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Russlands Überfall auf die Ukraine20 Tote pro erobertem Quadratkilometer

Russlands Verluste und Kosten im Ukraine-Krieg sind kolossal. Erstmals räumt nun der Verteidigungsminister die direkten Kriegskosten ein.

Patrouille in Donezk. Das Foto wurde auf einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommen Foto: ap/dpa

Zwei Tage vor Neujahr nahm Russlands Herrscher Wladimir Putin im Kreml die Erfolgsmeldungen seiner Generäle entgegen: 6.640 Quadratkilometer Territorium und 334 Ortschaften hätten seine Truppen innerhalb eines Jahres eingenommen, teilten die Epaulettenträger mit. Nur: Diese Zahlen sind, wie auch die von russischen Kommandeuren behaupteten Einnahmen stark umkämpfter ukrainischer Städte, nicht wahr.

2025 waren die Verluste für den Kreml so hoch wie nie seit Beginn der Vollinvasion am 24. Februar 2022: Da statt Panzern jetzt Soldaten zu Fuß eingesetzt werden, und dies unter gegenseitiger intensiver Beobachtung durch Drohnen, ist der Blutzoll ungleich höher. Mindestens 100.000 russische Soldaten wurden im vergangenen Jahr getötet, wie vom oppositionellen russischen Portal „Mediazona“ ermittelt wurde. Sie werteten Todesanzeigen und Daten von Nachlassgerichten aus.

Die makabre Berechnung ergibt demnach mindestens 20 getötete russische Soldaten pro erobertem Quadratkilometer ukrainischen Landes. Denn die renommierten Analysten von Deep State, die täglich genaue Karten mit dem Kriegsverlauf publizieren, haben detailliert das russische Vordringen dokumentiert. Demnach sind die russischen Streitkräfte auf 4.810 km² vorgerückt im vorigen Jahr, inklusive der knapp 500 km² betragenden Rückeroberung der von der Ukraine zuvor eingenommenen russischen Gebiete um Kursk.

Und der vom Kreml immer wieder, vor allem bei den laufenden Gesprächen um eine Waffenruhe betonte, angeblich erdrückende Vormarsch ist klein im Vergleich: Nach dem Überfall 2022 hatten russische Soldaten bis zur ukrainischen Gegenoffensive fast 62.000 Quadratkilometer erobert.

Die Kosten des Krieges sind für den Kreml kolossal

Der Kreml kontrolliert nach wie vor nur eine der vier ukrainischen Regionen, die im Oktober 2022 als Subjekte der Russischen Föderation in die russische Verfassung aufgenommen wurden, nämlich 99,6 Prozent von Luhansk. Die Oblaste Donezk, Saporischschja und Cherson sind weiter zu einem erheblichen Anteil unter ukrainischer Kontrolle.

Die menschlichen und fiskalischen Kosten des Krieges sind für den Kreml kolossal. Die Gesamtzahl der seit Februar 2022 getöteten Menschen wird auf 190.000 bis 480.000 geschätzt. Laut der russischen Vize-Verteidigungsministerin Anna Ziwiljowa haben 48.000 russische Soldaten zudem den Status „vermisst“.

Auch das dürfte stark untertrieben sein: Vertreter des ukrainischen Projekts „Ich möchte finden“ gaben bekannt, dass sich seit Anfang 2024 mehr als 152.200 Angehörige vermisster russischer Soldaten an sie gewandt haben. Wöchentlich kämen 2.000 Anfragen dazu. Nur zwei Prozent der Gesuchten würden lebend als Kriegsgefangene gefunden.

Russland zahlt nur an die Angehörigen der als „Grus 200“ zurückgebrachten Leichen die versprochen hohen Prämien. Als „Grus 200“ werden getötete Soldaten im Moskauer Militärjargon bezeichnet, übersetzt „Fracht 200“. Umgerechnet 170.000 Euro hatte Putin 2022 den Hinterbliebenen Gefallener versprochen. Unklar ist, wie viel tatsächlich noch gezahlt wird. Inzwischen würden immer mehr vermutlich gefallene Militärangehörige als „vermisst“ registriert, berichten russische Menschenrechtsorganisationen.

Jede Anwerbung kostet im Durchschnitt 24.000 Euro

Denn allein die Rekrutierung neuer Soldaten kostet den Kreml laut den Anwerbungsbüros für Rekruten umgerechnet 24.000 Euro. Pro Monat werden 30.000 bis 35.000 Männer angeworben.

Klarer werden indes erstmals die wahren Kosten des Krieges: Verteidigungsminister Andrej Belousow räumte Mitte Dezember ein, dass die Kosten, die „in direktem Zusammenhang mit der speziellen Militäroperation stehen“, 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrügen, das sind 11,1 Billionen Rubel, umgerechnet 120 Milliarden Euro. Das gesamte Militärbudget betrüge 172,4 Milliarden Euro.

