Männer in gynäkologischen Berufen

Finger weg von meiner Vagina

Es gibt genügend Berufe, in denen Männer Frauendomänen aufbrechen können. Die Geburtshilfe sollte nicht dazugehören.

gynäkologischer Stuhl mit Ultraschall-Monitor

Besser ohne sexistische Bedenken zum Frauenarzt gehen Foto: Jacek Sopotnicki/imago

Kürzlich fühlte ich eine Blasenentzündung nahen. Es war Freitag, 17 Uhr, meine Gynäkologin längst im Feierabend. Ich telefonierte die in der Nähe erreichbaren Frauenärzt:innen durch und landete bei einem Mann. Auf der Toilette seiner Praxis hingen Postkarten. Auf einer rannte ein Strichmännchen mit erigiertem Penis und sehr kleinem Hirn einer Frau hinterher, es sollte wohl witzig sein. Auf einer anderen stand: Was muss eine Frau zuerst ausziehen, um ihren Mann ins Bett zu kriegen? Den Stecker des Fernsehers.

Der Gynäkologe war freundlich, er war informiert, und er verschrieb mir das korrekte Medikament, um meine Blasenentzündung zu kurieren. Nein, nicht alle Gynäkologen haben solche Postkarten auf ihren Toiletten hängen. Ja, auch unter Gynäkologinnen gibt es welche, zu denen ich kein zweites Mal gehen würde. Aber ich bin im Alltag, bei der Arbeit, beim Ausgehen mit Sexismus konfrontiert. Wenn es um meine Geschlechtsorgane geht, möchte ich dieses Problem gern von vornherein eliminieren.

Das ist das persönliche und zutiefst emotionale Argument gegen männliche Hebammen und Ärzte auf Geburtsstationen. Das strukturelle Argument ist: Die deutsche Geburtshilfe hat sich über Jahrzehnte zu einer männerdominierten Angelegenheit entwickelt. Weibliche Hebammen wurden systematisch entmachtet und degradiert – obwohl sie diejenigen sind, die nachvollziehen können, wie Frauen fühlen, wo es weh tut, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen.

Die Strukturen in Kliniken sind darauf ausgelegt, rentabel zu arbeiten, und nicht darauf, Geburten so zu gestalten, dass sie Bedürfnisse von Mutter und Kind berücksichtigen. Wie in allen Gesellschaftsbereichen geht es auch hier um manifestierte männliche Macht.

Es gibt genügend Berufe, in denen Männer Frauendomänen aufbrechen können. Sie können Erzieher werden oder Kosmetiker. Ich will ihnen auch nicht verbieten, Hebamme zu werden. Und trotzdem kann ich sagen: Nehmt eure Finger aus meinem Vaginalbereich.

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Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Genderredakteurin im Inland. 2019 erschien von ihr (mit M. Gürgen, S. am Orde, C. Jakob und N. Horaczek) "Angriff auf Europa - die Internationale des Rechtspopulismus" im Ch. Links Verlag

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