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Jesuitenpater geht ins GefängnisVater, der du bist in Haft

In Nürnberg geht der Jesuitenpater Jörg Alt für 25 Tage ins Gefängnis. Er weigert sich, eine Geldstrafe wegen einer Klimablockade zu zahlen.

Jesuitenpater Jörg Alt hält beide Backen hin und sitzt seine Strafe widerständig ab Foto: Daniel Löb/dpa

München taz | Es ist ein Haftantritt mit Symbolwirkung: Ein Mann Gottes, ein Jesuitenpater, verschwindet hinter Gittern, weil er sich für die Schöpfung eingesetzt hat. So zumindest die eine Lesart. Aus Sicht der Justiz freilich lässt sich die Sache auch nüchterner beschreiben: Der Mann hat gegen Gesetze verstoßen, eine Geldstrafe auferlegt bekommen, sich geweigert, diese zu zahlen, und muss nun stattdessen für 25 Tage ins Gefängnis.

Jörg Alt, so heißt der Priester, trat seine Ersatzfreiheitsstrafe am Dienstag an. Um fünf vor zwölf betrat er die Justizvollzugsanstalt Nürnberg. Alt hatte mehrfach an Aktionen der Gruppierungen Letzte Generation und Extinction Rebellion teilgenommen. Im konkreten Fall ging es um eine Geldstrafe, zu der er wegen der Beteiligung an einer Straßenblockade vor dem Nürnberger Hauptbahnhof verurteilt worden war. Im August 2022 hatte sich der Ordensmann dort mit anderen Aktivisten auf einer Kreuzung angeklebt, „um die gesellschaftspolitische Diskussion über die Gefahren des Klimawandels und die Notwendigkeit einer Verkehrswende anzufachen“.

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Er tue den Schritt ins Gefängnis nicht gern, ließ der 63-Jährige wissen, vor allem da seine Gesundheit nicht mehr die beste sei. Es sei aber die letzte Form des Protests, die ihm verblieben sei, um Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu lenken. An der Aktion vor dem Nürnberger Hauptbahnhof habe er teilgenommen, weil Verkehrsminister Volker Wissing sich damals geweigert habe, die ihn betreffenden Bestimmungen des Klimagesetzes im Verkehrsbereich zu erfüllen, und so ebenfalls gegen geltendes Recht verstoßen habe. Die Aktivisten hatten ein Sofortprogramm zur Reduktion der CO₂-Emissionen mit Maßnahmen wie einem Tempolimit gefordert.

Noch am Dienstag schickte Alt aus der JVA Nürnberg einen offenen Brief an die Vorsitzenden von SPD, CDU und CSU. Er habe nicht den Eindruck, dass Klima-, Umwelt und Artenschutz in den Koalitionsverhandlungen angemessene Beachtung finde. „Deshalb heute mein Appell: Hören Sie auf die Wissenschaft. Sagen Sie der deutschen Bevölkerung die Wahrheit über den Ernst der Lage und die Größe der Herausforderungen, die vor uns liegen.“

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30 Kommentare

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  • Sehr bemerkenswert, dass er sich einsetzt und Widerstand leistet aber wäre es nicht sinnvoller gewesen die Strafe abzuarbeiten, wo er in (seinem) christlichen Sinne Menschen helfen hätte können? Den offenen Brief hätte er auch dann schreiben können und er müsste sich nicht wegen seiner Gesundheit Sorgen.

  • 'Justitia', die Göttin der Gerechtigkeit, ist anscheinend etwas durcheinander, sonst würden nicht Klimaschützer (jetzt sogar schon ein 63-jähriger Jesuitenpater) ins Gefängnis gesteckt werden, sondern die Leute endlich in den Knast kommen, die immer noch den Klimawandel aus Gier und Dummheit mit CO2 füttern.

  • Meine Hochachtung vor dem Pfarrer. Vor allem auch deswegen, weil er keine abseitigen Debatten über die juristische Zulässigkeit von Nötigungen lostritt , das Urteil akzeptiert und dafür nutzt , mit seinem zivilen Ungehorsam auf die schlechte Klimapolitik der Ampel aufmerksam machen.

  • Das GG weiß hierzu in Art 20



    (1)Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und SOZIALER Bundesstaat.

    Und was getan werden kann steht dann hier:



    (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

    "Recht zum Widerstand" ei schau da!



    "Widerstand" wohlgemerkt. Nicht "Aufstand" oder gar "Kampf".



    Nein. Widerstand ist das maximale Mittel.

    Und das angesichts der drohenden (Klima)Katastrophe.

    Aber viel verwunderlicher ist wohl, dass angesichts der flächendeckenden Errodierung des Sozialstaats nicht auf jeder Kreuzung Menschenmassen kleben.

    Und wem das mit dem Sozialstaat nicht passt weil das eigene Geldsäckel schier überquillt der sei auf die Freizügigkeit hingewiesen.

