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Kampf gegen Hundepisse in Wien Nach dem Wasserlassen Wasser lassen

Heiko Werning

Kommentar von

Heiko Werning

In Wien startet das Projekt „Schönes Gassi“: Hundebesitzer kriegen ein Flascherl, um den Urin ihrer Tiere wegzuspülen. Klingt verrückt, ist vernünftig.

O h je, wenn dieser Vorschlag demnächst auch in Deutschland auf den Tisch kommt, gewinnt die AfD gleich wieder fünf Prozentpunkte. Die zugehörigen Kommentare unter den Online-Meldungen und in den sozialen Medien könnte man jetzt schon allesamt im Voraus schreiben. Was wollen sie uns noch alles verbieten? Haben wir keine anderen Probleme? Und das mit unseren Steuergeldern!

Aber der Wiener mit seiner Morbidität und seinem Schmäh fürchtet weder Shit- noch Pissstorm. Deshalb startet im Bezirk Neubau (der heißt tatsächlich so) der österreichischen Hauptstadt nun das Modellprojekt „Schönes Gassi“. Herrchen, Frauchen und alle anderen, die mit Hunden spazieren gehen, können sich beim Bezirksamt ein Flascherl abholen, das sie fortan mit Wasser befüllen und – selbstredend neben dem „Sackerl für Gackerl“ – beim Gassigehen mitführen sollen, um dann nachzuspülen, wenn der Hund das Beinchen hebt oder die Hündin in die Hocke geht.

Nun verfügt man zwar auch in Wien üblicherweise schon über eigene Flaschen im Haushalt, aber natürlich ist das Angebot vor allem ein Marketinggag, auch wenn die Hundespülflasche eigens zum Gassigehen designt worden ist. Ziel ist es, überhaupt erst mal ein Verständnis für das zunächst eher abwegig scheinende Anliegen zu wecken und Menschen dafür zu motivieren, dem Hund das Wasser nach dem Wasserlassen hinterherzutragen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Gefährlich für die Umwelt

Hunde-Pipi nachspülen, im Ernst? Allerdings. Und zwar aus gut nachvollziehbaren Gründen. Hunde-Urin enthält, wie bei Säugern einschließlich dem Menschen allgemein üblich, Harnstoff und Salze, und einmal ausgeschieden, werden diese an Baum, Mauer und Luft umgehend in Ammoniak mit seinem charakteristisch stechenden „Pipi-Geruch“ umgewandelt. In der Folge kommt es zu Verätzungen an Rinde und Wurzeln sowie zu Eintrittspforten für das Holz schädigende Pilze.

Das ist natürlich bei vergleichsweise wenig Urinproduzenten und vielen Bäumen, also auf dem Land oder im Wald, kein Problem. In Städten, wo auf wenig Bäume ziemlich viele Hunde kommen, hingegen sehr wohl. Urin gehört in Großstädten daher tatsächlich zu den Hauptfeinden von Baum und Busch. Wer das Problem grundsätzlich nicht glauben mag, kann im eigenen Garten gerne eine empirische Studie durchführen und sich eine Weile immer am selben Gehölz erleichtern, um dem dann beim langsamen Umfärben von Grün in Braun zuzuschauen.

Das Problem verschärft sich zudem, je trockener und wärmer es ist – und je trockener und wärmer es noch wird – der vergangene Sommer und der Klimawandel lassen grüßen. Weshalb das Nachspülen in vielen südeuropäischen Städten längst unter Androhung von teils drakonischen Strafen lang geübte und rechtsverbindliche Praxis ist.

Das Nachspülen schafft die Schadstoffe zwar nicht aus der Welt, durch die Verdünnung reduziert es aber sowohl die ätzende Wirkung als auch die geruchliche Belästigung, die wir aus jeder Fußgängerunterführung bestens kennen.

Keine Medienkrise für Hunde

Es erscheint natürlich zunächst absurd, bei zunehmender Dürre und allerlei Bewässerungsverboten nun hektoliterweise Wasser dem Hunde-Urin hinterherzuschütten, aber die Abwägung kommt gerade in trocken-heißen Gebieten zu einem eindeutigen Ergebnis zugunsten der Hundespülung, zumal durch Urin gefällte Bäume eben auch dem Ziel der klimagerechteren Stadt im Weg liegen.