Das oppositionelle russische Internetmagazin „The Insider“ hat noch eine makabre Rechnung: „Allein in der Region Donezk bleiben noch etwa 6.000 km² unter der Kontrolle ukrainischen Truppen. Geht es voran wie 2025, würde ihre Eroberung etwa 1,5 Jahre und 120.000 Soldatenleben kosten.“

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15 Kommentare

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  • Makaber, wie in diesem Bericht und den Kommentarspalten Kriegs-Monopoly gespielt wird.



    Verluste werden verrechnet, Szenarien entworfen, als ließe sich menschliches Leid abstrahieren.



    Angesichts realer oder möglicher Toter halte ich Sprachlosigkeit für angemessener als strategische Gedankenspiele.

    Hannah Arendt warnte davor, Denken von der Realität menschlichen Leidens zu lösen. Genau diesen Eindruck hinterlässt die Debatte hier.

  • Ich weiß, alles mit Vorsicht zu genießen.



    Geht man aber vom ISW aus, so sind die Verluste pro qkm² weitaus höher.



    Laut ISW wurden im Jahr 2025 0,8% Gebietsgewinne für die Russen verzeichnet, bei Verlusten an Soldaten von ca. 430.000 - in einem Jahr.

  • "Geht es voran wie 2025, würde ihre Eroberung etwa 1,5 Jahre und 120.000 Soldatenleben kosten."

    Mal unabhängig davon wie belastbar die Zahlen sind, kann man schon jetzt sagen, dass die zunehmende Automatisierung des Krieges durch die Ukraine, gestützt durch die EU, zu immer höheren Verlusten bei der russischen Armee führen wird. Die Russen mögen zwar technologisch zu gewissem Maße mithalten, aber im Gegensatz zu den ukrainischen Soldaten, werden die russischen durch ihren Führer und seine Generäle gezwungen beständig vorzuruecken.

  • Der Artikel operiert mit scheinbar präzisen Zahlen („x Tote pro Quadratkilometer“), verschweigt aber die Fragwürdigkeit der zugrunde liegenden Quelle. „DeepState“ ist kein neutraler Beobachter, sondern ein ukrainisches OSINT-Projekt mit klarer politischer Verortung im laufenden Krieg. Das ist legitim – muss aber benannt werden.

    Aus unsicheren Frontverlaufskarten und spekulativen Verlustschätzungen mathematische Kennziffern zu errechnen, erzeugt keine Erkenntnis, sondern eine Scheingenauigkeit, die emotionale Wirkung über analytische Seriosität stellt. Solche Zahlen sind weder verifizierbar noch militärisch belastbar.

    Wer diese Daten ohne deutliche Relativierung präsentiert, übernimmt faktisch Narrative einer Kriegspartei und trägt zur Eskalation des Informationskriegs bei – auch wenn das gut gemeint sein mag. Gerade von einer Zeitung, die für kritische Distanz steht, sollte man mehr Quellenkritik und weniger moralische Statistik erwarten.

    • @Zippism:

      Die DeepStateKarte wird von einem über 100-köpfigen Team aus Angestellten und Freiwilligen in Kiew betrieben. Informationen fließen aus Fotos, Videos und Berichten von Frontsoldaten sowie offiziellen Stellen ein. Vor der Veröffentlichung prüft das Team akribisch jedes Detail. Finanziert wird das Projekt durch Spenden und freiwillige Unterstützung.



      Ob auf dieses Projekt 100%iger Verlass ist, vermag ich nicht zu sagen. Es ist aber sicher zuverlässiger als die Angaben aus Moskau.

    • @Zippism:

      Wo haben Sie von DeepState oder OSINT in dem Artikel gelesen? Es werden von Mediazona ermittelte Zahlen benannt.

      Russland führt seinen völkerrechtswidrigen und neo-imperialistischen Krieg unter massivem Verlusten in den eigenen Reihen und kommen dabei kaum voran. Ihre Infragestellung der Exaktheit der Zahlen ändert daran nichts.

  • Die angegebenen Verlustzahlen der Russen halte ich für überhöht. Das Vorgehen der Russen lässt darauf schliessen dass sie sehr vorsichtig sind, und Frontalangriffe usw möglichst vermeiden die mit hohen Verlusten verbunden sind. Das Ziel ist nicht die Eroberung von möglichst viel Gelände, sondern die Abnutzung der ukrainischen Armee. Die irgendwann in nächster Zukunft zuwenige Soldaten für die Frontlinie haben wird. Und evtl auch nicht genug Material. Man schaue sich nur mal das Ende des 1. Weltkriegs im Westen an. Tatsache ist, dass die Russen vorrücken und die Verhandlungsposition der UA sich täglich verschlechtert. Was die Kosten angeht: auch die UA-soldaten bekommen 2-3000 pro Monat. Ok, das bezahlen wir, aber trotzdem.

