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Israel und der ESCKeine Lust mehr auf Kulturkampf

Jan Feddersen

Kommentar von

Jan Feddersen

Die Bulgarin Dara gewinnt mit einem überzeugenden Popsong. Doch dass Israel Platz zwei holte und Publikumsliebling war, ist die eigentliche Sensation.

Vom Publikum an die Spitze gewählt: der israelische Sänger Noam Bettan Foto: Reuters

D ass es in der frühen Sonntagnacht in der Wiener Stadthalle über alle international geschalteten Mikrofone zu deutlich hörbaren „Bulgaria, Bulgaria“-Rufen kam, ist nicht als antiisraelisch zu werten. Es ging nur noch darum, ob die aus Varna stammende Popchanteuse Dara den 70. Eurovision Song Contest gewinnt – oder der Israeli Noam Bettan. Dieser lag bis zur allerletzten Wertung auf dem ersten Platz: Würde sie, die erst in der Probenwoche von Wien anzeigte, wie hungrig sie mit ihrem Lied „Bangaranga“ auf einen der allerersten Plätze war, gar gewinnen?

Sie tat es – und bekam auch vom Televoting, der Publikumsabstimmung in den 35 Teilnahmeländern, die allermeisten Punkte: Erstmals seit 2017 gab es also eine ESC-Siegerin, die sowohl die Jurys als auch das Publikum am stärksten überzeugte.

Was das Live-Publikum in Wien allerdings auch zeigte: Man hatte die Nase voll von einem politisch-kulturellen Konflikt, der eben politisch auszutragen ist, nicht über einen Popwettbewerb mit 180 Millionen Zu­schaue­r:in­nen auf allen Kanälen, TV, Social Media, Livestreams. Die einen, wenige, buhten Israel noch während des Vortrags seines Liedes „Michelle“ aus, die anderen, weil sie nicht Objekte politischer Kampagnen sein wollten, überwiegend antijüdisch gesinnter Kampagnen. Bulgarien sollte es also werden, und so geschah’s, und das war auch in popästhetischer Hinsicht nur zu gerecht.

Israels TV-Verantwortliche des Senders KAN zeigten zu Recht sich erfreut über dieses Ergebnis: Noam Bettan hatte den zweiten Platz erreicht, bei den Jurys langte es nur zum achten, beim eurovisionären Publikum zu einem beachtlichen dritten Rang. Gewinnen habe man ohnehin nicht gewollt, der militärischen Lage wegen – aber ein zweiter Platz zeige an, dass die Boykottkampagnen wider die Künst­le­r:in­nen des Landes, ja selbst die Versuche, Noam Bettan zur Marionette jüdischer Weltüberwölbung zu stilisieren, scheiterten.

Mit dem sehr guten Ergebnis sind auch Ideen der Netanjahu-Regierung, sich aus der Eurovisionskette und damit aus diesem Popfestival zurückzuziehen, ins Aussichtslose gedrängt worden. KAN kann weiter unabhängiger, staatsdistanzierter Sender bleiben und muss nicht regierungshörig werden.

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Jan Feddersen
Redakteur für besondere Aufgaben
Einst: Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, Meinungs- und Inlandsredaktion, Wochenendmagazin taz mag, schließlich Kurator des taz lab und der taz Talks.. Interessen: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. RB Leipzig-Fan. Und er ist seit 2011 mit dem in Hamburg lebenden Historiker Rainer Nicolaysen in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft, seit 2018 mit ihm verheiratet. Lebensmotto: Da geht noch was!
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20 Kommentare

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  • Es ist deutlich geworden, dass sich die Mehrheit der Abstimmenden nicht von der Minderheit, die jegliche Zusammenarbeit mit Israel ablehnt, bestimmen lässt.



    Das ist o.k..



    Nicht o.k. ist Nethanjahus Vorgehen im Gazastreifen und dem Westjordanland.



    ABER genau dieser Konflikt bedarf einer politischen Lösung, keiner militärischen.



    Daher ist eine Zusammenarbeit mit der Opposition, Kunst- und Kulturschaffenden in Israel notwendig, um dafür zu sorgen, dass sich der politische Wind in Israel dreht.



    Abgesehen von diesem Thema, das in Wien erfolgreich unauffällig abgebügelt wurde, war der ESC vom künstlerischen her einer der schlechtesten, den ich je gesehen habe.