    • @Bolzkopf:

      Und wieder muss das Recht als Argumentationsgrundlage herhalten..

      Nur, mit Gesetzesauslegungen hat es so seine Tücken, die meisten hier im Forum legen sie nach dem Wortlaut aus, jedoch in Unkenntnis der Regel, das dabei nicht über den Wortlaut der Norm hinausgegangen werden darf. Genau dieses ist ihnen in Bezug auf das GG passiert. Sie haben etwas hineininterpretiert, was der Wortlaut nicht hergibt. Zu erkennen hier allein schon am Wort "Ordnung".

      Ich würde ihnen daher zu einem erneuten Auslegungsversuch anraten und bei diesem dann nach Sinn und Zweck des Art 20 fragen. Das wäre dann die teleologische Auslegung. Ist in vielen Fällen zielführender.

    • @Bolzkopf:

      Das GG im eigenen Sinne auszulegen ist natürlich immer eine wohlfeile Methode, um die eigenen Ziele zu rechtfertigen.

      Aber wenn es denn sein soll

      - Sind Sie denn der Meinung, dass Deutschlands Demokratie und Sozialstaatcharakter ernsthaft angegriffen wird?



      - Ist Widerstand nur gerechtfertigt, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Sind Sie der Meinung, dass Abhilfe nur durch Widerstand möglich ist?

  • Solche Vertreter der katholischen Kirche sind der Grund, trotz allem noch Kirchensteuer zu zahlen, denn ohne sie wäre die Kirche wüst und leer.

    Mich würde interessieren, wie viel der ganze Vorgang einschließlich dieser "Ersatzfreiheitsstrafe" die SteuerzahlerInnen am Ende insgesamt gekostet haben wird. Viel sinnloser kann man Geld kaum verschwenden.

    • @Aurego:

      Schonn - aber zu einem präsidialen Spruch



      “…einen Voltaire verhaftet man nicht!“ - gemünzt auf Sartre - langt‘s in 🇩🇪🫵 halt nicht •

    • @Aurego:

      Ja, Sie haben Recht. der Jesuitenpater hätte seine Geldstrafe auch ehrenamtlich abarbeiten können. 25 Tage a 6 Stunden Zb. in einem Obdachlosencafe, in einer Jugendeinrichtung, oder mit Flüchtlingen.

      Jetzt geht er lieber auf Kosten der Steuerzahler ins Gefängnis.

      www.land.nrw/press...-caritasverbaenden



      Projekt „Schwitzen statt sitzen“ - Kooperation mit (Erz-)Bistümern und Caritasverbänden dient der Vermeidung von Ersatzfreiheitsstrafen

    • @Aurego:

      Ja,der Rechtsstaat kostet viel Geld, keine Frage.

      Diktaturen ohne Rechtsstaat oder Gesellschaften mit Racheregelungen können billiger sein.

      Mir ist der Rechtsstaat das Geld wert.

      Kann man natürlich unterschiedlich sehen.

      Womöglich ist Ihre Position, den Rechtsstaat nur als Kostenfaktor zu betrachten, heute sogar mehrheitsfähig.

  • Meine allerhöchste Bewunderung für Herrn Alt. Diese Nachricht sollte noch mehr verbreitet werden.

  • "... weil Verkehrsminister Volker Wissing sich damals geweigert habe, die ihn betreffenden Bestimmungen des Klimagesetzes im Verkehrsbereich zu erfüllen, und so ebenfalls gegen geltendes Recht verstoßen habe. "

    Die wirklichen Rechtsbrecher laufen alle frei rum. Brauchen auch nicht befürchten, zu Strafzahlungen vergattert zu werden. Dass in den letzten Jahrzehnten die geltenden Gesetze für Umwelt- und Naturschutz ständig aufgeweicht, abgeschwächt oder sogar ignoriert wurden, ist schlimm genug. Damit immer noch weiterzumachen: fatal und unverzeihlich.



    Herrn Alt alles Gute und höchsten Respekt für seine aufrechte Haltung.

  • Großer Respekt und alles Gute für Sie, Herr Alt! Sie sind ein Vorbild.



    Und danke an taz und Herrn Baur für die Aufmerksamkeit und Berichterstattung bei diesem wichtigen Themenfeld!

  • "Noch am Dienstag schickte Alt aus der JVA Nürnberg einen offenen Brief an die Vorsitzenden von SPD, CDU und CSU. Er habe nicht den Eindruck, dass Klima-, Umwelt und Artenschutz in den Koalitionsverhandlungen angemessene Beachtung finde."



    Auch mit dem dann folgenden Zitat ist der Kirchenmann hier absolut anschlussfähig. Chapeau für sein Engagement und die Konsequenz, mit der er sich einbringt.

  • Wenn das Gehalt sicher ist und keine Familie unterhalten werden muss, ist man frei in seinen Entscheidungen

    • @Syltfreund:

      Und kann damit, symbolisch und tatsächlich, etwas auf sich nehmen und damit ein Zeichen setzen. Ist doch gut.



