piwik no script img

Grüne und FriedenspolitikIn Verkennung der Realität

Gastkommentar von

Winfried Nachtwei

Der Mediziner Tom Bschor ist wegen der Aufrüstungspolitik der Grünen aus der Partei ausgetreten. Sein Ex-Parteikollege Winfried Nachtwei bedauert den Austritt, widerspricht ihm aber.

Oleg, ein ukrainischer Soldat in einem zerstörten Krankenhaus in Kostiantynivka, Ukraine am 28. Dezember 2025 Foto: Diego Herrera Carcedo/imago

A ls Gründungsmitglied der Grünen und friedenspolitisch Engagierter bedauere ich den Parteiaustritt von Tom Bschor, sein Abschiedsbrief bestürzt mich. Der Autor verurteilt den russischen Angriffskrieg, verkennt aber den besonderen „Charakter“ dieses Krieges. Dieser soll die Eigenstaatlichkeit der Ukraine vernichten, die Vollinvasion geht einher mit nuklearen Drohungen gegen „zu viel“ militärischen Beistand für die Ukraine sowie hybriden Angriffen, ja einer regelrechten Informationskriegsführung gegen das demokratische Europa, auch Deutschland.

Als Veto-Macht blockiert Russland den UN-Sicherheitsrat in seiner Primäraufgabe der Wahrung von internationaler Sicherheit und Weltfrieden. Dem terrorisierten Land konsequent zivile und militärische Überlebenshilfe zu leisten und zugleich eine eigene Verteidigungsfähigkeit für eine wirksame Friedenssicherung a u c h durch glaubwürdige Abschreckung wiederherzustellen, ist ein Gebot gemeinsamer europäischer Sicherheit und demokratischer Wehrhaftigkeit. Hier Grünen, Union, Teilen der SPD eine „auf militärische Eskalation setzende Ukraine-Politik“ und eine „einseitige Militarisierung“ vorzuwerfen, verdreht die Rollen von Angreifern und Unterstützern der Überfallenen.

Bild: privat
Winfried Nachtwei

ist Experte für Friedens- und Sicherheitspolitik. Er saß von 1994 bis 2009 für die Grünen im Bundestag, unter anderem als sicherheitspolitischer Sprecher.

Überraschend war für viele der russische Großangriff 2022 – ebenso, wie viel an Unterstützung die Nato- und EU-Länder zustande brachten, die ein halbes Jahr vorher noch in Afghanistan gescheitert waren. Im Nebel eines solchen Krieges, wo es für die Ukraine nach Jahrzehnten der sowjetischen und nazistischen Terrorisierung um nationales Überleben geht, eine „strategische Erfolgsabschätzung“ von außen einzufordern, missachtet die Entscheidung derer, die um ihr nacktes Überleben kämpfen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Unterschiedliche Formulierungen des Ziels der Ukraine-Aufrüstung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das völkerrechtliche Kernziel die Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit des Landes war und realpolitisch auf jeden Fall eine überlebensfähige Ukraine in sicheren Grenzen.

„Eine gleichermaßen energische diplomatische Strategie“ einzufordern, verkennt, was es an diplomatischen Bemühungen gegeben hat. China, das am ehesten die russische Politik beeinflussen könnte, umgeht die Sanktionen gegen Russland, bezieht drei Viertel seines Öls aus Russland und liefert wichtige Dual-Use-Güter, darunter Drohnen-Bestandteile, nach Russland. Es ist eine Grundpflicht deutscher Diplomatie, nach Möglichkeiten von Dialog und Verständigung zu suchen.

Diplomatie ist kein Alleskönner und kann bei Gewaltakteuren an Grenzen stoßen

Aber Diplomatie ist kein Alleskönner und kann bei bestimmten Gewaltakteuren an Grenzen stoßen. Unbestreitbar gehört Wettrüsten zwischen waffenstarrenden Nationen zu den zentralen Kriegsursachen. Deshalb sind bei der notwendigen Wiederherstellung von Verteidigungsfähigkeit Möglichkeiten der Rüstungskontrolle immer mitzudenken, um ein ungebremstes Wettrüsten zu vermeiden.

