Die ESC-Siegerin: Mit großem Daraaa
Erstmals erkämpft sich mit der Künstlerin Dara und ihrem Song „Bangaranga“ Bulgarien den Sieg beim Eurovision Song Contest. Und zwar absolut verdient.
Noch minderjährig nahm sie 2015 an der Talentschow „The X Factor“ in ihrer Heimat Bulgarien teil, wurde Dritte – und war nicht zufrieden. Denn das Leben, ihr Leben sollte im Bühnengeschäft weitergehen. In den folgenden Jahren hatte sie in jedem Jahr mindestens einen Tophit und stand bis 2026 insgesamt 15 Mal an der Spitze der nationalen Charts: Dara, wie ihr Künstlername lautet, wurde schließlich vorsichtig gefragt, ob sie sich vorstellen könne, für Bulgarien beim Eurovision Song Contest anzutreten.
Das habe sie erst mal ihren frisch Angetrauten fragen müssen, sagte sie dann bei ebendiesem ESC in Wien, denn sie leide gelegentlich unter Panikattacken. Doch ihr Mann riet ihr zu – womöglich ahnend, dass es sich lohnen könnte, den Horizont der eigenen Heimat zu überschreiten. Mit ihrem Lied „Bangaranga“, das im jamaikanischen Patois „Selbstentgrenzung“ bedeuten soll und damit die Fähigkeit meinen könnte, sich gerade als Frau keine vorgefertigten Lebensstilmodule aufdrücken zu lassen, galt sie nicht als Favoritin. Die Eurovisionscrowd in den Wettzirkeln erkannte erst spät, dass da eine die Krone will.
Eine allzu simple Behauptung, die auch im Internet kursiert, besagt, dass sie von den Fachjurys der 34 konkurrierenden Acts sowie vom Publikum nur gewählt worden sei, um Israels Noam Bettan als Sieger zu verhindern. Das ist, wenn man die vierstündige Show aus der Wiener Stadthalle in all ihrer Dramatik bis zur fünftletzten Minute gesehen und gehört hat, Unfug.
Vielmehr bestach sie in den Festtagen der Eurovision an der Donau durch das Wichtigste, das alle ESC-Siegenden seit jeher eint: einen unbedingten Hunger nach Erfolg, mit dieser gewissen Unruhe, auf der Bühne wirklich alles auszupacken, was an Energie gerade parat ist – und davon sogar noch ein bisschen mehr.
Auf eine Pizza nach Bulgarien
Dara, die Popsängerin aus Varna am Schwarzen Meer, 27 Jahre alt, hatte, auch dies ein überaus sympathischer Aspekt, den sie während der Probentage in Wien auch nicht verheimlichte, immensen Spaß. Schwebte mehr über den türkisen Teppich, als dass sie stöckelte, wirkte nicht unnötig nervös, sondern, als wisse sie um die Chance ihres Lebens, kraftvoll, lustig, gelöst.
Als bei der allerletzten Zuteilung von Televotingpunkten ihr Sieg klar wurde und Israels Noam Bettan umgehend applaudierte, fiel Dara beinah in prachtvolle Ohnmacht, wobei sie allen Umstehenden heftig umarmte: „Can’t believe it“. Und: „Incredible.“
Als sie die Showtreppe erreichte, blickte sie eine Sekunde staunend in die Halle und rief nur: „Oh, my God“ und teilte bewunderungswürdig sympathisch ihre Freude mit ihren vier Leuten aus ihrer Dance-Gruppe.
Später gestand sie, Hunger zu haben, aber ihr Mann besorge gerade ein Stück Pizza – und bekannte, so sympathisch wie offenbar ernsthaft empfunden: „Ich kann nicht begreifen, was hier gerade passiert.“
Ihr „Bangaranga“ ist der würdigste Titel, der beim 70. ESC hat gewinnen können – selten so viel wärmste Mitfreude. Ihr Lied wird Discos fluten, Musik, die nicht nervt. Im Gegenteil: In Osteuropa lebt mehr popmusikalischer Aufbruch als anderswo.
Bulgariens TV-Generaldirektorin des Senders BNT, Milena Milotinova, erklärte: „Welcome to Sofia next year.“ Nicht nur die ESC-Community freut sich drauf.
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