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Jugend indoktriniert für OlympiaHamburgs Polizeisenator überwältigt Schü­le­r*in­nen

Kommentar von

Benno Schirrmeister

Andy Grote (SPD) will in Schulen Stimmung pro Olympia verbreiten. Er bedient sich dafür der undemokratischen Methode der Indoktrination.

Voller Ideen und Elan: Hamburgs Olympiavorturner halten einen bedruckten Schal in die Kamera Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

F ernsehkrimi-Konsument*innen wissen: Wenn irgendein Superbulle „Wir gehen jetzt rein“ sagt, dann wird's brutal. Türen splittern, in Hasskappen gehüllte Muskelpakete strömen in die zu enternden Räumlichkeiten und schmeißen Leute, die sich dort aufhalten, ohne lange zu fackeln auf den Boden. „Wir gehen jetzt in die Schulen rein“, das hat Hamburgs Polizeisenator Andy Grote (SPD) vor ein paar Tagen bei einer Olympia-Infoveranstaltung im HSV-Stadion mitgeteilt.

Das war keine bloße Ankündigung. Das geschieht bereits. Und auch wenn vorerst auf physische Gewalt und Waffen verzichtet wird, geht es im Prinzip auch hier darum, verdatterte Menschen zu überwältigen. Denn Hamburgs Heranwachsenden soll beigebogen werden, im Referendum über die Olympiabewerbung tunlichst mit Ja zu stimmen.

Seit Anfang Februar spammt Grotes Innen- und Sportbehörde, die weder für Bildung noch fürs Leibesübungs-Curriculum zuständig ist, Schulleitungen und Lehrkräfte mit didaktisch fragwürdigem sogenanntem Unterrichtsmaterial zu. Es fing mit einer E-Mail an, es folgten Arbeitsblätterangebote „an interessierte Lehrkräfte“ – alles im Corporate Design des Hamburgischen Bewerbungskonzepts.

Olympiakritische Quellen ignoriert es gezielt. Dafür aber verweist es auf vom Senat verantwortete Websites. Auf denen wird vorgetäuscht, die Bewerbungsfrage wäre längst entschieden: „Hamburg bewirbt sich“, steht da unterm Hammaburg-Logo, als wäre es wahr. Das lässt die direktdemokratische Abstimmung ab Ende April wie eine bloße Formsache erscheinen, ganz wie in München.

Es geht nur ums Gewinnen

Dort hatte der Stadtrat zunächst beschlossen, sich zu bewerben. Er hatte also die Kontroverse bereits beseitigt. Die Wahlberechtigten dort waren ausschließlich aufgerufen, das Ergebnis mit Weihrauch zu parfümieren. Es ging nicht um Volksgesetzgebung. Daher musste die Verwaltung die Bür­ge­r*in­nen auch nicht mit den Gegenargumenten bekannt machen. Das war laut Verwaltungsgericht rechtlich nicht zu beanstanden, egal wie unfair man es findet.

Aber so ist er nun mal, der Sportsgeist: Dabeisein ist nichts. Es geht nur ums Gewinnen, egal wie. Das olympische Motto lautet seit „citius, altius, fortius“, also „schneller, höher, stärker“. So steht es in der Satzung des IOC. Klar, dass sich auch der von diesem Geist entflammte Hamburger Senat daran hält. Bloß ist die Lage juristisch hier eine andere: Ein Referendum zur bloßen Bejubelung eines Bürgerschaftsbeschlusses lässt die Landesverfassung nicht zu.

Olympia ja oder nein, das können alle halten, wie sie wollen. Dass Hamburgs Innensenator, nur um eine Bewerbung für ein Sportfest durchzusetzen, die Heranwachsenden der Stadt entmündigen will: Das ist beängstigend.

Außerdem hatte die NOlympia-Bewegung mit einer trotz Winterwetter supererfolgreichen Unterschriftenkampagne das Recht erstritten, in offiziellem Infomaterial auch ihre Gegenargumente – drohende Mietpreisexplosion, Klimaauswirkungen und soziale Verdrängung – unterzubringen. Sie bei Handreichungen für Lehrkräfte zu ignorieren, kommt einer Missachtung der von der Landesverfassung vorgesehenen Volksgesetzgebung gleich.

Wahrscheinlich verstößt es auch gegen die vom Grundgesetz für Wahlen vorgegebene Neutralitätspflicht des Staates, die doch gerade der für deren Durchführung zuständige Senator hochhalten müsste, wenn er Demokrat sein will.

Kontroverses kontrovers verhandeln

Erschreckend ist es im Hinblick auf die Zielgruppe. Denn politische Bildung soll ja Schü­le­r*in­nen befähigen, sich eine Meinung zu bilden, politische Situationen zu analysieren und sie in ihrem eigenen Sinn zu beeinflussen – statt sich in sie gott-, führer- oder auch nur groteergeben einzupassen.

Deswegen schreibt der Beutelsbacher Konsens, die Magna Charta des Demokratie-Unterrichts, vor, Kontroverses im Unterricht auch kontrovers zu verhandeln. Und deshalb verbietet er, die Schü­le­r*in­nen „im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln“, wie es Grotes Propaganda-Schergen versuchen. Das nämlich sei Indoktrination.