Die Behauptung des Autors, nicht die „gescheiterte Chamberlain’sche Appeasement-Politik präge die Geschichte“, trifft angesichts der Bedrohungslage in Europa daneben. Die Appeasement-Politik der 1930er Jahre ist das historische Lehrbeispiel dafür, wie der wahre Charakter eines aggressiven Regimes verkannt und die eigene Verteidigungsfähigkeit vernachlässigt wurden. Mit dem Ergebnis, dass Nazi-Deutschland die europäischen Nachbarn der Reihe nach überfallen, besetzen und im Osten mit Vernichtung überziehen konnte.

Friedenspolitisches Wunschdenken wirkte als Einladung für Aggressoren und trug mit dazu bei, dass der 2. Weltkrieg entbrennen konnte. Im kollektiven Gedächtnis unserer Nachbarn vor allem im Nord-/Osten wird deshalb die Maxime „Nie wieder Krieg“ weiter buchstabiert: „Nie wieder wehrlos, nie mehr allein!“ Es zeugt von irritierender Geschichtsvergessenheit, diese historische Erfahrung zu ignorieren.

Vorwurf des Pazifismus-Verrats

Tom Bschor wirft seiner ehemaligen Partei einen „letztlich autoritären Mangel an Debattenkultur“ und fehlendes „kritisches Bewusstsein für die Rolle der Rüstungslobby“ vor. Offenbar hat er sich nicht kundig gemacht, was es in der Bundestagsfraktion und der Partei dazu an Debatten und Initiativen gegeben hat. Er fragt, warum „die Bundeswehr mit bis 2022 bereits 50 Milliarden Euro pro Jahr keine Sicherheit gewährleisten“ konnte. Der erste Grund war, dass die Bundeswehr auf Kriseneinsätze mit leichterer Ausrüstung ausgerichtet war, was mit der Abrüstung wesentlicher Fähigkeiten der Landes- und Bündnisverteidigung einherging.

Zum Schluss noch der Vorwurf, die in den 1980er Jahren mit der Friedensbewegung groß gewordenen Grünen würden ihre pazifistischen Wurzeln verleugnen. Als Aktivist der damaligen Friedensbewegung erinnere ich mich deutlich, dass diese und die Grünen primär atompazifistisch, überwiegend antimilitärisch waren.

Der Vorwurf des Pazifismus-Verrats ignoriert, dass wir in den 1990er Jahren mit den Balkankriegen konfrontiert waren: Was tun, wenn Zivilbevölkerung in „Schutzzonen“ umzingelt, beschossen, massakriert wird?

Wir wurden darauf gestoßen, dass in politischer Verantwortung zum Grundwert Gewaltfreiheit auch der Schutz vor Massengewalt gehört. Diese Erfahrungen wurden in einem breiten Programmprozess aufgearbeitet. Seitdem verfolgen die Grünen eine Außenpolitik nach den Normen der UN-Charta und der Responsibility to Protect. Sie wurden im Bundestag zu Treibern des neuen Politikfeldes zivile Krisenprävention.

Keine andere Partei in Deutschland hat sich ein solches intensives friedens- und sicherheitspolitisches Erfahrungslernen erlaubt, erst recht nicht Linke und BSW. Im kältesten Winter seit Jahren zerstören russische Drohnen- und Raketenangriffe systematisch die Versorgung von Millionen Menschen mit Strom, Heizung, fließend Wasser, Internet. Gruppierungen, die sich als Friedensbewegung verstehen, schweigen notorisch dazu. Auch der prominente Facharzt schweigt dazu. Gerade in diesen Tagen wären Zeichen und Taten der Solidarität mit den terrorisierten Nachbarn in der Ukraine angebracht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Hr Nachtwei macht es sich zu einfach.

    Er geht letztlich kaum auf die fundierte und selbstreflexive Kritik seines enttäuschten Parteikollegen ein.



