kommt, dass damit eine Wachtumsideologie einhergeht, die maßgeblich auf Ausbeutung, Zerstörung der Natur basiert, Raubbau zu Gunsten einer Konsumgesellschaft, die letztlich immer sinnloser freidreht.



      .



      Dass CSU und AfD in der Abschaffung der Mitversicherung einen Angriff auf das traditionelle Familienbild sehen, sollte den Blick nicht darauf verdecken, dass eine Gesellschaft am Ende ist, wenn alle nur noch in diesem Teufelskreis von Konsum und Produktion auf Kosten der Umwelt festhängen - dass es immer noch überwiegend Frauen sind, die zu Hause bleiben, sollte sich ändern



      .



      Statt die, die das tun, per Erpressung davon abzuhalten.

  • Hab mich nun extra mal registriert, um das kommentieren zu können.

    Ich wundere mich immer, wie Frauen anderen Frauen gegenüber derart radikal feindselig sein können. Nicht alle Frauen sind jung. Nicht alle haben noch das halbe Leben vor sich und die Gelegenheit, frühere Lebensentscheidungen zu korrigieren. Viele stecken fest in einem Leben, das sie gewählt haben in festem Vertrauen auf andere. Den Partner, die Kinder, und ja, auch den Staat. Das sind die Verlierer dieser Reformen, und die sollen dann eben mal so Kollateralschaden sein?

    Die Entwertung der Lebenleistung von Frauen spricht nicht gerade für ein liebevolles und tolerantes Verhältnis zu den Gechlechtsgenossinnen. Linke Erziehungsarbeit eben, statt sich für die faire Entlohnung von Carearbeit einzusetzen. Ja, auch von erziehenden Männern.

    Aber immerhin, ich habe das nun verstanden:

    Patriarchat ist, wenn Männer Frauen sagen, wie sie zu leben haben. Feminismus ist, wenn Frauen Frauen sagen, wie sie zu leben haben. Danke nein. Nicht so!

    • @how it goes:

      „ Patriarchat ist, wenn Männer Frauen sagen, wie sie zu leben haben. Feminismus ist, wenn Frauen Frauen sagen, wie sie zu leben haben. “

      Treffer, versenkt.

      Aber nicht gewonnen, weil es noch ein paar mehr Facetten gibt.

  • Ist es denn ein Anreiz zu arbeiten, wenn man die finanzielle Situation einer Personengruppe verschlechtert? Ich sehe hier eher Parallelen Bürgergeldreformen, in den man versucht, Menschen durch Sanktionen zum arbeiten zu bringen, anstatt Arbeitsbedingungen zu verbessern und so Anreize schafft. In meinem persönlichen Fall zum Beispiel teilen meine Frau und ich 50/50 die care Arbeit. Aufgrund unserer Berufe können wir aber nicht beide gleichzeitig arbeiten, solange wir Kinder haben, die nicht komplett alleine für sich sorgen können, sprich volljährig sind. Diese neue Regelung würde uns finanziell das Genick brechen und am Ende, zumindest in unserem speziellen Fall, wieder die alte traditionelle Aufteilung fördern, da wir es uns dann einfach anders nicht leisten können.

    • @Eberhardt Eberhart:

      Stimmt, der Vergleich mut der Bürgergeldreform drängt sich auf.

  • Wenn die wenigen verbliebenen SPD-Wähler auch noch ihre Ehefrau versichern müssen, rutscht die SPD noch früher unter die 5%-Grenze.

  • Die größte Ungerechtigkeit, die die SPD in erster Linie zu verantworten hat, ist, dass die Unterfinanzierung der Krankenkosten



    der Grundsicherungsempfänger den “alleinerziehenden Krankenschwestern, Verkäuferinen und Dachdeckern“, also den



    klassischen GKV-Zahlern anstatt den Steuerzahlern auferlegt wird.



    Dabei nimmt die SPD doch für sich in Anspruch, genau für die genannten Berufsgruppen für „Soziale Gerechtigkeit“ zu kämpfen.