    Ein Musikcontest sollte gute Musik bieten.



    Das war offensichtlich zweitrangig.



    Die fire and ice Shows versprühten pure Langeweile.



    Da der deutsche Beitrag auch unter diese Kategorie fiel, war der Platz gerechtfertigt, allerdings hätte es noch diverse Andere auf der gleichen Position geben sollen.



    Gerade der letzte Platz, der österreichische Beitrag, hat mir eigentlich am Besten gefallen.



    Das ist ziemlich beruhigend, da ich als früher Punk-Hörer nie richtig Mainstream sein wollte.



    Gutes Gefühl weiterhin!

  • Der Autor schreibt, dass man den ESC und den israelischen Auftritt nicht politisieren und für politische Positionen vereinnahmen soll und macht es dann direkt, indem er schreibt, dass mit dem Ergebnis die pro palästinensischen Kampagnen mehr oder weniger abgestraft wurden.



    Und wenn man unter der Unabhängigkeit des öffentlich rechtlichen Rundfunks in Israel das versteht, was wir hier in Deutschland haben, wo Top Positionen in der Regel von SPD und CDU besetzt werden (Beispiel die ARD Programmdirektorin), dann ist zu dem Thema auch alles klar.

  • Ich fand den Siegersong mittelmäßig bis schlechter. Aber auch bei Musik ist’s wie mit dem Essen, alles Geschmacksache.



    Interessanter ist das Abschneiden des Israelischen Beitrags. Allen Unkenrufen zum Trotz ganz vorne dabei dank Zuschauervoting. Wer hätte das gedacht.

  • " KAN kann weiter unabhängiger, staatsdistanzierter Sender bleiben und muss nicht regierungshörig werden."

    Und das ist auch der Grund wieso Rußland ausgeschlosen wurde. Der russische Staatsender verbreitet Putin Propaganda. Und nicht die Künstler wurden vom Veranstalter der Europaen Broadcast Union ausgeschlossen sondern das russische Staats TV.

  • Die antiisraelische, um nicht zu sagen antisemitische Hetze kam immer nur von einer sehr lauten linksradikalen und islamophilen Minderheit.



    Die Völker Europas dagegen sehen das ganz anders. Der dritte Platz, letztes Jahr war es sogar der erste Platz, beim Publikumsvotum sprechen eine deutliche Sprache.

  • Sollten die Fans vernünftiger sein als viele Funktionär*innen? Das wär ja mal was, was hoffen läßt.

  • Wäre schön, wenn die Anti-Israel Propagandisten das zur Kenntnis nähmen und entsprechend weniger agro wären. Mehr Sachlichkeit als Hetze eben. Ist eh keine Mehrheit da. Nirgends. Gut so.

  • Anti-Netanyahu ist nicht Anti-Israel. Anti-Israel ist nicht antijüdisch. Binse eigentlich.



    Der Text hätte auch über den Lifestylemeinungskommentar herauswachsen können, wenn er die teure staatliche Kampagne für Israels Song zumindest erwähnt hätte.

  • Der Autor hätte bei aller Begeisterung für das Publikumsvoting ans letzte Jahr erinnern müssen: eine orchestrierte Kampagne der israelischen Regierung fürs Publikumsvoting in den Teilnehmerländern.



    Vor diesem Hintergrund müsste man fragen:



    War das dieses Jahr wieder so? War es nicht so? Ohne diese Information ist das Voting: Ausdruck von... ...tja, da setzte jetzt eigentlich journalistische Arbeit an.

  • Es war eine coole Veranstaltung und die Auswertung war sehr spannend.

    Ich hatte für Noam Bettan gestimmt und freue mich über das Ergebnis.