      Wer könnte das nicht alles noch tun, weil er oder sie es sich leisten kann, und diese Menschen tun genau nichts oder das Gegenteil? Wieviele Vorstände, Erben, Privatiers tun das?

    • @Syltfreund:

      Klar - an Buhne 16 haste ja auch keinen Arsch in der Hüse! Hüse? Hose! Ach so - & ich dacht schon - spitt it out! 🙀🥳🧐

  • Ich habe Jörg Alt vor langer, langer Zeit mehrmals treffen und sprechen können (damals im "Arbeitskreis Kirche und Gewerkschaften"). Ich zehre heute noch von den nachhaltigen Eindrücken, die ich aus den Begegnungen mit diesem bemerkenswerten Menschen gewonnen habe.

  • Danke für Ihren Einsatz Herr Alt. Alles Gute für Sie!

  • Ist das nicht der gleiche Jesuit, der hier in der Taz auch schon im Zusammenhang mit der Frage nach dem "Containern" auffiel und sich dort selbst anzeigte, woraufhin er sich im Anschluss beklagte, als das angeregte Ermittlungsverfahren gegen ihn ad acta gelegt wurde?

    Der Mann scheint eine Tendenz zur dramatischen Inszenierung seiner politischen Anliegen zu haben. Ich bewundere seinen Mut an der Stelle durchaus, halte diese Art Aktivismus jedoch für sehr wenig produktiv - aber das habe ich zur LG schon oft ausgebreitet.

    • @Agarack:

      Sein Vorgehen ist ein völlig anderes. Er nötigt keine Mitmenschen damit, dass er das Geld nicht zahlt, sonder nutzt einen beabsichtigten Rechtsbruch, der niemanden schadet und nichts beschädigt, als Plattform.

    • @Agarack:

      Aktivismus, von dem man gar nichts mitbekommt, ist aber auch nicht besonders sinnvoll.

      Die Geschichte der Menschheit wäre anders verlaufen, wenn es keine solchen Aktivisten gäbe, wir würden heute noch Gesslers Hut grüßen, unserem erlauchten Hochadel huldigen usw.

  • Chapeau - endlich mal wieder eine positve Nachricht - aus der Stadt von Markus Söder und der Reichsparteitage! Gell



    “Nie wird es einen freien und wirklich aufgeklärten Staat geben, solange sich der Staat nicht bequemt, das Individuum als größere und unabhängige Macht anzuerkennen, von welcher all seine Macht und Gewalt sich ableitet, und solange er den Einzelmenschen nicht ensprechtend behandelt.“



    &



    “Wenn das Gesetz Dich zum Arm des Unrechts gegen andere macht, dann brich das Gesetz!“



    Henry David Thoreau



    US-amerikanischer Pädagoge, Schriftsteller und Philosoph (1817-1862)



    de.wikipedia.org/w...enry_David_Thoreau



    & Däh



    “Der rechte Platz, der einzige Platz, den der Staat Massachusetts heutzutage für seine freieren und weniger verzagten Geister vorgesehen hat, sind seine Gefängnisse.



    Hintergrund



    Thoreau wurde am 23. Juli 1846 ins Gefängnis gesteckt, um eine Zahlung zu erzwingen. Er sah dies als Ehre an.“

    So geht das ©️ Kurt Vonnegut

    • @Lowandorder:

      Sie sind ja lustig. Für Rechtspfleger sind Knäste sozusagen ihr täglich Brot und Wasser und deren Arbeitsplatz nicht in den Wäldern sondern bei den Gerichten, der zentralen Zimmerverwaltung für die Gefängnisse.

    • @Lowandorder:

      Stimmt Alles. Ich schließe mich an.



      Verhält sich ähnlich wie mit dem Kirchenasyl.

  • faustdick! FAUSTDICK hinter den Ohren

  • Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum das geschuldete Geld in so einem Fall von der Justizkasse nicht per Pfändung eingezogen wird. Der Mann ist doch nicht mittellos.

    • @Winnetaz:

      Doch, das ist er. Als Jesuit hat er kein pfändbares Vermögen, sämtliche Einkünfte gehen an den Orden. Dieser könnte zwar die Zahlung der Strafe übernehmen, aber das will Pater Alt verständlicherweise nicht.

    • @Winnetaz:

      Der Mann als Individuum vielleicht schon.

    • @Winnetaz:

      Die Zwangsvollstreckung ist üblicherweise der erste Schritt den Staatsanwaltschaften nach Ablauf der Zahlungsfrist bei Geldstafen einleiten.

      Das war anscheinend nicht von Erfolg gekrönt und dann greift die Ersatzfreiheitsstrafe. Aber selbst die ließe sich abwenden z.B. durch gemeinnützige Arbeit.

      Bei einer Totalverweigerung bleibt der Staatsanwaltschaft jedoch nur noch die Möglichkeit der Ersatzfreiheitsstrafe.