    Dazu müsste man dessen Argumente würdigen und sich ernsthaft damit auseinandersetzen.

    In der Partei der kompromisslosen Pazifistin Petra Kelly werden solche Fragen heute leider nicht mehr diskutiert geschweige denn beantwortet.



    Stattdessen werde Pazifisten als Zyniker oder gleich als „Putin“-Freunde geframed und vertrieben.

    Das mit Blut und Leid geschriebene Fazit „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ galt und gilt wortwörtlich und ohne jegliche Relativierung.

    Es zeugt von irritierender Geschichtsvergessenheit, diese historische Erfahrung zu ignorieren.

  • Wer meint, irgendein Krieg könne einen „besonderen „Charakter““ haben, hat den Charakter von Krieg nicht verstanden.



    Da haben die Grünen auch in meinen Augen einen Rückschritt gemacht.

  • Ein Satz zum vollkommen gescheterten Einsatz der Nato in Afghanistan. Ein Krieg den die USA wollten, die das Angebot der Taliban ignorierten, Al-Kaida-Chef Osama bin Laden vor ein internationales Gericht zu stellen!



    Kritische Aufarbeitung des Einsatzes in Afghanistan Fehlanzeige!

    Zur Friedenspolitik im Ukrainekrieg würde gehören, Tatsachen innerhalb der Grünen und anderer Parteien kritisch zu diskutieren.







    Die Sanktionen gegen Russland sind gescheitert, die NOTWENDIGE Unterstützung der Ukraine kostet die EU Unsummen. Jetzt erhält die Ukraine einem Riesenmiiliardenkredit von der EU, um Krieg und Haushalt für zwei Jahre zu finanzieren.



    Glaubt irgendwer, die Ukraine wird diesen Kredit jemals zurückzahlen können?



    Realpolitk in Punkto Frieden wäre, den Krieg zu stoppen, eben auch mit starken Zugeständnissen an Russland, welches aufgrund seiner Größe nicht totzurüsten und totzusanktionieren ist.

    Denn auch in Afghanistan hieß es: Augen zu und durch! Doch zu welchem Preis!



    Sollen noch Hundertausende von Ukrainern und Russen sterben, wenn nicht einmal im Ansatz genug Geld vorhanden ist, um die zerstörte Ukraine wieder aufzubauen und gegen Russland abzusichern?

  • Es gibt bei den Grünen, z.B. seitens der verteidigungspolitischen (und nicht wehrpflichtigen) Sprecherin, tatsächlich einen unerträglichen Militarismus. Dennoch stimme ich dem Autor in seiner Analyse weitestgehend zu, auch wenn sich in mir emotional alles dagegen sträubt.



    Es gibt allerdings zwei Formulierungen, die für mich wie rote Flaggen aufleuchten:

    „…die Entscheidung derer, die um ihr nacktes Überleben kämpfen.“ Genau diese werden nicht gefragt. Es entscheiden diejenigen, deren Position von dem Fortbestehen des ukrainischen Staats in seiner jetzigen Form abhängen. Um ihr nacktes Überleben kämpfen Soldaten, die ausgesandt werden, um andere Soldaten zu töten und zu sterben. Ob es unter dieses primärbetroffenen einen Konsenz gibt, wage ich zu bezweifeln. Einem Toten Soldaten nutzt eine verlorene Provinz weniger wenig, was sich auch darin zeigt, dass sich immer weniger Nachschub für den Fleischwolf finden lässt.

    „Was tun, wenn Zivilbevölkerung in „Schutzzonen“ umzingelt, beschossen, massakriert wird?“ Die Antwort auf diese Frage war und ist immer selektiv. Die Aussage kann auf Gaza und Kosovo anwenden.



    Kosovo: 100.000 Tote, Waffenlieferungen

  • Danke für diesen sehr guten Kommentar! Über die Worte von Tom Bschor war ich fassungslos.

  • Jep - Pazifist ist Diktators Liebling

    • @Fabian Lenné:

      Und soll jetzt das inhaltliche Niveau eines TAZ-Forums sein?