    • @Gerald Müller:

      Frontberichte russischer Soldaten widersprechen Ihnen da vollkommen. Auch russische Militärblogger berichten schon seit längerer Zeit über das erzwungene vorrücken der russischen Armee unter schweren menschlichen Verlusten.



      Es hilft nicht unbedingt alles der russischen Staatspropaganda zu glauben, sondern auch andere russische Quellen zu konsultieren, wenn Sie sich auf russische Quellen stützen wollen.

    • @Gerald Müller:

      Die Verlustzahlen werden von verschiedenen Quellen in dieser Größenordnung angegeben. Russland rückt nur unter massiven Verlusten an eigenen Soldaten vor - und es scheint die Führung nicht weiter zu interessieren.

  • Tatsächlich sind die meisten Zahlen über die Verluste der russichen Streitkräfte Spekulation.

    Vergleichsweise sicher kann man abschätzen wie groß die Verluste maximal sein können, aus Zahlen die vergleichsweise gut gesichert sind.

    Denn es ist gut bekannt z.T. sogar offizelle Zahlen wie viel Mann die russ. Streitkräfte für den Krieg in der Ukraine abgestellt und eingezogen bzw. angeworben haben.

    a.) Bis Ende 2022 wurden rund 150-tausend Mann Bodentruppen für den Krieg in der Ukriane abgestellt.



    Die Ukrane sprach damals offizel von 100-tausend.

    b.) Ganz offizel hat Russland 2023 300-tausend Reservisten eingezogen.

    c.) Schätungen von "westlichen" Stellen und auch offizelle russiche Angaben sprechen von 400-tausend "Freiwilligen" die 2023 und 2024 angeworben worden.

    d.) Da können 2025 nochmal 200-tausend zugekommen sein, diese Zahl ist aber schon weniger sicher.

    Das macht in Summe

    150-tausend



    +300-tausend



    +400-tausend



    +bis zu 200-tausend

    => Rund 1 Million Soldaten die Russland abgestellt hat.

    Laut offizellen ukrainischen Stellen und "westlichen" Experten sind "aktuel" über 700-tausend russ. Soldaten in der Ukraine und mehr als 100-tausend in Russland an der ukr. Grenze.

  • Wir dürfen nicht vergessen: Diktatoren sind Menschenleben egal. Denn es geht ja um eine "höhere Sache". Und solange die Bevölkerung das mitträgt gibt's kein Problem. Leider sieht es genau danach aus.



    Zudem: Eine gedanklich militarisierte Bevölkerung die noch nie in einer Demokratie gelebt hat, wie soll die demokratisch, friedlich, rechtsstaatlichen Handeln anstreben? Bin pessimistisch!

  • 5,1% des BIP klingen für mich nicht so beeindruckend.



    Wir geben in Friedenszeiten mehr als die Hälfte aus.

    Zugegebenermaßen werden die Zahlen nicht stimmen, aber als Herleitung für einen baldigen Staatsbankrott können sie schlecht herhalten. Zumal es eine Erfahrungs-Regel gibt, das Kriege nicht wegen Mangel an Geld oder Waffen beendet werden.

  • Erst wenn das russische Volk die Dummheit dieses Krieges mit voller Wucht zu spüren bekommt wird sich wohl etwas verändern.

    Die Menschen hätten ja von Deutschlands Niederlage lernen können, aber niemand lernt aus den Fehlern anderer. So muss wohl jeder Mensch erst selbst einmal gegen die Wand fahren um daraus zu lernen.

    Das gilt mittlerweile auch schon wieder für immer mehr Deutsche. Wirklich intelligent sind wir Menschen also offensichtlich nicht.

    • @Bauer Gerry:

      Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit.



      Das russische Volk wird ebenso mit Propaganda manipuliert, wie jedes, an einem Krieg beteiligte Volk. Selbst in unseren Medien geht es nicht immer korrekt zu. Ich erinnere mich noch gut an die Schlagzeilen vor ein paar Jahren "Hat Putin nur noch wenige Wochen zu leben?". Ich will nicht behaupten, dass die Menschen wie sie schreiben "nicht intelligent" sind, ich sage liber, dass die Macht der Medien völlig unterschätzt wird. Eine AfD wäre niemals da wo sie heute ist, hätten die Medien sie nicht dauernd auf dem silbernen Tablett serviert.

  • Zur Einordnung würde mich interessieren:



    Welchen Prozentsatz ihrer Bevölkerung jeweils verlieren beide Parteien im Krieg pro Monat?

    Praktisch alle Kriegsparteien (in Gegenwart und Vergangenheit) haben eigene Verluste eingeplant. Die "Kunst" dabei ist es jedoch, dass die Gegenseite mehr Schäden erleidet als die eigene.