Wer jetzt schließlich noch um das Wohl der Hunde besorgt ist, kann beruhigt sein: Zwar kommunizieren die Vierbeiner bekanntlich über die Geruchsmarken, die sie mit dem Urin setzen, und nutzen die Straßenbäume daher als eine Art Lokalzeitung, aber die Hundenase ist fein genug, um alle wesentlichen Nachrichten trotz Verdünnung wahrnehmen zu können – es droht also keine Medienkrise für Hunde.

Wenn demnach alles dafür spricht, wäre die Spülpflicht dann nicht auch eine Idee für deutsche Städte? Kaum. Hierzulande wäre man ja schon froh, wenn die menschlichen Einwohner beim Kauf von ein paar Wegebieren im Spätkauf oder zur Maß auf dem Oktoberfest eine zusätzliche Flasche mit Wasser an die Hand bekämen, um ihre Notdurft fortzuspülen. Da brauchen wir über Hunde-Urin wohl gar nicht erst nachzudenken.

Heiko Werning

Heiko Werning Autor

Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).
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26 Kommentare

  • Liebknechto

    In Rücksichtnahme ist Deutschland nicht so gut. Freiheit ist bei uns egoistisch machen zu können ohne die Konsequenzen einzupreisen. Es ist nun leider wirklich so dass hier wild pinkeln durch Erwachsene Menschen einfach geduldet wird, weil Alkohol.... Nunja wir werden uns zivilisatorisch Wien zunächst nicht annähern.

  • Lowandorder

    Hola! Und was ist mit der Pressefreiheit?!🙀🐕🐶



    Ja - da wird doch der 🐶 in der 🍳 verrückt

    🤖 Na sicher dat: Pressefreiheit, genauer die äußere Pressefreiheit, ist das Recht von Einrichtungen des Rundfunks, der Presse und anderer Medien auf ungehinderte Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem auf die staatlich unzensierte Veröffentlichung von Nachrichten und Meinungen.



    „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“



    & tu felix austria?



    Na bitte: 🥺 Die Pressefreiheit ist in Artikel 13 des Staatsgrundgesetzes (StGG) sowie in Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) garantiert. Zensur und Konzessionssysteme sind verboten.“



    & Däh



    kurz - “Na Sie Rüpel! Nu zerrns doch neet so an dem 🦮terl - der will doch nur in Ruhe seine Zeitung lesen!



    Ungespült!“ • Get it? Fein

  • Teleshopper

    Ich war zwar schon lange nicht mehr in Wien, aber in z.B. Essen oder Berlin.



    Wer dort den Hauptbahnhof verlässt riecht mit Sicherheit einen anderen Urin als den von Hunden... geschweige denn die anderen Hinterlassenschaften die Menschen überall in der Stadt so achtlos auf den Boden werfen, irgendwer wird es schon aufheben...

  • fly

    Genau genommen, ist es, wie immer, ein männliches Problem. Weggeätzte Hecken und Bäume, sowie Hausecken durch Beinheben der Rüden. Hockende Hündinnen nehmen eher freie Flächen.

    Vielleicht lieber anstelle Wegspülen einen Sammelbehälter erfinden - und damit dem drohenden Phosphormangel vorbeugen.

    • rero

      @fly:

      Hündinnen hinterlassen Flecken auf dem Rasen. Rüden verteilen dort den Urin besser.

      So gibt es immer seine zwei Seiten.

  • Martin Rees

    Herr Werning und Wien bewegen sich hier im Grenzbereich einer tollen Geschichte für "die Wahrheit", nach den Kommentaren zu urteilen...



    Aber: Hier schreiben auch hundelose und humorlose Zeitgenoss:innen an der Deutungshoheit (teils mit Impetus und weniger Verve) mit, eine konstruktive Debatte bahnt sich an🤓

    • derzwerg

      @Martin Rees:

      Das beschriebene Problem besteht tatsächlich, gerade in Neubau, dicht bebaut, wenig Bäume. Sehr viele charakteristische Striche auf dem Gehsteig.