  • Entgegen der These im Kommentar scheint doch gerade das Gegenteil der Fall zu sein, nämlich dass der ESC zunehmend stärker politisiert wird und in einer Krise steckt. Das zeigt nicht nur der Boykott mehrerer Länder/Sendeanstalten, sondern auch der Umstand, dass die Netanjahu-Regierung den ESC als Mittel ihrer Politik (Softpower) benutzt, wie die NYT schreibt: www.nytimes.com/20...aza-netanyahu.html



    Ungeklärt ist zudem, wie es zu diesem Stimmenergenis für Israel in diesem und im letzten Jahr gekommen ist. Die Daten sind weiterhin nicht einsehbar. Die Annahme, dass sich darin einfach nur Volkes Stimme oder eine Begeisterung für israelische Popmusik ausdrückt (nicht nur in Deutschland, sondern auch in Irland und Spanien letztes Jahr), erscheint zumindest fraglich. Das Publikumsvoting generell ist völlig intransparent. Daraus irgendwelche Folgerungen zum Stand des Kulturkampfes ableiten zu wollen, scheint nicht geboten. Vielmehr sollte man da Vorsicht walten lassen, oder nicht?

  • das jan feddersen es immer noch nicht schafft, judentum und zionismus zu trennen, ist beachtlich.

  • Lieber Jan, das steht im Guardian zum Erfolg Israels beim ESC letztes Jahr: "Benjamin Netanyahu’s government has been determined to win, for reasons of soft power. According to a New York Times investigation ... the Israeli government has partially funded an ostentatious get-out-the-vote campaign for the past three years, costing at least $1m, which appeared to be urging people to vote for Israel to show their political support.



    That campaign included giant billboards in Times Square and direct messages to supporters. Though the US is not in the contest, Americans can still ... Netanyahu himself posted on Instagram, telling supporters in 2025 to vote 20 times for Israel – the maximum amount allowed per person. Israel came first in the 2025 public vote across Europe. ... Possibly thanks to its government’s campaign, Israel was suddenly propelled to the top of the leaderboard." (www.theguardian.co...wont-be-tuning-in)



    Alles Erfindung? Rechtsextreme Regierungsmacht und Kulturkampf von oben, wäre meine These (was echte Fans nicht ausschliesst)

  • An sich ist da gut.

    Schade nur, dass die palästinensische Zivilbevölkerung mal wieder damit in Verbindung gebracht wird. Benutzt von antisemitischen linken Europäern, an deren Wesen die Welt genesen soll, die aber letztlich mehr Schaden für die Palästinenser anrichten als alles andere.

  • Sensationell ist das eigentlich nicht, sondern eine Folge des Boykotts: denn durch den sind im Publikum nur diejenigen geblieben, die sich durch einen Völkermord nicht die Party verderben lassen. Was das über das Publikum aussagt, ist eine ganz andere Frage.

    • @O.F.:

      Ich halte die Österreicher für intelligent genug das sie unterscheiden können zwischen der Performance eines israelischen Künstlers und den Kriegsverbrechen der Nethanjahu Regierung.

      Wer hier nicht fein säuberlich differenzieren kann, trägt nichts zur Lösung des Problems bei, sondern liefert denjenigen einen Vorwand, die unter dem Deckmantel der israelischen Kriegsführung ihren Antisemitismus offen ausleben.

      Einfach einmal in der Statistik den Anstieg der antisemitischen Straftaten in Deutschland nachverfolgen. Der ist immens und nicht vom Himmel gefallen.

      Auch ein Ergebnis der Cancel Culture in Deutschland in Hinblick auf israelische Künstler, DJs oder Wissenschaftler. Das ist der Grundstein der dazu beiträgt das gesellschaftliche Klima in Deutschland zu vergiften. Es wird vorgelebt und von anderer Seite aufgegriffen und zudem noch falsch interpretiert.

      Das mündet dann in Steckbriefen für kritische Journalisten, Polizeischutz für jüdische Cafes oder Übergriffe auf Personen die im öffentlichen Raum Kippa oder Davidstern tragen.

      Kann mir kaum vorstellen, dass sie das begrüßen.

  • Auf welchem Platz landete der russische Beitrag?

  • Israel hat einfach gute Musik gemacht. Deutschland hat wieder versagt. Nüchtern betrachtet.

  • Ich finde den 2ten Platz ein gutes und wichtiges Zeichen.



    Herr Bax dagegen schäumt vermutlich vor Wut und Enttäuschung.

  • Mit dem Ergebnis Israels der letzten Jahre zeigt sich aber wieder einmal, dass es beim ESC eher weniger um die Qualität der Lieder geht. Die waren alle nicht schlecht, aber definitv das Ergebnis nicht wert, das sie bekommen haben ... Mir nimmt´s aber so langsam die Freude am gucken.