Die aber hat nur in diktatorischen Systemen ihren Platz. Sie verträgt sich nicht mit der demokratischen Idee von eigenständig denkenden Schüler*innen: Olympia ja oder nein? Das können alle halten, wie sie wollen. Dass Hamburgs Innensenator, nur um eine Bewerbung für ein Sportfest durchzusetzen, die Heranwachsenden der Stadt entmündigen will: Das ist beängstigend.

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Reporter und Redakteur
Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.
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11 Kommentare

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  • Deutschland deine Wutbürger.

  • "..Deswegen schreibt der Beutelsbacher Konsens, die Magna Charta des Demokratie-Unterrichts, vor, Kontroverses im Unterricht auch kontrovers zu verhandeln. Und deshalb verbietet er, die Schü­le­r*in­nen „im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln“,..."



    Die damals von vielen Schülern gewünschten Diskussionen über den Freitagsschulstreik wurde in vielen Schulen ziemlich hart abgewürgt. Aber das ist vermutlich was völlig anderes...

  • Wenn zum Konzept gehören würde, endlich diese besonderen Paralympics abzuschaffen und ein gemeinsames, freudvolles Sportfest zu organisieren - könnten sie von mir aus dafür Werbung machen; in Schulen, die diesen „inklusiven“ Weg schon seit 2012 mühevoll gestalten.

  • Der Beitrag des Autors unterliegt einem Irrtum: Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass gesellschaftliche Akteure Materialien für die politische Bildung erstellen dürfen - Die Lehrer:innen sind dann angehalten auf der Grundlage von fachdidaktischen Prinzipien Unterricht zu gestalten.

    Etwas mehr Vertrauen in die Lehrkräfte, dass sie den Beutelsbacher Konsens einhalten wäre im Übrigen angebracht. Fazit: Schuss in den Ofen!

  • „Überwältigt“ :geht es nicht auch eine Nummer kleiner?



    Welches schräge Bild von Lehrern und Schülern hat die TAZ hier?



    Glaubt ihr ernsthaft das Lehrer und Schüler Werbematerial nicht einordnen können?



    Warum sollte derjenige der Olympische Spiele in Hamburg propagiert gleich die Gegenargumente gleich mitliefern?

  • Olympia ist für die Stadt und den Senat ein riesen Geschäft. Kurzfristig werden neue Stadien gebaut und alte Gebäude saniert. Stellt sich bloß die Frage welchen langfristigen Sinn das hat. Da wäre es doch besser Geld in Klimaschutz und Soziales zu investieren, als in Olympiastadien und ein problematisches IOC. Da die Mehrheit dieser Stadt offensichtlich Probleme mit Olympia hat versucht der Senat auf Biegen eine Kampgane zu inszenieren, um Olympia in die Stadt zu holen. Ein zweifelhaftes Vorgehen. Gerade an Schulen.

    • @Hamburger in Istanbul:

      "Stellt sich bloß die Frage welchen langfristigen Sinn das hat"



      ... wahrscheinlich ist da keinerlei Nachhaltigkeit zu erwarten — außer nachhaltig höherer Verschuldung der Landeskasse.

      Aber was gibt es Schöneres als auf ner Tribüne zu stehen und sagen zu dürfen "hiermit sind die Olympischen Spiele eröffnet". Allein die Vorstellung ... da läufts dem Homo Politikus doch warm im Hosenbein herunter.

    • @Hamburger in Istanbul:

      Irgendwann muss man Sportstätten so oder so neu bauen oder sanieren. Ist doch besser für Hamburg der Bund gibt dafür mehr als weniger.

  • Es gibt Pro- und es gibt Kontra-Punkte. Und so 1 Andy Grote auch. Der sollte achtgeben, nicht zum Kontra-Punkt in persona zu werden. (Nein, verteufeln sollte mensch auch ihn dabei nicht).

  • Ich muss es tun: Andy Grote ist so 1 Macher! Karriere ist etwas ganzganz anderes als Demokratie. Der Glaube, man sei qua Amt auch charakterlich Freund demokratischer Prozesse, beruht auf 1 Kategorienfehler.

  • Erstens: Haben denn die Gegner der olympischen Spiele ihre Materialien den Schulen etc bereitgestellt? Muss ja nicht mal in Papierform geschehen, die bloße digitale Aufbereitung wäre völlig ausreichend.



    Zweitens: Der Artikel suggeriert, dass LehrerInnen nicht in der Lage sind, den Unterricht entsprechend vorzubereiten, beziehungsweise in angeleiteten Diskussionen den SchülerInnen die notwendigen Quellen an die Hand zu geben. Ich versteh das Problem daher nicht so wirklich. Das die Stadt, die für das Projekt wirbt, tatsächlich die Vorzüge in den Vordergrund rückt, ist doch selbstverständlich. Die Gegner von Olympia machen es ja nicht anders.

    p.s.: Ich bekomme als Lehrer jeden Tag dutzende emails mit allen möglichen Inhalten. Ich bin aber schon ganz gut selber in der Lage zu entscheiden, wie ich diese Informationen aufbereite, keine Sorge...

    p.p.s.: Die Überschrift hätte auch von der BILD kommen können...