  • Andreas_2020

    Es gibt für jedes Problem eine Lösung, auf jeden Topf passt irgendein Deckel. Und Hunde sind für den Menschen die besten Gefährten, aber der Gestank kommt dann eben auch, insofern würde ich mich freuen, wenn wir hier bei den Piefkes auch zagick zu Lösungen kommen könnten.

  • amigo

    Schönes Gassi“? Was für ein verlogener Euphemismus für eine völlig verfehlte Stadtpolitik! Jetzt sollen Steuerzahler also Plastikflascherl finanzieren, damit Hunderhalter die Fäkalien ihrer unsozialen Statussymbole ein bisschen verdünnen dürfen?



    ​Wann hört dieser Wahn endlich auf? Städte sind Lebensräume für Menschen, nicht für Raubtiere an der Leine! Jeden Tag werden Kinder und Passanten von unangeleinten Kötern attackiert und gebissen. Parks verkommen zu riesigen Scheißhäusern und unsere Bäume verrecken systematisch, weil sie kübelweise mit ätzendem Hundeurin kaputtgepisst werden.



    ​Die Natur stirbt an der Stadt-Hundehaltung, der Gestank ist unerträglich und die Aggression nimmt zu. Wer ein Tier braucht, soll aufs Land ziehen. In einer dicht besiedelten Großstadt gehört die private Hundehaltung schlichtweg verboten! Wir brauchen keine bunten Flaschen und nette Appelle, sondern ein knallhartes Hundeverbot in den Innenstädten. Endlich Sicherheit und saubere Luft für Menschen!

    • Wirrwicht

      @amigo:

      "saubere Luft für Menschen" sprachs und atmete nochmal eine frische Mischung diversen PKW Abriebs ein...

      Wen Städte wirklich für Menschen gemacht wären, sähen sie anders aus...

    • noemix.wordpress.com

      @amigo:

      Es geht um Urin, nicht Fäkalien. Im Wiener Bezirk Neubau gibt es 600 Hunde, es geht hier um maximal 600 Plastikflaschen mit Materialwert jeweils wenige Cent. Geplant ist im weiteren eine Mitnahme- und Verwendungspflicht der Flaschen. Was soll gegen die Aktion also einzuwenden sein, was soll der Terz?

      • amigo

        @noemix.wordpress.com:

        So, in meiner Stadt sind allein über 100.000 Hunde registriert. Noch Fragen?

    • fly

      @amigo:

      Genau. Tier - und Pflanzenfreie (diese elenden Pollen und Laub Schleudern) Umgebung für die Krone der Schöpfung, den Städter an sich.



      Kann Spuren von Polemik enthalten.

      • Woodbine

        @fly:

        Richtig. Und Menschen- und deren Haus-und Nutztier-freie Umwelt jenseits von 500m Umkreis von Städten und Siedlungen. Flora und Fauna erträgt uns nicht länger. Weder verdünnt noch unverdünnt.

  • Troll Eulenspiegel

    Urin schädlich für die Natur? Ernsthaft?



    Dann dürften wir garnicht mehr am Leben sein. Urin und Kot ist essentiell für das Keimen und das Wachstum der Pflanzen, seit Millionen von Jahren. Auch für den Baum.

    Die Medikamentenrückstände sind ein Problem. Die Akkumulation von Schwermetallen ist ein Problem. Aber wenn ein Hundehalter am Penis eines Hundes rumfummeln soll, sehe ich zunächst Zoophilie, und nicht Urinsammeln, der einfach nicht gesammelt gehört.

    • PartyChampignons

      @Troll Eulenspiegel:

      Unverdünnter Urin kann Pflanzen schädigen, da seine hohe Salzkonzentration die Wasseraufnahme der Wurzeln beeinträchtigt......und die Stadt ist nicht die freie Natur, wenn da ungefiltert hunderte Hunde an den gleichen Baum (der sowieso schon unter Stress steht, weil Stadt) tagtäglich pinkeln ist das nicht natürlich und nicht gut ....also ja, ernsthaft!

    • warum_denkt_keiner_nach?

      @Troll Eulenspiegel:

      Kein Grund zur Aufregung. Ist im Artikel alles gut erklärt 😉

  • Jörg Winners

    Es gibt in Charlottenburg-Wilmersdorf eine praxiserprobte, bessere Lösung. Die TAZ hat darüber schon berichtet:

    Berliner Baumbeet mit Pinkelstein.

    👉 taz.de/Klimaanpass...ermachen/!6217223/

  • Martin Rees

    Schön formulierter und hoffentlich erbaulich nachhaltiger Beitrag am Morgen, bei all den gewöhnlich üblichen, eher "katastrophalen" Nachrichten sonst in den Medien 🐶🍶



    Bestimmt gibt's in Wien schon bald das modische "Holster-Set" für die Befestigung am Gürtel...(mit entsprechender Benennung)😉

    • Mondschaf26

      @Martin Rees:

      Allererste Sahne. Im Zweitholster werden die vom Fußball bekannten Sahnesprüher zur Markierung anderer Hinterlassenschaften mitgeführt. Indirekter Freistoß!

      • Martin Rees

        @Mondschaf26:

        Die (Auf-)Lösung zur Markierung der "Heimtier-Losung"...



        Also in Abwandlung eines geflügelten Wortes: "In Wien auf die Kacke sprühen"!

  • Bolzkopf

    Man darf das nicht unterschätzen!



    Das ist ein weltbewegendes Problem.



    Noch vor Klimawandel, Meteoriteneinschlag, und Mondsturz.



    Und man darf nicht vergessen dass das Flascherl für das Ascherl sicher auch hilft Entstehungsbrände einzudämmen, dem durstigen ein Labsal sein kann und auch für die Hygiene der Hände einen Vorteil bietet.



    Und so ein Zweiliterflascherl ist ja auch schnell im Backpackerl verstaut.

  • vieldenker

    Irgendwann Wiedenbrück die Hundebesitzer nur noch mit einem Reinigungsroboter Gasi gehen. Dabei gäbe es ja einen ganz einfachen Weg zu weniger Wauwauwegschäden: Weniger Hunde.

    • rero

      @vieldenker:

      Wenn Sie in Deutschland wirklich eine Revolution auslösen wollen, müssen Sie nur Hunde verbieten.

      Ein hoch emotionales Thema.

  • LuckyLulu

    Also ich Frage mich nur was das mit den Hunden macht... Deren Durfmarkierung nun mal wichtiger Teil der artgerechten Komunikation ist, wird dann einfach mehr markiert?



    Mir persönlich sind Bäume in der Stadt ohnehin lieber als Hunde. Mich hat jedenfalls noch nie ein Baum erschreckt. Früher hätte ich hier vielleicht ergänzt dass Haltungsverbote in der Stadt vielleicht, sowohl im Sinne des Tierwohles seien als auch einsame Menschen zwingen würden wieder mehr aufeinander zuzugehen ... In Zeiten von KI & social Media sicher eine überholte Idee. Heute fördert der Umgang mit Hunden und deren Eigensinn vermutlich eher die sozialen Kompetenzen...

    Aber natürlich gehe ich selbst ständig wild pinkeln, da der Schlossparks Charlottenburg zwar reichlich Verweilflächen etwa Liegewiesen, Spielplatz, Calisthenics Equipment aufweist aber keine Toiletten bereitstellt. Nein dafür nehme ich auch in Zukunft kein Wasserflascherl zum Joggen mit. Leider in ganz Berlin ein Problem - ist Wien da anders? Für die allermeisten Menschen würde ja auch ein simpler Wagen mit Plumsklos reichen .... Vielleicht wären die ewig selbstreinigenden Wall Toiletten dann öfter für Rollifahrende & Wickelkinder frei.

  • KommissarBlind

    Und außerdem bekommen die Bäume dann gerade im Sommer noch etwas Flüssigkeit an die Wurzeln - eine win-win-Situation geradezu.